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Cloud Computing Mit diesem Vorhaben will ein deutscher Familienunternehmer Amazon und Microsoft herausfordern

Familienunternehmer Friedhelm Loh will der Industrie die Vernetzung erleichtern. So will er einen Anteil zur Digitalisierung Deutschlands beitragen.
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Der Unternehmer Friedhelm Loh sieht in der Vernetzung der Industrie eine große Chance für sein Unternehmen. Quelle: dpa
Rechenzentrum von Rittal

Der Unternehmer Friedhelm Loh sieht in der Vernetzung der Industrie eine große Chance für sein Unternehmen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Berlin Friedhelm Loh ist gerne mit von der Partie, wenn es um die Zukunft geht: um die Zukunft seines Unternehmens, der Friedhelm Loh Group, aber auch um die Zukunft des deutschen Mittelstands. So stieg er früh beim Augsburger Roboterhersteller Kuka ein. Loh wollte verstehen, wie sich die Industrie entwickeln würde.

Der zukunftsgewandte Familienunternehmer ist auch maßgeblich am größten unterirdischen Rechenzentrum Westeuropas, der Lefdal Mine in Norwegen, beteiligt. Dieses Rechenzentrum wird mit grüner Energie betrieben und mit Meerwasser gekühlt.

Am Donnerstag wird er vielen erneut einen Schritt vorauseilen, wie das Handelsblatt vorab erfahren hat. Ein Tochterunternehmen der Friedhelm Loh Group, German Edge Cloud, wird gemeinsam mit einer Tochter des Bosch-Konzerns und dem Start-up Iotos ein Mini-Rechenzentrum für die Industrie 4.0 vorstellen.

Dieses System mit dem Namen Oncite soll ermöglichen, Fabriken zu vernetzen – und zwar ohne Kontrollverlust: Unternehmen sollen selbst entscheiden können, wo ihre Daten bleiben. Das Konsortium aus den drei Firmen nimmt vor allem Automobilzulieferer in den Blick.

So leisten die Beteiligten womöglich einen Beitrag zur digitalen Souveränität Deutschlands: Loh positioniert das neue Produkt als Teil der digitalen Infrastruktur Gaia-X, mit der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von Cloud-Anbietern aus den USA wie Amazon und Microsoft verringern will. Der Mittelständler fordert die Konzerne heraus, zumindest mit einem Produkt.

Der Unternehmer marschiert gerne voran. Quelle: FLG
Friedhelm Loh

Der Unternehmer marschiert gerne voran.

(Foto: FLG)

„Schon Anfang 2018 haben wir über die Digitalisierung des Mittelstands intensive Gespräche mit der Bundesregierung geführt“, erklärt Loh dem Handelsblatt. Es gehe um die Konkurrenzfähigkeit im internationalen Wettbewerb.

Im Dialog sei deutlich geworden: „Die Lösung, die der Mittelstand für die Digitalisierung braucht, gibt es noch nicht.“ So sei die Entwicklung von Gaia-X in Gang gekommen. Bevor Altmaier das Projekt Ende Oktober auf dem Digitalgipfel offiziell vorstellt, beginnt Loh schon mit der Vermarktung.

Datenverarbeitung neben der Produktionsstraße

Oncite ist ein System, das direkt in der Fabrik die Daten aus der Produktion verarbeitet – womöglich nur wenige Meter von der Produktionsstraße entfernt. Einerseits geht es darum, die Fertigung zu optimieren oder die Qualität zu verbessern, zum Beispiel mit intelligenten Analysen. Andererseits soll das System die Verbindung zu anderen Plattformen herstellen. Zulieferer beispielsweise können sich so mit Industriekonzernen vernetzen. Dieses Vorgehen ist in der Automobilindustrie gang und gäbe.

Neu ist das Prinzip nicht. Die Digitalisierung der Produktion beschäftigt die Industrie unter dem Schlagwort Industrie 4.0 schon seit Jahren. Für Speicherung, Austausch und Analyse der Daten nutzen die Unternehmen jedoch häufig Cloud-Dienste. Das heißt: Sie nutzen IT-Ressourcen aus dem Rechenzentrum eines Dienstleisters, das womöglich Hunderte Kilometer entfernt steht.

Volkswagen arbeitet zum Beispiel mit Amazon Web Services (AWS) zusammen, Microsoft hat eine Partnerschaft mit BMW. Im Markt für Infrastruktur und Plattformlösungen aus der Datenwolke dominieren die beiden US-amerikanischen Anbieter, gefolgt von Google, IBM und Alibaba. Mit Investitionen in Milliardenhöhe haben diese Konzerne Plattformen aufgebaut, die der Konkurrenz bei der Funktionalität weit voraus sind. Daher haben es europäische Anbieter schwer auf dem Markt.

