Elon Musk: Fristende für Twitter-Übernahme am Freitag – Die wichtigsten Fragen und Antworten
Der Milliardär will die Twitter-Übernahme nun offenbar abschließen.
Foto: mauritius images (M)New York. Das Hin und Her um die Übernahme des Kurznachrichtendienstes Twitter durch Tesla-Chef Elon Musk steht vor dem Ende: Der Milliardär soll am Montag in einer Videokonferenz mit seinen Bankern versprochen haben, den 44 Milliarden Dollar schweren Deal bis Freitag durchzuziehen. Das berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg.
Am Freitag läuft die Frist aus, die ein Gericht Musk gesetzt hatte, um seine Verpflichtungen aus dem im April geschlossenen Kaufvertrag zu erfüllen und das soziale Netzwerk zu übernehmen. Der Tesla-Chef hatte den Deal kurz nach Abschluss der Vereinbarung auf Eis gelegt und Twitter vorgeworfen, ihn über die Zahl gefälschter Konten belogen zu haben. Das Unternehmen wollte daraufhin die Übernahme juristisch erzwingen.
Es sah zuletzt nicht danach aus, als könne Musk das Gericht im US-Bundesstaat Delaware überzeugen. Drei Monate nach dem Ausstiegsversuch erklärte er, die Plattform doch zum ursprünglich vereinbarten Preis zu kaufen. Egal, wie das Drama ausgeht – die kommenden Tage dürften die Zukunft von Twitter bestimmen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Twitter-Übernahme durch Elon Musk: Welche Rolle spielen die Banken?
Kauft Musk, der selbsterklärte „Absolutist der freien Rede“, Twitter am Freitag wirklich, dann spielen seine Banken eine entscheidende Rolle. Sie haben sich zu einer Kreditfinanzierung über 13 Milliarden Dollar verpflichtet. Laut Insidern stellen die Banken derzeit die finalen Kreditverträge und andere Dokumente zusammen.
Was glaubt die Börse?
Läuft also alles nach Plan beim Twitter-Kauf? Die Wall Street scheint daran zu glauben. Die Aktien des sozialen Netzwerks sprangen am Dienstag bis auf 53,18 Dollar und lagen damit nur knapp unter dem von Musk aufgerufenen Kaufpreis von 54,20 Dollar. Frühzeitig eingestiegene Aktionäre profitieren.
Musk scheint sich in sein Schicksal zu fügen, statt eine kostspielige Niederlage vor Gericht zu riskieren. Dennoch dürfte er seinen übereilt abgeschlossenen Kaufvertrag, bei dem er auf eine übliche Due-Diligence-Prüfung der Twitter-Bücher verzichtet hatte, bereuen: Angesichts der Kursschwäche am Tech-Markt könnte er das Netzwerk heute wohl zum halben Preis übernehmen.
Was passiert, wenn Elon Musk am Freitag nicht zuschlägt?
Es bleibt – wie meist bei Musk – eine Restunsicherheit. Kauft Musk Twitter am Freitag nicht, geht der Rechtsstreit in Delaware weiter. Die Richterin hat bereits angekündigt, dann einen Verhandlungstermin für den November anzusetzen.
Twitter-Übernahme: Droht Elon Musks Banken ein Verlust?
Musks Bankenkonsortium wird von Morgan Stanley angeführt, dessen Kundenbetreuer eine zentrale Vertrauensperson für Musk ist, wie jüngst im Zuge des Gerichtsverfahrens veröffentlichte Textnachrichten zeigten. Laut den Insidern soll das Geld bereits am Donnerstag auf einem Treuhandkonto gesammelt werden. Morgan Stanley steuert demnach 3,5 Milliarden Dollar bei, die Bank of America, Barclays und MUFG 2,7 Milliarden Dollar. Mit dreistelligen Millionenbeträgen sind BNP, Mizuho und Société Générale an Bord, wie aus einer Aufsichtsmitteilung von Twitter hervorgeht.
Musk soll in der Telefonkonferenz versprochen haben, den Banken dabei zu helfen, ihre Kreditlinien nach Abschluss des Deals weiterzuverkaufen. Der Unternehmer würde dann anderen Finanzakteuren ein Milliardenvermögen schulden. Üblicherweise verbriefen Banken ihre Kreditzusagen bereits frühzeitig und verkaufen sie in Form von Junkbonds und Leveraged Loans weiter. Doch aufgrund von Musks Zickzackkurs war das nicht möglich. Die Kredite lasten daher weiter auf den Büchern der Wall-Street-Häuser.
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Für die Banken droht der Twitter-Deal schon heute zum Verlustgeschäft zu werden. Beim Unterzeichnen im April hatten die Institute geplant, 12,5 Milliarden des 13-Milliarden-Dollar-Kredits weiterzuverkaufen. Seitdem hat sich die Stimmung am Finanzmarkt aber deutlich gedreht, und Investoren greifen bei risikoreichen Papieren weniger gern zu. Möglich ist, dass die Banken Teile der Kreditzusagen daher auf den Büchern behalten müssen – und Musk von nicht mehr marktüblichen niedrigen Zinsen profitiert.
Welche Rolle spielen die Wagniskapitalgeber?
Für Musk stellt der Kredit des Bankenkonsortiums nur eine Finanzierungsquelle da. 7,1 Milliarden Dollar der Kaufsumme sollten eigentlich von einer Gruppe aus Wagniskapitalgebern, Superreichen und Vermögensverwaltern kommen. Wie aus den Textnachrichten hervorgeht, warben viele im Frühjahr um Musks Gunst. Doch nun sind die ersten schon wieder auf dem Absprung.
„Ehrlicherweise versuchen wir alle, aus dem Deal herauszukommen“, erklärte Andrea Walne von Manhattan Venture Partners vor zwei Wochen. Niemand denke mehr, dass Twitter 44 Milliarden Dollar wert sei. Walne sieht das Portal angesichts des Abschwungs am Tech-Markt nur noch bei einem Viertel des Preises. Ihr Finanzhaus ist im Vergleich zu anderen Akteuren klein, hat in der Vergangenheit aber bereits in Musks Weltraumfirma SpaceX investiert.
Zu den bekannteren Investoren, die im Mai erklärt hatten, beim Deal mitmachen zu wollen, gehören Andreessen Horowitz, Baron Capital, Fidelity, Sequoia, Brookfield und ein Fonds des Milliardärs Larry Ellison, wie aus Meldungen an die Finanzaufsicht SEC hervorgeht.
Muss Musk Geld für die Twitter-Übernahme nachschießen?
Könnte die Übernahme also am Ende scheitern, weil sich Musks Investmentpartner im letzten Moment aus dem Staub machen? Musk-Anwalt Alex Spiro verneint dies – und erklärte öffentlich, „die große Mehrheit der Aktieninvestoren“ sei „all-in.“
Laut der geschlossenen Vereinbarung kann Musk den Anteil unwilliger Co-Investoren reduzieren. Ein Ausstieg gegen den Willen von Musk könnte weitere Rechtsstreitigkeiten nach sich ziehen. In jedem Fall müsste der Milliardär dann mehr eigenes Geld zuschießen. Dafür wiederum müsste er weitere Sicherheiten bereitstellen – etwa Anteile an SpaceX oder Tesla-Aktien, was den Kurs des Autobauers erneut belasten dürfte.
Es gibt jedoch auch gute Nachrichten für Musk. So hat Milliardär Ken Griffin laut Medienberichten erst vor wenigen Tagen seine Bereitschaft erklärt, Musk beim Twitter-Kauf zu unterstützen. Musk selbst soll unbestätigten Berichten zufolge Investoren bereits konkrete Pläne für die Zeit nach dem Kauf präsentiert haben – darunter einen Jobabbau von knapp drei Vierteln der gut 7500 Mitarbeitenden.
Nach der Übernahme durch Elon Musk: Wie geht es weiter mit Twitter?
Klar ist: Eine Cashcow, die Musks Übernahmeausgaben schnell wieder hereinholt, dürfte Twitter auch unter seiner Führung nicht so schnell werden. Vor allem die gesunkenen Umsätze am Werbemarkt, die derzeit alle großen Tech-Konzerne treffen, beschneiden Twitters Gewinne. Die Plattform war in den vergangenen Jahren daran gescheitert, ihre Einnahmeseite zu diversifizieren, die zu mehr als 90 Prozent aus Werbegeldern besteht.
Zudem hat sich Twitter als Teil des Deals mit Musk verpflichtet, 13 Milliarden Dollar an zusätzlichen Schulden aufzunehmen, was die finanziellen Spielräume weiter einengt. Analysten schätzen, dass Twitter künftig eine Milliarde Dollar an Zinsen pro Jahr bezahlen müsste.
Was wird aus dem Twitter-Chef?
Es bleibt also spannend, bis zuletzt. Ein Gewinner aus dem Streit um die Twitter-Übernahme ist dennoch schon hervorgegangen: Parag Agrawal. Der Twitter-Chef ist einer der wenigen Gesprächspartner, die sich ausweislich der Textnachrichten in der Auseinandersetzung mit Musk nicht blamiert haben.
Agrawal habe aus „einem schrecklichen Blatt“ das Beste gemacht, erklärte der frühere Twitter-Europachef Bruce Daisley vor Kurzem. „Er ist Musk gegenüber standhaft und seinen Prinzipien treu geblieben.“ Durch sein Beharren auf der Übernahmevereinbarung trieb er den Aktienkurs nach oben – und könnte bei Abschluss des Deals nun seine Aktionäre glücklich machen.
Das Verhältnis zu Elon Musk gilt als zerrüttet.
Foto: imago images/ZUMA WireEs wäre Agrawals letzter Erfolg bei Twitter: Übernimmt Musk die Plattform, gilt sein Rauswurf als sicher. Das Verhältnis zu dem Tesla-Chef gilt als zerrüttet. Wenn Agrawal geht, dürfte ihm eine 60 Millionen Dollar schwere Abfindung den Abschied versüßen.