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Diskussion um das Soziale Netzwerk „Nur einer kann überleben: die Demokratie oder Facebook“

In Europa wächst die Kritik an Facebook. Darum setzt das Soziale Netzwerk auf Diplomatie und gibt Einblicke in die Forschung zur Künstlichen Intelligenz.
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Facebook forscht an der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Quelle: dpa
Die Macht des Netzwerks

Facebook forscht an der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz.

(Foto: dpa)

ParisFacebook hat ein Problem mit seinem Verhältnis zu Politik und Gesellschaft. Wettbewerbsrechtler fürchten eine dominante Position des US-Unternehmens, Politiker werfen ihm vor, zu wenig gegen die Beeinflussung von Wahlen zu tun und von Terroristen oder radikalen Gruppen instrumentalisiert zu werden. Der rechtsradikale Killer, der im neuseeländischen Christchurch seine Morde live über Facebook verbreitete und erst spät „abgeschaltet“ wurde, ist für sie ein flagrantes Beispiel. 

Die EU-Kommission hat vor der europäischen Parlamentswahl anerkannt, dass Facebook mittlerweile mehr gegen gezielte Wahlbeeinflussung unternehme – doch noch nicht genug. Kritiker wie der Italiener Alberto Alemanno, Professor an der Pariser Business School HEC erwarten ein Endspiel: „Nur einer kann überleben“, entweder die Demokratie oder Facebook. Das Businessmodell des Unternehmens sei pervers, weil es die Anzahl der Aufrufe eines Beitrages höher bewerte als dessen Wahrhaftigkeit.

Mit Gesten des Dialogs und der Offenheit versucht das Unternehmen, dagegenzuhalten. Mark Zuckerberg sprach sich nach einem Treffen mit Emmanuel Macron für härtere Regulierung gegen Terrorpropaganda im Netz aus, man kann das als Start zu einer Offensive sehen: An seinem Pariser Standort lud Facebook kürzlich zu einem „Open House“ über Künstliche Intelligenz. Top-Techniker und -Wissenschaftler wurden aus San Francisco und New York eingeflogen, um Einblicke in ihre Arbeit zu gewähren.

Ziel der Übung: Das Netzwerk will nachweisen, dass es mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) alles in seiner Macht stehende gegen Hasspropaganda tut. KI hat allerdings eine viel größere Bedeutung für Facebook als nur das Filtern von Inhalten. Sie macht das Unternehmen zum zentralen Spieler bei einer der wichtigsten Technologien der Zukunft. 

Die Franzosen Yann Le Cun und Jérôme Pesenti sowie der Spanier Joaquín Quiñonero, bei Facebook die Obergurus in Sachen KI, stellten die Fortschritte bei Deep Learning vor, dem aktuellen Goldstandard bei KI. Eine Überraschung: Die Topleute sind alle Europäer.

Menschen werden in Echtzeit analysiert

Maschinen mit Deep Learning helfen Facebook, rassistische oder andere menschenfeindliche Inhalte sowie Terrorpropaganda herauszufiltern. Pesenti ist geradezu euphorisch: „Vor zehn Jahren konnten unsere Systeme auf Bildern Gebäude und Menschen unterscheiden, heute ist es möglich, jedes Objekt, auch menschliche Körper und ihre  Bewegungen in Echtzeit zu analysieren.“

Was sofort die Frage provoziert: Wieso wurde dann nicht das Live aus Christchurch gestoppt? Le Cun schüttet etwas Wasser in den Wein seines Kollegen: Es sei extrem schwierig, ein reales Video von einem Filmausschnitt zu unterscheiden. „Zum Glück gibt es nur wenige Videos von Menschen, die solche Grausamkeiten unternehmen.“

Deshalb gebe es aber zu wenige Beispiele, um eine Maschine zu trainieren, was bei Deep Learning geschieht. Le Cuns Schlussfolgerung: „Wir müssen also in der Lage sein, Maschinen anhand von wenigen Beispielen zu trainieren.“ 

Beim klassischen Deep Learning werden Maschinen mit Millionen von Daten gefüttert, der Trainer gibt ihnen die richtige Antwort: das ist eine Katze, das ist ein Wolf, bis das System es gelernt hat. Bei Terrorvideos scheidet diese Methode aus.

