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Delisting Der stille Abgang von Rocket Internet – die Samwer-Brüder widmen sich neuen Investitionen

Der Start-up-Konzern Rocket Internet verschwindet am Freitag vom Kurszettel. Die Großaktionäre Samwer schauen auf neue Geschäftsfelder: Windenergie und Immobilien.
30.10.2020 - 14:57 Uhr Kommentieren
Der umtriebige Investor schaut sich schon nach neuen Möglichkeiten um. Quelle: dpa
Rocket-Internet-Gründer Oliver Samwer

Der umtriebige Investor schaut sich schon nach neuen Möglichkeiten um.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Hamburg Im Oktober 2014 gab es immerhin eine kleine Zeremonie auf dem Parkett. Oliver Samwer schlug zum Börsengang seines Start-up-Konzerns Rocket Internet die Glocke – und musste kurz danach den ersten Kursrutsch erklären. Der Rückzug von der Börse an diesem Freitag verläuft dagegen völlig geräuschlos. Die Aktie verschwindet am Abend einfach vom Kurszettel. Erklärungen gibt es keine.

Die Bilanz der fast genau sechs Jahre an der Börse fällt gemischt aus. Vor allem die jüngeren groß gewordenen Rocket-Gründungen überzeugen noch nicht so recht. Die Zukunft des Mutterkonzerns selbst ist abseits der Börse unklar. Oliver Samwer und seine beiden Brüder Alexander und Marc jedenfalls werden zunehmend in anderen Geschäftsfeldern aktiv: neben Immobilien auch in der Energiebranche.

Bis zum Abend können Aktionäre noch das Rückkaufangebot des Konzerns von 18,57 Euro annehmen. Danach sind die Aktien nur noch außerhalb der Frankfurter Börse handelbar. Für die meisten langfristigen Anleger ist das Investment in Rocket Internet enttäuschend verlaufen.

Das pflichtgemäße Rückkaufangebot liegt deutlich unter dem Ausgabekurs von 42,50 Euro aus dem Oktober 2014. Entsprechend hat Oliver Samwer für den Börsenrückzug viel verbale Prügel eingesteckt. „Legalen Betrug“ witterten die Aktionsschützer von der SdK, die hochseriöse „Börsen-Zeitung“ attestierte Samwer sogar einen „Egotrip“.

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    Auf der außerordentlichen Hauptversammlung verteidigte Hauptaktionär Samwer Ende September seinen Kurs gegen die Kritiker. Das Delisting eröffne dem Konzern, dessen Geschäftsmodell das Gründen von Start-ups ist, mehr Spielräume. Zugeständnisse an die übrigen Aktionäre machte er nicht – schließlich ist er dazu auch nicht verpflichtet.

    Mehr Spielraum hatte sich der Rocket-Gründer auch schon bei vorherigen Aktionärstreffen verschafft. Unter anderem ließ er den Unternehmenszweck auf Immobilien erweitern. Das weckte Vermutungen, dass das bisherige Geschäft mit Start-ups an Bedeutung verliert.

    Tatsächlich ist bislang wenig von frischen Ideen zu sehen. Die großen Erfolge datieren lange zurück. Samwers erfolgreichster E-Commerce-Klon Zalando ist bereits einen Tag vor Rocket Internet an die Börse gegangen. Der Kochbox-Versender Hello Fresh entwickelt sich spätestens seit der Coronakrise gut. Rocket Internet ist allerdings zu früh ausgestiegen, um die Kursgewinne mitzunehmen.

    Stattdessen taucht der Name Samwer vermehrt bei Immobilien in Berlin auf. Schon auf der Hauptversammlung 2019 traten deshalb Miet-Aktivisten auf. Auch die Samwer-Gesellschaft Figura Capital wirbt um Immobilien in Berlin. Ziel: Häuser in U-Bahn-Nähe mit Potenzial zum Preis von acht bis 120 Millionen Euro.

    „Durch eine enge Vernetzung zu den größten Venture-Capital-Fonds in Europa setzen wir auf technologiegestützte Betreibermodelle in unseren Immobilien. Wir wollen Pionier des nächsten Evolutionsschritts sein“, wirbt das Unternehmen. Bekannte Berliner Immobilien wie das Ullsteinhaus gehören bereits Samwer-Gesellschaften.

    Ein „RWE des Windes“

    Ein weiteres Zukunftsfeld sehen die Samwers offenbar in der Energiebranche. Dort hat sich schon seit einiger Zeit herumgesprochen, dass die Brüder ein neues Projekt gefunden haben. Genauer gesagt einer von ihnen: Alexander Samwer. Das jüngste Mitglied des umtriebigen Investoren-Trios hat sich kein kleineres Ziel gesetzt, als das „RWE des Windes“ zu schaffen. Der Grundstein zumindest ist dafür schon gelegt.

    Angefangen haben Alexander Samwer und sein Geschäftspartner Jeremias Heinrich damit schon vor vier Jahren. Damals gründeten sie den Projektentwickler Pacifico Energy Partners, später die Firma Pacifico Renewable Yield, die die geplanten Wind- und Solarparks anschließend betreibt. Die Firma mit Sitz im bayerischen Grünwald bringt es aktuell auf ein Portfolio von 81 Megawatt (MW), bis 2023 soll es schon viermal so viel sein. Mehrheitsgesellschafter mit über 70 Prozent ist Samwers Pelion Capital Holding.

    Mit der Holding und dem 100-prozentigen Tochterunternehmen Pelion Green Future Alpha sichert sich der 45-Jährige schon seit mehreren Monaten strategisch wichtige Anteile an gleich mehreren Erneuerbaren-Unternehmen. Zuletzt kamen Mitte September drei Prozent an dem Projektplaner Energiekontor dazu, ein Urgestein der grünen Branche.

    Grafik

    Vor 30 Jahren gründeten Guenter Lammers und Bodo Wilkens den Wind- und Solarparkentwickler und halten seit jeher die Mehrheit des börsennotierten Unternehmens. Schon werden Gerüchte laut, Alexander Samwer könne sich den Ökopionier einverleiben. Peter Alex, zuständig für Investor Relations bei Energiekontor, findet auf Anfrage des Handelsblatts dazu klare Worte: „Es gab in der Vergangenheit schon eine Vielzahl von Anfragen, mit dem Wunsch, größere Aktienpakete von den Gründern zu übernehmen. Alle diese Anfragen wurden negativ beschieden.“

    Vor zwei Wochen habe man sich mit Heinrich, Alexander Samwer und Energiekontor-Chef Peter Szabo in einem Video-Call über das neue Investment unterhalten. Den Kontakt habe allerdings Energiekontor gesucht und nicht Samwer.

    Aktuell gebe es keine Zusammenarbeit, aber natürlich sei das für die Zukunft nicht ausgeschlossen. Und natürlich „ist es Alexander Samwer, seinen Brüdern und jedem anderen Investor möglich, weitere Energiekontor-Aktien über die Börse zu kaufen“, sagte Alex. Einfluss auf das operative Geschäft habe Samwer aber nicht.

    Dementi der Übernahmegerüchte

    Ähnliches berichtet auch der Wind- und Solarparkbetreiber Abo Invest, an dem Samwer bereits jetzt über elf Prozent hält. „Heinrich und Samwer verstehen den Markt und haben eine ganz klare Vision von dem, was sie erreichen wollen“, sagt Petra Leue-Bahns, Vorstandsvorsitzende der Abo Invest (zukünftig Clearvise) im Gespräch mit dem Handelsblatt. Leue-Bahns zeigt sich nach einem ersten Treffen mit den beiden positiv überrascht. Soviel „Verständnis und Weitsicht für das Thema“ habe man nicht bei allen Investoren.

    Gerüchte, über die das „Manager Magazin“ in der vergangenen Woche berichtet hatte, nach denen Abo Invest nun ein Übernahmekandidat für Samwer und seine Pelion Group sein könnte, verneinte Leue-Bahns. Gespräche über eine mögliche Übernahme habe es nicht gegeben. 

    Die Pläne im Erneuerbaren-Bereich könnten nach den jahrelangen Deals im Internetgeschäft das „nächste große Ding“ der Samwers werden. Schließlich fließt gerade nicht nur das Kapital unzähliger Investoren in grüne Innovationen, Unternehmen und Anleihen, sondern auch das der Politik.

    Mit dem europäischen Green Deal und dem immer größer werdenden gesellschaftlichen Bewusstsein durch die Fridays-for-Future-Bewegung erleben Energieträger der Zukunft wie Wind, Solar, Biomasse und Wasserstoff gerade ein Momentum. Und das macht sich auch an dem Börsenkurs der oftmals noch jungen Unternehmen deutlich bemerkbar.

