1&1: Dommermuths lukratives Nebengeschäft
Hamburg. Telekommilliardär Ralph Dommermuth konnte sich mit seinem Unternehmen 1&1 zuletzt über mehrere Erfolge freuen. Nach einem pannenreichen Start scheint der Aufbau seines neuen, eigenen 5G-Mobilfunknetzes endlich Fahrt aufzunehmen. Im Dezember feierte Dommermuth die Öffnung des Netzes für die Kunden. Mittlerweile sollen rund 100 Antennen auch wirklich aktiviert, also im Regelbetrieb nutzbar sein.
Was dabei in Vergessenheit geriet: Bei einem Nebengeschäft mit dem Staat, das Dommermuth im Tausch für einen zinslosen Kredit einging, bleibt er Handelsblatt-Informationen zufolge weiter Vollzug schuldig. Trotz mindestens zwei versäumter Fristen.
Konkret geht es um ursprünglich mehrere Hundert Maststandorte, die den Mobilfunkempfang in schlecht versorgten, meist ländlichen Regionen Deutschlands verbessern sollten. Sie sollten die Netze von Deutscher Telekom, Vodafone und Telefónica Deutschland (O2) ergänzen und sind unabhängig von 1&1 eigenen Aufbauplänen. Dommermuth hatte versprochen, die Funkmasten zu bauen und bis zum 1. Januar 2022 seinen Konkurrenten zur Verfügung zu stellen.
Bislang – mehr als zwei Jahre später – hat 1&1 jedoch erst 48 Standorte „realisieren“, also fertigstellen können. Das räumen sowohl das Unternehmen als auch das zuständige Bundesverkehrsministerium (BMDV) ein. Es ist nach wie vor unklar, wann mit einem Abschluss zu rechnen ist.
Hintergrund ist eine Verpflichtung, auf die sich 1&1 im Rahmen der letzten Mobilfunkfrequenzauktion von 2019 eingelassen hatte. Das Unternehmen, das zu United Internet gehört, ersteigerte seinerzeit 5G-Frequenzen für 1,07 Milliarden Euro. Dieser Betrag war jedoch nicht sofort fällig: 1&1 darf ihn in Raten abbezahlen – und muss dem Staat dafür keine Zinsen zahlen.
Im Gegenzug verpflichtete sich Dommermuth damals, in 400 Funklöchern, sogenannten „weißen Flecken“, Funkmaststandorte für Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica Deutschland zu errichten. 1&1 verfügte damals noch nicht über ein eigenes Netz.
Daraus wird nun nichts mehr: Neben den 48 fertigen Standorten sollen zwar 50 weitere „in Umsetzung“ sein, teilt das Unternehmen mit. Zudem wurde für 32 zusätzlich geplante Standorte laut 1&1 noch nicht mal eine Baugenehmigung erteilt. Dabei hatte das BMDV die ursprüngliche Frist nur bis zum 31. Dezember 2023 verlängert, wie das Handelsblatt bereits berichtet hatte.
1&1: Die Investitionssumme bleibt geheim
Konsequenzen drohen offenbar trotzdem nicht. Die Frist gelte nach wie vor, heißt es aus dem BMDV. Man prüfe derzeit, „ob und inwiefern die Verzögerungen durch den Netzbetreiber zu vertreten sind“. Bis wann, das bleibt genauso unklar wie die Konsequenzen bei einer erwiesenen Pflichtverletzung.
Dommermuth war zudem so klug, damals nicht die öffentlich kommunizierten 400 Standorte, sondern eine fixe Investitionssumme festschreiben zu lassen. Wie viel genau? Das wissen nur Dommermuth und das Ministerium, die seinerzeit Geheimhaltung vereinbart haben. Nur so viel: Sie soll sich aus seinem Zinsvorteil errechnen.
Für den Staat war das ein schlechter Deal. Da die Kosten je Funkmast seit 2019 stark gestiegen sind und es laut 1&1 zudem um besonders aufwendige Standorte gehe, ist das Budget nun deutlich schneller aufgebraucht als geplant. Zumal die zur Verfügung stehende Summe heute wahrscheinlich höher wäre, da die Zinsen deutlich gestiegen sind.
Gleichzeitig schmilzt die Anzahl der zu bauenden Standorte wie Eis in der Sonne: Nach den derzeit 130 avisierten Standorten sei wahrscheinlich Schluss, teilt 1&1 mit. Vor zehn Monaten war noch von 180 Standorten die Rede. Beim Ministerium will man so konkret noch nicht werden. Ein BMDV-Sprecher schreibt auf Anfrage, dass die konkrete Anzahl an Standorten sich derzeit „nicht verlässlich beziffern“ lasse.
1&1 rechtfertigt die Verzögerungen mit den komplizierten Abstimmungs- und Genehmigungsverfahren. So bremsten zum Beispiel die „fehlende Vermietbereitschaft von geeigneten Flächen sowie Bürgerinitiativen, die dem Bau neuer Antennenstandorte entgegentreten“.
In der Tat hatten Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica ihre Mastwünsche erst 2021 final abgestimmt und dem kleinen Konkurrenten aus Montabaur zudem eher teure Standorte aufgeladen. So hatte 1&1 zunächst mit einem größeren Anteil von günstigeren Dachstandorten gerechnet. Schon vor drei Jahren war also klar, dass die ursprüngliche Frist nicht mehr zu halten sein würde. Offen bleibt, warum das BMDV hier nicht viel früher eingeschritten ist.
Fest steht bereits heute, dass das Ziel des 2019 zuständigen Ministers Andreas Scheuer (CSU), die Mobilfunkversorgung in Deutschland schnell und effizient zu verbessern, nicht erreicht wurde. Gewonnen haben die Netzbetreiber – nicht die Kunden.
Erstpublikation: 13.03.2024, 03:47 Uhr.