Regierungspläne für Digitalisierung „Wir sind nach wie vor der Industrialisierer der Welt“

Die Industrie ist im Umbruch. Neue Geschäftsfelder und Berufsbilder zeichnen sich wegen der zunehmend vernetzten, digitalen Produktion ab. Regeln für diese Industrie 4.0 gibt es noch nicht – und das soll sich nun ändern.
Update: 14.04.2015 - 15:03 Uhr 2 Kommentare
Der Bundeswirtschaftsminister warnen vor einem Verlust der deutschen Wettbewerbsfähigkeit. Quelle: dpa
Sigmar Gabriel

Der Bundeswirtschaftsminister warnen vor einem Verlust der deutschen Wettbewerbsfähigkeit.

(Foto: dpa)

HannoverModeratorin Nina Ruge bot Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) eine launige Steilvorlage. Was es denn mit dem „Deutschen Digitalen Rückstand“ - kurz: DDR - auf sich habe, wollte sie am Dienstag auf der Hannover Messe beim Startschuss für die neue Plattform Industrie 4.0 von ihm wissen.

Wer sich auf dem Weg in die neue industrielle Revolution mit ihrer vernetzten, digitalen Produktion nicht am Weltmarkt positioniere, dem drohe doch der Rückschritt. Gabriel nahm den Ball auf: „Das Kürzel signalisiert, dass es vielen offenbar nicht schnell genug geht“, sagte er im gerade fertiggestellten neuen Konferenzsaal „New York“.

Dort kündigte der SPD-Chef ein „Signal für einen gemeinsamen Aufbruch“ an, der nur im Zusammenspiel aller gesellschaftlichen Kräfte funktioniere. Dazu sei die Plattform Industrie 4.0 geschaffen, bei der ab sofort ein Expertenverbund aus Politik, Wirtschaft, Verbänden, Wissenschaft und Gewerkschaften Richtlinien erarbeitet.

Die Plattform soll Schwung in die Digital-Debatte bringen und über Arbeitsgruppen rund um die Themen Recht, Sicherheit oder Bildung schnellstmöglich erste Vorzeigemodelle entwickeln. In Hannover werde die Basis für den Wettlauf um Produkte und Märkte von morgen gelegt.

Deutschland schläft nicht

Doch wo steht die deutsche Industrie dabei wirklich? Den Vorwurf, man verschlafe die digitale Wende, ließ Gabriel ebenso wenig gelten wie Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU). Anders als viele andere Länder habe die Bundesrepublik nie den Fehler begangen, zugunsten einer reinen Dienstleistungsgesellschaft ihre industrielle Basis abzuschaffen.

Diese Hürden muss Deutschland bei der Digitalisierung überwinden
Hürde 1: Baustelle Breitband
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Industrial Internet, Big Data, Internet der Dinge – ohne Datenaustausch funktioniert nichts mehr. Je mehr die Vernetzung fortschreitet, umso größer werden die Datenmengen und deren Übertragung verlangt eine gute Infrastruktur. Doch da hat Deutschland noch Aufholbedarf. Ihrer Zielmarke, das 2014 drei Viertel der deutschen Haushalte schnelles Internet haben sollen, hinkt die Regierung hinterher: Es waren gerade mal rund 65 Prozent. Immerhin gibt es Zeichen für ein Umdenken: Aus dem Investitionspaket des Bundestages von 2016 bis 2018 erhält Digitalminister Alexander Dobrindt 4,35 Milliarden extra; mit 1,1 Milliarden davon kann er den Breitbandausbau fördern.

Hürde 2: Vorwärts im Schneckentempo
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Eine der Hürden, die die Digitalisierung für die deutschen Unternehmen bereithält, ist die Geschwindigkeit. Die IT-Branche legt ein Innovationstempo vor, mit dem andere Industrien kaum Schritt halten können: Während Software-Firmen wie SAP ihre neusten Programmversionen vorstellen, kämpfen deren Kunden noch mit der Einführung der Vorgängerversion. Je mehr Vernetzung und IT in der traditionellen Produktion Einzug halten, umso größer der Druck einen Schritt zuzulegen.

