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Consumer Electronics Show Die CES verabschiedet sich von der Revolution – und setzt auf Produktverbesserungen

Die Tech-Industrie hat ihren Glanz verloren. Auf der CES in Las Vegas müssen die Konzerne erklären, wie sie das Leben ihrer Nutzer verbessern wollen.
06.01.2020 - 07:13 Uhr Kommentieren
CES setzt nun auf Produktverbesserungen Quelle: AFP
CES

Auf der Elektronikmesse geht es nun weniger um neue Gadgets, sondern um die Verbesserung von Produkten.

(Foto: AFP)

Las Vegas Der Weg zur Consumer Electronics Show (CES) führt durch Gänge voller blinkender Spielautomaten und einarmiger Banditen. Außer der weltgrößten Konsumentenelektronikmesse hatte Las Vegas, die schlecht beleumundete Metropole in der Wüste Nevadas, eigentlich nie viel mit der Tech-Industrie zu tun. Im Gegenteil: Google, Facebook und Co. fühlten sich immer als etwas besser, etwas ethischer als alle anderen Unternehmen.

Das ist lange her. Zu Beginn der Zwanzigerjahre sind die Zukunftserfinder in der öffentlichen Meinung langsam auf dem Niveau der Casino-Industrie angekommen. Die Zehnerjahre begannen als Tech-Party und endeten mit einem schweren Kater: 2010 wählte das „Time“-Magazin Facebook-Chef Mark Zuckerberg noch zur Person des Jahres, neun Jahre später gilt das Start-up-Wunderkind a.D. als mitschuldig an der Wahl Donald Trumps und dem massenhaften Eindringen in die Privatsphäre seiner Nutzer. Zudem sollen die Social-Media-Apps ihre Nutzer auch ganz bewusst süchtig machen.

Facebook hat wenigstens wirtschaftlichen Erfolg, die Zukunft vieler Shootingstar-Unternehmen der letzten Dekade – Uber, Lyft oder WeWork – ist nach missglückten oder ganz abgeblasenen Börsengängen unklarer denn je. Und die großen, etablierten Konzerne wie Amazon oder Google sind inzwischen so dominant, dass ernstzunehmende Politiker wie die demokratische Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren ihre Zerschlagung fordern.

Auch viele der Innovationen und Neuheiten, die die Branche auf den Shows der vergangenen Jahre propagierte, scheinen langsamer voranzukommen als versprochen. Augmented oder Virtual Reality sind auch nach Jahren noch nicht im Leben der Konsumenten angekommen. Selbstfahrende Autos bevölkern noch lange nicht jeden Feldweg der Welt, sondern allenfalls ein paar vorsichtig abgesteckte Testgegenden in San Francisco oder Phoenix. Und die in Städten allgegenwärtigen E-Scooter, die vor einem Jahr noch viele CES-Besucher begeisterten, gelten vielen Großstadtbewohnern inzwischen als zweifelhafte Neuerung.

Das wirkt sich auch auf die weltgrößte Messe für Konsumentenelektronik aus: „Die CES hat sich verändert“, sagt Thomas Husson, Analyst beim Marktforscher Forrester. „Früher ging es nur um die neuesten Gadgets, inzwischen ist die Tech-Industrie gereift.“ Statt jedes Jahr tatsächlich oder angeblich revolutionäre Geräte zu präsentieren, werde es in den 2020er-Jahren eher um die Verbesserung des Bestehenden gehen: Dienste für bestehende Plattformen zu entwickeln, sie smarter und kundenfreundlicher zu machen. Und damit nebenbei den angeschlagenen Ruf der Branche zu reparieren.

Bald mehr Smarthome-Geräte als Einwohner in Deutschland

Chancen dafür sieht Husson beispielsweise beim Smarthome: Intelligente Lautsprecher wie Amazon Echo oder Google Home hätten 2019 reißenden Absatz gefunden und könnten zum Knotenpunkt des vernetzten Zuhauses werden, an das von der Kamera-Klingel bis zum Internet-Kühlschrank immer mehr Geräte angeschlossen werden. „Sprache ist unsere natürlichste Form der Interaktion“, sagt Husson.

2024 erwartet der Analyst alleine in Deutschland knapp 94 Millionen installierte Smarthome-Geräte, also mehr als eines pro Einwohner. „Die Geräte sind da, jetzt braucht es überzeugende Anwendungsfälle“, sagt Husson. Bisher nutzten die meisten Menschen Alexa und Co. nur als Jukebox oder für die Wettervorhersage.

