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Industrie 4.0 – Schritt halten mit der Zukunft
VDMA-Präsident Carl Martin Welcker

Carl Martin Welcker ist Präsident des Verbandes deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA).

(Foto: dpa)

VDMA-Präsident im Interview „Die Unternehmen treten spürbar auf die Bremse“ – Maschinenbauer halbieren Prognose

Unternehmer und Verbandschef Carl Martin Welcker spricht über die europäische Industriepolitik, den Brexit und den drohenden Abschwung.
Update: 01.04.2019 - 13:58 Uhr 1 Kommentar

Der deutsche Maschinenbau halbiert angesichts von Konjunkturverwerfungen durch Brexit und Handelskonflikte seine Jahresprognose. Statt eines Produktionsplus' von zwei Prozent rechnet der Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) für 2019 nur noch mit einem Prozent Zuwachs.

Verbandspräsident Carl Martin Welcker mahnt im Gespräch mit dem Handelsblatt, dass Handelshemmnisse, die zwischen den Wirtschaftsmächten USA und China entstehen, zu 80 Prozent auch Deutschland treffen werden. Dieses Ausmaß sei vielen nicht klar, erklärte der VDMA-Chef im Vorfeld der am Montag beginnenden Hannover Messe. Stattdessen, sagt er, klopften sich die Politiker auf die Schulter, weil in Deutschland Vollbeschäftigung herrsche. Welcker aber findet: Das hätten die Unternehmer großartig hinbekommen – nicht die Politik.

Welcker, gleichzeitig auch Chef des Kölner Werkzeugmaschinenherstellers Alfred Schütte, fordert entsprechend mehr Engagement in der europäischen Industriepolitik: „Es gibt Investitionsprogramme, Programme zur Kapitalbeschaffung… Es wird nur nicht umgesetzt, das ist das Problem“, sagt der Manager.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Welcker, haben Sie die Parlamentsdiskussionen in Großbritannien verfolgt?
Ich habe nicht live jede Abstimmung mitverfolgt, aber wie die meisten Bürger habe ich mich in den Nachrichten informiert. Es ist ein trauriges Spektakel.

Wie sehen Sie den britischen EU-Austritt als Unternehmer?
Das, was in Großbritannien passiert, ist für mich blankes Politikversagen. Angefangen beim Referendum bis zu den heutigen Debatten. Man kann so eine komplexe Entscheidung nicht einfach ans Volk delegieren. Als Parlamentarier muss ich auf bessere Ressourcen zugreifen können als die meisten Bürger und bin hoffentlich auch schlauer – sonst kann ich das Volk auch nicht gut vertreten.

Hat die EU bei den Verhandlungen eine gute Figur abgegeben?
Ich finde, die Europäer haben klare Vorstellungen kommuniziert und sie auch stringent vertreten. Den Briten ist klar geworden, dass wir einerseits das Interesse haben, sie sollen in der EU bleiben. Andererseits gibt es die vier Grundpfeiler des Binnenmarkts, die nicht zur Verhandlung stehen. Auch wenn wir vor dem Brexit-Referendum vielleicht hin und wieder in wirtschaftlichen Fragen mehr auf die Briten hätten zugehen können.

Und jetzt? Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende?
Nein. Ich würde jede Option befürworten, die den Briten die Möglichkeit gibt, in der EU zu bleiben oder eine möglichst vernünftige Übergangslösung zu finden. Wenn natürlich die Verlängerung nur dazu dient, das Spektakel im britischen Parlament zu verlängern, dann macht das keinen Sinn. Doch wer will diesen Stab brechen? Ich halte jede Verlängerung für richtig, wenn es nur ein Fünkchen Hoffnung gibt, dass das vernünftig gelöst wird.

Das Fünkchen haben Sie aber noch?
Sagen wir so: Es war irgendwann mal ein Feuer, dann war es noch ein großer Funken, jetzt ist es ein Fünkchen. Aber ich will es nicht ausschließen. Es wird bis zum letzten Tag geschachert und verhandelt.

