Autonomes Fahren: Amazon-Tochter Zoox startet zweiten Robotaxi-Dienst der USA
Foster City. Die Zentrale des Start-ups Zoox liegt idyllisch direkt an der Bucht von San Francisco. Ein kleines Robotaxi surrt dort an einem sonnigen Januarnachmittag über den Parkplatz und öffnet die Türen, die wie bei einer U-Bahn zu beiden Seiten aufgehen.
Der Blick fällt in ein ungewöhnliches Fahrzeug ohne Lenkrad und Armaturenbrett. Von vorn sieht es genauso aus wie von hinten – weshalb es seine Fahrt in beide Richtungen aufnehmen kann.
Das Design ist mindestens eigenwillig, aber durchaus plausibel: ein Taxi für das Zeitalter autonom fahrender Autos, das auf das Wesentliche reduziert ist.
Und genau deshalb Erfolg haben könnte.
Denn während Konzerne wie General Motors den Traum vom selbstfahrenden Autos zuletzt aufgaben, wagt Zoox nun den nächsten Schritt: Schon in wenigen Monaten oder sogar Wochen will das Start-up seinen Fahrservice nicht mehr bloß Mitarbeitern, sondern jedermann anbieten – erst in Las Vegas und kurz danach in San Francisco.
Waymo als übermächtiger Konkurrent
Zoox, das 2020 von Amazon übernommen wurde, wäre in den USA dann bereits der zweite kommerzielle Taxidienst, der ohne Fahrer auskommt. Das ist auch deshalb überraschend, weil Konkurrenten wie Uber oder die General-Motors-Tochter Cruze ihre eigenen Versuche trotz Milliardeninvestitionen zuletzt einstellten. Der lange Pfad bis zur Profitabilität erschien ihnen zu kostspielig – erst recht angesichts der übermächtig erscheinenden Konkurrenz des Technologieführers Waymo, einem Schwesterunternehmen von Google.
Zoox ließ sich davon nicht beirren. Marc Wimmershoff, der als Ingenieur das autonome Fahrsystem verantwortet, erklärt die Strategie: „Wir wollen mit einem einfachen Produkt starten. Und dann langsam hochskalieren.“ Das heißt: Zunächst werden nur wenige Taxis in kleinen Geschäftsgebieten unterwegs sein, die Stück für Stück wachsen sollen. In einem zweiten Schritt sollen weitere Städte hinzustoßen. Derzeit fahren Testfahrzeuge bereits Miami und Austin ab.
Für Wimmershoff beginnt damit nun eine „sehr spannende“ Phase: Nach Jahren voller Tests und Vorbereitungen wird Zoox seine Vision endlich in der realen Welt ausprobieren.
Der Fahrzeugingenieur hatte nach Stationen bei Volkswagen und Tesla schon kurz nach der Gründung vor zehn Jahren bei dem Start-up angeheuert. Er stammt ursprünglich aus Deutschland, hat in Aachen promoviert und zeitweise auch für Waymo gearbeitet.
Wimmershoff kennt die Robotaxi-Szene aus dem Effeff. Neben einem guten Angebot habe ihn vor allem das Selbstverständnis zurück zu Zoox gebracht, sagt er. Den Gründern sei es nicht so sehr darum gegangen, „den Fahrer Stück für Stück aus der Gleichung zu entfernen“. Sie wollten das Auto von Grund auf neu entwickeln.
Jonathan Davenport, Senior-Analyst beim Marktforscher Gartner, hebt diesen Ansatz als „echtes Alleinstellungsmerkmal“ hervor. Er biete dem Start-up womöglich die entscheidende Chance, um im Wettrennen mit Waymo und anderen zu bestehen.
Hinter Zoox stehen der australische Designer Tim Kentley-Klay und der Ingenieur Jesse Levinson. Levinson entwickelte die Grundlagen des Konzepts an der Universität Stanford. Dort gehörte er damals zu den Star-Doktoranden von Sebastian Thrun, einem Deutschen, der einst bei Google die Grundlagen für Waymo legte. Kentley-Klay und Levinson verband die Vision eines möglichst einfachen, radikal reduzierten Elektrotaxis.
