1. Startseite
  2. Technologie
  3. IT + Telekommunikation
  4. Fernride: Start-up & VW testen ferngesteuerte Lkw

Automatisiertes FahrenVW und Fernride testen in Wolfsburg ferngesteuerte Lkw

Das Münchner Start-up soll Transporte auf dem VW-Werksgelände übernehmen. Teleoperation könnte damit ein massives Problem der Logistikbranche lösen.Larissa Holzki 27.04.2022 - 12:06 Uhr Artikel anhören

Fernride erlaubt es, Lkw per Fernsteuerung zu kontrollieren.

Foto: Handelsblatt

München. Milos Nesic sitzt in seinem Büro, der große Bildschirm vor ihm zeigt einen Parkplatz. Sein Bürostuhl: ein nachgebauter Lkw-Sitz mit Lenkrad, Pedalen, Ganghebel. Links neben der Notbremse hängt griffbereit ein Kaffeebecher. Rechts sind mehrere Knöpfe. Milos Nesic drückt den mit dem roten T.

Augenblicklich erhält sein Kollege Bernd Weißenböck über Mobilfunk ein Signal. Er sitzt 30 Kilometer entfernt am Steuer eines echten Lastwagens und guckt auf den echten Parkplatz. Er weiß nun, dass Nesic übernehmen will. Über Headsets wird das nochmal kommentiert: „Ich requeste Kontrolle“, sagt Nesic. Weißenböck entsperrt den Lkw und sagt: „Bestätigt“.

Der Mann im Büro steuert den Lkw nun von München aus, der Mann im Lastwagen in der Gemeinde Petershausen kann den Fuß vom Pedal nehmen. Heute wird er vor allem vor- und zurückrangiert werden – Weißenböck sitzt nur im Cockpit, um im Notfall eingreifen zu können.

Die beiden gelernten Berufskraftfahrer im Dienst des Münchner Start-ups Fernride üben für einen Einsatz bei VW. Es ist ein Realitätstest für das, was sich drei Absolventen der Technischen Universität München (TUM) ausgedacht haben: Jean-Michael Georg und Maximilian Fisser haben jahrelang geforscht, bevor sie mit Firmenchef Hendrik Kramer aus der Idee der Lkw-Fernsteuerung eine Geschäftsidee gemacht haben.

Mit acht Kameras erfasst der Lkw die Umgebung auf dem VW-Werkgelände.

Foto: Handelsblatt

In den kommenden zehn Wochen sollen Fernride-Teleoperatoren ihr Fahrzeug zwischen anderen Lastwagen, Gabelstaplern und Fußgängern bei Volkswagen hindurchsteuern und fertige Komponententeile im Werk von A nach B bringen.

Man kann auch sagen: Die Lkw-Fahrer üben für die Revolution. Die sogenannte Teleoperation soll die Logistikbranche verändern – und ihren Lehrberuf. Fernride könnte Lkw-Fahren zum Bürojob machen. Und es könnte mit weniger Fahrern mehr Fahrzeuge steuern, weil sie – statt auf Ladung zu warten – andere Fahrzeuge bewegen können. Das wäre ein Riesenhebel, nicht nur wegen der Einsparungen.

Die Logistikbranche in Deutschland leidet unter massivem Fahrermangel. Derzeit fehlten bis zu 80.000 Berufskraftfahrer, heißt es beim Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), das sind annähernd zehn Prozent der Stellen. Und die Situation spitzt sich weiter zu: 30.000 Renteneintritten pro Jahr stünden nur etwa 17.000 Berufseinsteiger gegenüber.

Wohin das führen kann, zeigt sich in England. Dort blieben schon im vergangen Jahr Supermarktregale leer, weil Speditionen keine Fahrer finden konnten. BGL-Vorstandssprecher Dirk Engelhardt warnte im Oktober davor, „auch in Westeuropa sehenden Auges in einen Versorgungskollaps“ zu laufen.

