Cebit 2018 Die zweite Welle der Digitalisierung macht deutschen Unternehmen zu schaffen

Technologien wie KI und Blockchain stehen vor dem Durchbruch. Die Cebit zeigt: Deutsche Firmen erkennen die Bedeutung, tun sich aber mit der Umsetzung schwer.
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Das Luft-Taxi bietet Platz für zwei Personen. Quelle: dpa
Am Stand von Intel steht die Drohne „Volocopter 2X“

Das Luft-Taxi bietet Platz für zwei Personen.

(Foto: dpa)

HannoverNavigationsgeräte mit Zielführung zu freien Parkplätzen, Handys mit WLAN-Adapter und Mini-Notebooks mit Windows XP: Die Trends der Cebit 2008 klingen heute seltsam fremd. Wenn diese Woche rund 200.000 Besucher über die IT-Messe in Hannover laufen, können sie einen Roboterhund streicheln, Tankstellen für Elektroautos besichtigen oder per Virtual-Reality-Brille auf den Mond reisen.

Zehn Jahre machen tatsächlich einen gewaltigen Unterschied aus. Dieser Fortschritt könnte im Rückblick jedoch läppisch erscheinen.

Technologien wie künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge und Blockchain stehen vor dem Durchbruch. Und sie bergen tiefgreifende Veränderungen für praktisch alle Unternehmen und Märkte – von der Pflege bis zur Autoindustrie.

Auf der Technologiemesse Cebit, die diese Woche in Hannover stattfindet, stehen sie bei vielen Ausstellern im Mittelpunkt. Auch in den Vorständen und bei IT-Chefs stehen die zukunftsweisenden Themen oben auf der Agenda.

Nach einer Umfrage des Technologieverbands Bitkom hat das Internet der Dinge, das für die Vernetzung von Geräten wie Maschinen und Fahrzeugen steht, für drei von vier Entscheidern große Bedeutung (76 Prozent), gefolgt von Big Data (74 Prozent), Robotik (66 Prozent), Datenbrillen (57 Prozent) und 3D-Druck.

Künstliche Intelligenz nennt jeder Zweite (51 Prozent). „Die Unternehmen haben die immense Bedeutung digitaler Schlüsseltechnologien erkannt“, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg zum Auftakt der Messe. „Jetzt müssen wir zügig in die Umsetzung kommen.“

An der Nutzung von „Deep Technology“, wie viele in der Branche sagen, hapert es in Deutschland allerdings. Big Data – also die Auswertung großer Datenmengen – nutzen zwar vergleichsweise viele Unternehmen (57 Prozent), andere Technologien setzen sie jedoch noch zögerlich ein.

Die befragten Führungskräfte schieben das auf verschiedene Faktoren. Sie nennen hohe Anforderungen an den Datenschutz (63 Prozent) und technische Sicherheit (54 Prozent), aber auch fehlende Zeit (32 Prozent). Das liegt nicht zuletzt an der guten Entwicklung der vergangenen Jahre: „Die Wirtschaft boomt, deswegen fehlt die Zeit für Digitalisierung“, beobachtet Berg.

Was der Bitkom nicht abgefragt hat, aber auch eine Rolle spielen dürfte, ist die Firmenkultur. Die Beratung ET Venture hat erhoben, dass 58 Prozent der Großunternehmen bei der digitalen Transformation die „Verteidigung bestehender Strukturen“ durch eigene Mitarbeiter als größte Hürde sehen, wie der Marktforscher GfK für das Beratungsunternehmen ET Ventures ermittelt hat.

Gerade einmal 38 Prozent halten die eigene Belegschaft für ausreichend qualifiziert. Digital ist nicht angesagt. Die richtigen Leute sind nur schwer zu bekommen.

Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) warnte auf der Cebit, dass sich die Lage auf dem IT-Arbeitsmarkt zuspitze. In Schnitt seien gut 41.000 Informatikerstellen offen. Die Konsequenz: Viele Unternehmen vergeben Aufgaben nach außen – oder sie verschieben wichtige Projekte.