Der Schlüssel für den Forscher Le Cun ist so genanntes „self-supervised learning“. „Beim self-supervised learning bringen wir dem System nicht mehr nur bei, Verkehrszeichen oder Fußgänger zu erkennen, sondern vielmehr zu verstehen, um was es bei Bildern geht: Sie zeigen der Maschine das Bild einer Katze, decken einen Teil des Bildes ab und sagen der Maschine, sie soll das Bild ergänzen.“ Oder sie soll die fehlende Sequenz eines Videos finden. Bei Texten funktioniere das bereits sehr gut, „bei Bildern und Videos funktioniert das leider noch nicht so gut.“ räumt der Franzose ein.

Facebook und seine Experten lieben es, die Debatte auf der technischen Ebene zu führen. Das stützt den Anspruch des Unternehmens, neutral zu sein und so stark gegen Desinformation vorzugehen, wie es der technische Fortschritt heute erlaubt. 

„Es gibt Fragen, auf die Algorithmen keine Antwort haben“ 

Die Temperatur im Saal sinkt schnell, wenn man die Frage aufwirft, was denn für Facebook Desinformation sei und wer darüber entscheide. Der Spanier Quiñonero versucht es erst mit einer technischen Antwort: „Es gibt eine Nutzenfunktion zwischen übermäßigem Rauswerfen von Desinformation und  dem Nichtfinden von Desinformation.“

Schließlich gesteht er aber ein: „Es gibt Fragen, auf die Mathematik und Algorithmen nicht die Antwort haben.“ Diese Fragen müssten „von den richtigen Leuten gestellt und beantwortet werden“. Wer ist das bei Facebook? In Paris waren sie jedenfalls nicht vertreten oder ansprechbar.

KI dient Facebook längst nicht nur dazu, Hass und Desinformation herauszufiltern. Le Cun beispielsweise arbeitet an einer neuen Art von KI, die „common sense“, gesunden Menschenverstand nachbilden soll. „Ein Mensch lernt in 20 Stunden Autofahren, eine Maschine braucht dafür mehrere Jahre“, sagte er in Paris. Das langfristige Ziel sei, „dass Maschinen wie Menschen und Tiere lernen, sodass am Ende etwas wie common sense entsteht.“

Dann, so der Franzose, „hätten wir virtuelle Assistenten,  die uns im täglichen Leben besser helfen können.“ Über die heute vermarkteten Assistenten lächelt er nur. Facebook selber hatte einen namens „M“ (in Deutschland nicht angeboten), laut Le Cun ein Experiment, um zu verstehen, wofür Menschen einen Assistenten einsetzen.

„Hinter M standen Menschen und daraus wurde ein Assistent für den Facebook Messenger, der Vorschläge machte – automatisiert und vergleichsweise einfach.“ Jetzt arbeite Facebook an Assistenten, die Fragen beantworten können. Ein Beispiel sei das Projekt „Doctor QA“, das Auskunft über medizinische Fragestellungen gebe.

Maschinen mit Menschenverstand

Wer Le Cun zuhört, versteht besser, wozu die heute vermarkteten Assistenten wie Alexa dienen. Ihr Hauptzweck ist es, die Erwartungen zu verstehen, die wir an solche Helfer haben. Während wir meinen, die Maschine zu benutzen, benutzt die uns für einen großen Feldversuch.

Was ist das langfristige Ziel von Facebook? Le Cun deckt die Karten nicht ganz auf. „Wir haben viele Ideen für Assistenten, aber die Technologie dafür existiert noch nicht“, wehrt er ab. Eine nahe liegende Anwendung sind Übersetzungsprogramme, an denen der deutsche Holger Schwenk im Pariser Facebook-Büro arbeitet. Die Herangehensweise ist höchst innovativ: statt von Sprache zu Sprache zu übersetzen, entsteht ein System, das den Bedeutungsinhalt von Begriffen erfasst – eine Parallele zu Le Cuns System, das „versteht, um was es bei einem Bild geht.“

Klar ist, dass Facebook ein wissenschaftlicher Durchbruch gelänge, sollte es sich Maschinen mit Menschenverstand nähern. Die gesamte Luft- und Raumfahrtindustrie arbeitet daran. Alle, die etwas mit Mobilität zu tun haben, die Medizintechnik, eigentlich alle wissensbasierten Systeme.

Le Cun versucht, die Erwartungen zu dämpfen: „Die dahinter stehende Wissenschaft ist noch nicht so weit, common sense abbilden zu können.“ Er wisse nicht, „wie lange es noch dauern wird, bis wir soweit sind.“ Wenn es soweit sein wird, dürfte Facebook ein unfassbar viel wichtigeres Unternehmen sein als lediglich ein Soziales Netzwerk.

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