30 Jahre Btx-Hack Das Ende der Illusion sicherer Netze

Der Chaos Computer Club war vor 30 Jahren nur wenigen Hackern und Experten bekannt. Als zwei Club-Mitglieder vorführten, wie leicht man eine Bank via Bildschirmtext quasi ausrauben kann, änderte sich alles.
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Wau Holland (l.) und Steffen Wernery vom "Chaos-Computer-Club" in Hamburg an ihren Computern im November 1984. Quelle: dpa

Wau Holland (l.) und Steffen Wernery vom "Chaos-Computer-Club" in Hamburg an ihren Computern im November 1984.

(Foto: dpa)

Hamburg„Klack-Klack, Klack-Klack“. Der Attacke von zwei Hackern auf die Hamburger Sparkasse vor 30 Jahren konnte man regelrecht zuhören. Wau Holland, der Mitbegründer des Chaos Computer Clubs, und sein Freund Steffen Wernéry hatten damals einen Weg gefunden, öffentlichkeitswirksam auf Schwachstellen im Bildschirmtext-System (Btx) der Deutschen Bundespost hinzuweisen.

Der Onlinedienst Btx war am 1. September 1983 bundesweit gestartet worden. Zu diesem Zeitpunkt war das Internet in weiten Teilen noch ein von Militärs finanziertes akademisches Projekt. Das Web gab es noch nicht. Das geschlossene Btx-Netzwerk wurde damals als besonders sicher und auch für Banking-Anwendungen geeignet angepriesen. Dieses Image wollten die beiden Hacker in Frage stellen.

Mit einem nur 31 Zeilen langen Programm steuerten sie ein Relais an, das auf der Tastatur des Btx-Terminals immer wieder bestimmte Tasten drückte und eine kostenpflichtige Animation des CCC in dem Btx-System aufrief. 9,97 D-Mark verlangte der Club für die Anzeige. Zuvor hatten sich die beiden die Zugangskennung der Hamburger Sparkasse (Haspa) verschafft, so dass sie die Bezahl-Seiten des CCC auf Kosten der Bank ansteuern konnten.

Elf Anzeichen, dass Sie gehackt wurden
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Software installiert sich selbstständig

Ungewollte und unerwartete Installationsprozesse, die aus dem Nichts starten, sind ein starkes Anzeichen dafür, dass das System gehackt wurde. In den frühen Tagen der Malware waren die meisten Programme einfache Computerviren, die die "seriösen" Anwendungen veränderten - einfach um sich besser verstecken zu können. Heutzutage kommt Malware meist in Form von Trojanern und Würmern daher, die sich wie jede x-beliebige Software mittels einer Installationsroutine auf dem Rechner platziert. Häufig kommen sie "Huckepack" mit sauberen Programmen - also besser immer fleißig Lizenzvereinbarungen lesen, bevor eine Installation gestartet wird. In den meisten dieser Texte, die niemand liest, wird haarklein aufgeführt, welche Programme wie mitkommen.

Was zu tun ist...
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Es gibt eine Menge kostenlose Programme, die alle installierten Applikationen auflisten und sie verwalten. Ein Windows-Beispiel ist Autoruns, das zudem aufzeigt, welche Software beim Systemstart mit geladen wird. Das ist gerade in Bezug auf Schadprogramme äußerst aussagekräftig - aber auch kompliziert, weil nicht jeder Anwender weiß, welche der Programme notwendig und sinnvoll und welche überflüssig und schädlich sind. Hier hilft eine Suche im Web weiter - oder die Deaktivierung von Software, die sich nicht zuordnen lässt. Wird das Programm doch benötigt, wird Ihnen das System das schon mitteilen…

Die Maus arbeitet, ohne dass Sie sie benutzen!
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Springt der Mauszeiger wie wild über den Bildschirm und trifft dabei Auswahlen oder vollführt andere Aktionen, für deren Ausführung im Normalfall geklickt werden müsste, ist der Computer definitiv gehackt worden. Mauszeiger bewegen sich durchaus schon einmal von selbst, wenn es Hardware-Probleme gibt. Klick-Aktionen jedoch sind nur mit menschlichem Handeln zu erklären.

Stellen Sie sich das so vor: Der Hacker bricht in einen Computer ein und verhält sich erst einmal ruhig. Nachts dann, wenn der Besitzer mutmaßlich schläft (der Rechner aber noch eingeschaltet ist), wird er aktiv und beginnt, das System auszuspionieren - dabei nutzt er dann auch den Mauszeiger.

Was zu tun ist
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Wenn Ihr Rechner des Nachts von selbst "zum Leben erwacht", nehmen Sie sich kurz Zeit, um zu schauen, was die Eindringlinge in Ihrem System treiben. Passen Sie nur auf, dass keine wichtigen Daten kopiert oder Überweisungen in Ihrem Namen getätigt werden. Am besten einige Fotos vom Bildschirm machen (mit der Digitalkamera oder dem Smartphone), um das Eindringen zu dokumentieren. Anschließend können Sie den Computer ausschalten - trennen Sie die Netzverbindung (wenn vorhanden, Router deaktivieren) und rufen Sie die Profis. Denn nun brauchen Sie wirklich fremde Hilfe.

Anschließend nutzen Sie einen anderen (sauberen!) Rechner, um alle Login-Informationen und Passwörter zu ändern. Prüfen Sie Ihr Bankkonto - investieren Sie am besten in einen Dienst, der Ihr Konto in der folgenden Zeit überwacht und Sie über alle Transaktionen auf dem Laufenden hält. Um das unterwanderte System zu säubern, bleibt als einzige Möglichkeit die komplette Neuinstallation. Ist Ihnen bereits finanzieller Schaden entstanden, sollten IT-Forensiker vorher eine vollständige Kopie aller Festplatten machen. Sie selbst sollten die Strafverfolgungsbehörden einschalten und Anzeige erstatten. Die Festplattenkopien werden Sie benötigen, um den Schaden belegen zu können.

