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Datenschutz-Rechte Amazon-Aktionäre protestieren gegen Gesichtserkennungssoftware

Die Anteilseigner befürchten, die Amazon-Software stelle ein finanzielles Risiko dar. Nicht zu Unrecht, wie nun eine Milliardenklage gegen Apple zeigt.
Update: 23.05.2019 - 09:57 Uhr Kommentieren
Vor dem Hauptgebäude von Amazon in Seattle protestieren Kritiker gegen die Gesichtserkennungssoftware des Unternehmens. Quelle: AP
Protest gegen „Amazon Rekognition“

Vor dem Hauptgebäude von Amazon in Seattle protestieren Kritiker gegen die Gesichtserkennungssoftware des Unternehmens.

(Foto: AP)

Düsseldorf Als die Aktionärsversammlung von Amazon im vergangenen Jahr in Seattle stattfand, standen die Demonstranten noch vor der Konzernzentrale des Versandriesens. Sie protestierten gegen die Gesichtserkennungssoftware des Konzerns, „Amazon Rekognition“. Nur ein Jahr später ist der Protest mitten im Konzern angekommen.

Denn nun hinterfragten selbst die Anteilseigner die Gesichtserkennungssoftware. Auf der am Mittwoch stattfindenden Aktionärsversammlung forderten sie Amazon dazu auf, einen unabhängigen Bericht in Auftrag zu geben. Darin sollte geprüft werden, ob Amazon Rekognition gegen Datenschutzrechte verstößt und damit ein finanzielles Risiko für den Konzern darstellt. Außerdem wollten die Aktionäre darüber abstimmen, ob Amazon den Verkauf der Software an die Polizei und andere staatliche Behörden unterbinden sollte.

Beide Anträge wurden auf der Versammlung abgewiesen. Dennoch zeigt das Beispiel Amazon, dass über den Einfluss der Tech-Konzerne auf die Gesellschaft in den derzeit heftig debattiert wird. Parallel zur Aktionärsversammlung von Amazon fand im US-Kongress in Washington eine Anhörung darüber statt, welche Folgen die Dienstleistungen von Google, Amazon, Facebook und Co. auf die Bürgerrechte haben.

San Francisco ist bereits einen Schritt weiter: In der vergangenen Woche untersagte der Stadtrat der Polizei und anderen staatlichen Behörden den Einsatz von Gesichtserkennungstechnologien. Sie würden dem Stadtrat zufolge die Bürgerrechte verletzen und könnten rassistische Ungerechtigkeiten verschärfen. Die Entscheidung hat Signalwirkung, gilt San Francisco doch als Technologiemetropole der USA. Seit dem Beschluss erörtern auch andere US-amerikanischen Städte, den Einsatz solcher Software zu unterbinden.

Philippe Lorenz, Projektleiter für Künstliche Intelligenz der Stiftung Neue Verantwortung, wundert das nicht. „KI-gesteuerte Gesichtserkennungssoftware weist nach wie vor hohe Fehlerraten vor“, sagt er.

Das beweist ein Fall eines Studenten in den USA. Dieser wurde Ende November 2018 festgenommen. Ihm wurden mehrere Diebstähle in verschiedenen Apple Stores in den USA vorgeworfen – zu Unrecht, wie sich später herausstellte. Apples Gesichtserkennungssoftware hatte fälschlicherweise Alarm geschlagen, als der Student eine Filiale des iPhone-Herstellers betrat. Nun verklagt der 18-Jährige den Konzern auf eine Milliarde Dollar Schadensersatz.

„Schadensersatzklagen wegen fehlerhafter Gesichtserkennungssoftware stellen für Konzerne in den USA durchaus ein Problem dar“, sagt Dirk Helbing, Computerwissenschaftler und Zukunftsforscher an der ETH Zürich. „Eine Gesichtserkennungssoftware könnte daher auch für Amazon ein geschäftliches Risiko bergen.“

Helbing sieht die Abstimmung der Amazon-Aktionäre über die Gesichtserkennungssoftware als weitere Entwicklung in der Datenschutzdebatte in den USA. Diese hätte ihren Anfang genommen, als Google sich zu Alphabet umstrukturierte. „Kurz darauf gab Apple-Chef Tim Cook bekannt, dass man so wenig persönliche Daten wie möglich speichern wolle, und vor kurzem meinte Mark Zuckerberg überraschend, die Zukunft sei privat“, sagt der Computerwissenschaftler.

Microsoft und Google verkaufen Gesichtserkennungssoftware nicht an Behörden

Auch Johannes Winter, Bereichsleiter Technologien bei der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), sieht einen Paradigmenwechsel in der Datenschutzdebatte. „Die wachsende Aufmerksamkeit für die Datenmacht großer Konzerne kann durchaus einen Bewusstseinswandel begünstigen“, sagt er. Dies könnte auch dazu führen, dass die Akzeptanz der Kundinnen und Kunden stärker von Themen wie Datenschutz und Datensicherheit abhängig gemacht werden. „Es gibt aber auch andere Sorgen, etwa vor einer potenziellen Diskriminierung durch algorithmenbasierte Entscheidungssysteme.“

Für Amazon hat die Abstimmung über die Gesichtserkennungssoftware, ungeachtet des Ausgangs, keine Auswirkungen. Aus ihr entstehen keine Handlungsanweisungen. Dennoch scheint dem Konzern um CEO Jeff Bezos die Debatte unangenehm zu sein. Bei der US-Börsenaufsicht SEC hatte Amazon erfolglos versucht, die Abstimmung mithilfe eines entsprechenden Antrags zu verhindern.

Auch einflussreiche Aktionärsberatungsgesellschaften wie die ISS oder Glass Lewis beschäftigt die Frage, ob aus dem Verkauf der Gesichtserkennungssoftware an die Polizei und anderen staatlichen Behörden ein finanzielles Risiko entstehen kann. Amazon selbst sieht in Rekognition hingegen ein Instrument zur Verbrechungsbekämpfung. So habe der Konzern dem Bundesstaat Oregon geholfen, die Zeit zu verkürzen, in der Verdächtigte identifiziert werden, und zwar von einigen Tagen auf wenige Minuten.

Die Konkurrenten des Versandkonzerns sind hinsichtlich der KI-basierten Gesichtserkennung allerdings skeptischer. Google und Microsoft verkaufen ihre Software wegen der weiterhin hohen Fehlerrate nicht an staatliche Behörden.

Vor einem Monat hatte eine Expertengruppe für KI von Microsoft, Google und DeepMind deswegen einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie Amazon auffordern, ihre Software nicht mehr an staatliche Behörden zu verkaufen. „Wir fordern Amazon auf, den Verkauf von Gesichtserkennungssoftware an die Strafverfolgungsbehörden einzustellen, da keine Gesetze und Schutzmechanismen zur Verhinderung von Missbrauch vorhanden sind“, schrieben die Unterzeichner und nannten als mögliche Folge eine Verletzung der Bürgerrechte.

Mehr: Der große Lauschangriff – Christof Kerkmann, Sebastian Matthes und Christian Rickens erklären, wie Amazon, Apple und Google ihre Kunden aushorchen.

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