Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Chiphersteller Infineons Milliardendeal mit Cypress ist eine riskante Wette

Mit dem größten Zukauf der eigenen Historie will Infineon zu den wichtigsten Halbleiterherstellern der Welt aufrücken. Doch die Branche steckt in einer schweren Krise.
Kommentieren
Der Konzern verspricht eine höhere Marge. Quelle: Reuters
Bauelemente von Infineon

Der Konzern verspricht eine höhere Marge.

(Foto: Reuters)

München Viel Zeit hatte Reinhard Ploss nicht. In nur fünf Wochen hat der Infineon-Chef den größten Deal in der Geschichte des Dax-Konzerns eingefädelt.

Als sich der amerikanische Wettbewerber Cypress im Frühjahr nach Kaufinteressenten umschaute, da schickte der 63-Jährige seine besten Leute sofort ins Silicon Valley. An vorderster Front mit dabei: Sven Schneider, der neue Finanzvorstand, der am 1. Mai überhaupt erst an Bord gekommen war.

Einige Experten aus der Zentrale in Neubiberg wühlten sich durch die Bücher, andere verhandelten parallel mit Banken. Anwälte schwärmten zeitgleich aus, um mit den Behörden in Washington zu klären, ob eine Übernahme überhaupt genehmigt würde. Cypress war den Bayern zum Glück nicht unbekannt, die Firmen arbeiten bereits seit einiger Zeit zusammen.

Das machte es Ploss und Schneider leichter, den Konzern einzuschätzen. Sie entschieden schließlich, fast die Hälfte auf den aktuellen Aktienkurs draufzupacken. Mehr als jeder andere Bieter.

Das überzeugte die Chefetage in San José: An diesem Sonntag unterzeichneten beide Seiten den Kaufvertrag. Noch vor Börsenbeginn verkündete Ploss am Montagmorgen, Infineon wolle Cypress für neun Milliarden Euro schlucken.

Sofort ins Silicon Valley, um die Belegschaft zu begrüßen. Quelle: Reuters
Infineon-Chef Reinhard Ploss

Sofort ins Silicon Valley, um die Belegschaft zu begrüßen.

(Foto: Reuters)

„Das ist ein bedeutender Tag für Infineon“, schwärmte Ploss kurz danach. Mit künftig gut zehn Milliarden Euro Umsatz werde der Konzern endlich wieder zu den zehn größten Halbleiterherstellern der Welt gehören, unterstrich der sonst eher zurückhaltende Manager. Cypress sei von den Produkten her eine ideale Ergänzung und kulturell würden die Unternehmen gut zusammenpassen.

Die Börse teilte die Euphorie nicht. Schon zum Handelsstart brach der Kurs ein, im Verlauf des Tages ging es immer weiter bergab. Mit einem Minus von fast zehn Prozent war Infineon am Nachmittag der größte Verlierer im Dax.

Was die Anleger am meisten stört: der Aufschlag von genau 46 Prozent auf den durchschnittlichen Aktienkurs von Cypress zwischen Mitte April und Ende Mai. Das entspricht 23,85 Dollar je Aktie.

Dazu kommt: Um den Kauf zu finanzieren, nimmt der Dax-Konzern zunächst einmal Kredite auf. Federführend bei der Transaktion sind Credit Suisse, JP Morgan und die Bank of America Merrill Lynch.

Es sei jedoch auch geplant, neues Eigenkapital zu besorgen. Wann die Kapitalerhöhung von bis zu 2,7 Milliarden Euro komme, sei noch offen, sagte Finanzvorstand Schneider.

Hinzu kommt die Unsicherheit, ob die Transaktion wirklich den Segen der US-Aufseher bekommt. Schon einmal musste Infineon einen Kauf in Amerika nach einem Veto der Behörden aufgeben. Vor zwei Jahren hatte die Regierung die Übernahme von Wolfspeed untersagt und dies mit einer angeblichen Gefährdung der nationalen Sicherheit begründet.

Davon gehe er diesmal nicht aus, unterstrich Ploss. „Wir glauben, eine sehr solide Position zu haben.“ Cypress stelle im Gegensatz zu Wolfspeed nichts von militärischer Bedeutung her: „Es gibt keine exportkontrollierten Produkte“, so der Manager.

In Branchenkreisen heißt es, dass sich Infineon in diesem Fall abgesichert habe, soweit das möglich sei. „Man weiß es natürlich nie, aber wir sind guter Dinge“, sagte ein Insider.

Infineon will Aktionäre beruhigen

Infineon verspricht, dass sich die Übernahme langfristig für die Anteilseigner auszahlt. So soll das jährliche Umsatzplus nun über den neun Prozent liegen, die Ploss bislang im Schnitt über einen Branchenzyklus hinweg versprochen hat.

Die operative Marge solle 19 Prozent erreichen, rund zwei Prozentpunkte mehr, als der Konzernlenker zuletzt in Aussicht gestellt hat. Die Kosten sollen von 2022 an um 180 Millionen Euro im Jahr sinken, 1,5 Milliarden Euro an Umsatz sollen hinzukommen, das entspricht etwa 20 Prozent der für dieses Jahr bei Infineon geplanten Erlöse.

