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Alibaba, Huawei und Co. Chinas IT-Talente wehren sich gegen Ausbeutung – doch der Zeitpunkt ist ungünstig

Tech-Arbeiter in China fordern endlich bessere Arbeitsbedingungen. Da der IT-Jobboom ins Stocken kommt, rücken ihre Wünsche aber in weite Ferne.
28.09.2019 - 13:31 Uhr Kommentieren
Der Gründer des größten chinesischen Onlinehändlers ruft seine Mitarbeiter auf, viel zu arbeiten und in ihrer Freizeit viele Kinder zu zeugen. Quelle: Reuters
Alibaba-Gründer Jack Ma bei einer Massenhochzeit von Angestellten

Der Gründer des größten chinesischen Onlinehändlers ruft seine Mitarbeiter auf, viel zu arbeiten und in ihrer Freizeit viele Kinder zu zeugen.

(Foto: Reuters)

Peking Bo Ao kennt die Annehmlichkeiten der chinesischen Technologieindustrie: Als er einen Job bei einem großen Onlinehändler bekam, verdoppelte sich sein Gehalt sofort von 14.000 auf 28.000 Yuan (circa 3500 Euro). Der Stolz, einen besonders begehrten Job ergattert zu haben, kam dazu: „Bei diesem Unternehmen arbeiten zu können ist, wie eine Meisterschaft zu gewinnen“, sagt der 29-jährige Softwareentwickler.

Und der gewaltige Campus des Unternehmens ist wie eine eigene Welt. In der Firmenzentrale finden sich Bankautomaten, Restaurants, Fitnessstudios – alles, was man zum Leben braucht. „Man kann darin Monate verbringen, ohne jemals die Außenwelt betreten zu müssen“, sagt Bo.

Bo Ao kennt auch die dunklen Seiten der Internetbranche: Er arbeitete häufiger bis drei Uhr früh. Nicht nur, wenn ein dringendes Projekt fertig werden musste, sondern regelmäßig. Das Unternehmen könne nur durch den Fleiß und die Hingabe der Mitarbeiter Marktführer bleiben, sagten sie ihm. Manche Kollegen brachten deswegen gleich ihre eigenen Zelte und Ausklappbetten mit, um durcharbeiten zu können.

Kurz nachdem er bei dem Tech-Riesen anfing, nahm der Basketball-Fan erst einmal fast zehn Kilo zu. Er saß nur noch den ganzen Tag; und hatte plötzlich auch keine Zeit mehr für Freunde oder gar eine Freundin. Bis heute bekommt er das unaufhörliche Klingeln nicht mehr aus dem Kopf. „Bis ein Uhr nachts war das so“, sagt er.

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    Als Mitglied eines Teams, das für Funktionen der Produktsuche zuständig war, bekam er viele Anweisungen durch eine Chat-Gruppe mit Hunderten von Mitgliedern. Die Nachrichten konnte er nicht abstellen – für den Fall, dass eine ihn betraf.

    Lange Arbeitsnächte

    Die Namen Alibaba, Tencent oder Huawei kennt jeder. Ihren Aufstieg in den IT-Olymp mit Milliardenbewertungen verdanken sie vielen Dingen – aber nicht zu unterschätzen sind die vielen Arbeitsnächte ihrer Abertausenden Mitarbeiter. Lange konnten Chinas Tech-Bosse davon ausgehen, dass sich junge Entwickler wie Bo auf härteste Arbeitsbedingungen einlassen – oder wenn nicht, dass sie andere Talente finden.

    Doch die Zeiten ändern sich. Zumindest dachten das Techies wie Bo. Der hatte nach vier Monaten genug und kündigte seinen Job. Er war sich sicher, dass er als Softwareentwickler schon nach kurzer Zeit eine neue Stelle finden würde – mit humaneren Arbeitszeiten. Die Wut von Entwicklern wie Bo richtet sich gegen die sogenannte „996“-Kultur. Damit gemeint sind die langen Arbeitszeiten bei den Tech-Konzernen: von neun Uhr morgens bis 21 Uhr abends, an sechs Tagen die Woche.

