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Ebay-University Tückisches Geschäft

Ebay pflegt seine gewerblichen Kunden sorgsam. Schließlich sind es die kleinen selbstständigen Händler, die einen Großteil der Gebühren zahlen – und damit einen erheblichen Brocken zum Konzernumsatz beitragen. Doch der Internet-Handel ist ein tückisches Geschäft. Auf der „Ebay-University“ sollen neue Händler dafür fit gemacht werden.
  • Thomas Stölzel
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Ebay greift Neulingen mit Seminaren zu Online-Recht, Markenaufbau und Warenwirtschaft unter die Arme - und auch ein wenig in die Taschen. Foto: Archiv Quelle: dpa

Ebay greift Neulingen mit Seminaren zu Online-Recht, Markenaufbau und Warenwirtschaft unter die Arme - und auch ein wenig in die Taschen. Foto: Archiv

(Foto: dpa)

DÜSSELDORF. Es dauert ein paar Sekunden, bis sich die rund 100 Gäste im Saal von ihren Plätzen erhoben haben. Dann stellt Projektleiterin Karola Paul wie zu Beginn jedes Ebay-University-Tages ihre Fragen: Wer hat mehr als 100 Kundenbewertungen? Der bleibe bitte stehen. Kurze Unruhe. Das Spiel erinnert an Übungen zum Kopfrechnen in der Schule. Ein Viertel der Versammelten setzt sich. Mehr als 200 Bewertungen? 20 weitere nehmen zögerlich Platz. Bei der Frage nach mehr als 1 000 stehen noch zehn - bei der Marke von 10 000 Bewertungen noch fünf Leute. Als Erik Heber, Student der Bergakademie im sächsischen Freiberg und einer der noch Stehenden, die Zahl seiner Kundenbewertungen verrät, geht ein leises Raunen durch die Reihen der berufsmäßigen Ebay-Händler im Saal des Dresdner Kongresszentrums. Einige nicken anerkennend - 55 000 Bewertungen seien es, sagt der 23-Jährige. Im vergangenen Jahr hat Heber neben dem Studium eine halbe Million Euro Umsatz via Ebay gemacht, er beschäftigt fünf Freunde, und „kann davon leben“.

Der kalifornische Internet-Auktionsriese Ebay pflegt seine gewerblichen Kunden sorgsam. Schließlich sind es kleine selbstständige Händler wie Heber, die einen Großteil der Gebühren zahlen, und so einen erheblichen Brocken zum Konzernumsatz beitragen. Den genauen Anteil hält Ebay geheim. Mit eintägigen Veranstaltungen, die der Konzern ein wenig überschwänglich "Ebay-University" getauft hat und hierzulande regelmäßig in Städten wie Düsseldorf, München und Dresden arrangiert, sorgt er dafür, dass der Nachschub an zahlenden Händlern nicht abreißt. Schließlich rutschen immer wieder Verkäufer in die Pleite oder geben ihr Geschäft aus anderen Gründen auf. Zudem verabschieden sich momentan viele etablierte Händler wegen zu hoher Gebühren von Ebay und machen lieber mit eigenständigen Online-Shops Umsätze, von denen die Amerikaner keinen Cent sehen.

Der Internet-Koloss greift deshalb vor allem Neulingen mit Seminaren zu Online-Recht, Markenaufbau und Warenwirtschaft unter die Arme - und auch ein wenig in die Taschen; für Fortgeschrittene kosten die Kurse 70 Euro, für Anfänger 45. In der lichtdurchfluteten Eingangshalle des Tagungszentrums feilt der Konzern mit Merchandising-Artikeln wie mit dem Firmenlogo bedruckten T-Shirts am Ebay-Kult. Das Unternehmen gibt sich Mühe, die Bundesrepublik ist schließlich hinter den USA der zweitwichtigste Markt. Zudem ist nirgends der Anteil von Ebay-Mitgliedern an der Gesamtbevölkerung so groß wie hier. Über 20 Millionen Menschen sind auf der deutschen Seite angemeldet. Rund neun Millionen Artikel finden sich im Schnitt im Portal.