Hürde 3: Deutsche Leuchttürme gesucht
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Den US-Riesen der digitalen Wirtschaft kann Deutschland wenig entgegenhalten. SAP ist der einzige deutsche IT-Anbieter von Weltrang. Allerdings ist SAP nur im Geschäfts- und nicht im Konsumentenbereich aktiv – anders als Apple, IBM, Microsoft, Amazon oder Google. Der deutschen Wirtschaft fehlen die Leuchttürme in der IT- und Internet-Branche und das aus vielfältigen Gründen.

Hürde 4: Start-ups fehlt Kapital
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Das Silicon Valley gilt weltweit als Synonym für innovative Start-ups. Auch in Deutschland wagen sich immer mehr Neugründer an den Markt, doch im Vergleich zu den US-amerikanischen Vorreitern fehlt ihnen ganz entscheidend eines: Kapital. In den USA investierten Risikokalitalgeber 2014 über 48 Milliarden Dollar, davon allein 11,9 Milliarden in Internetfirmen. In letzterer Summe standen in Deutschland laut BVK gut 2,2 Milliarden gegenüber. Das war zwar doppelt so viel wie im Vorjahr, doch einige große Deals wie die Übernahme von Scout 24 verzerren das Bild.

Hürde 5: Politisches Gerangel
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Digitalpolitik ist ein Modethema, bei dem viele das Sagen haben wollen. Im Ring um die Vorherrschaft bei dem Thema stehen etwa Digitalminister Alexander Dobrindt (CSU, von links), Innenminister Thomas de Maizière (CDU) und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) – und bremsen die „digitale Agenda“ letztlich eher aus. Neun Monate hatten die Minister beispielsweise gerungen, um im Sommer 2014 ein 30-seitiges Konzept vorzulegen. Es sei eher ein „Hausaufgabenheft“ stapelte de Maizière zurecht tief. Während die Industrie die Digitalisierung vorantreibt, kommen von der Regierung bisher vor allem Wortblasen.

Hürde 6: Der Mittelstand zögert
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Der Mittelstand gilt als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, doch bei der Industrie 4.0 scheint er einzuknicken. Laut ZVEI-Umfrage meinen gut 40 Prozent der Unternehmen, die Digitalisierung sei gar nicht ihr Thema. Diese Einschätzung kann fatal sein – für die Firmen wie den Wirtschaftsstandort Deutschland. Kritiker predigen, man verpasse bei einem Zukunftsthema den Anschluss.

Hürde 7: Die Angst der Deutschen
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Die „German Angst“ beschränkt sich nicht allein auf den Mittelstand; allgemein gilt, dass die Datensicherheit mit der zunehmenden Vernetzung mehr und mehr in Gefahr gerät. Mit immer höheren Schäden durch Cyberkriminalität und Spionage, wird der Schutz von Geschäftsgeheimnissen umso wichtiger.

„Wir sind nach wie vor der Industrialisierer der Welt“, betonte Gabriel. Deutschland habe hier eine Basis, die etwa die der USA in den Schatten stelle. Deshalb, so meinte auch Wanka, sagten absolute Zahlen bei Investitionen in die digitale Wende nur wenig aus.

„Manchmal täte uns ein wenig mehr Selbstbewusstsein gut“, erklärte sie und verwies auf China, wo gerade einmal 14 Industrieroboter auf 10.000 Industrie-Jobs kämen. In Deutschland seien es dagegen 282. „So schlecht sind wir gar nicht“, sagte auch der Vorstandschef der Festo AG, Eberhard Veit. In seiner heimatlichen Mundart setzte er hinzu: „Vielleicht haben wir ja zu viel geschafft und zu wenig geschwätzt.“

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2 Kommentare zu "Regierungspläne für Digitalisierung: „Wir sind nach wie vor der Industrialisierer der Welt“"

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  • "„Wir sind nach wie vor der Industrialisierer der Welt“"

    Richtiger wäre:
    WIR die Volksvertreter, seit ROT/GRÜN sind nach wie vor die VERSAGER der Nation und der Welt !

    Und das auf den vordersten Plätzen !!!

  • Diese Politiker, die ihr Koennen schon bei der Energie-Wende nachgewiesen haben, sind wirklich qualifiziert der Industrie Ratschlaege zu erteilen. Wenn sie auch diesen Teil der Technik ueberhaupt nicht verstehen.

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