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Cloud-Computing Microsoft findet seine alte Stärke wieder – und will noch mehr

Microsoft-Chef Satya Nadella hat den IT-Konzern generalüberholt. Der Cloud-Service Azure löst nun Windows ab und bietet gewaltige Umsatzpotentiale.
Update: 07.05.2019 - 06:21 Uhr Kommentieren
Microsoft-Chef Satya Nadella will den Cloud Service Azure „zum Weltcomputer ausbauen“. Quelle: AP
Satya Nadella

Microsoft-Chef Satya Nadella will den Cloud Service Azure „zum Weltcomputer ausbauen“.

(Foto: AP)

Seattle Was für ein verpatzter Auftakt: Am Montagmorgen sollten Weltraumhistoriker Andrew Chaikin und John Knoll von der Hollywood-Effektschmiede Industrial Light and Magic als Auftakt der Microsoft-Hausmesse „Build“ in Seattle die Mondlandung von 1969 mithilfe der Datenbrille Hololens 2 virtuell simulieren. Aber es passierte nichts. Nach wenigen Sekunden Wartezeit verließen die beiden die Bühne, nicht ohne die scherzhafte Bemerkung von Chaikin: „Eine Live-Demo der Mondlandung hinzubekommen, ist wohl schwieriger als eine Mondlandung selbst.“

Langjährige Microsoft-Beobachter fühlten sich direkt an die berühmten „Bluescreens“ aus Bill-Gates-Zeiten erinnert. Bei einer wichtigen Demonstration des Microsoft-Chefs stürzte damals ein Windows-Computer komplett ab.

Das war vor zwanzig Jahren, als Microsoft noch die Lieblingszielscheibe für Spott und Hohn der IT-Industrie war und ein „Bluescreen“ Johlen und Grölen im Saal auslöste. Dieses Mal war das Gelächter verhalten und eher freundlich bis wohlwollend. Der App-Crash zeigt: Microsoft ist nicht mehr der Buhmann der Branche, das alte Selbstbewusstsein ist zurück, nur ohne die früher übliche Arroganz.

Vorstandschef und Sympathieträger Satya Nadella ließ die Panne souverän an sich abperlen, als er sofort danach die Bühne betrat: „Wir werden Azure zum Weltcomputer ausbauen“, bekräftigt er ohne Selbstzweifel, wohl auch an die Adresse des Konkurrenten Amazon. Azure ist der Cloud-Service von Microsoft, Nadellas nächstes Windows, der kommende Multi-Milliardenseller.

„Außerhalb der Tech-Industrie werden heute mehr Software-Entwickler eingestellt als innerhalb der Branche“, weist er auf einen Trend hin, den das Cloud-Computing und künstliche Intelligenz ausgelöst haben: Die Unternehmen holen sich die IT-Kompetenz zurück, weil künstliche Intelligenz und Datenanalyse in der Cloud zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden sind. Nur die IT selbst bleibt draußen, in der Cloud, in den gigantischen Datencentern von Amazons AWS, Microsofts Azure oder Googles Cloud.

Der Umsatz mit öffentlich-mietbaren Cloud-Dienstleitungen, Apps und Angeboten wird in diesem Jahr um 17,5 Prozent auf insgesamt 214,3 Milliarden Dollar steigen, prognostiziert der US-Marktforscher Gartner. Den Löwenanteil davon teilen die drei Alphatiere AWS, Azure und Google Cloud Plattform unter sich auf.

Amazon, der große Konkurrent aus Seattle, ist dabei Marktführer im Cloud-Computing mit über 32 Prozent Marktanteil. Microsoft lauert mit 16 Prozent auf dem zweiten Platz auf seine Chance. Das Unternehmen meldet jedoch für das erste Quartal 2019 ein Wachstum in der Azure-Cloud von 73 Prozent, deutlich mehr als Amazon mit unter 50 Prozent – und holt damit etwas auf.

Google enttäuschte im Kerngeschäft und versteckt seine Cloud-Ergebnisse lieber, was den schärfsten Kurssturz der Aktien des Unternehmens aus Mountain View seit mehr als sechs Jahren auslöste. An einem Tag wurden 70 Milliarden Dollar Börsenwert ausradiert.

Die Cloud hat die Macht übernommen

Anders bei Microsoft. An der Börse hat es Nadellas Cloud-Company schon auf Platz eins geschafft. Nach dem offiziellen Handelsschluss an der Wall Street am Montag lag die Marktkapitalisierung laut Yahoo Finance bei 981 Milliarden Dollar, vor Amazon (960 Milliarden Dollar) und Apple (959 Milliarden Dollar). Google liegt abgeschlagen mit 826 Milliarden Dollar auf Platz vier.

Nadella hat Microsoft einer Generalüberholung unterzogen, deren Früchte er jetzt erntet. Die einst übermächtige Windows-Sparte existiert schlicht nicht mehr. Sie ist aufgelöst und auf mehrere Bereiche verteilt. Die Cloud hat die Macht übernommen.