Die heutigen Cloud-Lösungen hätten einen „entscheidenden Nachteil“, argumentiert Loh: „Das Unternehmen kann nicht frei entscheiden, wem es welche Daten gibt. Das heißt, die Datensouveränität ist nicht gegeben.“ Bedenken haben viele Entscheidungsträger beispielsweise wegen des sogenannten Cloud Acts, der US-Behörden seit 2018 erlaubt, auch auf jene Daten zuzugreifen, die US-amerikanische IT-Anbieter im Ausland speichern.

Hier setzt Oncite an: Das System speichert die Daten zunächst in einem kleinen Rechenzentrum lokal. Die Firmen entscheiden, wo ihre Daten bleiben.

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Auch Boris Otto, geschäftsführender Leiter des Fraunhofer-Instituts ISST, sieht in der Cloud- und Datensouveränität Erfolgsfaktoren für die Digitalisierung der deutschen Industrie. Es müsse sichergestellt sein, dass der Austausch, die Nutzung und auch die Speicherung der Daten sicher sind. Oncite adressiere im Zusammenspiel mit dem sicheren Datenraum „Industrial Data Space“, den seine Organisation entwickelt, „Kernbedarfe der deutschen Industrie“.

Vorteile des Edge Computings

Die dezentrale Datenverarbeitung, wie Oncite sie leisten soll, wird im Fachjargon als Edge Computing bezeichnet. In Skizzen der IT-Fachleute sind die Geräte, die die Rechenleistung erbringen, am Rand eines Netzwerks dargestellt – daher der Name. Bei der Vernetzung von Maschinen gewinnt dieses Prinzip an Bedeutung: Nach Einschätzung des Marktforschers IDC werden im Internet der Dinge bis 2020 rund 45 Prozent der Daten per Edge Computing verarbeitet.

Die Vorteile: Die Leistungsfähigkeit solcher Systeme ist hoch, weil es keine Verzögerungen durch die Datenübertragung gibt. Die Rechtsabteilung bereitet keine Probleme, weil Datenschutz und Compliance besser gewährleistet ist. Die Kosten sind in der Regel überschaubar, weil keine teuren Leitungskapazitäten nötig sind.

Ganz ohne Cloud Computing geht es dann aber doch nicht: Wenn Unternehmen beispielsweise ihre Fertigungsmaschinen optimieren müssen, benötigen sie die Daten aus allen Fabriken als Grundlage. Auch die Steuerung der Logistikprozesse geschieht zentral. Daher sei die Lösung des Konsortiums kein Ersatz, sondern „eine Ergänzung mit den Vorteilen der vollständigen Datensouveränität, Echtzeitfähigkeit und Künstlicher Intelligenz“, räumt Loh ein. „Wir entscheiden, an wen wir Daten wann übertragen wollen“, betont der 72-jährige Unternehmer.

Erste Erfahrungen hat Loh beim Schaltschrankhersteller Rittal, der mit 2,6 Milliarden Euro Umsatz und 12.000 Mitarbeitern das Herzstück seiner Unternehmensgruppe ist, gesammelt. Auch bei der früheren Bosch-Tochter Limtronik, die Baugruppen entwickelt, kam die Lösung in einem Pilotprojekt bereits zum Einsatz. Allein mehr als 50 Entwickler arbeiten in dem Dreier-Konsortium von German Edge Cloud, Bosch und Iotos weiter an dem System.

Erste „KI-Edge-Cloud“ für industrielle Anwendungen

Die Lösung, die nun auf den Markt kommen soll, bezeichnet der Unternehmer als erste „KI-Edge-Cloud“ für echtzeitfähige industrielle Anwendungen. Sprich: Kunden können das System nutzen, um Daten mithilfe Künstlicher Intelligenz auszuwerten, und zwar direkt in der Fabrikhalle. Es lässt sich aber auch mit industriellen Cloud-Plattformen wie Siemens Mindsphere und SupplyOn verknüpfen.

Das Produkt richtet sich zunächst an Automobilzulieferer. Für die sei neben der Kontrolle über die Produktionsdaten wichtig, dass sie ihren Zuliefererstatus nicht riskierten, sagt Sebastian Ritz, Geschäftsführer der Loh-Tochter German Edge Cloud. Gleichzeitig müsse die Lösung bezahlbar sein – das Konsortium verspricht „mittelstandsgerechte“ Preise, ohne Details zu nennen. Neben den Automobilzulieferern gilt auch die Fertigungsindustrie als Zielgruppe.

Loh hofft auf ein großes Geschäft: So benötige beispielsweise jeder Automobilzulieferer ein kleines Rechenzentrum, um sich darüber mit den digitalen Produktionsplattformen von Volkswagen und anderen Autokonzernen zu vernetzen. Die meisten Zulieferer hätten sich noch nicht für eine Edge-Computing-Plattform entschieden: eine große Chance für die Unternehmensgruppe.

