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Cornelius Boersch und Thomas Middelhoff „Wir werden bald den Ausverkauf der deutschen Wirtschaft sehen“

Investor Cornelius Boersch und Ex-Manager Thomas Middelhoff sprechen über die Fehler bei der Digitalisierung – und legen Reformvorschläge vor.
06.10.2020 - 02:06 Uhr 4 Kommentare
Der Ex-Manager und der Investor gehen mit dem Technologiestandort Deutschland hart ins Gericht. Quelle: Darius Ramazani
Thomas Middelhoff (l.) und Cornelius Boersch

Der Ex-Manager und der Investor gehen mit dem Technologiestandort Deutschland hart ins Gericht.

(Foto: Darius Ramazani)

Hamburg An diesem Dienstag stellen zwei deutsche Internetpioniere ein radikales Buch vor: „Zukunft verpasst?“. Investor Cornelius Boersch, 52, und Ex-Manager Thomas Middelhoff, 67, rechnen darin mit den Versäumnissen bei der Digitalisierung ab.

Boersch war schon beim Neuen Markt dabei und ist heute an rund 200 Start-ups beteiligt. Middelhoff brachte als Bertelsmann-Chef einst AOL nach Europa und befindet sich nach Prozess und Haftstrafe im Insolvenzverfahren.

Die deutsche Politik, aber auch die Konzerne kommen in ihrem Buch schlecht weg. Zu mutlos, zu konservativ, zu technologiefeindlich lautet das Urteil der Autoren. Beim Gespräch in Hamburg gehen sie ausführlich auf ihren „Zehn-Punkte-Plan“ ein, der aus der hausgemachten Internetkrise herausführen soll.

Boersch finanziert sogar den internationalen Verkauf des Buchs, das auch auf Englisch, Französisch, Spanisch, Chinesisch, Japanisch und Arabisch erscheint. Prominente schreiben jeweils für einzelne Länderausgaben ein Vorwort, in den USA etwa AOL-Gründer Steve Case und in Frankreich der einstige Vivendi-Chef Jean-Marie Messier.

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    Lesen sie hier das komplette Interview

    Herr Boersch, Herr Middelhoff, in Ihrem Buch über Digitalisierung schildern Sie ein Gespräch mit der Nummer zwei des Huawei-Konzerns. Der sagte Ihnen, dass China mit den USA künftig um die Führung in der Welt kämpfe und Europa keine Rolle mehr spiele. Denken Sie auch so?
    Thomas Middelhoff: Die Gefahr ist groß, dass Deutschland und Europa nur eine untergeordnete Rolle spielen. China hat einerseits noch Lohnkostenvorteile, andererseits haben wir in Fragen der Zukunftstechnologien viel zu viel Zeit verloren. Die Statistiken sind eindeutig. Es braucht besonderer Kraftanstrengungen, um dieses Bild noch korrigieren zu können.
    Cornelius Boersch: Als Unternehmer bin ich seit 1995 in China aktiv und habe dort 1996 meine erste Fabrik aufgebaut. Seit einigen Jahren nehmen uns die Chinesen nicht mehr richtig ernst. Bei Delegationsreisen ist es schwierig geworden, hochkarätige Termine zu bekommen, selbst wenn der Vizekanzler mitreist. In China orientiert man sich sehr stark an den USA. Wir wurden gewarnt: Die Europäer sollten sich nicht zu früh entscheiden, auf welche Seite sie sich schlagen.

