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4G-Tempo zu gering Die Geschwindigkeits-Lüge der Mobilfunkkonzerne

Telekom, Vodafone und O2 werben mit hohen Downloadraten für ihre 4G-Tarife. Eine Auswertung zeigt: Bei den Kunden kommt nur ein Bruchteil des Top-Tempos an.
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In der Praxis bietet der vierte Mobilfunkstandard (LTE) laut Opensignal nur einen Bruchteil der angepriesen Top-Leistung. Quelle: E+/Getty Images
Arbeiten an einem Mobilfunkmast

In der Praxis bietet der vierte Mobilfunkstandard (LTE) laut Opensignal nur einen Bruchteil der angepriesen Top-Leistung.

(Foto: E+/Getty Images)

Düsseldorf Highspeed ist eines der häufigsten Werbeworte der Netzbetreiber in Deutschland. Die Telekomkonzerne locken die Kunden mit dem Versprechen hoher Geschwindigkeiten in ihren Tarifen. Doch die Realität sieht anders aus.

Nutzer mit den besten Smartphones in Deutschland erreichen im 4G-Netz im Durchschnitt nicht einmal 30 Megabit pro Sekunde (Mbps) an Downloadraten, hat der Netzdienstleister Opensignal jetzt in einer Studie herausgefunden, die dem Handelsblatt vorab vorliegt. Zum Vergleich: In Südkorea liegt sie bei 70,6 Mbps und in Norwegen bei 65,3 Mbps. Mit diesem Durchschnittswert liegt Deutschland im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld.

Der Unterschied zwischen Versprechen und Wirklichkeit bei den Netzgeschwindigkeiten ist eklatant. Die Highspeed-Versprechen der Konzerne werden in der Regel nicht erreicht. Bei Vodafone soll die theoretisch maximal erreichbare Geschwindigkeit bis zu 500 Mbps im Netz betragen, bei der Telekom bis zu 300 Mbps und bis zu 225 Mbps bei Telefónica (O2). Die von Opensignal ermittelten tatsächlichen Netzgeschwindigkeiten liegen deutlich unter diesen Werten.

Selbst die modernsten Geräte mit der besten Mobilfunktechnologie schaffen im Durchschnitt nur 29,8 Megabit pro Sekunde. Smartphones der Mittelklasse schaffen im Schnitt nur 24,2 Mbps. Die schwächsten Smartphones brachten es in der Opensignal-Erhebung in Deutschland sogar nur auf 17,4 Mbps.

Ian Fogg, der die Studie bei Opensignal mitverantwortet hat, betont: „Die Netzbetreiber informieren ihre Kunden nicht ausreichend, dass die Qualität ihres Smartphones großen Einfluss auf die Netzgeschwindigkeit hat.“

Während in anderen Staaten fast alle Mobilfunknutzer Zugang zum 4G-Mobilfunkstandard (auch LTE genannt) bekommen, lassen sich viele Netzbetreiber in Deutschland 4G als Premiumprodukt bezahlen.

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Renatus Zilles, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Verbands für Telekommunikation und Medien, kritisiert: „Das ist eine Mogelpackung. Kunden fühlen sich veräppelt.“ Netzbetreiber sollten realistischere Angaben zur Geschwindigkeit ihrer Tarife machen. Das gelte sowohl für Festnetz wie für Mobilfunk.

Eine Möglichkeit sei, statt Maximalwerten einen Rahmen für die Bandbreite anzugeben, mit denen Verbraucher rechnen könnten. „Dann wissen Kunden in etwa, worauf sie sich einstellen können“, sagt Zilles dem Handelsblatt.

Anbieter widersprechen Ergebnissen

Die Netzbetreiber wehren sich gegen das Ergebnis der Opensignal-Untersuchung. Der Wert spiegele nicht die Leistung eines Anbieters wider, sondern sei nur ein Durchschnittswert, sagt ein Vodafone-Sprecher auf Nachfrage. „Durchschnitts-Speed in unserem LTE-Netz liegt bei rund 40 Mbps“, sagt der Sprecher. Zur Geschwindigkeit im 3G-Netz von Vodafone wollte er keine Angaben machen.

4G sei dem Vorgängerstandard jedoch in vielen Bereichen überlegen. „LTE kann die verfügbaren Kapazitäten besser, schneller und intelligenter an eine Vielzahl von Nutzern verteilen“, sagte der Sprecher. Befinde sich ein Kunde an einem Ort mit vielen Menschen, leide die Kapazität nicht so stark wie bei 3G – etwa bei einem Konzert und einer Sportveranstaltung in einem Stadion soll 4G deutlich mehr Leistung bieten als die Vorgängertechnologie.

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Auch eine Telekom-Sprecherin verweist darauf, dass der deutsche Branchenprimus in letzten Text des Branchendienstes P3 zusammen mit der Zeitschrift „Chip“ ein durchschnittliches Downloadtempo von 82 Mbps in den Städten und 44 Mbps auf Verbindungsstraßen erreicht habe. „Wir haben ja immer schon gesagt, dass es nicht das eine deutsche Mobilfunknetz gibt, sondern in jedem Land Netze mit unterschiedlicher Qualität“, sagt die Sprecherin.

Anders ausgedrückt: Die Telekom will bei der Netzqualität nicht mit Vodafone und Telefónica vermischt werden. Doch auch der Telekom-Wert zeigt: In der Praxis liegt die Geschwindigkeit weit unterhalb des Wertes, den der Netzbetreiber in seiner Werbung als Maximaltempo anpreist.

Telefónica (Marke O2) wiederspricht ebenfalls der Darstellung von Opensignal. Die gemessene Durchschnittsgeschwindigkeit sei verzerrt. Partnermarken der Netzbetreiber wie 1&1, Freenet oder Aldi-Talk nutzen zwar die Infrastruktur, ihre Tarife seien aber oft in der Geschwindigkeit auf 21 Mbps oder 50 Mbps begrenzt.

Der Einwand stimmt. Der Mobilfunkdiscounter Freenet bietet beispielsweise einen Tarif „Allnet Flat 2 Gigabyte“ für 9,99 Euro im Monat im 4G-Netz von Vodafone an. Aus dem gesetzlich vorgeschriebenen Produktinformationsblatt geht jedoch hervor, dass die Geschwindigkeit in dem Tarif auf 21,6 Mbps beschränkt ist. Damit liegt das Tempo deutlich unterhalb der Geschwindigkeiten, die Vodafone-Kunden mit 4G erreichen können.

Ian Fogg von Opensignal räumt zwar ein, dass auch Kunden mit limitierten 4G-Tarifen in die Studie aufgenommen wurden. „Der Effekt müsste sich insgesamt jedoch relativieren“, argumentiert er. Im Mobilfunknetz teilten sich die Kunden die Netzkapazität.

Wenn Smartphone-Nutzer mit Discount-Tarifen nur gebremst 4G nutzen könnten, müssten die anderen Kunden dafür um so schneller unterwegs sein. Insgesamt sei damit der Durchschnittswert für die Downloadraten wieder aussagefähig, verteidigte Fogg die Untersuchungsergebnisse von Opensignal.

Vertrauen der Kunden steht auf dem Spiel

Der Telefónica-Sprecher führte aus, sein Unternehmen informiere die Kunden zwar über eine maximale Downloadrate von 225 Mbps, werbe jedoch nicht damit. Zudem habe sich die Downloadrate im zweiten Quartal 2019 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 50 Prozent gesteigert und liege jetzt bei 39,2 Mbps. Damit liegt allerdings auch Telefónica in seiner selbst gemessenen Geschwindigkeit weit von der ausgewiesenen Top-Geschwindigkeit entfernt.

Die Verteidigungen der Netzbetreiber fallen letztlich verhalten aus. Denn auch die selbst ausgewiesenen Downloadraten liegen weiter unter den versprochenen Top-Downloadraten.
Das ist ein Problem. Denn das Versprechen auf hohe Geschwindigkeiten ist eines der wichtigsten Verkaufsargumente der Netzbetreiber für ihre Tarife. Weicht das Tempo auf den Endgeräten in der Praxis so stark von den Versprechungen ab, drohen die Anbieter ihr Vertrauen zu verspielen.

Verbraucher werden ohnehin nicht an 4G vorbeikommen. Denn alle drei Netzbetreiber wollen schrittweise das 3G-Netz abschalten, um eine bessere Netzabdeckung für 4G zu realisieren.

Bei der Versteigerung der Mobilfunkfrequenzen im Jahr 2015 hatte die Bundesnetzagentur den Firmen ein zentrales Ziel auferlegt: Bis Anfang 2020 müssen sie 98 Prozent der Haushalte mit mobilem Breitband versorgen, die einzelnen Bundesländer mit mindestens 97 Prozent. Die Download-Geschwindigkeit muss dann mindestens 50 Mbps betragen.

Warum Deutschland beim Netzausbau den Anschluss verliert

Allerdings hat die Bundesnetzagentur hier einen Spielraum gelassen. Sie will die Downloadrate nicht auf den Endgeräten der Kunden messen, sondern am Antennenmast. Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn greifen gleichzeitig viele Smartphones auf einen Mast zu, könnte im schlimmsten Fall nur ein Buchteil der Leistung von 50 Mbps auf den Geräten ankommen.

Für die Betreiber könnte jedoch nicht die Vorgabe der Bundesnetzagentur zu Problem werden, sondern die Einstellung der Kunden. Denn so wie die Mobilfunker bislang 4G als Highspeed-Netz angepriesen haben, werben sie heute für den nächsten Standard 5G. Er soll Geschwindigkeiten von bis zu einem Gigabit pro Sekunde bieten und das bei einer Übertragung nahezu in Echtzeit.

Vodafone hat als erster Betreiber in Deutschland 5G für Endkunden freigeschaltet. An 60 Antennen in 20 Städten ist das Netz verfügbar. Für die 5G-Option verlangt Vodafone fünf Euro extra im Monat. Bei der Telekom ist 5G erst in einem Premium-Tarif für 84,95 Euro verfügbar – dabei hat der Netzbetreiber bislang noch keine einzige Antenne mit 5G für seine Endkunden freigeschaltet.

Verbandschef Zilles warnt, die Netzbetreiber dürften sich mit ihren Werbeversprechen für 5G nicht verzetteln. Sonst riskierten sie, für Frust bei ihren Kunden zu sorgen. „5G ist als Technologie vor allem für die Industrie interessant“, sagt Zilles.

In vernetzen Fabriken könnte die Technik ihre Leistung effizient ausspielen. Endverbraucher benötigen 5G bislang kaum. „Die Kunden in Deutschland brauchen ein flächendeckendes und schnelles 4G-Netz“, sagt Zilles. Darauf sollten sich die Netzbetreiber konzentrieren und nicht überzogene Erwartungen auf 5G bei Endkunden schüren.

Mehr: Deutschland hinkt bei der mobilen Netzabdeckung anderen europäischen Staaten weit hinterher. Lesen Sie hier die Ergebnisse der Studie und wer die Spitzenplätze belegt.

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4 Kommentare zu "4G-Tempo zu gering: Die Geschwindigkeits-Lüge der Mobilfunkkonzerne"

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  • Der Zugriff auf Daten geht über Ketten von Links, Gateways, Servern, möglicherweise sogar Satelliten und last but not least viel Software. Speed wird durch das langsamste Glied bestimmt. Ich habe selbst schon erlebt, wie sich über solche Ketten sogar die Speed umgekehrt hat, upload war viel schneller als download. Der Flaschenhals saß ganz woanders. Die Erwartung, die maximale Speed sei quasi zu garantieren, ist Unsinn. Ich schließe mich Herrn Peters an. Ganz abgesehen davon, mich nervt der Speed-Götze. Der wird doch nur benötigt von Gamern und „aufs-Smartphone-Starrern“. Funklöcher stopfen wäre wichtiger-

  • @Michael Weltzien
    Wichtig ist hier immer die Formulierung „bis zu“. Wenn sie ein optimales Endgerät direkt an die Antenne halten und der Mobilfunkstandort auch mit einer entsprechenden Leitung angebunden ist und es auch sonst keine Störer gibt, dann kommen sie evtl. in die Nähe von 300 MBit/s. In der Praxis ist das nicht erreichbar.

  • „Geschwindigkeitslüge“ — ist das Handelsblatt jetzt auch auf Boulevardniveau angekommen? Die technisch maximalen Datenraten einer Mobilfunktechnologie sind für einzelne Nutzer unter realistischen Bedingungen nie und nimmer erreichbar, das ist schlichte Physik. Die tatsächliche Datenrate hängt von vielen Faktoren ab, z.B. Abstand zur Antenne, Dämpfung durch Störer wie Gebäude, andere Teilnehmer, mit denen man sich das Signal teilt, Qualität des Handys; selbst das Wetter kann eine Rolle spielen. Daher sagt auch kein Mobilfunkbetreiber irgendeine Datenrate fest zu. Klar kann man die Versorgung verdichten und so die Datenraten verbessern, aber das kostet auch enorm viel Geld. Warum sollten Telekom, Vodafone oder Telefónica irgendein Dorf in der Lüneburger Heide so ausbauen, dass man noch auf dem Acker 100 Mbps bekommt? Die Mobilfunkanbieter sind privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen und folgen wirtschaftlichen Zielen. Da liegt es an der Politik, entsprechende Anreize zu schaffen, wenn man diese qualitativ hochwertige und eben auch extrem teure Versorgung für Deutschland sinnvoll hält. Bislang kommt da aber nicht viel.

  • Der Artikel beantwortet nicht die Frage: Warum die Datenübertragung langsamer ist, als die Konzerne versprechen. Der Artikel erklärt lediglich, das es so ist. Mich würde eher interessieren, warum kommen den beim Endkunden (Beispiel Telekom) keine 300 Mbit an, wenn sie doch versprochen werden.

    Oder soll die Erklärung sein, dass die Hardware der Flaschenhals ist? Heißt das dann es gibt gar keine Smartphones, die in der Lage sind 300 Mbit zu empfangen? Dann müssten die Anbieter, den Datensatz pro Gerät ausweisen, um den Kunden nicht in die Irre zu führen.

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