Digitale Literatur Libroid statt E-Book

Noch sind E-Books kaum mehr als Bücher, die nicht gedruckt werden. Doch einige Entwickler arbeiten am Sprung ins digitale Zeitalter: Sie wollen ein echtes E-Book und damit ein völlig neues Genre schaffen. Die zeitgemäße Antwort auf die Digitalisierung von Gutenbergs Erbe soll deutlich mehr können als das gedruckte Buch und dennoch nicht den Leser ablenken. Echte E-Books sind in Sicht.
  • Werner Pluta
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Bisher nicht mehr als ein Buch, das nicht gedruckt wird: Ein E-Book auf dem iPad. Quelle: dpa

Bisher nicht mehr als ein Buch, das nicht gedruckt wird: Ein E-Book auf dem iPad.

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BERLIN. In Neal Stephensons Roman Diamond Age entwickelt einer der Protagonisten, John Percival Hackworth, ein interaktives Buch, die Illustrierte Fibel für die junge Dame. Das ist ein Computer, der mit komplexer künstlicher Intelligenz das Wissen und die Verhaltensregeln der Oberschicht vermittelt. Eine unerlaubte Kopie davon landet in den Händen des Straßenmädchens Nell. Es lernt damit erst Grundkenntnisse wie Lesen, Schreiben und Rechnen, später auch gesellschaftliche Umgangsformen, technisches Wissen und kritisches Denken.

Anpassungsfähige Fibel

Das Besondere an der illustrierten Fibel ist: Sie passt ihre Inhalte und Geschichten an Nell an, hilft ihr, das Leben zu meistern, und versetzt sie selbst in gefährlichen Situationen in die Lage, sich selbst zu helfen.

Diamond Age wurde im Jahr 1995 geschrieben. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von mobilen Geräten, auf denen Nutzer digitale Texte lesen können. Die meisten dieser E-Book-Reader haben ein sogenanntes E-Paper als Bildschirm. Das braucht zwar wenig Energie, ist aber dafür eingeschränkt in seiner Darstellung: Ein E-Paper kann Texte und Bilder anzeigen, allenfalls noch Animationen. Für Videos ist die Technik noch nicht schnell genug. Die meisten der E-Paper sind zudem schwarz-weiß. Zwar wurden bereits Geräte mit einem farbigen E-Paper vorgestellt, etwa von Liquavista Anfang des Jahres 2010. Die ersten Geräte werden jedoch voraussichtlich erst im kommenden Frühjahr auf den Markt kommen.

Tablets wie das iPad oder der E-Book-Reader, mit Flüssigkristallbildschirm wie der Novel von Pandigital, Prestigios Libretto PER3072B oder der Nook Color von Barnes & Noble eröffnen noch einmal neue Möglichkeiten: Sie haben immerhin einen Farbbildschirm und können zudem Videos abspielen.

Text und mehr

Doch auf das Angebot an E-Books hat das bisher wenig Einfluss gehabt. Die meisten sind lediglich gescannte und mit einer OCR-Software bearbeitete Texte. Multimediale Anreicherungen sind selten; es gibt sie zum Beispiel im Bereich der Lesesoftware: Einige der E-Book-Reader, darunter die neuen Geräte des ukrainischen Herstellers Pocketbook oder Amazons neuer Kindle, verfügen über ein Sprachsynthesesystem, das es ermöglicht, Text als Sprache auszugeben. Auch die von Ray Kurzweil mitentwickelte E-Book-Software Blio verfügt über diese Funktion, die Verlagen und Autoren ein Dorn im Auge ist.

Mehrfach haben Verlage in den USA, wo die E-Books schon eine deutlich größere Rolle spielen als hierzulande, behauptet, multimediale Zugaben sollten Verkäufe ankurbeln. Und nicht nur das: Die Verleger hoffen, dass die Kunden bereit sind, für die E-Books mit Bildern, Videos oder einem Interview mit dem Autor mehr Geld auszugeben als für eine reine Textausgabe. Ob diese Rechnung aufgeht, bleibt abzuwarten.

Experimentell

Diese Bücher sind allerdings nur der Versuch, vorhandene Literatur multimedial anzureichern. Sie gehen also kaum über die klassische Illustration eines Buches hinaus. Einen Schritt weiter geht die Electronic Literature Organization (ELO). Die 1999 gegründete Gruppe hat sich der Weiterentwicklung der Literatur im digitalen Zeitalter verschrieben. 2006 brachte die ELO eine CD mit elektronischer Literatur heraus, die auch über das Web abrufbare Collection 1. Auf der Suche nach neuen Erzählformen experimentierten die Autoren mit diversen Effekten und Möglichkeiten, die der Computer bietet. Ein ausgedehntes Schmökererlebnis wie etwa Leo Tolstois Krieg und Frieden, John Ronald Reuel Tolkiens Herr der Ringe oder Tad Williams' Cybertetralogie Otherland bieten sie aber nicht. Auch dürften sich diese recht experimentellen Werke eher weniger für den Massenmarkt eignen.

