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Essay von Timotheus Höttges „Wir sind kein Spielball der Digitalisierung“

Seite 2 von 2:
Das Wachstumskonzept, das wir kennen, passt nicht mehr
Kanzlerin in der Cebit-Realität
Eröffnungsfeier
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Mit dem traditionellen Rundgang von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Montag die Technologiemesse Cebit für Besucher begonnen. Bereits am Sonntagabend hatte die Kanzlerin eindringlich appelliert, vom digitalen Wandel verunsicherte Menschen nicht zu ignorieren. Es gehe um „Millionen von Menschen, die zum Teil noch nicht wissen, was sie erwartet“, sagt sie.

(Foto: dpa)
Partnerland Japan
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Zu der fünftägigen Veranstaltung mit über 3000 Ausstellern aus 70 Ländern werden rund 200.000 Besucher erwartet. Aus dem diesjährigen Partnerland Japan ist Ministerpräsident Shinzo Abe dabei.

(Foto: Reuters)
Sushi-Roboter
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Europa sei oft langsam bei der Digitalisierung, räumt Merkel ein. „28 Mitgliedstaaten müssen sich natürlich einbringen“, erklärt sie. „Aber wir spüren, dass auf der Welt das Tempo hoch ist, und mit Japan haben wir einen Freund, der sich dieses hohe Tempo zunutze macht.“ Beim Rundgang mit Abe schaut sich die Kanzlerin auch einen Sushi-Roboter an.

(Foto: Reuters)
Künstliche Intelligenz
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Premierminister Abe (r.) betont, Japan fürchte sich nicht vor Technologien wie der künstlichen Intelligenz: „Dass die Maschinen die Menschen ersetzen könnten, eine derartige Angst gibt es in Japan nicht.“

(Foto: AFP)
Roboterbeine
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Neben Drohnen gibt es auf der Cebit auch Roboter zu sehen. Hier begutachtet die Kanzlerin ein Gestell mit Roboter-Beinen, welches einmal Prothesen ersetzen könnte.

(Foto: AFP)
Blumen für den Ehrengast
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Telekom-Chef Tim Höttges, Angela Merkel, Shinzo Abe und Bildungsministerin Johanna Wanka am Telekom-Stand. Die IT-Leistungsschau will in diesem Jahr besonders den digitalen Wandel mit konkreten Beispielen anfassbar und erlebbar machen.

(Foto: Reuters)
„Umbruch aller Lebensbereiche“
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Die CDU-Politikerin hat bei dem Rundgang den Umbruch aller möglichen Lebensbereiche durch die Digitalisierung betont. Diese sei eine Tür in eine andere Welt des Wirtschaftens, Arbeitens und Konsumierens.

(Foto: Reuters)

Auch bei der Bekämpfung des Klimawandels hilft Digitalisierung. Denn die spart Ressourcen. Ein Beispiel: Aus einem Schlüssel wird eine App. Kein Metall mehr nötig. Keine Maschine zur Herstellung. Keine Energie dafür. Oder der Brockhaus in 24 Bänden. Für den Druck waren Tonnen von Papier nötig. Die Energie, die der Betrieb von Servern, Leitungen, Sendern und Empfängern verbraucht, um die Daten in Wikipedia zu speichern, beträgt Studien zufolge nur ein Zehntel im Vergleich zum Produktionsaufwand für die Bücher. Und online lebt ja auch der von mir wegen Qualität und Faktentreue geschätzte Brockhaus weiter.

Die Digitalisierung ist auch die Basis für die „Sharing Economy“. Sie steigert die Nutzung der vorhandenen Güter erheblich. Ein Auto zum Beispiel ist in erster Linie zum Fahren da. Aber zu 92 Prozent parkt es irgendwo. Der Sinn und Zweck eines Bohrers ist das Bohren. Aber in der Regel beschäftigt ihn das Schaffen von Löchern nur elf Minuten seiner Lebensdauer. Ist es also besser, sich einen eigenen Bohrer zu kaufen oder sich das Werkzeug mit anderen zu teilen? Ist es sinnvoll, in ein Auto und den entsprechenden Unterhalt zu investieren, wenn Sie sich eins mit Freunden oder Nachbarn teilen können? Und wäre das weniger ökologisch, ökonomisch und sozial oder mehr? Blablacar, Gett oder Lyft machen das Ganze auch noch einfach. Genau wie das Teilen von Büros bei wework. Oder sogar das Teilen des Internetanschlusses mit Fon.

Die beschriebenen Beispiele haben übrigens einen interessanten Nebeneffekt. Weil Carsharing oder die Nutzung von Wikipedia mehr oder weniger kostenlos sind oder zumindest deutlich preiswerter als das, was sie ersetzen, erkennt man den Zuwachs an Wohlstand und die Steigerung des Lebensstandards gar nicht am Bruttoinlandsprodukt. Das Wachstumskonzept, das wir aus der Vergangenheit kennen, passt nicht mehr. Wir zählen falsch. Das Wachstum ist da, aber es zeigt sich nicht mehr in den Kennziffern, die wir verwenden. Digitalisierung steht also auch für etwas, das man als „ungemessenes Wachstum“ bezeichnen könnte. Sie steht für neue Dimensionen der Effizienz und extrem hohe Produktivität.

Unterm Strich spricht also viel dafür, dass der weitere technische Fortschritt dazu beitragen wird, dass die Gegenwart von morgen noch besser sein wird als unsere heutige. Und sie wird auch dazu beitragen, dass viele Anwendungen aus unserem Alltag sehr viel einfacher und angenehmer werden. Wie das vernetzte Zuhause. Mit Sensoren und Kameras lassen sich die eigenen vier Wände sicherer machen. Manchmal hilft „Alarm machen“ eben doch. Gegen Einbrecher. Die Nachfrage ist enorm. Allein die Telekom hat bereits 14. 000 Smart-Home-Pakete verkauft.

Aber auch wir behaupten nicht, dass damit das ganze Leben smarter wird oder smarter werden muss. Es gibt Wahlfreiheit. Und jede Technik trägt die Antithese sozusagen in sich. Die Vinyl-Schallplatte war nie weg und kommt gerade wieder groß heraus. Und neben Amazon gibt es auch Manufaktum.

Vor allem aber müssen wir uns bewusst machen, dass geopolitische und ökonomische Probleme nicht „wegdigitalisiert“ werden können. Das wäre eine trügerische und zu romantische Hoffnung. Das Internet bringt uns nicht von selbst die Demokratie. Also sollte man es nicht daran messen. Vielmehr bieten jeweils neue Technologien neue Lösungen, aber bringen jeweils auch neue Probleme mit sich, die nur politisch und zivilgesellschaftlich angegangen werden können.
Was gehört also auf die Agenda, um technologischen und zivilisatorischen Fortschritt zu schaffen?

Erstens und immer: Bildung. Die Digitalisierung muss Einzug in die Klassenzimmer und Hörsäle halten. Es wird in Zukunft noch stärker darauf ankommen, Daten analysieren und Computer programmieren zu können. Die Förderung der MINT-Fächer, also Naturwissenschaften, Informatik und Mathematik, muss darum ausgeweitet werden. Es ist kein Zufall, dass die Telekom Stiftung mit einem Stiftungskapital von 160 Millionen Euro sich dieses Themas angenommen hat. Darüber hinaus muss in meinen Augen Programmieren Teil der Lehrpläne sein. Ebenso alles, was die Kreativität fördert. Denn das ist Voraussetzung für erfolgreiches Unternehmertum. Musik und Sport sollte man vor diesem Hintergrund sehr wertschätzen. Angesichts der eingangs erwähnten Debatten über enttäuschte Erwartungen an das Internet und die Digitalisierung plädiere ich darüber hinaus aber für eine noch sehr viel breiter angelegte Bildungsinitiative. Nicht nur an den Schulen und Universitäten, sondern vielleicht auch in Form einer „neuen Erwachsenenbildung“, die jedem Bürger Kenntnisse über Zukunftstechnologien und soziotechnische Systeme vermittelt.

Ein weiteres, wichtiges Feld ist die Wirtschaftspolitik. Das verrät der Blick auf die Lage Europas. Denn natürlich sind es leider nicht allein die Werte wie Frieden und Freiheit, die Europa zusammenhalten. Das, was stärker ist als die Zentrifugalkräfte des Nationalstaatsdenkens, ist die Teilhabe an dem Wohlstand, den ein vereinigtes Europa schafft. Und dieser Wohlstand wiederum fußt nicht auf Abschottung, sondern auf freiem Handel, freiem Wettbewerb und wirtschaftlicher Vernetzung, die das Ergebnis der Globalisierung ist. Und dafür braucht es Deregulierung.

Wir brauchen Innovationsanreize

Das sehe ich auch in meiner Branche. Wir haben bei den Breitbandnetzen inzwischen in Europa ein Investitionsdefizit von zig Milliarden Euro. Das liegt ausdrücklich nicht an den Unternehmen. Sondern es liegt daran, dass die Innovationen der Netzbetreiber sozialisiert werden, weil wir sie den Wettbewerbern zugänglich machen müssen, die nichts investieren. Was würde wohl BMW sagen, wenn ihr teuer entwickelter E-Motor am Tag der Markteinführung aus gesellschaftlichem Gesamtinteresse auch VW zur Verfügung gestellt werden müsste? Genau so etwas passiert täglich mit unseren Netzen. Warum sollte ein Unternehmen in innovative Infrastrukturen investieren, wenn diese sofort von allen Wettbewerbern genutzt werden können?

Ein Kontinent, der Innovationen braucht, braucht auch Innovationsanreize. Die Telekom plant in diesem Jahr zwölf Milliarden Euro an Investitionen. Damit bauen wir Netze – und zwar nicht nur in den Metropolen, sondern vor allem in kleinen Städten und auf dem Land, wo die Menschen auf schnelles Internet warten. Aber allein in Deutschland gibt es über 1 000 verschiedene regulierte Wholesale-Produkte beziehungsweise Produktvarianten. Die Regulierung ist 20 Jahre alt, aber sie reflektiert nicht mehr die Situation auf dem Telekommunikationsmarkt. Auf der einen Seite gibt es eine Gruppe der Willigen, die investieren wollen und ausbauen. Und auf der anderen Seite eine Gruppe der Billigen, die kritisieren, aber nicht bereit sind, selbst umfangreich Infrastruktur aufzubauen. Das ist weder fair noch unternehmerisch.

Bei all dem müssen wir die Teilhabe am erarbeiteten Wohlstand sicherstellen. Was passiert, wenn durch Maschinen Arbeitsplätze wegfallen? Macht dann ein Grundeinkommen Sinn, finanziert durch die Gewinne der voll automatisierten Unternehmen? Und würde das nicht vielen die Chance geben, selbst unternehmerisch, künstlerisch oder kreativ tätig zu werden? Oder werden Maschinen einfach zu neuen Kollegen, die uns Lästiges und Gefährliches abnehmen und uns mehr Freiraum verschaffen zum Beispiel für soziale Tätigkeiten in Pflege, Bildung oder Medizin?

Dass alte Jobs verschwinden, aber neue entstehen, sehen wir auch bei der Telekom. Früher war sie, wie wenig bekannt, zum Beispiel ein großer Arbeitgeber für Fotografen. Die fotografierten die Zählerstände in den „grauen Kästen“, auf deren Basis die Rechnungen gestellt wurden. Alles längst digital. Dafür entstehen bei uns neue Berufe wie der des „Cyber Security Professional“. Denn die Sicherheit im Netz ist eines der ganz entscheidenden Themen für den Erfolg der Digitalisierung – und die Telekom hat dafür inzwischen eine Abteilung mit 1 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Angesichts der vielen Chancen und der offen zu diskutierenden Risiken, die die Digitalisierung mit sich bringt, werbe ich daher für Optimismus. Wie gut die deutsche Industrie bereits teils digitalisiert ist, kann man auf der Cebit sehen. Spucken wir also in die Hände und gestalten weiter den Fortschritt, der unser Leben besser macht. Wir sind kein Spielball der Digitalisierung. Sondern wir sind das, was wir sein wollen.

Als das Handelsblatt Timotheus Höttges um einen Essay über die Folgen der Digitalisierung bittet, da zögert der Telekom-Chef nicht. Das Thema Zukunft ist dem 54 Jahre altem Rheinländer ein ganz besonderes Anliegen. Nicht nur rein, aber auch beruflich. Die Telekom steht als Infrastrukturbetreiber im Mittelpunkt der Digitalisierung und ist gleichzeitig auch stark von ihr betroffen. Doch Höttges macht in seinen Gedanken nicht beim eigenen Unternehmen halt. Der Chef des Dax-Konzerns, der als Mann klarer Worte gilt, befürwortet zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen. Höttges will ein faires Modell zu schaffen um das Sozialsystem zu erhalten. Finanziert werden könne dies womöglich durch die Besteuerung von vollautomatisierten Unternehmen.

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