Schuld daran sind teilweise auch die Hersteller, die ihre Geräte oft noch eifersüchtig von den Angeboten ihrer Konkurrenten fernhalten: „Es ist frustrierend für Konsumenten, wenn sie auf Alexa nicht ihre Apple Podcast-App aufrufen können“, sagt Robin Murdoch, Plattform-Experte beim Beratungsunternehmen Accenture. Erst seit wenigen Wochen arbeiten die beiden Konzerne in dem Bereich zusammen. „Die CES zeigt immer die Kunst dessen, was möglich ist“, sagt Murdoch. „Die Frage ist aber zunehmend: Werden Konsumenten die ganzen Geräte zuhause auch wirklich anschließen und verwenden?“

Das sieht Forrester-Analyst Husson ähnlich: Um vom Gimmick zum digitalen Heinzelmännchen zu werden, sei die Entwicklung eines Interoperabilitäts-Standards zwischen Geräten aller Hersteller wichtig, auf den sich Apple, Amazon und andere Branchenführer vor einigen Wochen im Grundsatz geeinigt haben. Denn eines ist sicher: Der mit Alexa verbundene Duschkopf, den der amerikanische Kloschüssel-Hersteller Kohler präsentieren will, wird den Durchbruch nicht bringen.

Je nahtloser die smarten Geräte aber ineinandergreifen, je alltäglicher sie sich anfühlen, desto stärker drängen sich Fragen nach dem Schutz der Privatsphäre auf. Zwei von drei Nutzern weltweit sagten in einer von Accenture beauftragten Umfrage, sie würden bei einer Marke, die zu aufdringlich nach Daten giert, nicht mehr einkaufen. Lange galt Datenschutz als rein europäische Obsession, nun ist in Kalifornien zum Jahreswechsel ein Privatsphäregesetz in Kraft getreten, dessen Vorbild die EU-Datenschutzgrundverordnung war.

Gadgets erfüllen Versprechungen nicht

Das Misstrauen, dass all die Geräte unser Leben besser machen, reicht über Datenschutzbedenken weit hinaus. Die neuen Mobilitätsangebote von Ride-Hailing bis E-Scooter hätten weniger Verkehr und schnellerem Transport bisher nicht eingehalten, sagt Jürgen Reers, Mobilitätsexperte bei Accenture. Eher gebe es mehr Autos, mehr Staus und mehr von umgefallenen E-Scootern blockierte Fußwege.

Auch hier sei Interoperabilität die Lösung, glaubt Reers. Um Verkehrsströme in Großstädten effizient zu steuern und etwa an jeder Haltestelle ausreichend E-Scooter oder Leihräder bereitzustellen, seien Apps nötig, die alle Verkehrsmittel und -informationen in Echtzeit integrieren. Die „fehlenden Puzzlestücke“ seien Künstliche Intelligenz und die Zusammenarbeit mit Städten, sagt der Münchener Berater.

War die CES einst eine Revue all der „nächsten großen Dinge“, die unser Leben revolutionieren sollten, spielen heute die darauf laufenden Dienste, die Ökosysteme und das politische Umfeld eine größere Rolle auf der Messe: Am Dienstag können Apples und Facebooks Chief Privacy Officer, Jane Horarth und Erin Egan, die von Apple-Chef Tim Cook regelmäßig angeheizte Fehde der beiden Konzerne über Datenschutzfragen austragen.

Am Mittwoch sprechen Hollywood-Produzentenlegende Jeffrey Katzenberg und Ex-HP-Chefin Meg Whitman, wie ihr Kurzfilm-Streamingdienst Quibi auf einem von Netflix bis Snapchat völlig überfüllten Video-Markt Kunden finden will.

Services nehmen auf der CES immer größeren Raum ein: „Jedes Gerät kommt künftig mit einem Service“, sagt Accenture-Analyst Murdoch. So wie Apple nun einen Musik-, einen Spiele- und einen Videostreamingdienst für seine iPhones und iPads entwickelt hat, werden viele Gadget-Entwickler folgen. Vor fünf Jahren habe ihn der Stand des Actionkamera-Herstellers GoPro am meisten begeistert, diesmal sei er auf Peloton gespannt – ein Entwickler von Fitnessgeräten, die durch aufwendig produzierte und auf den Nutzer abgestimmte Trainingsvideos erst zum Leben erwachen.

Selbst Autos, die größten Konsumenten-Gadgets, werden auf der CES inzwischen vor allem als Abspielflächen für verschiedene Apps präsentiert. „Das erste smarte Gerät auf Rädern“, nennt Byton-Chef Daniel Kirchert den 45.000 Dollar teuren „M Byte“, den er in Las Vegas erstmals dem US-Publikum vorstellt. In der Präsentation des ersten Modells des chinesischen Elektroautobauers, das noch 2020 in die Massenproduktion gehen soll und bereits 60.000 Reservierungen zählt, geht es um eine neue Partnerschaft mit dem Film- und Fernsehkonzern ViacomCBS, eine neue Entwicklerplattform für den hauseigenen App Store oder das windschutzscheiben-breite Display unter den Augen des Fahrers.

Nur um das Auto selbst und traditionelle Leistungswerte wie Beschleunigung, Höchstgeschwindigkeit oder Reichweite geht es in der Byton-Präsentation kaum. Kirchert zeigt die Zahlen kurz auf einer Folie und wendet sich dann wieder der Software zu. Das nächste große Ding auf der CES – es ist anscheinend gar kein Ding mehr.

Mehr: Wie sich Messen zu digitalen Marktplätzen entwickeln, lesen Sie hier.

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