Digitales Lehrbuch

In den USA entwickelt die US-Stiftung EO ein digitales Lehrbuch für Biologie, das auf allen möglichen Plattformen läuft. Ziel ist es, auch komplexe biologische Vorgänge anschaulich darzustellen. Dazu setzen die Autoren außer auf Texte auf multimediale Elemente: Bilder, Interviews mit Nobelpreisträgern, Videos oder aufwendige Animationen von biologischen Vorgängen sollen auf moderne Art und Weise Wissen vermitteln. Ein genuin digitales Buch hat zudem den Vorteil, dass es auf einfache Weise aktuell gehalten werden kann. Das ist wichtig in einem Bereich wie der Biologie, wo die Forschung so schnell voranschreitet, dass ein gedrucktes Buch schon veraltet sein kann, wenn es in den Buchhandel kommt.

Die von dem Biologen Edward Osborne Wilson gegründete Stiftung entwickelt das interaktive Lehrbuch, das den Titel Life on Earth tragen soll, komplett selbst. Die Entwicklung finanziert die Stiftung über Spenden, die unter anderem von dem US-Biotechnologie-Unternehmen Life Technologies über dessen Stiftung kommen. Wegen dieses Modells will die EO das Buch nicht als kommerzielles Produkt auf den Markt bringen, sondern es kostenlos verteilen. Das erste Kapitel sollte eigentlich noch 2010 Jahr zur Verfügung stehen.

Libroid statt E-Book

Ein neues Konzept für Bücher im digitalen Zeitalter hat sich auch der Wissenschaftsjournalist und Autor Jürgen Neffe ausgedacht: das Libroid. Dieses und nicht das E-Book sei "die zeitgemäße Antwort auf die Digitalisierung von Gutenbergs Erbe", schreibt Neffe auf seiner Website. Das erste Libroid, eine Transponierung von Neffes Buch über Charles Darwin, soll dieser Tage als iPad-Applikation zur Verfügung stehen. Darin beschreibt Neffe eine Reise, die er auf den Spuren des britischen Naturforschers unternommen hat.

Das Libroid besteht aus drei Spalten. Die mittlere Spalte ist dem Text vorbehalten, durch den der Leser wie durch eine antike Schriftrolle scrollt, statt darin zu blättern, wie Neffe im Gespräch mit Golem.de erklärte. Die beiden Spalten links und rechts bieten Platz für Ergänzungen. Die Spalten sind so miteinander verschränkt, dass die Inhalte der drei Spalten immer zueinander passen. Wird also in einer Spalte gescrollt, laufen die beiden anderen mit.

Multimediale Ergänzung

Links findet der Leser Bilder, die den Text illustrieren. Tippt er auf ein Bild, öffnet sich eine bildschirmgroße Ansicht. Die Fotos könnten mit der Zeit ergänzt und im Zuge eines Updates auf das Lesegerät übertragen werden, sagte Neffe. Die rechte Spalte bietet verschiedene Inhalte: So findet der Nutzer dort beispielsweise Links zu themenverwandten Websites und Videos. Oder er kann dort das englische Originalzitat nachlesen, wenn Neffe Darwin aus der deutschen Übersetzung zitiert. Im Kopf der Spalte ist ein Globus, der anzeigt, welchen Teil der Welt der Autor gerade beschreibt. Schließlich kann der Nutzer eigene Notizen machen, die ebenfalls in der rechten Spalte landen.

Das digitale Buch bietet zudem die Möglichkeit, Leser untereinander zu vernetzen. Sie können eine Art virtuellen Lesezirkel bilden und sich gegenseitig ihre Anmerkungen zukommen lassen. Beim Aufschlagen wird das Libroid jeweils synchronisiert. Auf diese Weise verändere sich das Buch ständig, erklärt Neffe. So unterscheide sich nach kurzer Zeit jedes Libroid vom anderen.

Erst iPad, dann weitere Plattformen

Das erste Libroid werde für das iPad veröffentlicht, weil es derzeit das einzige Gerät sei, auf dem das digitale Buch angemessen dargestellt werde, sagte Neffe. Allerdings soll es dabei nicht bleiben: Die Libroide könnten einfach und in kurzer Zeit auch für andere Plattformen - Android, Blackberry, Windows und Mac OS - portiert werden.

An Interesse seitens der Autoren mangele es nicht, erzählte Neffe. Und es seien nicht nur Sachbuchautoren, für die das Libroid auf den ersten Blick besonders geeignet zu sein scheint, die das ausprobieren wollten, sondern auch Schriftsteller. Die Umsetzung eines vorhandenen Romans als Libroid sei in Arbeit, verriet Neffe. Es gebe aber auch Pläne, Romane zu schreiben, die die Möglichkeiten, die das Libroid biete, ausschöpfen sollen. Viele Autoren warteten geradezu darauf, nichtlinear zu erzählen, sagte Neffe.

Echte E-Books in Sicht

Es gibt also durchaus Bemühungen, aus E-Books mehr zu machen als die bloße digitale Entsprechung eines analogen Textes. Bis zur Illustrierten Fibel für die junge Dame dürfte es aber noch dauern.

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