„Das bedeutet einen Geschwindigkeitsverlust, der besonders hohe Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Markt hat“, warnt Dieter Westerkamp, Bereichsleiter beim VDI.

Dabei ist Technologie für die Innovationskraft entscheidend. In der ersten Welle der Digitalisierung sei es darum gegangen, Maschinen und Produkte ins Netz zu bringen, sagt Frank Riemensperger, Geschäftsführer von Accenture Deutschland.

„In der zweiten Welle steht nun die Frage im Mittelpunkt, wie sich die dabei anfallenden Daten für neue Anwendungen nutzen lassen.“ Das gilt für alle Branchen. Der autonome Bus „Sedric“, den Volkswagen auf der Cebit zeigt, nutzt derartige Technologien genauso wie ein Maschinenbauer, der Gerätestunden statt Werkzeuge verkauft.

Künstliche Intelligenz: Von Drohnen und Walen

Wale sind schwer zu ergründende Wesen. Die Meeresriesen tauchen nur kurz an die Wasseroberfläche – daher ist es eine Herausforderung für Forscher, sie zu untersuchen.

Intel hat eine Lösung entwickelt, um das zu erleichtern: Drohnen kreisen über den Tieren, um ihre Fontänen mit Sensoren zu untersuchen – die Ausscheidungen geben Aufschluss über den Gesundheitszustand. Um welche Tiere es sich handelt, erkennt das Gerät automatisch per Bilderkennung.

Das Szenario, auf der Cebit zu sehen, ist ein Beispiel für den vielfältigen Einsatz künstlicher Intelligenz (KI). Kaum ein Technologiethema macht derzeit so viele Schlagzeilen.

Dabei geht es nicht um Visionen aus Hollywood, sondern um handfeste wirtschaftliche Vorteile: Nach einer Prognose der Unternehmensberatung PwC könnte die deutsche Wirtschaftsleistung bei richtigem Einsatz der Technologie bis zum Jahr 2030 um zusätzlich 11,3 Prozent oder 430 Milliarden Euro wachsen.

Autonomes Fahren benötigt KI. Quelle: imago/Chris Emil Janßen
Modell am Cebit-Stand von Volkswagen

Autonomes Fahren benötigt KI.

(Foto: imago/Chris Emil Janßen)

Das Feld ist weit und interdisziplinär. Die heutigen Anwendungen beruhen größtenteils auf dem maschinellen Lernen. In dieser Teildisziplin leiten Computer aus großen Datenmengen Erkenntnisse ab.

Eine Bilderkennung analysiert zum Beispiel Tausende Fotos von Walflossen, um selbstständig Regeln abzuleiten, wie sich die Tiere identifizieren lassen.

Dieses Prinzip lässt sich auf alle Bereiche übertragen, in denen Daten entstehen. Die Vibrationen oder Geräusche einer Maschine können beispielsweise Aufschluss darüber geben, wann ein Ausfall droht.

SAP demonstriert das auf der Cebit mit einem Riesenrad samt einem digitalen Zwilling, der den Zustand des Gerätes überwacht. Genauso ist es möglich, aus der Kaufhistorie zu erschließen, woran Kunden interessiert sind. Salesforce baut solche Funktionen in die Vertriebssoftware ein.

Nicht zuletzt benötigen Roboter und Drohnen KI: Ohne Bilderkennung ist ein autonomes Auto blind. Auch die Drohne von Intel benötigt solche Systeme, um zu den Walen zu fliegen.

Virtual Reality: Ab auf den Mond

Vodafone schießt Messebesucher zum Mond: Natürlich nicht in Wirklichkeit, sondern dank des Einsatzes von Virtual Reality (VR). Doch was ist eigentlich noch real?

Auf der Cebit verschwimmen die Grenzen zwischen den Welten – dank Technologie.

Der britische Telekommunikationskonzern hat das Potenzial um die erweiterte (Augmented) und die virtuelle Realität erkannt. Obwohl die dazugehörigen Brillen und Prozessoren aufgrund der meist hohen Kosten noch nicht den Durchbruch für den privaten Gebrauch geschafft haben, ist die Industrie bereits im Rausch der künstlichen Realität – nicht aus Spieltrieb, sondern weil die Technologie großes Potenzial verspricht.

Auf der Cebit wollen das nicht nur Vodafone oder die Facebook-Tochter Oculus Rift beweisen, sondern auch zahlreiche Start-ups.

Wenn der Telekom-Techniker klingelt, könnte er in Zukunft eine große Brille auf der Nase haben: Die sogenannte Hololens von Microsoft erlaubt dem Träger, programmierte Objekte wie etwa Bedienungshinweise zu sehen.

Der Techniker kann so zum Beispiel erkennen, an welchem Kabel er arbeiten muss, um eine Verbindung herzustellen oder an welcher Schraube er besser nicht drehen sollte. Die Telekom-Tochter T-Systems nutzt bereits derartige Brillen für Wartungsarbeiten.

Auf der Cebit präsentiert sich auch das Wiener Start-up Insider Navigation: Das Unternehmen bietet Navigationslösungen in Gebäuden an. Eine App überträgt die Elemente der Augmented Reality auf die Live-Bilder des Smartphones.

Zu den Kunden zählen Volkswagen oder die Flughäfen in Amsterdam und Wien.

Die Kunden besäßen komplexe Gebäude, sagt Gründer Clemens Kirner: „Wir können sie dabei unterstützen, die digitale und die physische Welt miteinander zu verbinden und so Prozesse wie zum Beispiel Logistik, Wartung oder Inspektion zu optimieren.“

Auch der Einsatz von virtueller Realität bietet viele Möglichkeiten: Der Mondflug von Vodafone ist da nur eine Spielerei, um Technologie anschaulich zu machen. Airbus nutzt sie zum Beispiel, um Kunden die Innenräume von Flugzeugen vorzustellen, bevor sie gebaut werden.

Der Einsatz bietet die Möglichkeit zur gemeinsamen Schulung von Mitarbeitern über Ländergrenzen hinweg oder Konferenzschaltungen.

Für diese Einsatzbereiche will auf der Cebit die Facebook-Tochter Oculus Rift werben. Auf der Messe zeigt sie erstmals auf einer deutschen Messe Oculus Go, das erste eigenständige VR-Headset des Konzerns.

Standbesucher sollen mehr darüber erfahren, wie Unternehmen Virtual Reality zur Entwicklung von innovativen Lösungen einsetzen, teilt Facebook mit: „Darunter Unternehmen wie Audi und DHL, die mit Oculus-Technologie ihre Geschäftsentwicklung in verschiedenen Bereichen vorantreiben.“

Der Autohersteller nutzt die Technologie für virtuelle Produkterlebnisse, der Logistikkonzern für interne Mitarbeiterschulungen.

Internet der Dinge: Alles wird vernetzt

Das Internet der Dinge (IoT) hat dieses Jahr eine eigene Halle auf der Cebit. Die Botschaft ist klar: Die Bedeutung von Produkten, die miteinander oder mit dem Internet verbunden sind, steigt rasant.

Halle 13 sei der „IoT-Hotspot“ der Messe, versprechen die Veranstalter. Dort stellt etwa der Technologiehersteller ZTE ein Projekt für drahtlose Ladekonzepte für vernetzte Fabriken vor.

Er zeigt, wie vernetzte Geräte das Stromnetz intelligent steuern. Und Teltonika demonstriert, wie vernetzte Autos das Flottenmanagement verbessern können.

Das Internet der Dinge spielt allerdings auch außerhalb der Halle 13 eine große Rolle. Am Stand von Salesforce etwa zeigt der Gaseproduzent Linde Health Care, wie Krankenhäuser mithilfe von vernetzten Gasflaschen günstiger wirtschaften können.

Damit auch Firmen, die keine eigenen Entwicklungszentren besitzen, vom Internet der Dinge profitieren können, dienen sich Dienstleister an, die Plattformen für den individuellen Gebrauch anbieten.

Einer davon ist t-matix solutions: Das Unternehmen verspricht, Fahrzeuge, Geräte und Maschinen von Kunden auf ihrer Plattform zu vernetzen und die Daten auszuwerten. Auch große Unternehmen wie die Software AG bieten über ihre Tochter Cumulocity eine IoT-Plattform an.