    Haben wir die Innovationskraft Chinas unterschätzt?
    Boersch: Die Entwicklung lief rasant. Als ich Anfang der 2000er-Jahre Vorträge über das Internet in China hielt, kamen Tausende, weil Start-ups und das Internet im Land gänzlich neu waren. Heute würde kein Mensch mehr kommen, da die Lernkurve Chinas extrem steil war. Damals habe ich mir Tencent angeschaut und dachte: 60 Millionen Euro? Viel zu teuer für eine chinesische Website.
    Middelhoff: Bei unseren früheren Reisen spürten wir großen Respekt vor deutscher Technologie, Pünktlichkeit und Qualität. Heute werden wir nach unpünktlichen Zügen und den Pannen auf dem Berliner Großflughafen gefragt. Konzerne wie Huawei wissen selbst, wie überlegen sie in der 5G-Mobilfunktechnologie sind. Früher hat Siemens das Kommunikationsnetz in China gebaut, heute sind wir dringend darauf angewiesen, dass Huawei uns hilft.

    Das Buch von Cornelius Boersch und Thomas Middelhoff erscheint an diesem Dienstag. (Adeo, 24 Euro)
    „Zukunft verpasst?“

    Das Buch von Cornelius Boersch und Thomas Middelhoff erscheint an diesem Dienstag. (Adeo, 24 Euro)

    Wie konnte es dazu kommen, dass Deutschland in der Digitalisierung so zurückfiel?
    Boersch: Ich habe etwas Mitschuld an der ganzen Entwicklung, da ich selbst Unternehmer am Neuen Markt war. Durch den Zusammenbruch dieser jungen Börse Anfang der 2000er-Jahre haben sich viele Menschen nicht mehr getraut, in Start-ups und neue Technologien zu investieren. Im Internet haben wir den Kehraus mit deutscher Gründlichkeit gemacht. Die großen Entwicklungen – siehe Google, siehe Facebook – erfolgten zwischen 2000 und 2010, die Auswirkungen jedoch waren erst Jahre später zu sehen. Bei uns aber wurde plötzlich der CEO durch den CFO ersetzt. Visionen waren verboten. Viele Konzernlenker betonten mir gegenüber immer wieder: „Ich habe doch gewusst, dass das Internet nur ein kurzes Intermezzo ist.“ Diesen Zeitraum nennen wir daher in unserem Buch das verlorene Jahrzehnt.
    Middelhoff: Industriepatriarchen schlugen nach 2000 zurück gegen Unternehmer der New Economy, von der sie noch nie etwas gehalten hatten.

    Tatsächlich hatten sich die Börsenkurse weit von der Realität entfernt. Vielleicht ist das heute bei den so hoch dotierten Tech-Aktien ja auch so.
    Boersch: Sicher, als meine kleine Firma damals fast so viel wert war wie Porsche, wusste ich: Da stimmt etwas nicht. Aber keiner konnte sich vorstellen, dass der Neue Markt um 98 Prozent korrigiert wird. Es war eine maßlose Übertreibung nach oben – und nach unten. Heute bräuchten wir in Deutschland oder Europa dringend eine Technologiebörse.
    Middelhoff: Bei Ihrer Frage schwingt ein typisch deutsches Sentiment mit: „alles heiße Luft“. In Vorstandssitzungen bei Bertelsmann vor 20 Jahren wurde Amazon als total überbewertete Firma gesehen, die sich bald erledigt habe. Dabei hatte der hohe Börsenkurs nur die künftige Entwicklung vorweggenommen. Amazon hat alle Erwartungen übererfüllt. Das war wie beim Monopoly, wenn einer alle wichtigen Felder besetzt. In Deutschland wäre auch ein Amazon im Jahr 2000 rasiert worden. Alles wurde plattgemacht. Leider haben Bertelsmann und die deutsche Wirtschaft dabei das verloren, was immer oberstes Gebot war: die Endkundenbeziehung. Jetzt sind wir abhängig von Dritten.
    Boersch: Das Internet neigt dazu, die Marktdominanz nur dem Ersten oder Zweiten zu überlassen. Damit können die übrigen Spieler im Monopoly-Spiel jedoch nicht gewinnen. Uns bleiben daher nur die Bahnhöfe. Die Konzentration wird noch zunehmen. Wir hätten dem Neuen Markt ein paar Jahre mehr geben sollen. Mit ihm haben wir damals auch Venture-Capital kleingemacht. Das aber ist der Treiber der neuen Welt. Von den Top-20-Unternehmen auf der Erde sind 17 durch Venture-Capital finanziert. In der Geringschätzung des Internets nach 2000 liegt ein kollektives Versagen der deutschen Wirtschaft vor.
    Middelhoff: Warum kann ein südafrikanisches Medienunternehmen wie Naspers ein Portfolio mit attraktiven Internetbeteiligungen aufbauen – mit rund 30 Prozent an Tencent –, und einem deutschen Konzern gelingt das nicht? Wir wollen immer alles kontrollieren und lassen zu wenig Freiraum.

    Sie haben von einem „verlorenen Jahrzehnt“ gesprochen. Dabei hielt Kanzler Gerhard Schröder doch anfangs sehr viel von Start-ups.
    Middelhoff: Schröder hat seine Meinung korrigiert, auch aus Sorge ums politische Überleben. Heute stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Wie kann es sein, dass Google heute mehr Gewinn macht als Bertelsmann Umsatz? Und dann sitzen sie in Gütersloh und wollen die digitale Zukunft gestalten. Wie denn?
    Boersch: Die Gefahr, die ich momentan sehe, ist die Refinanzierungskraft der deutschen Konzerne. Eine zehnprozentige Kapitalerhöhung würde bei Daimler vier, fünf Milliarden Euro bedeuten, bei Tesla aber 28 Milliarden. Wenn eine einzige US-Firma wie Amazon oder Apple mehr wert ist als alle 30 Dax-Konzerne zusammen, dann werden wir bald den Ausverkauf der deutschen Wirtschaft sehen.

    Sie stellen als Szenario in Aussicht, dass Google Daimler kauft.
    Middelhoff: Das ist ein Beispiel, das wachrütteln soll. Irgendeiner wird es bei Daimler schon machen – einer der US-Giganten oder chinesische Investoren, die jetzt schon dort Aktionäre sind. Das Management in Stuttgart ließ sich dafür feiern, eine Beteiligung an Tesla scheibchenweise zu Geld gemacht zu haben. Dabei wären die neun Prozent heute viele Milliarden mehr wert.

    Ist es nicht wahrscheinlicher, dass Google oder Apple beispielsweise für die Deutsche Bank bieten, um digitale Finanzdienstleistungen anzubieten?
    Boersch: Ich würde mein Geld heute immer noch der Deutschen Bank geben – allein aus dem Gedanken heraus, dass dieses Institut im Falle einer Krise immer gerettet würde. Und es hilft ja auch dem Standort, wenn wir eine eigene große Bank haben. Aber wenn Google oder Apple vollautomatisiert mit Bankdienstleistungen auf dem Handy ankommen würden, so wäre dies der letzte Sargnagel der Deutschen Bank. Vor 20 Jahren habe ich einmal einen Vortrag bei dieser Bank gehalten – und gesagt, dass sie in zwei Jahrzehnten so nicht mehr existieren würde. Da habe ich Ärger bekommen und durfte nicht mehr deren Werbefigur sein. Mit der Prognose habe ich mich nur halb vertan: Was da heute noch existiert, ist ziemlich marode.

    Sehen Sie ein grundsätzliches Managementproblem im Land?
    Boersch: Unser Hauptproblem ist das kurzfristige Denken. Ein CEO ist im Schnitt kaum vier Jahre im Amt, da interessieren ihn nur sein persönlicher Bonus und Vertragsverlängerungen – und weniger, wie der Markt in zehn Jahren aussieht. Deswegen hat er auch keine Digitalstrategie. Risiko wird bestraft. Hauptsache, keine Fehler machen. Und die Leute in den Vorständen, vor allem aber in den Aufsichtsräten, sind einfach zu alt. In den Sitzungen heißt es immer: „konservativ“ wirtschaften – dieser Ausdruck war früher ein Markenzeichen Deutschlands, heute aber steht er für den Untergang. Ein Elon Musk, der „out of the box“ denkt, wäre in Deutschland unmöglich.
    Middelhoff: Oder er landet in der Psychiatrie. Wenn Konservativismus Bewahren ist, dann ist das auch das Bewahren der Zukunftsfähigkeit dieses Landes. Und da hat die Politik dramatisch versagt. Es fehlt an der Roadmap für die nächsten Jahre, an einem Plan für „Deutschland 2030“.

    Also so etwas wie „Made in China 2025“, wie der strategische Plan Pekings zur Eroberung von Marktführerschaften?
    Boersch: Ja. Ein Start-up braucht acht bis zehn Jahre, Minimum. Diese Geduld hat keiner. Banker und Konzernchefs denken an das schnelle Geld. Hier zählt: Was gibt‘s in ein, zwei Jahren?
    Middelhoff: Es braucht Konzernlenker, die eine Vision gegen alle Widerstände durchziehen. Dann aber kommen in der Realität der Finanzvorstand und der Pressechef und berichten von Unruhe bei Analysten und Journalisten. Spätestens einer der Nachfolger bricht die Initiative dann ab.
    Boersch: Eine wesentliche Schuld liegt meiner Meinung nach bei den Beratern, McKinsey zum Beispiel. Diese haben die Zukunft total falsch eingeschätzt. Ich habe viele Start-ups finanziert, die von ehemaligen McKinsey-Beratern gegründet wurden. Meist habe ich mein Geld komplett verloren.

    China verfügt über ein Gesamtsystem mit staatlichen Banken und Fonds sowie einer einzigen Partei, die alles registriert. Deutschland fehlen schon die wichtigsten Werkzeuge für einen großen Plan.
    Middelhoff: Für Veränderungsprozesse kann man die Meinung vertreten, dass ein zentral geführtes System überlegen ist. Aber wir sind in Deutschland auch handlungsfähig. Wenn wir bei Migration einen runden Tisch hinbekommen, kann das auch bei Digitalisierung gelingen. Das ist eine nationale Aufgabe! Ein Zehn-Punkte-Plan und ein Mentalitätswechsel sind nötig. Wenn man das so sieht, bekommt man es hin.
    Boersch: Ich bin bekennender Fan von Angela Merkel. Die ganze Welt beneidet uns um sie. In der Frage nach der Zukunftsfähigkeit Deutschlands hinterlässt sie allerdings, wie gesagt, einen Scherbenhaufen. Bei Wirtschaftsdelegationsreisen sind immer die Chefs von Siemens, Daimler oder Thyssen-Krupp dabei, selten aber ein Start-up-Unternehmer. Obwohl das die Zukunft wäre. Völlig naiv ist, wie Wirtschaftsminister Peter Altmaier andauernd von einem „europäischen Facebook“ oder einer „europäischen Cloud“ redet womöglich „powered by Siemens und Telekom“. Kein Kunde würde ein solches Angebot annehmen!

    Aber ohne Regierungshilfen ist der digitale Rückstand nicht aufzuholen.
    Boersch: In den nächsten Jahren wird die deutsche Politik hierbei eine immer wichtigere Rolle bekommen. Sie wird uns vor den amerikanischen Tech-Giganten nur schützen können, indem sie regulierend eingreift.
    Middelhoff: Facebook und den anderen kann man ja nicht ihren Erfolg vorwerfen. Die deutsche Politik aber denkt nur rückwärtsgerichtet. Wir sind beispielsweise bei unseren Netzen, bei der Abdeckung und der Breitbandausstattung selbst in Europa bestenfalls im Mittelfeld. Das liegt daran, dass der Staat bei der Deutschen Telekom und der Aufsicht überall mit drinsteckt und die Netze nicht dem freien Markt überlassen wurden.

    Wissen die Deutschen Ihrer Meinung nach, worauf es in der digitalen Frage ankommt?
    Boersch: Die Dramatik ist den Menschen heute noch nicht klar. Viele in den Unternehmen denken: „Ach, ich muss mal so einen Digital-Fuzzi einstellen.“ Das reicht nicht. Die Transformation muss auch gelebt werden.
    Middelhoff: Der Lockdown hat zwei Auswirkungen, die zu Tsunamis werden können. Die eine ist die volkswirtschaftliche Schädigung, das sind die vielen Milliarden, die wir brauchen. Wir geben das Geld aber falsch aus. Wo hat Adidas bei der Herstellung von Adiletten mehr Systemrelevanz als die Gastronomie oder Start-ups? Dort gibt es deutlich mehr Arbeitsplätze. Und wie kann der Reisekonzern Tuzi das viele vom Staat geliehene Geld je zurückzahlen...
    Boersch: ... das ist doch ein kaputtes Geschäftsmodell! Tui hat wesentlich mehr Geld erhalten als die gesamte deutsche Start-up-Landschaft. Die Gründer bekamen zwei Milliarden Nothilfe und haben nun die vage Aussicht auf zehn Milliarden. Viele international hochangesehene deutsche Top-Start-ups sterben gerade. Hier werden auf Kosten der Zukunft falsche Schwerpunkte gesetzt. Interessant ist auch die Frage: Wo kommen diese 1.000 Milliarden plötzlich eigentlich her?
    Middelhoff: Der zweite Tsunami ist, dass die Nutzer auf einmal erfahren, dass es mit der Digitalisierung ja klappt. Das stellt die Unternehmen vor große neue Herausforderungen. Ganze Wertschöpfungsbereiche melden sich ab. Es ist doch kein Zufall, dass im Corporate Center von Daimler 4000 Leute gehen müssen.

    Welche konkreten Maßnahmen für das Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft schlagen Sie vor?
    Boersch: Wenn es nach mir geht, würde ich den gesamten Lobbyismus komplett verbieten. Da werden nur Subventionen ausgehandelt, die im Zweifel alte Technologien und Strukturen schützen – oder in die Landwirtschaft fließen. Wenn wir das Geld in Big Data, Virtual Reality oder Künstliche Intelligenz hineinstecken, hätte das einen nachhaltigen Effekt auf unsere Wettbewerbsfähigkeit.
    Middelhoff: Wir haben geschaut, wie die USA und China vorweggehen. Eine Antwort wären zum Beispiel Fonds für digitale Infrastruktur. Entscheidend ist ein Commitment der Politik, das auch Wahlen übersteht.
    Boersch: Wir brauchen einen Mentalitätswechsel. Immer noch gibt es beispielsweise Berührungsängste zwischen Konzernen und Start-ups. Und viele unserer hervorragenden Wissenschaftler forschen für den Aktenordner und nicht für den Markt. Es ist auch für mich eine Ausnahme, dass ich vor zwei Jahren die Firma Fayteq aus dem Umfeld der Universität in Ilmenau an Facebook verkaufen konnte.
    Middelhoff: Wir müssen die Kooperation zwischen Forschung, Wissenschaft und Technologie institutionalisieren. Wir brauchen eine bessere Verzahnung dieser Bereiche. Mehr Inkubationszentren sind nötig. Wir haben schon heute Vorbilder wie die TU München oder RWTH in Aachen. Diese Leuchttürme müssen multipliziert werden.