Wie sehen die Auswirkungen auf die Unternehmen aus?
Großbritannien hat seit dem Beginn der Brexit-Diskussion in unserer Export-Rangliste einen Platz verloren und ist von Platz vier auf Platz fünf abgerutscht. Wie sich das jetzt genau mit dem Brexit in Verbindung bringen lässt, ist schwer zu sagen – ob durch das sinkende Pfund, die eingetrübte Stimmung, darüber kann man viel spekulieren. Auf den Brexit bereitet man sich defensiv vor – auch wenn sich im Tagesgeschäft faktisch noch nichts geändert hat. Interessant wird es dann, wenn der Brexit irgendwann tatsächlich da ist. Auch sonst trüben sich die Aussichten ein: Die Forschungsinstitute kassieren reihenweise ihre Prognosen.

War 2018 das vorerst letzte gute Jahr für den Maschinenbau?
Das vergangene Jahr lief hervorragend bis ins letzte Quartal. Dann wurde es deutlich ruhiger. Die Treiber dieses Wachstums waren die boomenden Märkte weltweit. Es gab exzellente Exportmöglichkeiten, die die deutsche Industrie überproportional genutzt hat. Auch die heimische Autoindustrie ist lange sehr gut gelaufen – denken Sie nur an die vielen Zulieferindustrien, die da dranhängen. Trotzdem war die Schlussbilanz nicht so gut, wie wir uns das erhofft haben: Wir haben ein reales Produktionsplus von fünf Prozent prognostiziert, sind aber bei etwas mehr als zwei Prozent herausgekommen.

Und für das laufende Jahr?
Wir waren von vorneherein skeptisch, ob die Firmen dieses Wachstum angesichts der vielen Unsicherheiten im Markt auch weiter hinhalten können. Wir haben nun unsere Prognose von ursprünglich zwei Prozent für das laufende Jahr auf ein Prozent gekürzt. Die Unternehmen treten spürbar auf die Bremse. Sowie 2018 war, wird 2019 definitiv nicht werden.

Wo sehen Sie die Ursachen für die Abkühlung?
Ich glaube, das ist die Reaktion auf die vielen Unsicherheiten. Sollten diese Unsicherheiten, etwa im Handelsstreit zwischen China und den USA, noch mit harten, negativen Zahlen untermauert werden, dann könnte daraus ein klarer Abschwung folgen. In den USA ist die Stimmung auch nicht mehr so euphorisch, aber noch ordentlich. Nun muss sich zeigen, ob der Rückenwind durch die US-Steuerreform über 2019 hinweganhält. Das werden die Unternehmen in den Gesprächen mit ihren Geschäftspartnern in den nächsten Monaten feststellen. Ergibt sich hier auch ein negatives Bild, laufen wir in einen Abschwung hinein.

Ihre persönliche Einschätzung?
Um das Bild eines klaren Abschwungs zu zeichnen, fehlen mir im Moment die Daten. Die Industrie und damit der Export durchlaufen eine Nachfrageschwäche, der Dienstleistungssektor läuft sehr gut. Ich glaube aber nicht, dass die Welt untergehen wird. Wir werden nicht mehr so schnell wachsen wie in den vergangenen zwei Jahren, auch wenn wir zuletzt ohnehin nicht übermäßig gewachsen sind. In der EU wird derzeit über eine gemeinsame Industriepolitik diskutiert.

Was erhoffen Sie sich von der Initiative?
Es gibt seit 15 Jahren eine europäische Industriepolitik. Es gibt seit Jahren Pläne, dass der Industrieanteil der EU 20 Prozent erreichen soll. Es gibt Ausbildungsprogramme, es gibt Investitionsprogramme, Programme zur Kapitalbeschaffung... das gibt es alles. Es wird nur nicht umgesetzt, das ist das Problem.

Als Präsident des größten europäischen Industrieverbands dürften Sie doch einen gewissen Einfluss genießen.
Wenn ich in Deutschland sage, unsere Industriepolitik ist ein Desaster, dann bekomme ich die Rückfrage, worüber ich mich beklage – es sei doch alles gut, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, alles ist wunderbar. Das stimmt auch. Doch es ist nicht den deutschen Rahmenbedingungen geschuldet. Sondern dem Erfolg, den die Unternehmen erzielen, insbesondere im Ausland. Wir haben unseren Aufschwung durch die Qualität unserer Produkte und unsere enorme Exportstärke – und nicht, weil die Arbeitsbedingungen hier so ideal sind.

