Industrie 4.0 Daten-Designer, dringend gesucht

Die zunehmende Vernetzung verändert die Industrie grundlegend. Sie schafft aber auch ganz neue Berufsbilder. Unternehmen sind nun dringend auf der Suche nach Daten-Designern und Plattform-Experten.
Die zunehmende Vernetzung der Industrie schafft neue Berufsfelder. Quelle: dpa
Besucher der Hannover Messe

Die zunehmende Vernetzung der Industrie schafft neue Berufsfelder.

(Foto: dpa)

HannoverTechnologisch steht die Industrie 4.0, also die vollständige Vernetzung von Entwicklung bis zur Produktion, vor dem Durchbruch. Doch der Weg zum flächendeckenden Einsatz ist lang. „Die Konzerne kratzen noch an der Oberfläche“, sagt Alexander Vocelka von der Beratungsfirma Horvath Partners dem Handelsblatt. Big Data sei erst bei etwa fünf Prozent der Unternehmen wirklich Teil des operativen Geschäftsmodells. Es gehe nicht nur darum, möglichst viele Daten zu sammeln. Diese müssten integriert, analysiert, visualisiert und für Projektionen genutzt werden. „Wir müssen den Rohstoff Daten als vierten Produktionsfaktor verstehen, neben Kapital, natürlichen Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft.“

Für die Auswertung und Nutzung der Daten werden auch andere Qualifikationen benötigt. In einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom zur Hannover Messe gaben 94 Prozent der Unternehmen an, dass die Arbeit in der vernetzten Fabrik verstärkt interdisziplinäre Kompetenzen verlangt. Dabei entstehen ganz neue Berufsbilder. „Machine-to-Machine Software-Entwickler, Data Scientists, IT-Sicherheitsexperten, Human-Machine Interaction Designer oder Plattform- und Ökosystem-Experten werden künftig in jeder Fabrik gefragt sein“, drückt es Bitkom-Präsidiumsmitglied Frank Riemensperger aus.

Noch fehle vielerorts die Expertise, um aus Daten nutzbare Information zu extrahieren, sagt auch Berater Vocelka. Die Steuerung von Unternehmen werde in den nächsten Jahren stärker mathematisiert. Im Top Management werde es daher künftig mehr Mathematiker und Physiker geben. Gefragt sei das neue Berufsbild eines Datenwissenschaftlers. Eine kritische Masse an Experten für Big Data und Algorithmen gebe es heute erst in einer Handvoll Unternehmen weltweit.

Das Berufsbild des Daten-Analytikers gibt es schon lange, gefragt sind sie zum Beispiel bei Banken und Versicherungen. Künftig sind nach Einschätzung von Experten aber noch mehr interdisziplinäre Fähigkeiten gefordert – und Fantasie, was man mit den gewonnenen Daten überhaupt anfangen kann. Inzwischen gibt es viele Initiativen. So hat zum Beispiel der Software-Hersteller SAS eine „Academy for Data Science“ gestartet.

Die größten Trends in Hannover
Festo – Wo die Natur Antworten liefert
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Jedes Jahr stellt Festo auf der Hannover Messe ein neues Bionik-Konzept vor. Auf dem Messestand des Industrieautomatisierers aus Esslingen werden Ameisen zu sehen sein – kybernetische natürlich. Die BionicANTs – „ANT“ (das englische Wort für Ameise) steht dabei sowohl für das natürliche Vorbild als auch für „Autonomous Networking Technologies“ – imitieren das Staatenverhalten der Ameisen. Erstmals wird damit das kooperative Verhalten von Tieren mittels komplexer Regelalgorithmen in die Welt der Technik übertragen.

TU Wien – Alu in Pulverform
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Bei Stahl und Titan ist das Sintern als Produktionsverfahren bekannt und erprobt. Forscher der TU Wien wollen das Spritzgussverfahren jetzt auch auf Aluminium-Legierungen übertragen.

