Lisa Davis „Ich bin gar nicht so pessimistisch“

Die Siemens-Vorständin spricht im Interview über den Umbruch in der gebeutelten Energiebranche, die ihr Heil in der Vernetzung sucht.
Lisa Davis ist Expertin für Öl und Gas und im Siemens-Vorstand für die Energiesparte verantwortlich. Quelle: dpa
Vorständin der Siemens Energiesparte

Lisa Davis ist Expertin für Öl und Gas und im Siemens-Vorstand für die Energiesparte verantwortlich.

(Foto: dpa)

Die Digitalisierung der Industrie umfasst inzwischen fast alle Bereiche - das zeigt die Hannover Messe allzu deutlich. Auch die gebeutelte Öl- und Gasbranche sucht ihr Heil in der Vernetzung: Die Amerikanerin Lisa Davis, im Siemens-Vorstand zuständig für das Energiegeschäft, spricht über den Umbruch in der Energiebranche und die Rivalität mit dem US-Konkurrenten General Electric.

Frau Davis, Siemens hat ein starkes Standbein im Energiegeschäft. Können Ihre Kunden angesichts der stark gefallenen Öl- und Gaspreise überhaupt noch investieren?
Die Branche ist noch lange nicht so reif wie andere Industriebereiche. Das gilt vor allem für die Digitalisierung der Prozesse. Da sehen wir noch große Möglichkeiten.

Dennoch hat man den Eindruck, dass die Branche derzeit eher ums Überleben kämpft, als sich mit der Zukunft zu beschäftigen.
Ich bin da gar nicht so pessimistisch. Die Energiebranche steht vor einem gewaltigen Umbruch, nicht nur in den USA, sondern weltweit. Die Preise werden sich nach Einschätzung vieler Kunden in den kommenden zwei, drei Jahren auf einem Niveau zwischen 30 und 50 Dollar pro Barrel bewegen. Die Unternehmen müssen darauf reagieren und suchen Lösungen, mit diesen niedrigen Preisen zurechtzukommen. So kommen sie zu Siemens.

Und wollen was?
Themen wie Standardisierung, Vereinfachung der Prozesse, Automatisierung und Digitalisierung waren lange Zeit kein großes Thema für die Branche. Jetzt müssen sie sich damit beschäftigen, und wir können unsere Expertise einbringen. Für die Investitionen brauchen sie nicht viele Millionen Dollar, aber sie machen sich schnell bezahlt.

Wie stark hinkt die Energiebranche denn hinterher?
Schauen Sie sich die Autoindustrie an. Dort sehen sie überall Roboter in den Fabrikhallen, die finden Sie in den Raffinerien nicht. Der Grad der Automatisierung und Digitalisierung ist in der Energiebranche deutlich geringer. Aber sie lernt gerade, welche Vorteile sie daraus für ihre Wertschöpfungskette ziehen kann.

So viel Mehrwert kann das Internet der Dinge schaffen
Die Studie
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Das Internet der Dinge, das geht aus einer aktuellen Studie des McKinsey Global Institute (MGI) mit dem Titel „The Internet of Things: Mapping the value beyond the hype“ hervor, kann einen weltweiten wirtschaftlichen Mehrwert von bis zu 11 Billionen Dollar im Jahr 2025 schaffen. Um diese gigantische Summe etwas anschaulicher zu formulieren: Das entspräche dann rund 11 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.

Das Potential ist groß
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„Derzeit stehen beim Internet der Dinge noch überwiegend konsumentennahe Produkte wie Smartwatches oder selbstfahrende Autos im Vordergrund. Langfristig bieten jedoch Business-to-Business-Anwendungen wie beispielsweise in der 'Industrie 4.0' oder in der digitalisierten Logistik noch größeres Potenzial“, sagt Harald Bauer, Direktor im Frankfurter Büro der Unternehmensberatung. „Im Maschinenbau sind beispielsweise datenbasierte Geschäftsmodelle möglich, in der die Nutzung von Anlagen je nach Verfügbarkeit abgerechnet wird.“ Derzeit werde nur ein Bruchteil der Daten, die in der Produktion anfallen, überhaupt genutzt.

Fabriken
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In der Produktion hat das Internet der Dinge der Studie zufolge das größte wirtschaftliche Potenzial - die Autoren sprechen von 3,7 Billionen Dollar; vor allem durch höhere Produktivität, mehr Energieeffizienz und sicherere Arbeitsplätze.