Wie ein Toaster auf Rädern
Heraus kam ein Fahrzeug, in dem ein Fahrer nicht mehr vorgesehen ist. Das Design erinnert an einen Toaster auf Rädern. Der fährt maximal 120 Kilometer pro Stunde und kann zum Lenken alle vier Räder drehen. Das Start-up baut die Fahrzeuge in einer Fabrik auf der anderen Seite der Bucht selbst zusammen. Zu den Zulieferern gehört auch das deutsche Unternehmen Continental.
Zur Strategie von Zoox gehört es, in seinen Fahrzeugen von Anfang an auf günstige Materialien wie Plastik zu setzen. Oder auf dünne Polster statt weicher Ledersitze. Angeordnet sind die Sitzbänke jeweils gegenüber, damit die Mitfahrenden sich einfacher unterhalten können. Passagiere werden wie bei Waymo mit Entspannungsmusik empfangen, die sich ebenso anpassen lässt wie die Klimaanlage. Eine Testfahrt des Handelsblatts zu Zoox’ zweitem Büro in Foster City verlief angenehm wie unauffällig.
Das fokussierte Konzept dürfte dem Start-up vor allem Kosten sparen. Details in Sachen Kosten gibt Zoox zwar nicht preis, aber klar ist, dass die mintgrün-schwarzen Autos erheblich günstiger sein dürften als etwa die umgebauten, relativ wuchtigen Jaguar-Modelle, die Waymo derzeit nutzt. Schätzungen zufolge bezahlt die Alphabet-Tochter mehr als 150.000 Dollar pro Stück, weshalb Waymo die weißen Elektrolimousinen bald durch spartanischer ausgestattete Modelle des chinesischen Herstellers Zeekr ersetzen wird.
Bei aller Sparsamkeit ist es Ingenieur Wimmershoff wichtig zu betonen, dass das Thema Sicherheit oberste Priorität habe. Besonders stolz ist er auf den Airbag, der sich von oben jeweils einzeln um die Passagiere lege.
Gerade bei diesem Thema muss Zoox sich mit Waymo messen, dem bereits mehrere Tausend Fahrgäste pro Woche ihre Gesundheit anvertrauen. In San Francisco gelten die Robotaxis mittlerweile gar als Premiumalternative zu Uber. Sie sind in der Regel sauberer und legen mitunter einen angenehmeren Fahrstil an den Tag als so mancher Uber-Fahrer. Den Kunden fällt es leicht, zu vergessen, dass sie von einem Computer chauffiert werden.
Zumindest bislang ist Zoox in diesem Punkt relativ unauffällig. Im vergangenen Mai hatte die National Highway Traffic Safety Administration eine Untersuchung gestartet, nachdem ein Toyota-Testfahrzeug des Unternehmens plötzlich und stark gebremst hatte und damit den Sturz zweier Motorradfahrer verursacht hatte. Davon abgesehen ist die Sicherheitsbilanz bislang unproblematisch.
Gartner-Analyst Davenport geht dennoch davon aus, dass die Skalierungsphase kritisch werde. Denn schon ein einziger Unfall könne ein „unumstößlicher Rücksetzer“ sein. Das zeigt das Beispiel der General-Motor-Tochter Cruze: Nach einem schweren Zwischenfall mit einem Fußgänger im Oktober 2023 wurde der Betrieb zunächst zeitweise und später ganz eingestellt.
Langfristig sieht Davenport Zoox’ Stärken vor allem in der Finanzkraft und den IT-Ressourcen von Mutter Amazon, die über die größte Cloud-Infrastruktur der Welt verfügt. Hinzu kommt: „Wenn sie mit sehr niedrigen Preisen angreifen, könnten sie den Markt umdrehen“, sagt Davenport. Amazon habe Erfahrung damit, Firmen zu kaufen – und aus ihnen „etwas sehr Wertvolles zu machen“.
Erstpublikation: 30.01.2025, 12:40 Uhr.