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Bits & Pretzels Die Billionen-Dollar-Chance: Wie Start-ups den Klimawandel bekämpfen wollen

Nur mit Verzicht lässt sich der Klimawandel nicht bremsen. Die Konferenz Bits & Pretzels zeigt: Mit Innovationen wollen Start-ups die Wirtschaft umweltfreundlicher machen.
Update: 30.09.2019 - 18:34 Uhr 2 Kommentare
Ex-US-Präsident Barack Obama begrüßt die Gründer des Investorentreffens Bits & Pretzels. Quelle: dpa
Bits & Pretzels

Ex-US-Präsident Barack Obama begrüßt die Gründer des Investorentreffens Bits & Pretzels.

(Foto: dpa)

München Es ist kein Geringerer als Barack Obama, der den Gedanken auf der Start-up-Konferenz Bits & Pretzels als Erster formuliert: „Wir müssen technische Wege finden, unsere CO2-Emissionen zu reduzieren“, mahnt er schon bei der Eröffnung am Sonntag. „Dazu braucht es eine gesellschaftliche Bewegung – in der müssen Gründer ihre Rolle spielen.“

Der Traum von der Klimarettung ohne Verzicht elektrisiert die Branche auf ihrem Münchener Treffen, das am Dienstag endet. Schließlich glaubt die Start-up-Welt schon immer an die Verbesserung der real existierenden Wirtschaft durch Technik und Disruption – oder behauptet das zumindest. Sie sieht in der Klimarettung den nächsten lukrativen Business-Case.

So erreicht der Effekt der Fridays-for-Future-Bewegung auch die Start-up-Szene – wenngleich diese statt eines Aufrufs zum Verzicht darin eine Aufforderung sieht, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Noch ist vieles allerdings eine reine Absichtserklärung.

„Meine Hoffnung ist, dass wir beim Thema emissionsfreie Energie einen Durchbruch erleben, etwa mit Bill Gates’ Clean-Energy-Fonds – und das schnell groß machen können“, sagte LinkedIn-Mitgründer Reid Hoffman. Microsoft-Gründer Gates hatte den 100 Millionen Euro schweren Kapitaltopf Ende Mai zusammen mit der EU aufgelegt. Das soll Start-ups in dem Bereich antreiben.

Die Bits & Pretzels sendet dafür ein Signal: Den Start-up-Wettbewerb hat am Montag Hawa Dawa gewonnen. Das vor drei Jahren gegründete Münchener Start-up stellt Luftmessgeräte in Städten auf und verkauft die Messdaten an Kommunen und Unternehmen. „Wir haben von drei Business-Angels 1,1 Millionen Euro für den Start bekommen. Jetzt suchen wir Investoren für weitere fünf Millionen Euro“, sagt Mitgründerin und Finanzchefin Yvonne Rusche dem Handelsblatt. Eine halbe Million Euro Umsatz sei seit Gründung bereits zusammengekommen, ein großes Pilotprojekt in Bayern läuft. Jetzt will sie die Idee großflächig ausrollen – befeuert von der Klimaschutzdebatte.

„Viele Start-ups haben Klimaschutz längst als Kernthema entdeckt“, sagt Bits-&-Pretzels-Gründer Andreas Bruckschlögl dem Handelsblatt. „Gründer und ihre Start-ups können bei den wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit sehr viel bewegen, etwa bei der Zukunft von Mobilität und Urbanisierung oder beim Klimawandel“, sagt Bruckschlögls Partner Felix Haas.

Das Marktumfeld verändert sich stark

Bislang ist die Anzahl von deutschen Start-ups, die sich im Kern‧geschäft mit Nachhaltigkeit beschäf‧tigen, allerdings noch sehr überschaubar. Das 2010 gegründete Unternehmen Sonnen ist mit seinen Akkus für private Solaranlagen ebenso Vorreiter wie das ein Jahr zuvor gegründete virtuelle Kraftwerk Next Kraftwerk. Das saarländische Start-up Kraftblock ist mit Industriespeichern für die Industrie dank des „Höhle der Löwen“-Investors Frank Thelen bekannt geworden.