Der Bürosoftware Office hat die Unternehmensführung ebenfalls eine Reorganisation verordnet. Hinzu kommen noch Microsofts Chat- und Kollaborationssoftwares. Sie sollen untrennbar mit dem Office-Paket verwoben werden und die Art verändern, wie Leute überall auf der Welt per Text, Sprache und Video miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten.

Natürlich über die Azure-Cloud. Die Veränderungen sollen auch den größten Konkurrenten ausschalten: Slack, ein aggressives Start-up aus San Francisco, das Microsofts Vormacht im Bürobereich stärker bedrohen könnte als Googles Bürosoftware.

Der von Grund auf neu entwickelte Edge-Webbrowser von Microsoft wird nicht exklusiv auf Windows laufen. Er werde auch auf Linux, iOS und Android verfügbar sein, verspricht Nadella. Er will und muss sicherstellen, dass kein Hardware- oder Softwareanbieter seine Cloud-Dienste über Tricks mit ihren Browsern unzugänglich macht. Der Browser wird auf Googles weitverbreiteter Chromium-Software basieren, einer Open-Source-Plattform.

Die Cloud ist dabei nicht mehr nur unbegrenzte Rechenleistung im Internet. Heute bieten die großen Spieler alles aus einer Hand: Rechenleistung und alle Arten von unterstützender Software – vom Passwortmanagement über Identitätsprüfung bis zu künstlicher Intelligenz mit Diensten wie Sprach- oder Bilderkennung.

Bei der Hausmesse in Seattle stellte ein Student die bejubelte App EasyGlucose vor, die aus einem Foto der menschlichen Pupille den Blutzuckergehalt ermittelt. Das Geheimnis: Die Cloud und die Maschinen lernen. Das Foto wird auf Azure mit Millionen anderen Fotos von Augen von Diabetikern und Nicht-Diabetikern verglichen, in der Cloud auf typische Veränderungen analysiert und das Ergebnis an die App zurückgegeben.

Fortschritt für die Industrie

Die Extra-Kamera zum Aufstecken für das Smartphone soll zehn Dollar kosten, der Dienst 20 Dollar im Monat. Heute müssen Diabetiker bis zu 2000 Dollar oder mehr pro Jahr für Teststreifen und Geräte ausgeben. Der junge Mann entwickelte die App ohne Pharma-Großkonzern im Rücken für seine zuckerkranke Großmutter. Das Programm könnte, wenn es von der US-Gesundheitsbehörde als genau genug angenommen wird, bedeutend für die Menschen und die Diabetes-Industrie sein.

Die Cloud-Anbieter wissen das. Sie bieten mittlerweile komplette branchenspezifische Lösungen an. Warum das so ist, erklärt Julie White, Chefin der Cloud-Sparte im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Wenn wir heute mit Firmen wie BMW reden, dann wollen die ihr Geschäftsmodell umbauen und keinen neuen IT-Dienstleister anheuern“, so White.

Die Unternehmen suchten Partner, die sich genau in ihren Branchen auskennen würden, Trends, etwa in der autonomen Mobilität, und Entwicklungen einschätzen und Lösungen anbieten könnten. Die Reife und die Tiefe der heute verfügbaren und der am Montag neu vorgestellten Cloud-Dienste mache das Potenzial aus, so White weiter.

Nadellas „Weltcomputer Azure“ wird zum Betriebssystem des Internets und zum Geschäftsmodell der Weltwirtschaft. Das Umsatzpotenzial, das sich dahinter verbirgt ist, ist gigantisch und stellt alles in den Schatten, was Windows zuvor hatte erreichen können. Es wird von zig Millionen Endgeräten gesprochen.

In der Cloud werden es laut Prognosen gar Milliarden sein, wenn man das kommende „IoT“, das cloud-gesteuerte Internet der Dinge mit einrechnet. Das macht das ungestüme Verhalten verständlich, mit dem AWS, Azure und Google Cloud um jeden einzelnen Kunden kämpfen und Spieler wie Oracle, IBM oder SAP verzweifelt versuchen, nicht den Anschluss zu verlieren.

Google hat bereits im April auf seiner eigenen Cloud-Veranstaltung Google Next in San Francisco die Marschrichtung vorgegeben und eine starke Expansion und hohe Investitionen angekündigt. Weitere Informationen könnte die Hausmesse I/O liefern, die am Dienstag beginnt, und auch die Sapphire-Konferenz von SAP in Florida. Diese startet ebenfalls am Dienstag.

Berührungsängste hat das 44 Jahre alte Microsoft mit den jungen Web-Gegnern wie Amazon oder Google schon lange nicht mehr. Wer möchte, kann sich am Dienstag gemütlich in einen Konferenzraum im Convention-Center in Seattle setzen und per Video-Stream die Eröffnungsrede von Google-Chef Sundar Pichai im gut 1000 Kilometer entfernten Silicon Valley anschauen.

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