Fernride und Volkswagen wollen dem zuvorkommen und dem Engpass schon jetzt entgegenwirken. „Mit Teleoperation würden wir die Arbeitszeit eines Fahrers effizienter nutzen, weil seine Wartezeiten bis zur Entladung wegfallen“, sagt VW-Sprecherin Katrin Hohmann. Diese Standzeiten seien bei internen Transporten auf dem Werksgelände im Vergleich zum Fernverkehr relativ hoch.

Die Technologie: Antennen, Kameras und bunte Streifen

Das Fernride-Teleoperationssystem besteht aus drei Komponenten: Fahrzeug, Netzwerk und dem Arbeitsplatz des Operators, dem sogenannten Leitstand. Beim Fahrzeugtyp nutzt Fernride einen elektrischen Terminaltraktor des französischen Herstellers Gaussin, den sie mit Hard- und Softwarekomponenten aufrüsten.

Auffällig daran sind die LTE-Antennen. „Wir sind über das konventionelle Mobilfunknetz sechsfach redundant live mit dem Leitstand verbunden“, sagt Andreas Kustermann, Manager Teleoperations bei Fernride. Das Netzwerk sei das zentrale Element der Technologie. „Es ist sehr, sehr wichtig, dass keine Unterbrechungen eintreten.“

Damit Teleoperatoren wie Milos Nesic das Fahrzeug aus der Ferne kontrollieren können, sind acht Kameras am Truck installiert. In der Mitte des Bildschirms sieht der Teleoperator ein 180-Grad-Panorama, zusammengesetzt aus den Bildern von Kameras vorne links, rechts und der Mitte der Kabine.

Ex-MAN-Vorstand Holger Mandel (links) im Gespräch mit Fernride-CEO Hendrik Kramer.

Foto: Handelsblatt

Darüber sind drei Aufnahmen des Nahbereichs aus Vogelperspektive angeordnet. So kann man Fahrbahnmarkierungen und Bordsteine sehen. Zusätzlich ermöglichen zwei Spiegelkameras den Blick in die toten Winkel. Wie bei Parkassistenten im Auto zeigen bunte Linien beim Fahren, wohin sich das Fahrzeug bewegen wird.

Links unten auf dem Riesenmonitor kann Nesic auch die Latenz sehen, mit der die Videos übertragen werden. „Ein Bild braucht gerade 60 Millisekunden, um von der Kameralinse eingefangen, komprimiert, verschickt und angezeigt zu werden“, sagt Manager Kustermann. „Das ist relativ schnell, Blinzeln dauert 200 bis 300 Millisekunden.“

Das Projekt: VW fordert höchste Standards bei Sicherheit und Datenschutz

Fernride konzentriert sich auf drei Anwendungsfälle: Werksgelände, Logistikzentren, Hafenanlagen. Nach Erhebungen der Firma generieren diese Transporte allein in Europa jedes Jahr 5,4 Milliarden Euro Umsatz.

Bei VW in Wolfsburg soll Fernride leere Behälter und Komponententeile transportieren und zum Schluss über vier Wochen kontinuierlich Morgen- und Abendschichten übernehmen. Ein Sicherheitsfahrer bleibt die ganze Zeit über im Fahrzeug. Katrin Hohmann von Volkswagen sagt: „Ziel ist es, zu prüfen, ob ein Teleoperator die Aufgabe genauso gut erfüllen kann wie ein Fahrer, der physisch im Fahrzeug sitzt.“

Für das Münchner Start-up ist der Pilotkunde ein Glücksfall. „Bei einem Kunden wie Volkswagen ist es besonders wichtig, Anforderungen an Datenschutz, Cybersecurity und Sicherheit zu erfüllen“, sagt Fernride-Chef Kramer. Ein Werksgelände mit 20.000 Mitarbeitern und vielen verschiedenen Verkehrsteilnehmern gehöre zu den schwierigsten Szenarien. „Wenn wir die Ansprüche von VW erfüllen, werden wir auch mit jedem anderen Kunden kompatibel sein.“

Die Anwendungsfälle in Logistikzentren und an Häfen werden derweil mit DB Schenker und in Hamburg getestet.

