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Datenschutz „Für Vertrauliches gilt höchste Vorsicht“ – Politiker warnen vor Videodienst Zoom

Datenschutz-Pannen haben den Videokonferenz-Dienst in Verruf gebracht. Deutsche Politiker warnen vor Zoom, US-Firmen reagieren mit Verboten.
07.04.2020 - 16:43 Uhr Kommentieren
Kein Anbieter ist derzeit so gefragt wie Zoom. Quelle: Reuters
Videokonferenz

Kein Anbieter ist derzeit so gefragt wie Zoom.

(Foto: Reuters)

San Francisco, Düsseldorf, Berlin Für Dennis Johnson sollte es der größte Erfolg seiner bisherigen Karriere werden. Ende März stand für den Pädagogik-Doktoranden an der California State University in Long Beach die Verteidigung seiner Dissertation an, die wegen der Coronagefahr über den Videokonferenzdienst Zoom stattfinden sollte.

Mitten im Vortrag erschien eine rote Schmiererei auf seiner Folie, dann eine rassistische Beleidigung direkt gegen den Afroamerikaner Johnson gerichtet. Unbekannte hatten offenbar den Link zu Johnsons Vortrag über Rassismus im amerikanischen Schulsystem im Internet gefunden und seine Präsentation gekapert. „In einem der bedeutendsten Momente meines Lebens, wurde ich als N***** bezeichnet“, schrieb Johnson später an Zoom.

Auch das Unternehmen aus San Jose erlebt gerade einen der bedeutendsten Momente seines Bestehens – nur ob es gut oder schlecht ausgeht, ist noch unklar. Die weltweiten Ausgangs- oder Kontaktsperren wegen des Coronavirus haben die tägliche Nutzerzahl des Dienstes nach eigenen Angaben von zehn Millionen im Dezember auf 200 Millionen im März katapultiert. Zooms Aktie ist eine der wenigen weltweit, die seit dem Corona-Ausbruch deutliche Gewinne gemacht haben.

Eigentlich für Geschäftskunden konzipiert, treffen sich auf Zoom nun Freunde und Verwandte, es werden dort Schüler unterrichtet, Ehepaare getraut und Kinder getauft. Weil Zoom ohne Profil, ohne App oder Passwort funktioniert und trotz des Ansturms stabil bleibt, hat der Dienst in den ersten Wochen der Corona-Pandemie etablierte Konkurrenten wie Microsofts Skype, Apples Facetime oder Googles Hangouts ausgestochen.

Doch der Erfolg ist gefährdet. Die einfache Nutzung ist Segen und Fluch zugleich: Überfälle von Internettrollen, wie ihn Dennis Johnson erlitt, passieren inzwischen so häufig, dass es bereits ein Wort dafür gibt: Zoombombing. Gleichzeitig wurden immer neue Sicherheitslücken und Probleme mit dem Datenschutz bekannt.

Warnungen aus der deutschen Politik

Zoom ist in kürzester Zeit sehr erfolgreich und sehr umstritten geworden. Die New Yorker Generalstaatsanwältin Letitia James hat wegen der Datenschutz- und der Datensicherheitspraxis Untersuchungen gegen Zoom eingeleitet. Im US-Staat Kalifornien reichte ein Nutzer eine Klage gegen Zoom ein. Die Zukunft des Dienstes ist unklar – gerade auch in Deutschland.

Gegenüber dem Handelsblatt warnten Politiker von Koalition und Opposition vor der Videokonferenz-App. „Solange es dem Unternehmen nicht gelingt, die Vorwürfe zu entkräften, kann man Zoom nicht als Videokonferenzdienst empfehlen“, sagte der digitalpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Tankred Schipanski (CDU), dem Handelsblatt. Die Sicherheits- und Datenschutzvorwürfe seien sehr ernst zu nehmen. „Sie sind vielschichtig und kommen von ganz unterschiedlichen Nutzerkreisen.“

Bedenken äußerte auch der SPD-Digitalpolitiker Jens Zimmermann. „Für vertrauliche oder gar geheime Inhalte gilt höchste Vorsicht“, sagte Zimmermann dem Handelsblatt. „Von einer Verwendung des Dienstes Zoom für sensible Inhalte ist nach aktuellem Wissensstand abzuraten.“

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Ähnlich sieht es der Vorsitzende des Digitalausschusses im Bundestag, Manuel Höferlin (FDP). „Solange Zoom nicht nachweisen kann, dass ihre Software sicher und vertrauenswürdig ist, sollten deutsche Unternehmen auf die Nutzung dieser Video-Plattform weitestgehend verzichten“, sagte Höferlin dem Handelsblatt. „Das sollte zumindest für alle Besprechungen gelten, bei denen das erforderliche Vertraulichkeitsmaß höher ist als bei einer Postkarte.“

Der Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion für Industriepolitik und digitale Wirtschaft, Dieter Janecek, schließt sich der Einschätzung an. „Aktuell muss man zu dem Schluss kommen, dass die Bedenken gegen eine Zoom-Nutzung auch in Europa berechtigt sind“, sagte Janecek. „Problematisch ist, dass datenschutzfreundlichere und sicherere Alternativen zu vielen der breit genutzten digitalen Anwendungen wie Videokonferenzsystemen, Messenger-Diensten oder Social-Media-Plattformen oft kaum konkurrenzfähig sind.“

Bekanntheit, Netzwerk- sowie Lock-in-Effekte, die gerade bei Unternehmen dafür sorgten, dass man bei bestimmten Anwendungen bleibe, weil durch die Implementierung bereits Kosten entstanden sind, seien für die Nutzung meist entscheidender. „Deswegen ist es unerlässlich, dass bestehende Systeme hohe Datenschutz- und IT-Sicherheitsstandards einhalten“, betonte der Grünen-Politiker.

Aus Sicht des CDU-Politikers Schipanski besteche die Videosoftware Zoom zwar durch ihre Benutzerfreundlichkeit. „Die rechtlichen Bedenken wiegen meines Erachtens jedoch schwerer, und so ist es nachvollziehbar, dass einige Unternehmen ganz bewusst auf den Einsatz von Zoom verzichten.

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Zuletzt hatte SpaceX, die Raketenfirma des Tesla-Chefs Elon Musk, den Mitarbeitern die Benutzung der Software wegen „erheblicher Datenschutz- und Sicherheitsbedenken“ verboten. Auch die US-Weltraumbehörde Nasa, einer der größten SpaceX-Kunden, hat Zoom von ihren Computern verbannt.

Der SPD-Politiker Zimmermann riet indes, auch jeden anderen Dienst einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. „Für viele technische Lösungen, die in den letzten Wochen aus der Not genutzt wurden, muss jetzt eine Konsolidierung stattfinden“, sagte Zimmermann. „Dabei ist vor allem auch wichtig zu prüfen, für welche Zwecke ein Dienst genutzt werden soll.“

Datenschützer sind besorgt

Der Hamburger Datenschützer Johannes Caspar äußert sich ähnlich besorgt wie deutsche Politiker und rät davon ab, die Videokonferenz-App Zoom zu verwenden. „Zoom hat in der Vergangenheit durchaus Vertrauen verspielt“, sagte Caspar dem Handelsblatt. Es gebe bei den Videokommunikationsdiensten durchaus nutzerfreundliche und transparente Alternativen. „Niemand ist gezwungen, hier einem Anbieter die Treue zu halten.“

Caspar beobachtet mit dem Zwang zur sozialen Enthaltsamkeit, die das öffentliche wie auch das private Leben als Reaktion auf das Coronavirus erfasst hat, eine rasante Beschleunigung der Digitalisierung. „Die elektronische Kommunikation zum digitalen Lernen in Schulen und Universitäten, die Kommunikation zwischen individuellen Bereichen des Homeoffice in der Arbeitswelt, aber auch die Verbindung zwischen Menschen in Vereinen, Verbänden und Organisationen sowie ganz allgemein im privaten Umfeld hat einen Ansturm auf digitale Dienste ausgelöst, der bislang ohne Vergleich ist“, sagte der Datenschützer.