Wer heute ein kompliziertes Metallteil herstellen will, greift meist auf das Sintern genannte Metallpulver-Spritzgussverfahren zurück, bei dem Metallpulver mit Kunststoff versetzt, in Form gepresst und bei hohen Temperaturen zu einem soliden Metallwerkstück zusammengebacken wird. Bislang funktionierte diese Technik jedoch nicht mit Aluminium.

Das neue pulvermetallurgische Verfahren soll es erlauben, komplizierte Formen herzustellen, die auf andere Weise gar nicht oder nur mit großem Aufwand realisierbar wären. Da das pulverförmige Ausgangsmaterial relativ preiswert ist, können bei überschaubaren Kosten auch relativ große Bauteile produziert werden, sodass in der Massenproduktion im Vergleich zur konventionellen Fertigung Material- und Gewichtseinsparungen von mehr als 50 Prozent möglich sind.

Weippert – Das Gewicht herunterschrauben
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In nahezu jeder Maschine stecken unzählige Schrauben in den unterschiedlichsten Größen – sie halten die Produktionsanlagen quasi zusammen. Hier Gewicht zu sparen, kann sich positiv auf die gesamte Maschine auswirken. Die Firma Weippert stellt auf der Hannover Messe neue WT-Kunststoffschrauben vor, die – bei Beachtung der technischen Anforderungen – im Vergleich zu Alu- und Edelstahlschrauben bis zu 70 Prozent leichter sein sollen.

Die Ingenieure von Weippert stellen einen ganz einfachen Vergleich an: Während ihre WT-Kunststoffschraube M6x40 aus PA6 GF30 lediglich 1,6 Gramm wiegt und aus PA6 GF50 gerade einmal 1,8 Gramm, bringt die gleiche Metallschraube aus A2 satte 9,3 Gramm auf die Waage. Dass Kunststoffschrauben nicht die gleiche Festigkeit wie Stahlschrauben aufweisen, sei dabei nicht immer ein Problem. Denn mit einer individuellen Konstruktionsanpassung unter Berücksichtigung der mechanischen Eigenschaften könnten meist auch Kunststoffschrauben statt Stahlschrauben verwendet werden, so Weippert.

Selbst wenn die Kunststoffschraube eine Nummer größer dimensioniert wird als die Stahlschraube, wenn also beispielsweise statt einer M4 eine M6 zum Einsatz kommt, ist die Gewichtseinsparung immer noch deutlich.

Sonotec – Vorbeugen statt heilen
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Eines der großen Themen der Industrie 4.0 ist die Predictive Maintenance, also die vorbeugende Instandhaltung. Der Ultraschallspezialist Sonotec stellt mit dem Sonaphone auf der Hannover Messe ein neues Gerät vor, dass die Wartung einfacher machen soll.

Die möglichst genaue Vorhersage eines optimalen Wartungszeitpunktes gewinnt in der Wertschöpfungskette zunehmend an Bedeutung. Die mobilen Ultraschallmessgeräte, die zur Grundausstattung vieler Instandhalter gehören, tragen damit maßgeblich zu einer erhöhten Anlagensicherheit und -verfügbarkeit bei. Auf der Sonderausstellung Predictive Maintenance 4.0 will Sonotec zeigen, wie Unternehmen Energie einsparen und die Effizienz der gesamten Produktion mit Ultraschallmessgeräten verbessern können.

Bionic Robotics – Arm mit Charme
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Bionic Robotics präsentiert auf der Hannover Messe einen Leichtbauroboter, dessen Bewegungsablauf und Größe sich an einem außerordentlich erfolgreichen Vorbild orientiert – dem menschlichen Arm. Die Bionic Robotics GmbH, 2010 als Spin-Off der TU Darmstadt gegründet, setzt als innovationsgetriebenes Unternehmen vor allem auf die Entwicklung und Produktion von extrem leichten Roboterarmen. Vergleichbar elastisch und mit seinen vier bis fünf Gelenken besonders flexibel im Aufbau, sorgen die in die Basis des BioRob verlegten Antriebe zudem für eine geringe bewegte Masse im Roboterarm. Damit ist der BioRob prädestiniert für den Einsatz in der industriellen Automation, wo er Transport-, Pick & Place-, Palettier- oder wechselnde Handhabungsaufgaben mit kleinen und mittleren Losgrößen übernehmen kann.