Gerade der letzte Punkt scheint jedoch in der Gesellschaft nicht unumstritten zu sein. Der Bereich ist schließlich das Herz der deutschen Wirtschaft und daher besonders sensibel, wenn es um die Frage geht, ob die Digitalisierung nicht auch Millionen Arbeitsplätze kosten könnte. „Es kann sein, das die Hälfte aller Arbeitsplätze wegfällt“, sagte EU-Internetkommissar Günther Oettinger im Januar in einem Beitrag der FAZ. „Aber auf der anderen Seite werden genau so viele neue Stellen entstehen.“ Das gilt wohl auch für alle nachfolgenden Branchen...

Städte
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Städte mache die Vernetzung zu „Smart Cities“ - und zwar mit einem entsprechendem Mehrwert von 1,7 Billionen Dollar. Denn ein besserer öffentlicher Nahverkehr mit optimierten Fahrplänen und Verkehrsleitsystemen könnte laut der Studie unnütze Pendel- und Wartezeit einsparen. Verbesserungen der Luft- und Wasserqualität durch kontinuierliches Monitoring von Umweltdaten sind demnach ebenfalls denkbar.

Gesundheit
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Die Überwachung von Gesundheitsdaten wie Herzschlag und Blutzucker kann den Experten zufolge helfen, die Lebensqualität chronisch kranker Menschen zu verbessern und beispielsweise bei einer Verschlechterung des Zustandes frühzeitig Alarm schlagen (1,6 Billionen Dollar).

Auf der anderen Seite, so die Wirtschaftswoche in ihrem Beitrag „iPhone auf Rezept“ müssten sich Pharmabranche, Medizintechnikkonzerne und nicht zuletzt auch die Ärzte „auf die Zerstörung ihrer traditionellen Geschäftsmodelle einstellen.“ NIcht grunsätzlich jedoch nur mit negativen Folgen: So könne dieser „High-Tech-Angriff von Apple, Gopogle und Co.“ auf den Gesundheitsmarkt nämlich auch eine heilsame Nebenwirkung haben, indem er die verkrusteten und hochregulierten Strukturen der Branche sprengt. Mit denen nicht nur viele Patienten, sondern auch viele der Ärzte höchst unzufrieden seien.

Fahrzeuge und Navigation
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Durch bessere Überwachung von Verkehrsdaten, Logistikketten und dem Zustand von Verkehrsmitteln wie Autos, Zügen oder Flugzeugen könne ein wirtschaftlicher Mehrwert von 1,5 Billionen Dollar geschaffen werden.

Handel
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Automatische Kassensysteme, bessere Ladengestaltung sowie die Nutzung des Smartphones für Kundenbindungs- und Rabattaktionen sollen höhere Verkäufe und geringere Wartezeiten ermöglichen - und stehen laut McKinsey für ein Potenzial von 1,2 Billionen Dollar.

Wie passt denn Ihre Neuerwerbung Dresser Rand dazu?
Sie hat unsere Angebotspalette deutlich erweitert und gibt uns - wie der Kauf des Gasturbinengeschäfts von Rolls-Royce vor zwei Jahren - neue Möglichkeiten im Bereich Service. Gerade wenn Sie weniger Aufträge wegen der niedrigen Energiepreise bekommen, gewinnt dieser Bereich an Bedeutung. Die US-Kunden wollen produktiver mit den bestehenden Anlagen arbeiten, und wir können sie dabei unterstützen. Denn der Servicesektor läuft unverändert gut. Gleichzeitig nutzen wir die Zeit, unsere Produkte weiter zu standardisieren und die Kosten zu senken. Wenn sich irgendwann die Preise wieder erholen sollten, haben wir einen weiteren Hebel, um stark zu wachsen.

Täuscht der Eindruck, dass Ihr großer Konkurrent aus den USA, General Electric, die Krise im Energiesektors bislang besser bewältig hat?
Ja und nein. Für beide Unternehmen ist die Energiesparte sehr wichtig. Beide Unternehmen haben ihre Stärken und Schwächen. Es gibt also durchaus Bereiche, in denen wir besser sind. Das gute an einem starken Wettbewerber ist, dass er sie immer wieder antreibt, besser zu werden. Gerade wenn Sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern.

Digitalisierung ist das große Schlagwort. Nun sind aber gerade US-IT-und Softwarefirmen führend in dem Bereich. Kann ein Industriekonzern wie Siemens da mithalten?
Wir bieten ja schon heute Softwarelösungen und Datenanalyse in großem Umfang an. Unser Vorteil gegenüber Konzernen wie Google ist, dass wir über jahrzehntelanges Branchen-Know-how verfügen und die Daten von Tausenden Sensoren kommen, die wir in unseren Maschinen eingebaut haben. Aus der gezielten Analyse ergeben sich dann neue Möglichkeiten zur Verbesserung der Wartung, der operativen Leistung oder für viele andere Dienstleistungen. Teams von Siemens bauen schon heute daraus spezielle Softwareprogramme für Kunden, mit denen sie die Maschinen oder ihre Produktion optimieren können.

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