    Was kann der Staat noch konkret tun?
    Middelhoff: Den Auftrag für die Corona-App haben SAP und Telekom bekommen. Genau falsch! Dabei gab es funktionierende Angebote von deutschen Start-ups. Es muss künftig eine Mindestquote für Regierungsaufträge an junge Unternehmen geben.
    Boersch: Um nicht alles zu negativ wirken zu lassen: Der deutsche Mittelstand ist gut aufgestellt. Die Googles und Facebooks dieser Welt können in diese Nischen nicht hinein.
    Middelhoff: Hier müsste das Bundeswirtschaftsministerium nicht irgendwelche fiktiven Champions fördern, sondern darauf achten, dass sich der Mittelstand digital weiterentwickelt. Das ist die DNA der deutschen Wirtschaft.
    Boersch: Wir sind bei der Digitalisierung erst zehn Prozent des Weges gegangen. Die meisten Sachen gibt es ja noch gar nicht. Es ist hoffentlich noch nicht zu spät. Nur: Der Wille muss auf allen Ebenen da sein, vor allem in Europa. Lippenbekenntnisse reichen nicht.

    Sie wollen sogar, dass Vorstände in großen Firmen künftig maximal zehn Jahre im Amt bleiben dürfen. Das ist nicht gerade freie Marktwirtschaft.
    Middelhoff: Das ist kein Dirigismus, sondern Vernunft. Wir glauben, dass es sonst Machtstrukturen in Konzernen gibt, die Innovationen verhindern. Und aus diesem Grund soll ein CEO oder Vorstand später auch generell nicht in den Aufsichtsrat dieses Unternehmens gehen können – selbst nicht nach einer Abklingphase.
    Boersch: Ausgeschiedene Manager sollten mit ihrem Wissen lieber Start-ups unterstützen, anstatt auf dem Golfplatz oder in Gremien herumzuhängen.

    Herr Boersch, Herr Middelhoff, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Raus aus der Komplexitätsfalle: Was sich in Politik und Verwaltung ändern muss.

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    4 Kommentare zu "Cornelius Boersch und Thomas Middelhoff: „Wir werden bald den Ausverkauf der deutschen Wirtschaft sehen“"

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    • Herr Pella,
      Herr Middelhoff hat weder jemanden umgebracht noch kleine Leute geschädigt oder betrogen.
      Er hat es lediglich bei den Spesen (siehe Helikopterflüge u.ä.) etwas übertrieben, worüber in Amerika oder anderen europäischen Staaten keiner sich aufgeregt hätte.
      Schlimmer ist, dass die EZB-Chefin Lagarde ebenfalls rechtskräftig in schwerwiegenden Delikten verurteilt wurde, offensichtlich stört Sie und wohl auch andere nicht.
      Ich finde, die beiden haben Klartext geredet und die Schwachstellen aufgezeigt sowie die Wichtigkeit von Digitalisierung aufgezeigt.
      Beide haben mehr Wirtschaftskompetenz als die ganze Bundesregierung nebst Unterbau.
      Auch Herr Middelhoff hat dies bewiesen und darüberhinaus mehr Steuern in Deutschland bezahlt als 95 % der Bevölkerung. Also - besser den Ball flach halten und akzeptieren, dass Herr Middelhoff jahrzehntelang in Deutschland zu den Leistungsträgern gehörte.

    • Erfrischend! Und leider auch in einigen Aussagen sehr wahr: eine Balance zwischen Investitionen in Bestehendes und Investitionen in Neues ist nicht gegeben. So verspielt man Zukunft - leider lange, bevor man es merkt, Europas (Nicht-)Positionen in Internet-Ökonomie, Cloud oder Kommunikationstechnologie sollte eigentlich mahnen - Ignoranz wiederholt sich...

    • Wenn wir Rat von Middlehof brauchen, sind wir aufgeschmissen. Ich bin nicht Frau Schickedanz, bitte verschonen Sie mich mit diesem Murks. Betrügen kann ich mich selber, da habe ich mehr davon.

    • Wieso erhält ein rechtskräftig, verurteilter Wirtschaftsverbrecher (Middelhoff) im
      Handelsblatt eine Plattform?
      Er hat zigtausende geschädigt. Wozu zahl ich monatlich Beiträge?

      Wie verkommen ist eigentlich das Kapital und die Wirtschaft?

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