Student Heber ist jedoch weniger wegen der Vorträge aus seinem 43 000-Einwohner-Städtchen im Erzgebirge zur Ebay-University in die sächsische Landeshauptstadt gereist. Der Freiberger trifft sich mit anderen seines Schlags, den sogenannten Powersellern. Hilfe beim Geschäftsaufbau braucht der junge Mann - das graue Hemd ordentlich in der Hose und das grüne Ebay-Schlüsselband mit Namensschild um den Hals - nicht. Sein Unternehmen brummt. Heber, inzwischen im sechsten Semester an der Bergakademie, verkauft heute von der Schwarzlichtlampe bis zu farbig beleuchteten Computerkühlern alles, was mit Licht zu tun hat. Mit seinem Leuchtenhandel international zu expandieren ist allerdings "derzeit nicht drin". Einen Online-Verkauf neben dem Studium zu betreiben "ist hart". 150 bis 200 Pakete packen, verkleben und verschicken er und seine fünf Mitstreiter bei Nox Electronics am Tag. Wenn keine Ware zu versenden ist, müssen sie einkaufen, den Markt und die Konkurrenz beobachten.

Rund 216 000 gewerbliche Händler wie Heber gibt es auf dem virtuellen Marktplatz von Ebay Deutschland. Mehr als die Hälfte genießen Powerseller-Status. Solche Superverkäufer haben mindestens 100 Kundenbewertungen, wovon 98 Prozent positiv sein müssen. Um "Bronze-Powerseller" zu werden, braucht der Händler monatlich 3 000 Euro Umsatz. Silber gibt es ab 10 000, Gold ab 25 000 Euro. Um in den Top-Status als Platin-Powerseller aufzusteigen, müssen es mindestens 150 000 Euro Monatsumsatz oder 5 000 verkaufte Artikel sein. Dafür gibt es von Ebay ein Sonderbehandlung, etwa per Telefonhotline, die Gold- und Platin- Powerseller auch am Wochenende erreichen.

Der zeitraubende Nebenjob als Powerseller hat Erik Heber aber auch schon Ärger beschert: So ist er durch die eine oder andere Prüfung im BWL-Studium gerasselt. Hinschmeißen? Nein, verpatzte Prüfungen halten ihn nicht vom Handeln auf Ebay ab. Heber fängt um sieben Uhr morgens an. Stehen Vorlesungen an, schwingt er sich aufs Rad, rast die zwei Kilometer Strecke vom Lager zur Uni - oft den Laptop im Gepäck, schließlich gibt es dort drahtlosen Internet-Zugang. Und nach der Vorlesung geht’s zurück ins Lager. Das nicht selten mehrmals täglich, bis um 21 Uhr Feierabend ist. Die Idee, per Ebay einen Online-Handel aufzubauen, hatten Heber und ein Freund vor vier Jahren, während ihres Zivildiensts. Beide fuhren damals Essen auf Rädern für die Arbeiterwohlfahrt aus. "Da hatten wir Zeit", sagt Heber und grinst. Ihre Schwäche für Fahrräder lieferte den Auslöser. Sie hatten beim örtlichen Händler Fahrradlampen bestellt. Ein Blick auf die Ebay-Seite zeigte: Die Lampen lassen sich dort für mehr Geld verkaufen, als sie im Laden bezahlen.

Der Entschluss, das Unternehmen zu gründen, stand fest, ehe beide wussten, was sie verkaufen sollen. Jeder habe 500 Euro auf ein Firmenkonto gezahlt, erzählt Heber. Und sie meldeten ihr Gewerbe an. Unternehmenssitz wurde ein Fünf-Quadratmeter-Raum im Keller des Hauses, dass den Eltern des Freundes gehörte. Da gab es, was sie brauchten - einen Rechner mit Internet-Anschluss und Regale, die sie mit der ersten Ware füllten: Diskobeleuchtung.

Der erste Rückschlag kam ein knappes Jahr später. Hebers Freund stieg aus, um zu studieren. "Inzwischen ärgert der sich", sagt Heber. Der Jungunternehmer musste sich neue Helfer suchen, holte fünf Freunde. Und das Geschäft wuchs. Schnell. Inzwischen wurde aus dem Fünf-Quadratmeter-Keller ein 250 Quadratmeter großes Lager - ausgestattet mit einem modernen Abrechnungs- und Warenwirtschaftssystem.

