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Industrie 4.0 – Schritt halten mit der Zukunft

Hannover Messe Die Gründernation Schweden sucht Partner in der Old Economy

Schweden ist mit Firmen wie Spotify oder Klarna die Start-up-Fabrik Europas. Die Kleinunternehmer suchen auf der Hannover Messe nach Verbündeten.
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Der Streaming-Dienst ist eines der bekanntesten Start-ups aus Schweden Quelle: Bloomberg
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Der Streaming-Dienst ist eines der bekanntesten Start-ups aus Schweden

(Foto: Bloomberg)

Virserum, Stockholm Die Heimat des schwedischen Maschinenbauers Modig ist eine riesige graue Halle, die unauffällig zwischen Nadelwäldern und Seen an einer ruhigen Landstraße im westschwedischen Virserum liegt. Die naturbelassene Gegend könnte kaum typischer sein für den Eigentümer der Firma, David Modig: ein Hüne mit Glatze und rotem Rauschebart, der vermutlich genauso gut in der Gegend als Holzfäller arbeiten könnte.

Doch Modig hat keine Axt dabei und rückt keinen Bäumen zu Leibe, sondern baut mit seinen gut 80 Mitarbeitern Hightech-Maschinen: riesige Werkzeuge, die Aluminiumblöcke in Rekordzeit in Berge aus kleinen Schnipseln zerlegen können.

Zu seinen Kunden zählt der Familienunternehmer vor allem die Flugzeugindustrie, darunter Schwergewichte wie Bombardier, Boeing oder Airbus. Auch Tesla hat schon angeklopft, um sich Modigs Maschinen einmal für den Bau von Fahrzeugteilen anzusehen.

Gerne würde der 38-Jährige die Liste der Interessenten um die deutsche Autoindustrie erweitern. Doch er zuckt nur mit den Schultern. „Wir sind zu unbekannt“, sagt er resigniert – und spricht damit wohl den vielen kleinen Unternehmen des Landes aus der Seele.

Der schwedische Auftritt als Partnerland bei der Hannover Messe in diesem Jahr soll den vielen Hidden Champions des Landes zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Denn die starken Großkonzerne wie Ikea, Ericsson und H&M verdecken oft, dass Kleinunternehmer die industrielle Basis Schwedens bilden: Mit rund 1,2 Millionen Firmen im Land hat im Schnitt jeder achte Einwohner ein eigenes Unternehmen, zwei Drittel der Beschäftigten arbeiten in Firmen mit weniger als 250 Angestellten.

Für deutsche Firmen sind die zunächst selbst einmal ein attraktiver Markt: Industriekonzerne wie Siemens, der Sensorhersteller Sick oder Bosch betreiben in dem dünn besiedelten Land zum Teil eigene Forschungszentren oder Fertigungen – und profitieren so von der hohen Nachfrage vieler schwedischer Unternehmen, die wie auch viele ihrer deutschen Konkurrenten unter dem demografischen Wandel leiden.

„Wegen der hohen Fertigungskosten sind bei schwedischen Produzenten hochqualitative Produkte und Lösungen gefragt, die der deutsche Maschinenbau bieten kann“, bestätigt Ulrich Ackermann, Leiter der Außenwirtschaft beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA). Im vergangenen Jahr haben die Maschinenexporte so um 3,5 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro zugelegt.

Den Exporteuren kommt dabei entgegen, dass die Schweden als überaus innovationsfreudig gelten. Nicht nur investieren sie mit 3,3 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts so viel in Forschung und Entwicklung wie kein anderes Land in Europa. In den meisten Digitalisierungsrankings belegt das Königreich die vorderen Ränge – ob beim bargeldlosen Bezahlen, der Internetgeschwindigkeit oder beim Einsatz Künstlicher Intelligenz.

„Die Schweden stehen technischem Fortschritt sehr positiv gegenüber“, bestätigt Jochen Schäfer, Chefvolkswirt des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). Das erleichtere grundsätzlich auch den Einsatz von KI und Robotern in der Industrie. „Schweden, Dänemark und die Niederlande sind die drei Länder, in denen europaweit die Menschen am wenigsten Angst davor haben, dass ihnen ein Roboter den Arbeitsplatz wegnimmt“, so Schäfer.

Ein Paradies für Gründer

Auch Ellinor Eineren profitiert von der Technologieoffenheit der schwedischen Unternehmen. Denn die britisch-schwedische Gründerin hofft, den Alltag vieler Milchbauern zumindest ein bisschen zu erleichtern. Deshalb hat sie vor neun Jahren das Start-up Agricam gegründet, das Kameras baut, mit denen sich entzündete Euter bei Milchkühen vorzeitig erkennen und verhindern lassen. Das klingt nach einem Spezialproblem – kann die Bauern aber bis zu 50 Prozent des Ertrags einer Kuh kosten, wenn sie erkrankt.

Die Blondine mit der Hornbrille ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn technologische Begeisterung auf schwedischen Gründergeist trifft: Während ihres Studiums des Wirtschaftsingenieurwesens im schwedischen Linköping knüpfte sie Kontakt zu der örtlichen Start-up-Szene. 2010 machte sie sich mit Agricam selbstständig und zog mit dem Unternehmen in den Science-Park Mjärvedi nahe ihrer Universität.

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Die Einrichtung ist eine von 30 ihrer Art, in denen die Regierung sowohl Kredite als auch Infrastruktur und Technologie bereitstellt, um das Unternehmertum der Bürger zu fördern. Ein anderes Instrument ist das Recht eines jeden Arbeitnehmers, sich für sechs Monate beim Arbeitgeber abzumelden, um ein eigenes Unternehmen zu gründen – sofern das Geschäft des Arbeitgebers dadurch nicht bedroht ist und das Start-up nicht in Konkurrenz zum Altunternehmen steht.

Der Erfolg gibt den Schweden dabei recht: In kaum einem anderen EU-Land gibt es so viele erfolgreiche Start-up-Gründungen wie in Schweden. Auf 10.000 Beschäftigte kommen hier rund 20 neu gegründete Unternehmen, in den USA sind es nur fünf. Und auch bei der Anzahl von Milliardengründungen pro Einwohner kann die Hauptstadt Stockholm mit fast allen Großstädten der Welt mithalten – und wird nur vom Silicon Valley übertroffen.

Zu den größten Erfolgsgeschichten zählen dabei der Musikstreaming-Dienst Spotify, der Zahlungsdienstleister Klarna oder der Kommunikationsdienst Skype, der inzwischen unter dem Dach des US-Konzerns Microsoft firmiert. Doch auch die zahlreichen noch unbekannten Start-ups sind für Schweden längst zum Wirtschaftsfaktor geworden: Die 5.000 Start-ups in den Science-Parks beschäftigen zusammen rund 70 000 Mitarbeiter.

Dass sich Eineren trotz ihrer hervorragenden Abschlüsse für die vergleichsweise unsichere Karriere in einem Start-up entschied, führt die Schwedin direkt auf den Science-Park zurück: „Hätte es den Inkubator nicht gegeben, hätte ich wohl nicht gegründet.“

Nun betreibt sie vorausschauende Wartung für die Milchindustrie – und beschäftigt selbst einige Tierärzte und Software-Entwickler, die sie zum Teil von ihrer nahe gelegenen Alma Mater rekrutiert hat.

Im vergangenen Jahr schrieb Agricam mit 30 Kunden im Heimatmarkt erstmals schwarze Zahlen. Doch als wichtigste Abnehmerregion in der Zukunft hat Gründerin Eineren die Milchbauern in der Bundesrepublik identifiziert. „Nirgendwo in der EU wird mehr Milch produziert als in Deutschland“, so die junge Managerin. „Deshalb hoffen wir, dort schon bald Fuß fassen zu können.“

Neue Firmen, neue Kunden

Ein schwedisches Start-up, dem der Sprung in die Einhorn-Liga besonders schnell gelungen ist, ist der 2016 gegründete Batteriezellenhersteller Northvolt. Dessen CEO Peter Carlsson ist ein blonder Zwei-Meter-Mann, der als Einkaufschef für Tesla einst die komplexe Rohstofflieferkette des E-Auto-Pioniers aufgebaut hat.

Nun treibt Carlsson sein eigenes Unternehmen voran – und will mit Partnern aus der Industrie die größte Batteriezellenfabrik Europas in Schweden errichten.

„Bis 2025 wächst der jährliche Bedarf an Batteriekapazitäten in Europa auf 200 Gigawattstunden“, ist der 48-Jährige überzeugt. Überzeugt hat Carlsson offenbar auch seine Geldgeber. Erst vor wenigen Wochen konnte Northvolt in einer Finanzierungsrunde gut 1,6 Milliarden Euro einsammeln, um damit den Bau der in Nordschweden geplanten Gigafactory zu starten. Die Produktionskapazität der Fabrik soll bei 32 Gigawattstunden pro Jahr liegen – das entspricht dem Bedarf von mehreren Hunderttausend Elektroautos.

Auch deutsche Investoren haben sich an dem Projekt beteiligt: Siemens liefert die Steuerungstechnik, ABB die Industrieroboter, BMW hilft mit Know-how. „Wir freuen uns, Northvolt beim Aufbau einer Batterieproduktion der Zukunft zu unterstützen“, schwärmt der Siemens-Vorstand für digitale Produktionslinien, Jan Michael Mrosik. Der Konzern aus München hat das Projekt zudem mit einem Investment von zehn Millionen Euro unterstützt – ebenso wie der Siemens-Konkurrent ABB und der Lkw-Hersteller Scania.

Vor allem Siemens und ABB hoffen, mit Northvolt in Zukunft einen zusätzlichen Kunden für ihre Industrietechnik-Sparten zu gewinnen. Denn die erste Gigafactory ist nur der Anfang. „Grundsätzlich könnte ich mir ab 2024 auch den Aufbau einer solchen Fabrik in Deutschland vorstellen“, verrät der Gründer. Dafür braucht er Industrie-4.0-Technologien, die ihm Siemens und ABB liefern können.

Im Austausch hofft Carlsson auf Abnehmer in der deutschen Autoindustrie. Seine Chancen stehen gut: Erst in dieser Woche hat VW den Start des Konsortiums „European Battery Union“ ins Leben gerufen, an der sich neben dem Autobauer auch noch Unternehmen aus sieben EU-Staaten beteiligen. Die Co-Führung des Gremiums, das vor allem die Forschung vorantreiben will, übertrug VW dabei Northvolt: dem noch kleinen Batteriepionier aus Schweden.

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