Der „extreme Nachfragedruck“ führe dann häufig zu schnellen, vor allem auf Effizienz fokussierten Lösungen. Das Beispiel Zoom zeige jedoch, so Caspar: „Es reicht nicht aus, die jeweiligen Nutzergruppen nicht nur irgendwie zu erreichen, sondern es muss darum gehen, nachhaltige und seriöse Lösungen zu entwickeln und Datenschutz und Datensicherheit auch unter den aktuellen Bedingungen zu integrieren.“

Nach Einschätzung von Caspar werde sich die Welt mit der Coronakrise „tief greifend“ verändern. „Digitale Innovationen sind der Schlüssel für die Bewältigung neuer Herausforderungen.“ Intelligente Möglichkeiten und Wege in die Zukunft brauchten jedoch selbstbestimmte Nutzer und transparente Dienste. „Die vielen, sich nahezu täglich ändernden Angebote von Videokommunikationsdiensten erschweren eine informierte Auswahl.“

Hier komme auf die Datenschutzaufsichtsbehörden künftig die zentrale Aufgabe der Beratung und Information zu. „Die Transparenz von Anbietern muss künftig einen wesentlich stärkeren Stellenwert für den Einsatz von Kommunikationsdiensten haben“, betonte Caspar. „Nur dann lassen sich die Rechte Betroffener wahren.“

Weitreichende Vorwürfe gegen Zoom

„Wenn wir noch mal Mist bauen, war‘s das.“ Quelle: AP
Zoom-Gründer Eric Yuan

„Wenn wir noch mal Mist bauen, war‘s das.“

(Foto: AP)

Seit Wochen werden immer weitere Probleme mit dem Dienst bekannt, die den Einsatz in Unternehmen und Behörden grundsätzlich infrage stellen. Einerseits geht es um den Datenschutz: So lässt sich Zoom pauschal genehmigen, umfangreiche personenbezogene Informationen zu erheben und an Dienstleister zu geben.

Zudem hat das Unternehmen bis vor Kurzem Daten an Facebook weitergeleitet, ohne darüber zu informieren. Eine Funktion, mit der Konferenzleiter die Aufmerksamkeit der Zuhörer überprüfen können, ist weiter vorhanden, allerdings ist diese auch nicht standardmäßig eingeschaltet. So oder so: Insgesamt ergibt sich ein Bild, das Datenschützer alarmiert.

Andererseits geht es um die IT-Sicherheit, die der Kryptografie-Experte Bruce Schneier als „im besten Fall schlampig und im schlimmsten Fall bösartig“ bezeichnet. Zoom nutzt nach einer Analyse des Citizen Lab der Universität Toronto eine veraltete Verschlüsselungsmethode. Auch die Aussage, dass die Videogespräche auf dem gesamten Weg verschlüsselt sind, lässt sich nicht halten. Zudem leitete das Unternehmen zwischenzeitlich die Daten einiger Konferenzen über Server in China – was nicht nur für das britische Kabinett, das den Dienst nutzt, ein Problem sein dürfte.

Der IT-Fachanwalt Stephan Hansen-Oest kritisiert die Probleme bei der Verschlüsselung von Zoom, stellte den Dienst jedoch nicht grundsätzlich infrage: „Das Problem müssen sie lösen. Generell ist Zoom aber auf einem guten Weg.“ Bei anderen Anbietern gebe es andere Probleme.

Die Diskussionen um Zooms Sicherheit und Datenschutz haben dem 2011 gegründeten Unternehmen schwer geschadet. Eines ist inzwischen klar: Es war auf diesen Moment im Rampenlicht nicht vorbereitet.

Für das Unternehmen geht es um alles

Der Erste, der das zugeben würde, ist Zooms Chef Eric Yuan. Der gebürtige Chinese hat versprochen, jedes der aufgetretenen Probleme anzugehen. Statt neue Features zu entwickeln sollen seine Entwickler in den kommenden drei Monaten nur daran arbeiten, den Dienst sicherer zu machen. Es soll eine Möglichkeit für die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von Gesprächen geben.

Bald schon soll jedes Meeting ein Passwort haben, um Zoombombing zu erschweren. Und jede Woche, um 19 Uhr deutscher Zeit, will Yuan die Zoom-Nutzer persönlich in einem Webinar über die Fortschritte informieren.

Der Gründer weiß, dass es für sein Unternehmen aktuell um alles geht. „Wenn wir noch mal Mist bauen, war‘s das“, sagte er dem „Wall Street Journal“ am Freitag. Zooms aktuelle Berühmtheit könnte dem Unternehmen am Ende sogar geschadet haben, wenn das Coronavirus einmal gebannt ist und die Welt zur Normalität zurückkehrt.

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Ein Sprecher von Zoom sagte dem Handelsblatt: „Für Zoom hat die Sicherheit der Nutzerdaten sowie der Meetings natürlich oberste Priorität.“ Eric Yuan werde zudem jeden Mittwoch ein Webinar veranstalten, „um über die neuesten Entwicklungen im Bereich Sicherheit und Datenschutz zu informieren“.

Viele der 200 Millionen Nutzer dürften Zoom bald vergessen haben, wenn sie ihre Freunde wieder persönlich treffen können. Schon jetzt verdient das Unternehmen kaum Geld an ihnen, weil die meisten den Dienst kostenlos nutzen, aber trotzdem Serverkosten verursachen. Selbst Yuan hätte nichts dagegen, wenn seine Nutzerzahl bald wieder sinken würde: „Wenn ich die Wahl habe, werde ich auf jeden Fall wieder zu dem Geschäft mit Geschäftskunden zurückkehren“, sagte Yuan kürzlich „Forbes“.

Wenn er die Wahl hat. Denn nach der US-Raumfahrtbehörde Nasa und SpaceX könnten weitere Unternehmen den Einsatz von Zoom verbieten. In mehreren Großkonzernen in Deutschland wird dieser Schritt erwogen. Bislang wollte sich dazu jedoch kein Unternehmen gegenüber dem Handelsblatt öffentlich äußern.

Alternativen könnten profitieren

Die Konkurrenz sieht nun ihre Chance. In den USA ist „to zoom“ in den vergangenen Wochen zu einem Eponym für Videotelefonate geworden, so wie es in Europa einst „skypen“ war. Der zu Microsoft gehörige Dienst bewirbt seine im Dezember eingeführte „Meet Now“-Funktion als Zoom-Alternative, weil sie ebenfalls keine Anmeldung erfordert.

Zudem versucht Microsoft seine Stärke bei Firmenkunden auszuspielen. In etlichen Unternehmen in Deutschland sind die Dienste des US-Konzerns ohnehin im Einsatz. Neben Skype bietet Microsoft mit dem Dienst Teams eine Möglichkeit zu Videokonferenzen, die ähnlich zu Zoom funktioniert.

Zu anderen bekannten Alternativen gehört der Dienst Webex des US-Anbieters Cisco. Der misst die Nachfrage nach seiner Lösung in „Meeting-Minuten“. Lagen sie im Februar noch bei sechs Milliarden Minuten, waren es im März hingegen 14 Milliarden Meeting-Minuten, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilte.

Der Datenschutzbeauftragte in Baden Württemberg empfiehlt Dienste, die sich lokal auf Servern von Unternehmen oder Universitäten installieren lassen, damit nicht unnötig Daten weitergegeben werden müssen. Dazu zählt die Behörde in Stuttgart die quelloffenen Dienste Nextcloud, Jitsi, RocketChat und Matrix auf. Die sind zwar etwas aufwendiger einzurichten, versprechen dann aber mehr Kontrolle darüber, welche Daten gesammelt und wo sie verarbeitet werden.

Mehr: Boom durch Homeoffice: Tech-Konzerne stoßen an Belastungsgrenze

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