Internet-Handel ist ein tückisches Geschäft: Die meisten gewerblichen Händler besuchen deshalb die Ebay-University, um zu lernen. Besonders beim Thema Online-Recht haben viele Nachholbedarf. "Macht man hier etwas falsch, kostet das Geld", sagt Rechtsanwalt und Ebay-Dozent Uwe Schlömer. Dem Seniorpartner der auf Internet-Recht spezialisierten Hamburger Kanzlei Schlömer & Sperl zufolge machen Kleinunternehmer vieles falsch.

So versteigern einige gebrauchte Handys auf Ebay und zeigen dazu Bilder von der Web-Site der Hersteller - die sind schließlich schöner als selbstgeschossene. Doch der finnische Handybauer Nokia etwa geht seit einiger Zeit gegen den Bilderklau vor, viele Ebay-Verkäufer hat das schon Geld gekostet - 1 500 Euro pro Foto.

Schlömers Vorträge decken aber auch eine oft erstaunliche Blauäugigkeit auf: Bei einer früheren Ebay-University traf er auf einen Händler, der über mehrere Monate schon 75 000 Euro umgesetzt hatte, dem aber erst dort klar wurde, dass er sich bei Gewerbeaufsichts- und Finanzamt melden muss. Schlömer schüttelt den Kopf, wenn er daran denkt: "Solche Fälle gibt es immer wieder." Oft würden Besucher am liebsten aufspringen und alles in Ordnung bringen. Die Behörden seien inzwischen reihenweise hinter unbedarften Ebay-Händlern her, sagt Schlömer. Das Bundeszentralamt für Steuern etwa setzt die von der Deutschen Börse entwickelte Software Xpider ein, um Händler aufzuspüren, die ihr Geschäft nicht angemeldet haben, keine Sozialabgaben zahlen oder Ware ohne Mehrwertsteuer verkaufen. Die Software sammelt im Netz Daten, stellt Verbindungen zwischen Käufern und Verkäufern her und gleicht sie automatisch mit dem Handelsregister oder der Umsatzsteuer-Identifikationsnummer ab.

Mit juristischen Stolperfallen hat auch Claudia Groh Erfahrungen gemacht. Sie betreibt seit 2003 in Niederdorf, einer Gemeinde bei Chemnitz, mit einem Cousin den Ebay-Verkauf für einen Sanitär- und Heizungsbedarfshandel. Das Geschäft gehört der Mutter des Cousins. 2006 handelte sich Groh ein Abmahnung eines Konkurrenten ein. Sie hatte vergessen, Geschäftsführer-Namen und Handelsregisternummer anzugeben. 1 000 Euro kostete das Versäumnis.

Trotz solcher Rückschläge hat sich für Groh der Einstieg ins Online-Geschäft gelohnt. 10 bis 15 Pakete verschickt sie am Tag. Ein- bis zweimal im Monat ist ein Festbrennstoffkessel für 2 000 bis 3 000 Euro dabei. Inzwischen erwirtschaftet das Unternehmen fünf bis zehn Prozent vom Gesamtumsatz über Ebay - verkauft von Waschbeckenarmaturen bis zum Toilettenbecken. Vergangenes Jahr brachte das Groh den silbernen Powerseller-Status.

Doch längst nicht jeder Ebay-Händler hat Erfolg - auch wenn es anfangs bei vielen den Anschein macht: Sie wachsen zu schnell, einige bringen es binnen Monaten auf Jahresumsätze in Millionenhöhe. Europas größter Powerseller etwa, das österreichische Unternehmen Quentis lief prächtig, Eigentümer Michael Marcovici rief zuletzt die Umsatzmarke von 21 Millionen Euro als Ziel aus. Zudem war er Referent der Ebay-University, betrieb Niederlassungen in Italien, Frankreich, Hongkong, den USA. Er ließ sogar selbst Ware in Asien produzieren. Es konnte kaum besser laufen. Dann platzte eine Finanzierung. Im Januar 2006 ordnete das Wiener Handelsgericht die Schließung von Quentis wegen Insolvenz an, was die Ebay-Gemeinde erschütterte.

Powerseller wie der Ex-Amazon-Manager und Dropshop.de-Inhaber Gerry Haag beklagen mittlerweile die Gebühren-Kultur Ebays. Allein ein Bild einzustellen koste zwischen einem und 2,40 Euro. Unterm Strich fließen sechs bis sieben Prozent vom Umsatz an Ebay. Hinzu käme die Zahlungsabwicklung; wer den zu Ebay gehörenden Internetzahldienst Paypal nutze, gebe zwei weitere Prozent vom Preis ab. Wirklich reich werde niemand - außer Ebay selbst, kritisieren viele in der Branche.

Martin Lesser, dessen Bettercom IT-Services Ebay und die Powerseller-Szene beobachtet, spricht von "hoher Fluktuation". 20 bis 30 Powerseller verschwinden deutschlandweit täglich, 20 bis 30 kommen hinzu. Insgesamt schrumpfe seinen Statistiken zufolge die Zahl der Superverkäufer - Ebay bestreitet dies, spricht von steigenden Zahlen. Laut Lesser ist der Markt nirgends auf der Welt so hart umkämpft wie hier. Durch die Ich-AG-Förderung der Schröder-Regierung versuchten sich viele vormals Arbeitslose im Online-Handel, und das gehe anfangs nicht ohne Ebay. Der Wettbewerb lässt die Margen schrumpfen, nach Abzug der Ebay-Gebühren bleibe wenig zum Überleben. Viele seien so auf die Nase gefallen.

Ans Scheitern denken Erik Heber und die anderen Powerseller nicht, als sie sich in die bequemen Ledersessel einer Sitzecke im Kongresszentrum sinken lassen und einander statt Vorträgen zu lauschen Geschichten vom Powerselleralltag erzählen. Einer in der Runde berichtet stolz, er habe entdeckt, dass es bei Ebay keinen Sandkastensand gibt. Für einen eingefleischten Powerseller war da nur eines zu tun: Er fuhr zum Baumarkt und kaufte ein paar Säcke. Bei Ebay, erzählt er, waren die im Nu verkauft - mit sattem Gewinn.

Jana Machoi und Sven Ullrich gelang mittels Ebay ein anderes Kunststück. Die Einzelhandelskauffrau und der Tierpfleger, der zu DDR-Zeiten in einer LPG gearbeitet hatte, bauten sich eine Existenz auf, indem sie ihre Berufe verbanden. Der Heimtierbedarf-Handel der zwei sitzt heute in einer 600-Quadratmeter-Halle, in der früher ein Billigmarkt zu Hause war.

Vor vier Jahren noch musste Ullrichs 3er-BMW auf der Straße parken, da die Garage als Lager für Katzenfutter und Haustierzubehör diente. "Momentan laufen vor allem Vogelkäfige", berichtet Ullrich, der das erste Mal bei einer Ebay-University ist. Machoi nickt, mittlerweile setze ihr Unternehmen monatlich rund 2 000 Artikel ab. Die 3 000 bis 3 500 Euro Gebühren, die sie alle vier Wochen an Ebay überweisen, machen es zum lukrativen Kunden für den Konzern. Inzwischen bauen sie allerdings auch einen Offline-Großhandel auf - einen von Ebay unabhängigen Online-Shop, der schon 20 Prozent vom Umsatz liefert, betreibt das Paar schon länger. Sie wählen so einen unter Powersellern beliebten Weg. Auch Erik Heber geht ihn, nabelt sich zunehmend von Ebay ab, erwirtschaftet Umsätze auch über das eigene Portal nox-electronics.de - ganz ohne teure Ebay-Gebühren.

Der Trend, dass etabliertere Powerseller mehr und mehr am Ebay-Marktplatz vorbei verkaufen, aber auch ihre Abneigung gegenüber Auktionen - die meisten verkaufen lieber zu Festpreisen - mögen mit zur aktuellen Strategiekorrektur des Konzerns beigetragen haben: Vor allem in den USA, aber auch mit Anfänger-Kursen auf der deutschen Ebay-University, wirbt er verstärkt Gelegenheitsverkäufer. Solche, die ihre alten Golfschläger versteigern oder eine Taucherflasche, einen alten PC, einen Kinderwagen oder ein Kanu. Der einst so innovative Internet-Konzern Ebay ist in die Jahre gekommen - und schon so alt, dass er zurückfinden muss zu den eigenen Wurzeln.

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