Der Bedarf scheint groß zu sein: Das Internet der Dinge sieht die deutsche Wirtschaft laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom als wichtigsten Technologie-Trend für Unternehmen, sogar noch vor der massenhaften Auswertung von Daten.

Den Marktforschern von Gartner zufolge ist die Zahl der mit dem Internet verbundenen Geräte seit zwei Jahren um mehr als 4,4 Milliarden auf 10,7 Milliarden Geräte gestiegen. In zwei Jahren sollen es noch einmal acht Milliarden mehr sein, heißt es.

Bis dahin sollen laut Gartner auch die Ausgaben für derartige Produkte von derzeit 2,1 Milliarden auf 2,9 Milliarden Dollar weltweit steigen. Knapp die Hälfte davon sollen Geräte für Endkunden, wie vernetzte Küchengeräte, ausmachen.

Blockchain: Dezentral speichern

Kaum eine Veranstaltung zur Digitalisierung kommt ohne eine Diskussion über die Technologie Blockchain aus.

Sie steht für Bitcoins, für Bankenschreck – für Innovation und Disruption. Kurz: Sie steht für Zukunft – und spielt damit bei der Cebit eine tragende Rolle. Die Veranstalter widmen Blockchain am letzten Messetag Ende der Woche sogar einen eigenen Summit.

Damit wollen sie zeigen, welche Szenarien bereits real sind und welche Konzepte sich abzeichnen. Die Blockchain-Technologie verändert Transaktionen zwischen zwei oder mehreren Parteien radikal. Vereinfacht gesagt, können sie digitalen Prozessen nun vertrauen.

Waren elektronische Informationen bisher relativ leicht manipulierbar, ist dies mit der Blockchain-Technologie nicht mehr möglich, sobald sie im System sind: Die Daten werden dezentral auf verschiedenen Geräte gespeichert und mit einer Art Siegel versehen, bei dem sofort auffällt, wenn etwas verändert wurde.

Laut einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom glauben 53 Prozent der Befragten, Blockchain habe große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen.

Welche Möglichkeiten die Technologie bietet, versuchen die Firmen gerade auszuloten.

Die IT-Beratungsgesellschaft Materna zeigt auf der Messe etwa ihr „Citizen Blockchain“-Projekt: Das Unternehmen hat eine Plattform auf Basis der Technologie gebaut, mit denen öffentliche Verwaltungen die Beteiligung von Bürgern bei öffentlichen Projekten erhöhen kann.

Die Menschen können über die Plattform Daten, etwa zur Luftverschmutzung, kaputten Straßenlampen oder auch Ideen für Grünflächen teilen und bekommen dafür „Citizen Blockchain Token“, eine Art Kryptogutscheine, die sie später in Schwimmbädern, Bussen oder anderen öffentlichen Einrichtungen eintauschen können.

Die Bürger können dank der Blockchain sicher sein, dass ihre Daten nicht manipuliert werden und der Vorgang transparent ist, verspricht Materna. „Dieses Projekt kann eine große Hebelwirkung haben, um Akzeptanz für die Technologie in der Fläche zu heben“, sagte Guido Weiland, Leiter Innovation Center bei Materna.

Smoothies weisen den Weg

Auch viele andere Unternehmen zeigen ihre Pilotprojekte: Der IT-Anbieter Hewlett Packard Enterprises will am Dienstag eine neue Blockchain-Plattform vorstellen, die er als „App-Store der Zukunft“ bewirbt.

IBM buhlt um Geschäftskunden mit einer Blockchain-Lösung, die für die Ansprüche von Unternehmen entwickelt wurde und den Aufbau und Betrieb eines institutionsübergreifenden Geschäftsnetzwerks beschleunigen soll.

Und das Walldorfer Unternehmen SAP zeigt am Beispiel der Entstehung eines Smoothie, wie Blockchains in der Logistik funktionieren können.

Fragen rund um das Trend-Thema Blockchain beantwortet die Fraunhofer-Gesellschaft in einer eigenen Blockchain-Academy.

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