Das 22 Jahre alte Münchener Supraleiter-Unternehmen Theva hat frisches Risikokapital unter anderem von EnBW bekommen und plant mit den Stadtwerken in München eine zwölf Kilometer lange Pilot-Stromleitung, die den Energieverlust minimieren soll. Dazu kommen kleine Neugründungen wie die ambitionierte Hamburger Plattform Circplus für den Handel mit Recyclingplastik, die derzeit Partner aus der Branche akquiriert.

Auf der Bits & Pretzels präsentieren sich dagegen auch in diesem Jahr eher Gründer, die auf bislang angesagte Themen wie Business-Software und Mobilität setzen. Denn ohne einen spürbaren Preis für CO2 rechnen sich Investitionen in Klimaschutz kaum. Doch deutsche Investoren erwarten, dass sich die Start-up-Szene bald verstärkt Geschäftsmodellen zuwenden wird, die den Klimawandel direkt angehen.

„Es gibt eine starke Notwendigkeit, den Klimawandel durch technische Lösungen anzugehen – denn Verzicht auf breiter Front wird sich schlichtweg nicht durchsetzen lassen“, sagt Holtzbrinck-Ventures-Partner Christian Saller dem Handelsblatt. „Ich erwarte, dass wir in den kommenden ein bis zwei Jahren dazu viele Gründer sehen werden.“ Schon jetzt diskutiere Holtzbrinck Ventures mit bestehenden Portfoliounternehmen wie Flixbus und der Onlinespedition Sennder regelmäßig Nachhaltigkeitsthemen im Board. Unternehmen, die sich ausschließlich mit dem Klima beschäftigen, hat der Investor bislang noch nicht im Portfolio. Doch das könnte sich ändern. „Starke Veränderungen im Marktumfeld, wie sie derzeit durch die Klimabewegung vor sich gehen, bieten Start-ups immer Chancen“, meint Saller. Nötig sei allerdings politische Regulierung etwa durch einen spürbaren Preis für CO2-Emissionen. Dann wären etwa Softwarelösungen für die effizientere Steuerung von Gebäudetechnik oder Industrieanlagen schnell rentabel.

Teil des Bühnenprogramms der Bits & Pretzels ist das Thema Kreislaufwirtschaft. „Bei Circular Economy geht es nicht um Recycling, es geht nicht um Müllmanagement“, erklärte Antonia Gawel, die beim World Economic Forum die gleichnamige Initiative leitet. „Es geht darum, ein ganzes System neu zu designen und neu darüber nachzudenken, wie wir Produkte designen, nutzen, wiederverwenden, länger behalten und ihr Material weiterverwerten.“

Gawel wies auch auf das damit verbundene ökonomische Potenzial hin. „Unternehmer auf der ganzen Welt erkennen, das hier ist nicht einfach ein Problem: Es ist eine Billionen-Dollar-Chance.“ Neue Technologien wie Künstliche Intelligenz und Blockchain sind genauso Treiber für solche Lösungen wie Start-ups, die etwa an wiederverwendbaren Verpackungen tüfteln.

Mit einer App gegen Lebensmittelabfälle

Auch Louise Koch, Nachhaltigkeitschefin beim US-Computeranbieter Dell, sieht Gründer in der Pflicht. „Ich glaube, dass multinationale Unternehmen bei Nachhaltigkeit ihre Rolle spielen müssen, doch der wirkliche Schub wird von kleinen Unternehmen kommen“, zeigt sie sich überzeugt.