    Allerdings kommt die Gegenwehr der Angestellten zu einer ungünstigen Zeit. Chinas Wirtschaftswachstum schwächt sich ab, die Finanzierung von Start-ups wird schwieriger. Von Fachkräftemangel kann kaum die Rede sein, ganz im Gegenteil. Im ersten Quartal 2019, meldet Zhaopin, ist die Zahl der offenen Stellen im Tech-Sektor um 25 Prozent gefallen, jedoch die Zahl der Jobsuchenden um 37 Prozent gestiegen.

    Laut dem chinesische Jobsucheportal beläuft sich das Verhältnis zwischen Bewerbern für einen Job und offenen Stellen in einer Tech-Firma auf 32 zu eins. Laut der Netzwerkplattform LinkedIn sind Firmen wie Alibaba, Baidu, der TikTok-Betreiber Bytedance oder das Auto-Start-up Nio die beliebtesten Arbeitgeber bei jungen Arbeitnehmern – und können sich die Mitarbeiter unter unzähligen Bewerbern aussuchen.

    Der Ärger begann im vergangenen Frühjahr. Die Chefs des E-Commerce-Portals Youzan forderten auf einer Jahresfeier ihre Mitarbeiter zu mehr 996-Arbeitsethos auf. Die Firma betreibt Onlineshops für Unternehmen, die dafür eine Gebühr bezahlen müssen. Die Manager kündigten an: Wer länger als drei Tage in den Urlaub wolle, müsse das eigens beantragen.

    Nachdem dieser Vorfall in den sozialen Medien gepostet wurde, brach ein digitaler Sturm der Entrüstung aus. Der Vorschlag einer Internetnutzerin, die „Firma zu verlassen und reisen zu gehen“, wurde mehr als 2000-mal mit „Like“ versehen. Ein anderer Kommentar, die Forderungen zu „zerschlagen“, fand fast 1000-fache Zustimmung.

    Gesetzlich nicht vorgesehen

    Der Frust sitzt tief in China. Fast 90 Prozent der jungen chinesischen Angestellten, so fand LinkedIn heraus, leisten regelmäßig Überstunden, die häufig nicht bezahlt werden. Das ist laut chinesischem Arbeitsrecht eigentlich nicht erlaubt: Es legt den Achtstundentag als Norm fest, pro Tag sollten höchstens drei Überstunden anfallen; pro Monat nicht mehr als 36. Doch diese Ansprüche werden von den Firmen selten beachtet – und von der Regierung und den staatlich kontrollierten Gewerkschaften kaum durchgesetzt.

    Ende März veröffentlichten zwei Aktivisten die sogenannte „Anti-996-Lizenz“ auf der öffentlich zugänglichen Plattform Github. Unternehmen, die Softwareprodukte mit dieser Lizenz nutzen wollen, müssen sich dann dazu verpflichten, die lokalen Arbeitsgesetze sowie die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation zu erfüllen. Dazu gehört auch das Recht der Arbeitnehmer, sich gegen Zwangsarbeit auszusprechen und im Kollektiv Verhandlungen zu führen. 

    Die Bosse der chinesischen Internet-Großkonzerne zeigten sich wenig beeindruckt und outeten sich als Freunde frühkapitalistischer Arbeitszeiten. Alibaba-Gründer Jack Ma nannte 996 im April „einen Segen“ und fragte in einem öffentlichen Post auf WeChat: „Wenn jemand nicht willens ist, sich mehr Mühe zu geben, wie will diese Person dann erfolgreich sein?“ Liu Qiangdong, Gründer und Vorsitzender von JD.com, teilte die Meinung seines Rivalen. „Wir brauchen diejenigen nicht, die bequem acht Stunden arbeiten.“

    Die offiziellen Medien der Kommunistischen Partei beziehen dagegen die Position der Aktivisten. Die Parteizeitung „People’s Daily“ veröffentlichte einen Kommentar, in dem sie mahnte: Wer gegen 996 sei, sei nicht gleich ein Faulenzer. Hart zu arbeiten sei eine Art, Einsatz zu zeigen. Effizienz sei eine andere Art.