Allerdings gibt es einige Konkurrenz. „Das Produkt ist für Industrieunternehmen sicher nicht schlecht, es gibt aber einige Alternativangebote“, sagt Axel Oppermann, Gründer des Beratungsunternehmens Avispador. Dazu zählen auch Geräte von Amazon und Microsoft, die diese als Ergänzung ihrer Cloud-Dienste verstehen.

Für die Erfolgsaussichten von Oncite seien Details wichtig, die der Hersteller noch nicht veröffentlicht habe, sagt Oppermann – etwa die weitere Produktentwicklung und das Preismodell. Nicht zuletzt stelle sich die Frage nach den IT-Dienstleistern, die bei Verkauf, Einrichtung und Betrieb helfen – Microsoft, Amazon und IBM haben dafür große Partnernetzwerke.

Das deutsche Konsortium stellt mit Oncite ein erstes Produkt vor, das den Anforderungen für die Plattform Gaia-X entspricht. Noch vor dem offiziellen Start im Oktober haben die deutschen Mittelständler somit eine erste Anwendung fertiggestellt.

Altmaier befürchtet, überholt zu werden

Hintergrund des Gaia-X-Projekts ist, dass Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier befürchtet, der industrielle deutsche Mittelstand überstehe die technologischen Umbrüche der kommenden Jahre nicht. Ausländische Wettbewerber holen schneller auf als Deutschland – allen voran China. Schon bald könnten Anbieter aus Fernost dank neuer KI-basierter Fertigungsprozesse so effizient werden, dass deutsche Maschinenbauer erst ihre Technologieführerschaft und schließlich ihre Konkurrenzfähigkeit verlieren.

Um den Anschluss an die digitalen Entwicklungen in China zu halten, müsse in Deutschland ein Ökosystem entstehen, in dem KI-basierte Anwendungen entwickelt werden können, ist Altmaier überzeugt. Eine deutsche oder europäische Cloud-Infrastruktur böte zudem besseren Schutz vor Datenzugriffen aus dem Ausland, ob durch Geheimdienst oder Behörden.

Altmaier will der deutschen Wirtschaft daher mehr digitale Souveränität verschaffen. „Deutschland und Europa benötigen eine Dateninfrastruktur“, heißt es in einem Papier des Ministeriums. Diese solle ermöglichen, „dass Daten breiter als derzeit und sicher zur Verfügung stehen“. Wie genau das aussehen soll, will der Bundeswirtschaftsminister Ende des Monats beim Digitalgipfel in Dortmund erklären.

Was bereits klar ist: Gaia X soll kein Großanbieter werden, kein „Hyperscaler“ nach Vorbild von Microsoft und Amazon. Vielmehr sieht das Konzept ein Netzwerk von Cloud-Plattformen und ergänzenden Diensten vor. Von einem „dezentralen“ oder „virtuellen“ Hyperscaler ist in Altmaiers Ressort die Rede. Letztlich soll es einen gemeinsamen Standard geben, der den Datenaustausch ermöglicht.

Staatliche Förderung noch unklar

Das Netzwerk soll Großunternehmen, Mittelständler, Start-ups, staatliche Einrichtungen und die Wissenschaft umspannen. Diese sollen gemeinsam Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz entwickeln: Autohersteller könnten sich Daten mit Verkehrsbetrieben teilen, Gesundheitsdienstleister sich mit Forschungslaboren und Start-ups zusammenschließen. Als Co-Betreiber sind unter anderen die deutsche Telekom und SAP, aber auch der schwäbische Mittelständler Festo, ein Spezialist für Automatisierungstechnik, im Gespräch.

Wie die staatliche Förderung bei dem Projekt ausfällt, ist noch unklar. Eine Option ist es, den Staat zum Hauptkunden von Gaia-X zu machen. Ob für den Betrieb der Cloud-Infrastruktur ein Unternehmen, eine Stiftung oder ein Verein gegründet werden soll, hat das Ministerium bisher nicht verraten. Nur etwa zehn Beamte arbeiten an dem Projekt, Informationen fließen spärlich.

Analyst Oppermann hält ein deutsches oder europäisches Angebot aus einer geopolitischen Perspektive grundsätzlich für sinnvoll. Dafür müssten aber mehrere, große wie kleine Spezialisten Kompetenzen bündeln, möglichst in einem Gemeinschaftsunternehmen. „Wenn es nur eine lose Interessensvertretung gibt, wird nicht viel passieren“, mahnt Oppermann.

Mehr: Die deutsche Bundesregierung treibt den Aufbau einer Europa-Cloud voran.

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