Was bedeutet das im Hinblick auf die vielen Handelskonflikte, die das weltpolitische Klima belasten?
Wenn der freie Welthandel und die Bedingungen, unter denen wir exportieren können, leiden, dann wird darunter auch der Standort Deutschland leiden. Das ist der Politik aus meiner Sicht aber noch nicht ausreichend klar. Die Politiker loben doch häufig gerade die Exportstärke der deutschen Industrie. Dass wir eine Exportnation sind, ist jedem im Kern klar. Aber im Maschinenbau zum Beispiel machen die Exporte fast 80 Prozent der Umsätze aus. Wenn nun in China und Amerika Zölle oder andere Handelshemmnisse beschlossen werden und sich die Weltkonjunktur eintrübt, dann wird uns das auch zu 80 Prozent treffen.

Dieses Ausmaß ist vielen nicht klar. Stattdessen klopfen sich viele Politiker auf die Schulter, weil in Deutschland Vollbeschäftigung herrscht. Doch das haben die Unternehmer großartig hinbekommen – nicht die Politik. Die EU hat immerhin versucht, Handelsabkommen wie TTIP zuschließen – und war zuletzt mit JEFTA sogar erfolgreich. Das Handelsabkommen mit Japan begrüße ich ausdrücklich. Auch TTIP mit den USA wäre in diesen Zeiten ein wichtiges Abkommen gewesen – doch das war parteipolitisch damals in Europa nicht durchsetzbar.

Obwohl vielen Politikern die Bedeutung von TTIP klar gewesen ist, war der Druck von der Straße zu groß – und auch die Angst, Wähler zu verlieren. Wenn ich mein Unternehmen so führen würde, dass ich niemals einem Mitarbeiter oder Kunden widerspreche, dann wäre ich bewegungsunfähig. Viele Politiker verrenken eher ihre Überzeugung – wenn sie denn eine haben – als Wählerstimmen zu verlieren. Das Extrem sehen wir gerade in Großbritannien.

Sie können doch Wähler nicht mit Kunden vergleichen.
Natürlich hat Politik ebenso wie Unternehmen die Aufgabe, die Bürger mitzunehmen. Medien haben diese Aufgabe übrigens auch. Aber Politik hat vor allem auch die Verantwortung, sich eine Meinung zu bilden und diese Meinung auch zu vertreten. Sie darf sich nicht davon abhängig machen, wie gerade die Stimmung in der Sonntagsumfrage ausfällt. Das ist Fahren mit doppeltem Rückspiegel. Die Folgen sehen wir doch bei der SPD: Hier werden, in Vorbereitung der nächsten Wahlen, gerade wieder die tollsten Forderungen aufgestellt: Grundrente, Mindestlohn von zwölf Euro und so weiter. Wenn das alles umgesetzt wird, ist Deutschland in kürzester Zeit pleite. Aber weil die Umfragewerte immernoch fallen, wird weiter draufgesattelt.

Auf der anderen Seite gibt es die CDU mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, der die Wirtschaft mit einer Industriestrategie wettbewerbsfähig machen will. Was halten Sie davon?
Ich frage mich, ob Peter Altmaier mit dem Papier nicht in erster Linie eine Diskussionsgrundlage schaffen wollte. Es ist wichtig, dass man sich regelmäßig die Frage stellt: Wo stehen wir gerade und was müssen wir machen?

„Das sind die coolsten Roboter, die künftig die Industrie dominieren sollen“

Und der Inhalt des Papiers?
Auf Seite eins steht: Wir wollen soziale Marktwirtschaft und setzen auf die Freiheit des Unternehmertums, das finde ich gut. Kritisch sehe ich natürlich Markteingriffe wie Handelsbarrieren und staatliche Beteiligungsfonds, die der Minister weiter hinten im Papier ebenfalls vorschlägt. Hier frage ich mich, warum er den Pfad der Tugend so sehr verlässt. Wer wirklich von der sozialen Marktwirtschaft nach Erhard und Ordnungspolitik nach Eucken überzeugt ist, kann sich mit vielen Schlussfolgerungen nicht anfreunden.

Aber ist es angesichts der protektionistischen Tendenzen in den USA und China nicht blauäugig, allein auf den freien Markt zu setzen?
Von einem hundertprozentig freien Markt sind wir meilenweit entfernt. Es geht darum, Reste der Marktwirtschaft überhaupt noch aufrechtzuerhalten. Europa stellt fünf Prozent der Weltbevölkerung und lebt in relativem Luxus. Mit welcher Politik können wir unsern Wohlstand wahren und ihn trotzdem mit anderen aufstrebenden Ländern teilen. Die Frage ist also: Welche Stellung hat Europa in der Welt? Wir haben zwar seit 15 Jahren eine gemeinsame Industriepolitik, aber nie sauber diskutiert, welche Rolle wir in der Weltwirtschaft einnehmen wollen.

Haben Sie ein Beispiel?
Warum sind amerikanische Finanzinstitute zehn Jahre nach der Bankenkrise wieder genesen und die deutschen Banken liegen darnieder? Die Amerikaner haben früh verstanden, dass sie auch weiterhin starke internationale Banken brauchen. Wir dagegen haben uns nur damit beschäftigt, wie wir zukünftige Krisen verhindern und unsere Banken reguliert bekommen. Was ist das Ergebnis? Für die deutschen Banken ein Armutszeugnis erster Klasse, aber auch andere Spieler auf dem europäischen Geldmarkt sind tüchtig unter die Räder gekommen. Mit einer europäischen Agenda hätten wir uns manchen Schritt vielleicht zweimal überlegt, und dann bräuchten wir jetzt keine staatlich getriebene Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank.

Gilt das auch im Fall von Siemens und Alstom? Brauchen wir starke Konzerne in der EU, um global mitzuhalten?
Ich gehe einmal davon aus, dass das Verbot des Zusammenschlusses unter wettbewerbsrechtlichen Gesichtspunkten in Ordnung war. Prinzipiell bin ich aber nicht dagegen, auch auf europäischer Ebene eine Ministererlaubnis einzuführen. Wobei natürlich fraglich ist, wer da unter welchen Bedingungen was erlauben soll. Am Ende muss es jedenfalls vernünftig gehandhabt werden. Die Gefahr liegt doch immer im exzessiven Missbrauch. Das gilt zum Beispiel auch für Investitionskontrollen. Natürlich kann es in seltenen Fällen Sinn machen, eine Investition eines Ausländers zu verbieten. Aber viel wahrscheinlicher als die Gefahr einer sicherheitsgefährdenden Investition ist die Gefahr, dass Politiker dieses Instrument für politische Ziele missbrauchen. Schauen Sie nach Amerika. Da gefährden vorgeblich europäischer Stahl und deutsche Autos die nationale Sicherheit. Insofern gilt: Wehret den Anfängen.

Brauchen wir mutigere Politiker?
Ich glaube, dass bei der ganzen Heftigkeit der Debatte manchmal vergessen, dass wir lebende System haben. Wir dürfen auch mal etwas ausprobieren, um dann festzustellen, dass es nicht gut war. Politiker dürfen Fehler machen. Politiker dürfen auch mal ein Gesetz oder eine Verordnung erlassen, die sich am Ende als fehlerhaft herausstellt. Dann müssen sie die Möglichkeit haben, den gesichtswahrend zu korrigieren. Insofern ja, ich würde mir mehr Mut wünschen.

Herr Welcker, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Verfolgen Sie hier alle wichtigen Auftritte auf der Hannover Messe und die zentralen Aussagen in unserem Newsblog.

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1 Kommentar zu "VDMA-Präsident im Interview: „Die Unternehmen treten spürbar auf die Bremse“ – Maschinenbauer halbieren Prognose"

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  • ...ich stimme zu nur: die gesichtswahrende Fehlerkultur ist weder in der Politik noch in der Wirtschaft noch in der Gesellschaft überhaupt vorhanden...das ist ein riesen menschliches Problem...Es fängt halt in der Schule an, wo Fehler eben meistens "bestraft" werden.

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