Online-Passwörter ändern sich plötzlich
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Wenn eines oder mehrere Ihrer Online-Passwörter sich von einem auf den anderen Moment ändern, ist entweder das gesamte System oder zumindest der betroffene Online-Dienst kompromittiert. Für gewöhnlich hat der Anwender zuvor auf eine authentisch anmutende Phishing-Mail geantwortet, die ihn um die Erneuerung seines Passworts für einen bestimmten Online-Dienst gebeten hat. Dem nachgekommen, wundert sich der Nutzer wenig überraschend, dass sein Passwort nochmals geändert wurde und später, dass in seinem Namen Einkäufe getätigt, beleidigenden Postings abgesetzt, Profile gelöscht oder Verträge abgeschlossen werden.

Was zu tun ist
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Sobald die Gefahr besteht, dass mit Ihren Daten handfest Schindluder getrieben wird, informieren Sie unverzüglich alle Kontakte über den kompromittierten Account. Danach kontaktieren Sie den betroffenen Online-Dienst und melden die Kompromittierung. Die meisten Services kennen derartige Vorfälle zu Genüge und helfen Ihnen mit einem neuen Passwort, das Konto schnell wieder unter die eigene Kontrolle zu bekommen. Einige Dienste haben diesen Vorgang bereits automatisiert. Wenige bieten sogar einen klickbaren Button "Mein Freund wurde gehackt!" an, über den Dritte diesen Prozess für Sie anstoßen können. Das ist insofern hilfreich, als Ihre Kontakte oft von der Unterwanderung Ihres Kontos wissen, bevor Sie selbst etwas davon mitbekommen.

Werden die gestohlenen Anmeldedaten auch auf anderen Plattformen genutzt, sollten sie dort natürlich schnellstmöglich geändert werden. Und seien Sie beim nächsten Mal vorsichtiger! Es gibt kaum Fälle, in denen Web-Dienste E-Mails versenden, in denen die Login-Informationen abgefragt werden. Grundsätzlich ist es immer besser, ausschließlich Online-Dienste zu nutzen, die eine Zwei-Faktor-Authentifizierung verlangen - das macht es schwieriger, Daten zu entwenden.

Gefälschte Antivirus-Meldungen
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Fake-Warnmeldungen des Virenscanners gehören zu den sichersten Anzeichen dafür, dass das System kompromittiert wurde. Vielen Anwendern ist nicht bewusst, dass in dem Moment, wo eine derartige Meldung aufkommt, das Unheil bereits geschehen ist. Ein Klick auf "Nein" oder "Abbrechen", um den Fake-Virusscan aufzuhalten, genügt natürlich nicht - die Schadsoftware hat sich bestehende Sicherheitslücken bereits zunutze gemacht und ist ins System eingedrungen.

Bleibt die Frage: Warum löst die Malware diese "Viruswarnung" überhaupt aus? Ganz einfach: Der vorgebliche Prüfvorgang, der immer Unmengen an "Viren" auftut, wird als Lockmittel für den Kauf eines Produkts eingesetzt. Wer auf den dargestellten Link klickt, gelangt auf eine professionell anmutende Website, die mit positiven Kundenbewertungen und Empfehlungen zugepflastert ist. Dort werden Kreditkartennummer und andere Rechnungsdaten abgefragt - und immer noch viel zu viele Nutzer fallen auf diese Masche herein und geben ihre Identität freiwillig an die Kriminellen ab, ohne etwas davon zu merken.

„Wir haben das Ding also bei Steffen in der Hütte gestartet, ich bin dann nach Hause“, erinnerte sich Holland in einem Interview mit der Zeitschrift „c't“ im Jahr 1999. „Steffen hat dort geschlafen, und ich weiß, Steffen hat wunderbar geschlafen, weil das Relais immer „Klack-Klack, Klack-Klack“ machte, und er wusste: zweimal Klack-Klack heißt 9 Mark 97.“ In der Nacht machte es 13.510 Mal „Klack-klack“.

Zwei Tage nach dem Angriff auf das Haspa-Konto griff das „heute journal“ des ZDF den Coup auf. „Einbrecher müssen heute nicht mehr mit Schneidbrenner und Stemmeisen arbeiten. Sie haben es leichter, wenn sie ihren Heim-Computer benutzen“, berichtete ZDF-Moderator Hans Scheicher dem staunenden Publikum. Hackern sei es gelungen, die Hamburger Bank via Btx um rund 135.000 Mark zu erleichtern. Der Club verzichtete dann generös auf das Inkasso.

Die Meldung wurde schnell als virtueller Bank-Einbruch interpretiert, obwohl es eigentlich keiner war. Holland und Wernéry hatten ja kein Online-Banking-System gehackt. Ihnen war es lediglich gelungen, mit den Btx-Zugangsdaten der Haspa ihr eigenes bezahlpflichtiges Angebot eine Nacht lang häufig hintereinander abzurufen. Doch solche Zwischentöne spielten damals kaum eine Rolle.

„1984 war das Orwell-Jahr“, erinnert sich Wernéry im Gespräch an die Umstände. George Orwell hatte in seinem Roman einen totalitäreren Überwachungsstaat im Jahre 1984 beschrieben, in dem der Held vergeblich um den Schutz seiner Privatsphäre kämpft.

„Alle haben Ende 1984 darauf gewartet, dass noch etwas passiert“, sagt Wernéry. „Und viele Menschen haben dann ganz unterschiedliche Sachen auf uns projiziert: die Angst vor der Technik, die Sehnsucht nach der Rettung vor dem Big Brother.“

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