Chaos Computer Club Hacken fürs Gemeinwohl

Beim größten Hackerkongress Europas in Leipzig gibt es ein gemeinschaftliches Ziel: Durch das Aufdecken von IT-Schwachstellen die Gesellschaft besser machen. Ein junger Doktorand hackt dabei die Apps großer Banken.
Kommentieren
Ein Teilnehmer des Chaos Computer Clubs . Quelle: dpa
Hacking

Ein Teilnehmer des Chaos Computer Clubs .

(Foto: dpa)

LeipzigHans-Christian Ströbele ist auch von ganz hinten als eben jener zu erkennen. Der Grünen-Politiker hat sich wie so oft einen roten Schal umgelegt, der nun auf schwarzem Jackett, zwischen weißem Pult und weißen Haaren dem Publikum entgegenleuchtet. Die Stuhlreihen in der Messehalle sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Die meisten Zuschauer sind nicht viel älter als 30. Sie alle wollen den 78 Jahre alten, ehemaligen Bundestagsabgeordneten sehen.

Der Politiker und ein Saal voll junger Hacker. Sie bindet eine Faszination für einen Mann und den Ruf nach dem Schutz von Persönlichkeitsrechten. Ströbele war Mitglied des Untersuchungsausschusses „NSA“, hat die Enthüllungen des amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden analysiert und ihn auch persönlich in seinem Exil in Moskau befragt.

Danach hat er die anlasslose Massenüberwachung der Amerikaner auf deutschem Boden heftig kritisiert. Das macht ihn für Freunde und Mitglieder des Chaos Computer Clubs zu einer Art Held, Sidekick neben Snowden, Batmans Robin mit rotem Schal.

Er selber habe das große Interesse allerdings nicht erwartet, sagt er. Viel erzählen dürfe er ohnehin nicht mehr, nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag im Herbst dieses Jahres hat er seine Immunität als Abgeordneter verloren. Dabei hätte er viel zu berichten. Fast zwei Jahrzehnte lang war er für die Kontrolle der Geheimdienste zuständig. Seit 2014 zusätzlich für die Aufklärung der NSA-Affäre.

Er hat gefordert, Edward Snowden ins Land zu holen. Er sei ein „unverzichtbarer Zeuge für die Aufklärung“ gewesen, sagt Ströbele. Besonders, weil sich die von ihm veröffentlichten Papiere über die Massenausspähung des amerikanischen Geheimdienstes als wahr herausgestellt hätten.

Doch der Bundesregierung ist das offenbar zu heikel. Sie habe einen Trick angewandt, um nicht final entscheiden zu müssen, ob er als Zeuge aussagen soll, erzählt der Politiker. Angeblich habe das Justizministerium von 2014 bis heute nicht herausbekommen, was Snowden genau vorgeworfen wird. Dabei wäre Aufklärung notwendig. Denn seiner Kenntnis nach habe der Bundesnachrichtendienst gewusst, dass er etwas gesetzwidriges macht, wenn er die Spionage der Amerikaner auf deutschem Boden unterstützt.

Ströbeles Auftritt am ersten Tag des 34. Kongresses des Chaos Computer Clubs (CCC) ist einer von vielen, die an diesem und in den nächsten Tagen die Hallen des Leipziger Messezentrums bis zum Bersten füllen werden. Mit 15.000 Besuchern gilt es als das größte Hackertreffen in Europa. Viele von den Vortragenden, für die die Zuschauer auch eine halbe Stunde vor der Halle anstehen, sind der größeren Allgemeinheit unbekannt, in der Szene aber für ihre Arbeit geschätzt.

Als etwa der junge Doktorand der Universität Erlangen-Nürnberg, Vincent Haupert, um 22 Uhr über „die fabelhafte Welt des Mobilbankings“ spricht, hören ihm einige hundert Zuschauer gespannt zu. Und wie im vergangenen Jahr enttäuscht er sein Publikum nicht: Er schafft es, Apps für mobiles Banking zu hacken. Nicht irgendwelche, sondern die großer Banken.

Wie den meisten anderen hier geht es ihm nicht darum, sein Wissen um Schwachstellen für den eigenen finanziellen Vorteil zu nutzen. Im Gegenteil: Dem CCC und seinen Anhängern geht es darum, das Internet, die Digitalisierung und schließlich auch die Gesellschaft ein Stück weit sicherer zu machen, indem sie auf die Gefahren hinweisen. So ist das Motto des Kongresses in diesem Jahr „Tuwat“, ein Ruf nach mehr Teilhabe für eine „lebenswerte digitale Gesellschaft“.

Nach wie vor ist der Kongress für die Veranstalter ein Ehrenamt. Keiner der hundert Helfer hier bekommt seinen Einsatz bezahlt. Die „Engel“ organisieren die Besucherströme, kontrollieren Tickets, sorgen für Ordnung, helfen im Notfall. Die Organisationstruppe des CCC hat im Vorfeld hunderte Vorschläge für Vorträge gescannt und daraus die viertägige Veranstaltung gezimmert.

Sie haben sich auch dafür entschieden, die Arbeit ihres Mitglieds Mathias Dalheimer zu zeigen. Er demonstrierte, wie sich die Ladekarten von Stromtankstellen manipulieren lassen – oder gleich ganz vom Angreifer übernommen werden können.

Doch neben rein technologischen Themen stehen zunehmend auch gesellschaftliche und politische Themen im Fokus. So warnte Netzaktivist Markus Beckedahl vor Risiken im Umgang mit Algorithmen und forderte eine bessere Kontrolle der künstlichen Intelligenz. „Wir brauchen Regularien, um zu schauen, wie kriegen wir eine Nachvollziehbarkeit und eine demokratische Kontrolle von dem hin, wie Algorithmen eingesetzt werden“, sagte der Gründer des Blogs Netzpolitik.org.

Seine Forderung: mehr Transparenz. Um Unternehmen besser zu kontrollieren, sollten Geschäftsgeheimnisse aufgelockert werden. Auch müsse es neue Kontrollinstitutionen geben, „irgendwo zwischen Datenschutzbehörden und Kartellämtern“.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Chaos Computer Club - Hacken fürs Gemeinwohl

0 Kommentare zu "Chaos Computer Club: Hacken fürs Gemeinwohl"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%