Die Expertise: Erfahrene Logistiker unterstützen das Management

Äußerlich passt der 27-jährige Fernride-Chef Hendrik Kramer nicht ins Lkw- und Logistikgeschäft, das sonst eher grauhaarige Männer fortgeschrittenen Alters unter sich ausmachen. Doch mit seiner Expertise und dem tiefen Marktverständnis verblüfft und überzeugt er selbst gestandene Logistikmanager, Investoren und Fachkräfte. Einer von ihnen ist Holger Mandel, Ex-Vorstand beim Nutzfahrzeughersteller MAN. „Als Hendrik Kramer das erste Mal in mein Büro bei MAN kam, dachte ich: So ein Spinner!“, sagt er und lacht. Heute sei er mit seinem eigenen Geld investiert, berate die Firma und öffne Kramer weitere Türen.

Inzwischen sieht der 55-Jährige viele Anwendungsfälle für Fernrides Technologie und hält sie für einen wichtigen Baustein in der Mobilität der Zukunft: „Das teleoperierte Fahren wird helfen, das autonome Fahren im Markt zu etablieren“, sagt Mandel. Und es werde auch dauerhaft benötigt: „Jedes Fahrzeug, was bewegt wird, braucht irgendwann einen manuellen Eingriff.“

Andere Industrie-Experten übernehmen hohe Management-Positionen. Thomas Bock ist jüngst als Chef für das Operative eingestiegen. Er hat zuvor unter anderem bei Audi-Tochter AID die Geschäftsabläufe geleitet. Im Mai startet Martin Isik als neuer Chef fürs Kommerzielle und die Finanzen. Er hatte zuvor bei BMW die Geschäftsentwicklung im autonomen Fahren verantwortet.

Bisher hat Fernride zehn Millionen Euro Wagniskapital eingesammelt. Zu den Investoren zählt auch Fly Ventures. Partner Gabriel Matuschka hat sich den Markt für autonome Fahrzeuge und Telefahren genau angeschaut. Spannend an den Münchnern aus seiner Sicht: „Fernride kann mit dem Teleoperieren auf einem Werksgelände sehr, sehr kurzfristig ein Problem lösen.“

Entlastung für Lkw-Fahrer: Familie statt Raststätte

Beim Logistik-Branchenverband BGL wird indes weiter auf bessere Arbeitsbedingungen für die Lkw-Fahrer im klassischen Geschäft gesetzt, um dem Fahrermangel zu begegnen. „Das Thema automatisiertes Fahren sehen wir als keinen Ansatzpunkt für die kurzfristige Linderung des Fahrermangels“, sagt Vorstandssprecher Engelhardt. Zu viele Fragen zur Zuverlässigkeit und Einsatzfähigkeit der neuen Technologien seien noch offen.

Milos Nesic wird jedoch so schnell nichts überzeugen, in die alte Welt zurückzukehren. Bevor der Serbe zu Fernride kam, ist er als Fernfahrer durch Europa getourt.

Verwandte Themen
Einzelhandel
Deutschland
Logistik

Er erinnert sich noch, wie ihm im Heimaturlaub die Jobanzeige „Teleoperator/Sicherheitsfahrer“ auffiel. Das Bewerbungsgespräch habe er direkt für den nächsten Morgen ausgemacht. „Das war so speziell, dass ich meinen Urlaub unterbrochen habe und 1300 Kilometer nach München gefahren bin.“

Seine Motivation, in Wolfsburg alles richtig zu machen, ist vielleicht die stärkste: „Ich will kein Vater sein, der seine Familie nur an Wochenenden sieht.“ Wenn Lkw-Fahren zum Bürojob wird, muss er das auch nicht mehr.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt