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Chiphersteller Warum Infineon Milliarden in der Flaute investiert

Seit Jahresanfang gehen die Aufträge zurück. Produktionsvorstand Hanebeck will den Fabrikausbau aber nicht stoppen – er hat eine neue Boombranche im Blick.
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MünchenZwei Mal schon musste Vorstandschef Reinhard Ploss im laufenden Geschäftsjahr die Prognose senken. Infineon investiert gleichwohl kräftig. Daran werde sich auch nichts ändern, kündigte Produktionsvorstand Jochen Hanebeck im Gespräch mit dem Handelsblatt an. „Eine Panikreaktion wäre langfristig sehr kostspielig“, sagte der Manager. Die Aufträge für Neubauten oder Maschinen jetzt zu stornieren sei teuer. Zudem sei es riskant, weil der Chipproduzent im nächsten Aufschwung womöglich nicht genügend liefern und im Wettbewerb zurückfallen könnte.

Dass es in Zukunft wieder aufwärts gehe, sei klar. „Wir glauben fest an unsere Wachstumstreiber“, betonte Hanebeck. Wann es so weit ist, das kann derzeit allerdings niemand sagen. Fest steht nur, dass der Dax-Konzern in diesem Geschäftsjahr, das am 30. September endet, insgesamt 1,5 Milliarden Euro in neue Maschinen und den Ausbau seiner Fabriken stecken will. Das entspricht knapp 19 Prozent des Umsatzes, sollte der Chipproduzent seine jüngste Prognose tatsächlich erreichen.

Damit überschreitet Infineon deutlich die 15 Prozent, die das Unternehmen selbst als Ziel über einen Branchenzyklus hinweg formuliert hat. Vorstand Hanebeck sieht darin kein Problem: „Im laufenden Geschäftsjahr investieren wir überproportional viel. Das wird sich über die Jahre aber ausgleichen.“ In den vergangenen fünf Jahren lag Infineon nie über 16,5 Prozent.

Zum Teil fehlen aber bis heute Kapazitäten und Infineon kann in ausgewählten Gebieten gar nicht so viel liefern, wie die Kunden bestellen. „Seit 2012 waren unsere Werke voll ausgelastet“, sagt Hanebeck. „In manchen Bereichen endet jetzt einfach eine Phase der Überhitzung.“

In der Tat. Im vergangenen Herbst noch hatte Vorstandschef Ploss einen Umsatzzuwachs von elf Prozent in Aussicht gestellt. Im Februar korrigierte er den Wert dann auf neun Prozent, Ende März schließlich auf nur noch fünf Prozent. Zudem ist Deutschlands größter Halbleiterproduzent nicht so profitabel wie ursprünglich versprochen. Im Herbst war von einer operativen Marge von 18 Prozent die Rede, nun sind es noch 16 Prozent.

Damit stehen die Münchner allerdings noch vergleichsweise gut da. Die Marktforscher von IHS rechnen damit, dass der Umsatz der Chipindustrie dieses Jahr weltweit um gut sieben Prozent auf 446 Milliarden Dollar einbrechen wird. Im Dezember hatten die Analysten noch ein Plus von rund drei Prozent vorhergesagt. Dies sei der größte Rückgang seit dem Jahr 2009, als es um elf Prozent bergab ging.

Infineon spürt die Flaute im Autoabsatz in China sowie das weltweit magere Geschäft mit Smartphones und Netzwerkrechnern, den sogenannten Servern.

In den nächsten Jahren rechnet Infineon allerdings mit einem Boom im Geschäft mit Elektroautos sowie dem autonomen Fahren. Um hierfür gerüstet zu sein, errichtet das Unternehmen momentan ein großes Werk im österreichischen Villach. In den Standort in Kärnten fließen über mehrere Jahre hinweg 1,6 Milliarden Euro.

Im Herbst startet darüber hinaus der Neubau einer 100 Millionen Euro teuren Fabrik in Cegléd in Ungarn. Dort werden die Chips weiter verarbeitet und verpackt. Zudem erweitert der Technologiekonzern die beiden weltweit wichtigsten Produktionsstandorte in Dresden und Kulim in Malaysia.

Wachstum in China lässt nach

Zu Beginn des Geschäftsjahrs wollte der Konzern sogar noch bis zu 200 Millionen Euro mehr investieren. Im Februar kürzte Hanebeck die Ausgaben dann angesichts des schwachen Geschäftsverlaufs zusammen. Seither hält sich das Unternehmen auch mit neuen Jobs zurück. Einen Einstellungsstopp gebe es aber nicht. „Natürlich sind wir auch beim Mitarbeiter-Aufbau in der aktuellen Situation zurückhaltend“, erklärte Hanebeck. „Aber wir gehen mit Augenmaß vor. Schließlich bleibt Infineon langfristig auf Wachstumskurs.“

Analysten sehen derzeit jedoch keine schnelle Besserung. Die jüngsten Zahlen und der Ausblick des Chipherstellers hätten bestätigt, dass die erwartete Erholung der Nachfrage länger brauche, meint Barclays-Analyst Andrew Gardiner. Das dürfte die Margen bis Ende des Geschäftsjahrs drücken. Die zentrale Frage sei, wann die Nachfrage sich wieder erhole, oder ob sie weiter sinke, warnt auch Berenberg-Expertin Tammy Qiu. Das schlägt sich in einem stark schwankenden Aktienkurs nieder. Von Ende März bis Mitte April ist der Kurs um rund ein Fünftel geklettert. Seither haben die Papiere wieder mehr als zehn Prozent an Wert verloren.

Ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor ist für den Konzern der Handelsstreit zwischen den USA und China. Die jüngst von Präsident Donald Trump angeordneten höheren Zölle treffen Infineon zwar nicht direkt, da der Konzern kaum Ware von der Volksrepublik nach Amerika exportiert. Viel schlimmer wäre für die Bayern, wenn die chinesische Wirtschaft unter der Auseinandersetzung leidet. Infineon erwirtschaftet jeden vierten Euro in dem Land.

Infineon hat seinen Investoren über einen Branchenzyklus hinweg ein jährliches Umsatzplus von neun Prozent in Aussicht gestellt. Ob das zu schaffen ist? Die gesamte Industrie muss sich wohl auf eine magere Zukunft einstellen. „Das Geschäft wird sich in den nächsten Jahren abschwächen“, warnte jüngst Ulrich Schäfer vom Branchenverband ZVEI. In den vergangenen fünf Jahren seien die Umsätze weltweit jedes Jahr im Schnitt um knapp neun Prozent gewachsen. Für die Zeit bis 2023 rechnet der Marktexperte lediglich mit einem jährlichen Plus von nicht einmal drei Prozent.

Das liegt vor allem daran, dass das Wachstum in China nachlässt. Dort sind die Erlöse der Chipkonzerne zwischen 2013 und 2018 durchschnittlich um mehr als zwölf Prozent gewachsen. Künftig sei in dem Land nur noch ein Zuwachs etwa zwei Prozent pro Jahr zu erwarten, sagte Schäfer.

Auch Intel, die Nummer zwei der Branche, ist nicht sonderlich optimistisch. Der Konzern aus dem Silicon Valley rechnet für die kommenden drei Jahren jeweils mit einem Umsatzplus im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Dieses Jahr würden die Erlöse sogar schrumpfen, warnte jüngst der neue Vorstandschef Bob Swan.

Infineon allerdings profitiert davon, dass in Autos generell immer mehr Halbleiter eingesetzt werden. So erwartet ZVEI-Spezialist Schäfer bis 2023 ein durchschnittliches jährliches Umsatzplus mit Kfz-Halbleitern von fast sechs Prozent. Von 54 Milliarden Dollar vergangenes Jahr würden die Erlöse global auf 71 Milliarden steigen. Das Autogeschäft steht für gut 40 Prozent vom gesamten Umsatz von Infineon.

Die Flaute in der gesamten Halbleiterbranche hat freilich auch ihre positiven Seiten für Infineon. Neue Maschinen sind leichter zu bekommen. „Die Lieferzeiten gehen zurück und künftig vielleicht auch die Preise“, meint Vorstand Hanebeck.

Mehr: Halbleiter-Riesen wie Intel und Samsung sind auf Technik von Trumpf oder Zeiss angewiesen. Ohne den deutschen Mittelstand geht wenig in der internationalen Hochtechnologie.

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