Laut dem Unternehmen ist BioRob der einzige kollaborative Roboter – er darf also ohne Schutzkäfig direkt mit Menschen zusammenarbeiten –, der ohne aufwändige Sensortechnologie und Steuerungstechnik auskommt. Selbst bei hohen Bewegungsgeschwindigkeiten würden die Kräfte im Falle eines ungewollten Kontaktes mit menschlichen Arbeitskollegen bauartbedingt so weit reduziert, dass keinerlei Verletzungsgefahr besteht – die besonders leichte und nachgiebige Struktur des BioRob macht es möglich.

Fluid Dynamix – Der unbewegte Beweger
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Das Berliner Start-up FDX Fluid Dynamix feiert auf der Hannover Messe die Premiere seiner einzigartigen OcsiJet-Düse, mit der es dank eines fluidischen Oszillators erstmals möglich ist, einen bewegten Strahl ganz ohne bewegliche Teile zu erzeugen.

Um für eine gute Durchmischung von Gasen und Flüssigkeiten zu sorgen, kommen die dafür verwendeten Komponenten so gut wie nie ohne bewegliche Bauteile aus, woraus beinah schon zwangsläufig eine gewisse Reparaturanfälligkeit und ein erhöhter Wartungsbedarf resultieren. Die neue Düse von FDX erzeugt den schwingenden Fluidstrahl jedoch ohne bewegliche Teile. Mit einem schnell, effizient und genau anpassbaren Frequenzspektrum, welches von wenigen Schwingungen pro Sekunde bis fast in den Ultraschallbereich reicht, liefert die OsciJet-Düse für beinah jeden Prozess den notwendigen Frequenzbereich – ob Kraftstoff-Luft-Mischungen in Motoren oder der Wasserstrahl in Geschirrspülmaschinen.

MediGlove – Heilende Handschuhe
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Auf dem Stand der Hochschule Anhalt zeigen die Designer Thomas Kores und Philipp Rösler aus Dessau erstmalig einen vollen interaktiven Prototyp eines medizinischen Diagnostik-Handschuhs, der die Funktionen von Stethoskop, Thermometer und Pulsmesser vereint.

Mit MediGlove sollen nicht nur die Untersuchungen intuitiver „von der Hand gehen“, sondern über natürliche Gesten auch hochauflösende Messwerte ermittelt und automatisch in eine digitale Krankenakte eingepflegt werden können, um sie so längerfristig und ganzheitlich nachvollziehbar zu machen. Der als Design-Projekt der Hochschule Anhalt konzipierte MediGlove ist bereits mit zwei Sonderpreisen ausgezeichnet worden.

Horvath bietet Unternehmen in einem sogenannten „Steering Lab“ an, deren Daten zu analysieren und mit externen Daten anzureichern. Mit Hilfe von komplexen Modellen und speziell entwickelten Algorithmen optimierte das Labor so zum Beispiel die Logistik eines Industrieunternehmens. Dabei lernen die Algorithmen selbstständig dazu. So können zum Beispiel Maschinenbauer ihren Auftragseingang vorhersagen und entsprechend die Produktion optimal planen.

In Sachen Big Data sieht Vocelka noch einen Vorsprung von zwei bis drei Jahren in den USA. Dort sei dank Google das Berufsbild des Datenwissenschaftlers erst entstanden. Deutschland und Europa könnten aber in Sachen Datenschutz punkten und würden sich zudem besser mit den industriellen Prozessen auskennen.

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