Gründer könnten ihre Organisation viel konsequenter auf Klimaschutz ausrichten als Großkonzerne. „Das Einfache daran, Gründer zu sein, ist, dass du alle Entscheidungen selbst triffst“, gibt sie den Konferenzteilnehmern mit auf den Weg – und zitiert eine eindrucksvolle Studie der Beratung Accenture: Demnach gibt es für IT-Anwendungen zur Nachhaltigkeit bis 2030 ein Marktvolumen von kaum vorstellbaren 2,1 Milliarden Dollar. IT-Lösungen könnten demnach die CO2-Emissionen um ein Fünftel reduzieren, ebenso ein Fünftel aller Nahrungsmittelabfälle verhindern.

Wie das konkret aussehen könnte, zeigt Elsa Bernadotte. Die Gründerin der schwedischen App Karma bekämpft Nahrungsmittelverschwendung ganz konkret: Ladenbesitzer und Restaurants können kurz vor Ladenschluss über die App verderbliche Lebensmittel zum halben Preis anbieten.

Damit werde der Kampf gegen Nahrungsmittelverschwendung plötzlich vom Kostenfaktor zum Geschäftsmodell. In Schweden nutzen ihren Angaben zufolge bereits fünf Prozent der Bevölkerung die App, die mittlerweile auch in Paris und London gestartet ist. „Wir müssen es Verbrauchern leicht machen, Teil des Wandels zu sein“, sagte Bernadotte. Schließlich sei Lebensmittelverschwendung für fast so viel Kohlendioxidemissionen verantwortlich wie die gesamte chinesische Volkswirtschaft.

Ein Beispiel wie gemacht für die Veranstalter, um es auf großer Bühne zu präsentieren. Den diesjährigen Appell an die Verantwortung von Gründern sollen die Teilnehmer nicht missverstehen „Bits & Pretzels wird sich jetzt nicht zum Charity-Event oder zu einer Konferenz für grüne Technik wandeln. Wir stellen auch immer die Frage nach dem soliden Geschäftsmodell hinter der Idee“, sagt Mitveranstalter Bernd Storm van’s Gravesande.

Sein Kollege Felix Haas erklärt es an einem Beispiel. Vor zehn Jahren habe man beim Thema „bio“ an „komische Vögel mit Birkenstock-Sandalen gedacht“. Irgendwann hätten die Leute gemerkt: So doof ist das gar nicht. Und dann bringt er die Mission der drei Veranstalter auf den Punkt: „Wir wollen dazu beitragen, dass es geil ist, sich unternehmerisch mit den spannenden und wichtigen Themen für die Welt auseinanderzusetzen.“

Mehr: Martin Schichtels Wärmespeicher können Energie ohne große Verluste speichern. Investor Frank Thelen glaubt: Das Start-up Kraftblock könnte sich zum Milliardenunternehmen entwickeln.

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2 Kommentare zu "Bits & Pretzels: Die Billionen-Dollar-Chance: Wie Start-ups den Klimawandel bekämpfen wollen"

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  • Ich habe mich gefragt, warum halbwegs rationale, wenn auch sehr fokussiert, Menschen die Apokalypse mitspielen.
    Der Artikel klärt es.
    CO2-Bepreisung ist eine Subvention wie die der "Erneuerbaren".
    "Nötig sei allerdings politische Regulierung etwa durch einen spürbaren Preis für CO2-Emissionen"
    Eine garantierte Geldquelle.
    Noch ein bemerkenswerter Aspekt.
    Bill Gates investierte 100MIO,
    im Anbetracht seines Vermögens und der nahen Apokalypse ein Fliegenschiß.
    Ist die 10-Jahre nahe Apokalypse doch nicht so so nah oder alternativlos ?

  • "Nur mit Verzicht lässt sich der Klimawandel nicht bremsen."
    Das ist richtig. Aber nur mit neuen Technologien eben auch nicht. Trotz allem technischen Fortschritts ist der Ausstoß an Treibhausgasen in den letzten Jahrzehnten nicht zurückgegangen. Es ist naiv zu glauben, dass man mit neuen Technologien allein die notwendige schnelle Reduktion von Treibhausgasen erreicht. Bis 2030 müssen die CO2-Emissionen um 45 Prozent reduziert werden. Das sind nur 11 Jahre!