    In der Energiebranche blickt man mit gemischten Gefühlen auf das neue Interesse der weltbekannten Investorenfamilie. „Es erinnert mich ein bisschen an den Neuen Markt der 2000er“, erzählt ein Branchenkenner. Da seien die Erneuerbaren noch klein gewesen und Rocket Internet groß geworden. „Jetzt sind wir groß und Rocket Internet klein geworden. So trifft man sich dann.“

    Gemischte Zwischenbilanz von Rocket

    Oliver Samwer hat nach eigenen Worten Rocket Internet allerdings längst nicht abgeschrieben. Auch nach dem Ende der Börsennotierung soll der Berliner Konzern weiterhin ein Start-up-Gründer bleiben. Zudem gehört zu dem Konstrukt auch ein Risikokapitalfonds, der mit 900 Millionen Euro gut gefüllt ist. Damit nähert sich Rocket Internet stärker dem üblichen Modell an, bei Gründern einzusteigen, statt sie selbst zu engagieren. Klar ist, dass mit den Rückkäufen der Aktien die eigene Geldreserve sinkt – schließlich fließt das an die verkaufswilligen Anleger.

    Bislang steckt einiges Geld in Aktien. Laut Samwers Bericht auf der außerordentlichen Hauptversammlung zum Delisting waren das unter anderem Aktien von United Internet im Wert von 361 Millionen Euro, Amazon-Aktien für 215 Millionen Euro, Allianz-Papiere im Wert von 165 Millionen Euro. Am Versicherer Axa war der Konzern mit 165 Millionen Euro beteiligt.

    Die beiden wichtigsten verbliebenen Beteiligungen an eigenen Gründungen sind die Global Fashion Group (GFG) und Home24. Bei GFG, an der Rocket Internet noch mit gut einem Viertel der Aktien beteiligt ist, stieg der Umsatz im ersten Halbjahr 2020 nur um 0,7 Prozent auf 608 Millionen Euro. Die Verlustmarge vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) lag bei zwei Prozent. Die Aktie ist sehr volatil: Der niedrigste Kurs im laufenden Jahr lag bei 98 Cent, der Höchstkurs bei 8,84 Euro.

    Besser da steht der Möbelversender Home24, an dem Rocket Internet noch unter acht Prozent hält. Die Berliner haben im ersten Halbjahr vom Homeoffice-Trend profitiert und den Umsatz um 31 Prozent auf 222 Millionen Euro ausgebaut. Die bereinigte Ebitda-Marge ist gegenüber dem Vorjahreszeitraum von minus 13 Prozent auf plus drei Prozent gestiegen. Die Aktie hat sich im Jahresverlauf mehr als verfünffacht. Sie liegt aber noch fast die Hälfte unter der Erstnotiz vom Juni 2018.

    Rocket Internet hat zudem noch eine Vielzahl kleinerer Töchter und Beteiligungen. 20 davon stellt der Konzern kommunikativ besonders heraus – darunter den Putzkraftvermittler Helpling, den Apartment-Vermittler Nestpick und die Digitalspedition Instafreight. Insgesamt meldet Rocket Internet mehr als 200 Beteiligungen auf sechs Kontinenten.

    Gemischt ist auch die Bilanz der Beteiligungen, aus denen sich Rocket Internet in den vergangenen Jahren über die Börse zurückgezogen hat. Samwers erklärte Vision, mit Rocket Internet Online-Konzerne für die Schwellenländer in Südamerika, Afrika und Asien zu bauen, stößt an Grenzen.

    Das afrikanische Versandhaus Jumia ist fast ein Sanierungsfall, Rocket ist bereits ausgestiegen. Im ersten Halbjahr 2020 schrumpfte der Umsatz um 8,6 Prozent auf 64,2 Millionen Euro. Der operative Verlust lag bei 81,3 Millionen Euro. Strategisch wird aus dem Händler immer mehr eine Marktplatz-Plattform, das Geschäft auf eigene Rechnung schrumpft.

    Aktuell der größte Erfolg unter den ehemaligen Rocket-Beteiligungen ist der Lieferdienst Delivery Hero, der in Nahost, Asien und Südamerika stark ist. Der frisch in den Leitindex aufgenommene Berliner Konzern ist jedoch ein Sonderfall: Rocket hatte sich erst einige Jahre nach der Gründung bei Delivery Hero eingekauft – handelte also eher wie ein Finanzinvestor als ein Gründer.

    Einblicke in die neue Rocket-Strategie und die Ideen der Samwers wird es künftig noch seltener geben. Mit dem Delisting ist der Konzern von den Berichtspflichten befreit, die ihm der Prime Standard der Börse auferlegt hat. Lediglich Hauptversammlungen wird es noch geben, solange freie Aktionäre an Bord bleiben.

    Mehr: Oliver Samwer: „Es gab keinen Masterplan“

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