Die Investitionsquote hingegen werde mit 13 Prozent künftig geringer ausfallen als die 15 Prozent, die bisher als Zielgröße galten. Der Grund: Cypress lässt mehr Chips fremdfertigen. Das ist günstiger, weil der Konzern nicht in eigene Anlagen investieren muss.

Infineon stößt mit dem Kauf in eine neue Größenordnung vor, denn es ist dies die mit Abstand bedeutendste Übernahme in der 20-jährigen Geschichte der ehemaligen Siemens-Sparte. Zuletzt hatte Ploss Mitte des Jahrzehnts den US-Wettbewerber International Rectifier für rund drei Milliarden Dollar geschluckt. Es gelang ihm, die Firma aus dem Silicon Valley geräuschlos zu integrieren.

Ingenieur Ploss investiert mitten in der Flaute. Zwei Mal schon musste Ploss im laufenden Geschäftsjahr die Prognose senken. Im vergangenen Herbst noch hatte er einen Umsatzzuwachs von elf Prozent in Aussicht gestellt. Im Februar korrigierte er den Wert dann auf neun Prozent, Ende März schließlich auf nur noch fünf Prozent.

Zudem ist Deutschlands größter Halbleiterproduzent nicht so profitabel wie ursprünglich versprochen. Im Herbst war von einer operativen Marge von 18 Prozent die Rede, nun sind es noch 16 Prozent.

Binnen Jahresfrist haben die Aktien fast ein Drittel an Wert verloren. Das liegt auch am schlechten Umfeld. Die Marktforscher von IHS rechnen damit, dass der Umsatz der Chipindustrie dieses Jahr weltweit um gut sieben Prozent auf 446 Milliarden Dollar einbrechen wird. Im Dezember hatten die Analysten noch ein Plus von rund drei Prozent vorhergesagt. Dies sei der größte Rückgang seit dem Jahr 2009, als es um elf Prozent bergab ging.

Grafik

Wann es wieder aufwärts geht, ist offen. Die gesamte Industrie muss sich wohl auf magere Zeiten einstellen. „Das Geschäft wird sich in den nächsten Jahren abschwächen“, warnte jüngst Ulrich Schäfer vom Branchenverband ZVEI. In den vergangenen fünf Jahren seien die Umsätze weltweit jedes Jahr im Schnitt um knapp neun Prozent gewachsen. Für die Zeit bis 2023 rechnet der Marktexperte lediglich mit einem jährlichen Plus von nicht einmal drei Prozent.

Überlappungen gibt es kaum

Das liegt vor allem daran, dass das Wachstum in China nachlässt. Dort sind die Erlöse der Chipkonzerne zwischen 2013 und 2018 durchschnittlich um mehr als zwölf Prozent gewachsen. Künftig sei in dem Land nur noch ein Zuwachs von etwa zwei Prozent pro Jahr zu erwarten, sagte Schäfer.

Cypress sitzt im Silicon Valley und ist mit einem Umsatz von gut zwei Milliarden Euro nur etwa ein Viertel so groß wie Infineon. Mit dem Kauf erschließe Infineon „große zusätzliche Wachstumspotenziale in den Bereichen Automobil, Industrie und Internet der Dinge“, sagte Ploss.

Auch der Chef von Cypress, Hassane El-Khoury, sieht in dem Kauf nur Vorteile: „Unsere beiden Unternehmen passen sehr gut zusammen“, sagte er.

Cypress liefert unter anderem sogenannte Mikrocontroller zur Steuerung elektrischer Geräte. Die Amerikaner haben zudem Chips im Angebot, mit denen sich die vielen Apparate des Internets der Dinge miteinander vernetzen lassen.

Cypress setzt auf Fremdfertiger. Das steigert die Marge. Quelle: Infineon
Chipproduktion

Cypress setzt auf Fremdfertiger. Das steigert die Marge.

(Foto: Infineon)

Überlappungen gibt es aus Sicht beider Firmen kaum. Daher zeigten sich Industriekreise am Montag auch überzeugt, dass die Kartellbehörden der Übernahme zustimmen werden.

Vorstandschef Ploss setzte sich am Montagmorgen nach Telefonkonferenzen mit Analysten und Reportern gleich ins Flugzeug, um die neuen Kollegen in Kalifornien selbst zu begrüßen. Noch am selben Tag wollte er vor der Belegschaft von Cypress sprechen.

Die 5800 Beschäftigten müssten keine Angst haben, so Ploss. Es gehe nicht darum, Stellen zu streichen: „Wir rechnen eher mit mehr Jobs als mit weniger Jobs.“

Mehr: Lesen Sie hier, warum Infineons Übernahme von Cypress auch für Deutschland wichtig ist.

Startseite

Mehr zu: Chiphersteller - Infineons Milliardendeal mit Cypress ist eine riskante Wette

0 Kommentare zu "Chiphersteller: Infineons Milliardendeal mit Cypress ist eine riskante Wette"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote