Gema-Attacke Wie Jugendliche zu Mittläufern wurden

Denn sie wussten nicht, was sie tun: Jugendliche, die sich offenbar an einem Hackerangriff auf die Gema beteiligt hatten, bekamen nun Hausbesuch von der Polizei. Doch sind sie wirklich gefährliche Hacker? Wohl kaum.
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Aktivisten des internationalen Netzwerks Anonymous in Berlin. Das Kollektiv folgt keiner festen Struktur - jeder kann sich zu Anonymous bekennen. Quelle: dapd

Aktivisten des internationalen Netzwerks Anonymous in Berlin. Das Kollektiv folgt keiner festen Struktur - jeder kann sich zu Anonymous bekennen.

(Foto: dapd)

DüsseldorfDas Bundeskriminalamt teilte am Mittwochabend mit, bundesweit mehrere Wohnungen von mutmaßlichen Mitgliedern und Mitläufern des Hackerkollektivs Anonymous durchsucht zu haben. Hintergrund der Ermittlungen ist eine Attacke auf die Website der deutschen Urheber-Verwertungsgesellschaft Gema. Dabei handelte es sich jedoch nicht um einen echten Hacker-Angriff, sondern um eine sogenannte Distributed-Denial-of-Service-Attacke (DDoS) – eine eher primitive Cyber-Waffe. Statt in einen Server einzudringen und diesen lahmzulegen, wird dieser einfach mit einer Flut von Anfragen überschüttet, sodass dieser nicht mehr in der Lage ist, sinnvolle Anfragen zu beantworten.

Sind die 106 Beschuldigten, gegen die nun ermittelt wird, gefährliche Hacker? Wohl kaum. Das sagt auch die ermittelnde Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. „Überwiegend Mitläufer“ seien festgenommen, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft im Gespräch mit Handelsblatt Online.

Die Attacken von Anonymous
huGO-BildID: 2524788 ARCHIV -- Ein Mitglied der umstrittenen Scientology-Organisation praesentiert im Februar 1996 im Zuercher Scientology-Zenter die
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2008

2008 wurde die Anonymous-Bewegung mit weltweiten Protestaktionen gegen die Organisation Scientology bekannt. Unter dem Namen „Projekt Chanology“ wurden Videos auf Youtube mit verzerrter Stimme eingestellt, die der Organisation den Kampf ansagen. Auf der ganzen Welt versammelten sich Mitglieder von Anonymous vor Niederlassungen der Organisation, Büros wurden mit Anrufen terrorisiert.

Gegen Scientology war die Gruppe vorgegangen, nachdem die Religionsgemeinschaft mit Klagen gegen ein im Internet veröffentlichtes, ursprünglich Scientology-internes Video vorgegangen war.

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September 2010

Im September 2010 hatten es Anonymous auf die Seite der amerikanischen Film-Lobby MPPA und die indische Technologiefirma Aipley Software abgesehen. Als Reaktion auf Anti-Piraterie-Maßnahmen, die beide Unternehmen gemeinsam getroffen haben, legten die versierten Chat-User die Webseiten beider Organisationen lahm. Außerdem überfluteten sie die beiden Webseiten mit Anfragen.

2011 - das «Jahr der Hacker» geht zu Ende
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Dezember 2010

Auch der Finanzdienstleister der Schweizer Post, Postfinance, geriet bereits ins Visier von Anonymous. Sympathisanten der Enthüllungsplattform hätten die Website angegriffen und stark verlangsamt, teile das Unternehmen mit. Es habe auch diverse Reaktionen von Kunden gegeben.

EarnsMasterCard
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Dezember 2010

Im Dezember 2010 war die Website des Kreditkartenunternehmens Mastercard Opfer der Wikileaks-Sympathisanten. Sowohl der internationale Webauftritt als auch die deutsche Website des Unternehmens waren vorübergehend nicht erreichbar. Anonymous bekannte sich zu der Aktion, welche die Gruppe selbst als „Operation: Payback“ bezeichnete, und sprach von einer andauernden Kampagne gegen „freiheitsfeindliche Organisationen“, die ihre Geschäftsbeziehungen zu Wikileaks aufkündigen.

Kreditkarten
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Dezember 2010

Auch Visa kam nicht ungeschoren davon. Nur kurze Zeit nachdem Anonymous die Website des Kreditkartenunternehmens Mastercard angriffen hatte, brachten die Wikileaks-Sympathisanten auch die Seite von Visa zum Zusammenbruch. Nach Informationen des Blogs Redspin, das sich mit Themen der Netzsicherheit beschäftigt, beteiligten sich zeitweise mehr als 1700 Personen an den Angriffen.

Erstaunlich war der Erfolg des Angriffs - denn das weltgrößte Kreditkartenunternehmen hätte Zeit zur Vorbereitung gehabt. Nach der Attacke auf Mastercard war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Visa Ziel eines Angriffs sein würde. Zudem wurde die Aktion eine Stunde im Voraus über den Online-Dienst Twitter angekündigt.

Was man zurzeit übers Web wissen muss: Twitter
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Zahlreiche Unterstützer von Wikileaks feierten auf Twitter die Angriffe. "Während visa.com und mastercard.com in die Knie gezwungen sind, ist Wikileaks auf 1289 Mirrors erreichbar. Soviel zum Kräfteverhältnis", schrieb einer. Wikileaks hatte damals auf Initiative der US-Regierung die eigene Domain wikileaks.org vorübergehend verloren.

Nach den Mastercard- und Visa-Attacken sperrte der Internet-Dienst Twitter allerdings das Profil mit den Mitteilungen von Anonymous. Daraufhin richtete die Gruppe ein neues Profil ein, mit einem Link zum Chat-Dienst IRC - über den dezentral organisierten Internet Relay Chat wurde nach Informationen in einschlägigen Blogs auch die Software für die DDoS-Angriffe verbreitet.

huGO-BildID: 17306592 This image shows the YouTube Web site Thursday March 18, 2010, in Los Angeles. Court documents unsealed Thursday as part of a 3
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Kurze Zeit nach den Visa- und Mastercard-Angriffen kündigte die lose organisierte Gruppe an, sich nun darauf zu konzentrieren, geheime US-Depeschen möglichst weit zu streuen, statt Server zu attackieren. Die „Operation: Leakspin“ setzt  auf Informationsverbreitung statt auf Angriffe. Die Aktivsten stellen dazu Zusammenfassungen von aus ihrer Sicht wichtigen US-Depeschen zusammen und luden diese als Video beispielweise auf Youtube hoch.

Um für eine möglichst große Reichweite zu sorgen, wurden dazu auch falsche Videotitel verwendet. So sind einige der Videos auf Youtube beispielsweise als Fanvideos des Teenie-Idol Justin Bieber getarnt.

Viele der Familien sind dennoch schockiert über die Hausdurchsuchung. Im Gespräch mit Spiegel Online berichten Betroffene von „massiven Stress mit den Eltern“. Genau das ist auch das Kalkül der ermittelnden Staatsanwaltschaft. Es gehe auch darum, eine „heilsame Schockwirkung“ durch die Durchsuchungen bei den Betroffenen zu erzielen, um den Jugendlichen klarzumachen, dass sie eine Linie überschritten haben. „Eine Hausdurchsuchung ist für niemanden eine angenehme Sache“. Zudem sollten die Hausdurchsuchungen klären, wer hinter der Attacke stand. In den meisten Fällen war es nicht der ermittelte Anschlussinhaber, sondern der Sohn.

Insgesamt hat die Gema dem Bundeskriminalamt mehrere Hundert IP-Adressen übergeben. Ermittelt wird jetzt zunächst gegen diejenigen 106 davon, die keinerlei Maßnahmen unternahmen, ihre IP-Adresse zu verschleiern – also die unbedarftesten unter ihnen. Eine ernsthafte Strafe haben die meisten wohl nicht zu erwarten. „Computersabotage wird zwar mit maximal fünf Jahren Haft bestraft“, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. „Da wir uns aber hier überwiegend im Bereich des Jugendstrafrechts bewegen, gibt es hier auch die Möglichkeit, unterhalb einer Strafe zu bleiben“. Die meisten werden also wohl mit einer Ermahnung und Auflagen wie Sozialstunden davonkommen.  

Wie Jugendliche die Gema-Website in die Knie zwangen
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3 Kommentare zu "Gema-Attacke: Wie Jugendliche zu Anonymous-Mitläufern wurden"

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  • Klasse, es wird Zeit gegen die GEMA, die deutsche mafioese Organisation der Oberabzocker,etwas zu organisieren . Die Einnahmen der GEMA werden weder bilanziert noch versteuert oder kontrolliert in welche Kanäle sie versickern. Eine kleine Zahl von Vorständen füllen sich die Taschen und unsere Regierung spielt wie bei der GEZ mit, wohl dem der Boeses denkt. Optimismus ist nur ein Mangel an Information!!

  • Würde man mich wegen sowas belangen wollen, würde ich bis vors Bundesverfassungsgericht ziehen. Gerade die LOIC hat NICHTS mit Computersabotage zu tun. Das ist eher eine digitale Sitzblockade. Und Sitzenbleiben ist lt BVerfG eben gerade NICHT strafbar. Zudem ist der Tatbeitrag eines Einzelnen mit Hilfe der LOIC eben gerade nicht geeignet, das Tatziel der Computersabotage zu erreichen oder gar den Tatvorwurf zu begründen. Da hier auch keine kriminellen Ziele verfolgt wurden, sondern ein Demonstrationsrecht ausgeübt wurde - es gibt kein Verbot eine beliebige Website beliebig oft aufzurufen! - wird wohl auch der Tatvorwurf der Bildung eine "kriminellen Vereinigung" ins Leere laufen. Wie gesagt: Anwalt nehmen, vors BVerfG ziehen und wir kriegen endlich ein digitales Versammlungsrecht, das zu etablieren der Gesetzgeber bisher verpennt hat.

  • „Eine Hausdurchsuchung ist für niemanden eine angenehme Sache“ Unglaubliche Verharmlosung einer Grundrechtsverletzung!

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