    Jobs bei den Großkonzernen sind inzwischen umkämpft. Quelle: Visual China Group/Getty Images
    Alibaba-Mitarbeiter bereiten den „Singles’ Day“ vor

    Jobs bei den Großkonzernen sind inzwischen umkämpft.

    (Foto: Visual China Group/Getty Images)

    Vertrauen, dass die Regierung wirklich etwas ändern will, haben die Jungen allerdings kaum. „Am Ende ist das Wirtschaftswachstum noch immer der wichtigste Maßstab“, sagt die in Peking ansässige 28-jährige Softwareentwicklerin Tang Qiqi, die in öffentlichen Internetforen die 996-Kultur scharf kritisiert hatte. Die Tech-Unternehmen sollen weiter erfolgreich sein, lautet das Ziel der Regierung, sodass sie Arbeitsplätze schaffen und die Mittelschicht erweitern können.

    Das wird in einer schwächelnden Konjunktur zunehmend schwerer – was die Verhandlungsposition der Unternehmen stärkt: Die Forderungen der Tech-Arbeiter nach besseren Arbeitsbedingungen prallen auf die Realität eines sogenannten „Tech-Winters“. Nachdem Start-ups jahrelang mit Kapital überschüttet, mit politischen Freiheiten gesegnet und von Talenten überlaufen waren, verdüsterten sich die Aussichten.

    Der Boom lief 2014 mit dem Megabörsengang von Alibaba richtig heiß, bei dem der Onlinehändler 25 Milliarden Dollar einsammelte. Seitdem versechsfachten sich die Summe der Gesamtinvestitionen von 17 Milliarden Dollar auf 105 Milliarden Dollar im Jahr 2018.

    Allein im zweiten Quartal strichen der digitale Finanzdienstleister Ant Financial, selbst eine Alibaba-Tochter, 14 Milliarden Dollar und der E-Commerce-Herausforderer Pinduoduo drei Milliarden Dollar ein. Ein Jahr später ist die Lage deutlich härter: Im zweiten Quartal 2019 steckten Investoren nur noch 9,4 Milliarden Dollar in Tech-Unternehmen, 77 Prozent weniger als im selben Zeitraum 2018. Der Handelskrieg zwischen Peking und Washington sowie Chinas schwächelnde Konjunktur haben die Stimmung unter den Investoren weiter getrübt.

    In einem Blogpost, das sich im chinesischen Internet rasend schnell verbreitete, schrieb Wang Xing, CEO des Lieferdienstes Meituan: „Mir ist eine Redewendung zu Ohren gekommen: 2019 wird das schlechteste der letzten zehn Jahre sein, aber das beste der nächsten zehn Jahre.“ Anders ausgedrückt: Zieht euch warm an, liebe Angestellte. Wenn ihr das für eine Krise haltet, habt ihr noch nichts gesehen. Kurz darauf entließ der Unternehmer mehr als 250 Mitarbeiter.

    Auch die Chefs von Youzan verbanden ihre Predigt zum 996-Arbeitsethos mit einem Ultimatum: Wem das nicht gefalle, solle selbst die Firma verlassen. Kurz zuvor hatten sie eine Kürzungs- und Entlassungsrunde angekündigt. Beim Uber-Konkurrenten Didi, bei JD.com oder dem chinesischen Ableger des US-Risikokapitalfonds Sequoia – überall werden Stellen abgebaut.

    Innerer Gehorsam
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