Gründungen: Trotz Krise in der Start-up-Welt: Wagniskapitalfonds sammeln hohe Summen ein
Investoren kündigen immer wieder neue Millioneninvestments für Gründerunternehmen an.
Foto: Hurca! - stock.adobe.comDüsseldorf. Obwohl die Gründerszene nach Jahren ungebremsten Wachstums aktuell in einer Krise steckt, gehen zahlreiche Wagniskapitalgeber mit neuen Investmentfonds an den Start. So kündigte die international aktive Firma Headline am Donnerstag gleich drei Fonds für Frühphasen-Investments an.
Headline will sich mit 320 Millionen Euro an Start-ups in Europa beteiligen. 400 Millionen Euro stehen für neue US-Investments bereit, 166 Millionen Euro für Brasilien. So viel Geld hat Headline nie zuvor für Start-up-Investments eingesammelt.
Die Situation scheint paradox. Einerseits entlassen große Start-ups in ganz Europa derzeit Mitarbeiter, weil ihnen das Geld auszugehen droht. Andererseits kündigen Investoren immer neue Millioneninvestments für Gründerunternehmen an.
Aktuelle Zahlen der Analysefirma Pitchbook für die USA belegen diesen Trend: 2021 haben US-Wagniskapitalgesellschaften rund 139 Milliarden Dollar investiert. Allein in der ersten Jahreshälfte 2022 waren es schon knapp 122 Milliarden Dollar.
Doch statt in bereits bestehende und Wachstum planende Firmen zu investieren, suchen die Geldgeber mit ihren Frühphasenfonds vorwiegend ganz neue Unternehmen. Und dabei sind die neuen Geldtöpfe umfassender denn je. Der halbstaatliche Hightech-Gründerfonds hat seinen Fonds „HTGF IV“ mit 400 Millionen Euro füllen können, der Vorgänger fasste lediglich 320 Millionen.
Earlybird aus Berlin und München hat für seinen siebten „Digital West Fonds“ 350 Millionen Euro eingeworben, doppelt so viel wie noch beim Vorgänger. Eine Verdopplung gelang auch Project A, der vierte Fonds der Berliner ist jetzt 360 Millionen Euro schwer.
Mehr Geld ist jedoch nicht immer gleichbedeutend mit besser. „Viele Investmentfirmen sammeln so viel Geld ein, wie sie bekommen können. Das ist natürlich falsch“, sagt Christian Leybold, Mitgründer der Wagniskapitalfirma Headline. Das Unternehmen hat nach eigener Aussage deshalb zuletzt sogar Interessenten für den US-Fonds abgesagt, nachdem die intern gesetzte Obergrenze erreicht war.
Weniger ist mehr: Im Zweifel müssen Fonds Investoren abweisen
Der Hintergrund: Die Fonds wachsen nicht nur, wenn mehr Menschen mehr investieren und für jeden Cent Rendite sehen wollen. Wagniskapitalfirmen planen zunächst, wie viele Start-ups sie ins Portfolio aufnehmen wollen. Dabei gilt: je mehr Firmen, desto geringer das Risiko. Das aber bedeutet auch mehr Verwaltungsaufwand. Typischerweise streuen Wagniskapitalgeber ihr Geld in einem Fonds über 25 Start-ups.
Weil die Anteile an jungen Firmen in Zeiten des Booms teurer wurden, mussten die Wagniskapitalgeber zuletzt mehr Geld einsammeln. Doch was tun mit dem Kapital, wenn die Preise wieder unten sind? Und wird sich die Investmentlust auch bei Fonds fortsetzen, die erst jetzt mit dem Geldeinsammeln starten?
Ob Headline, Earlybird und Project A: Noch zeigen sich die Investmentmanager gelassen. Nachdem die Aktienkurse vieler Tech-Unternehmen seit Dezember stark gefallen sind, werden auch Start-ups niedriger bewertet. Doch seien, heißt es in der Szene, bei den Frühphasenfinanzierungen die Auswirkungen noch relativ gering.
Die meisten dieser Start-ups werden frühestens in fünf bis zehn Jahren an die Börse gehen – dann dürfte sich die Stimmung an den Märkten wieder normalisiert haben. Insider schätzen, dass die Bewertungen bei jungen Firmen derzeit um zehn bis 20 Prozent niedriger angesetzt werden als noch im vergangenen Jahr.
Sicherheit geht vor: Investoren wollen Geld zurücklegen
„Wir werden einen größeren Anteil unseres Kapitals zum Nachinvestieren zurücklegen“, sagt Hendrik Brandis, Mitgründer der Wagniskapitalfirma Earlybird. Zuletzt haben Start-up-Investoren oft 40 Prozent eines Fonds auf ihre Portfoliofirmen verteilt. Der Rest wurde reserviert, um bei den aussichtsreichsten dieser Firmen später nachzulegen.
Genauso plant es Florian Heinemann bei Project A: „Wir werden wie geplant in 30 Start-ups investieren, vielleicht ein bisschen mehr“, sagt er. Vor allem solle mehr Geld für „die Gewinner“ zur Verfügung stehen.
Einerseits wollen die deutschen Frühphaseninvestoren damit etwas unabhängiger werden von Folgeinvestoren. Ihr Geschäft basiert nämlich immer auf der Annahme, dass in späteren Phasen andere Geldgeber einsteigen und noch viel größere Summen zur Verfügung stellen. Je größer die Reserven, desto länger können sich Start-ups allein mit dem Kapital ihrer Bestandsinvestoren entwickeln.
Andererseits ist eigenes Kapital zum Nachschießen wichtig, wenn der Besitzanteil an einem Start-up gehalten werden soll. Denn bei Folgeinvestments anderer Fonds schrumpft sonst die Beteiligung und damit eben auch der Anteil am Erlös, wenn ein Start-up schließlich an die Börse geht oder weiterverkauft wird.
Langsamer investieren: Neue Fonds werden länger reichen
Leybold, Brandis und Heinemann gehen auch davon aus, dass die jetzt gestarteten Fonds ihr Geld über einen längeren Zeitraum investieren werden als ihre Vorgänger. Ein Indikator für diesen Trend sind Marktzahlen der Wagniskapitalfirma Morphais. Demnach ist die Anzahl der Finanzierungsrunden bei deutschen Start-ups von Januar bis Mai 2022 um mehr als 13 Prozent gesunken. Bei 92 Prozent aller Finanzierungsrunden handelte es sich um die erste oder zweite Finanzierungsrunde der jeweiligen Firma.
Zugleich deutet sich an, dass die Zahl der Gründungen wieder abnehmen wird und sich damit weniger Investitionsmöglichkeiten ergeben. Morphais verzeichnet für Januar bis Mai einen Rückgang neu registrierter Start-ups von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
„Wir haben den Vorgängerfonds über gut zweieinhalb Jahre ausinvestiert, jetzt werden wir wahrscheinlich auf drei bis dreieinhalb Jahre gehen“, sagt Florian Heinemann. Das wiederum hat Vor- und Nachteile. Je früher die Investments getätigt werden, desto länger haben die Portfoliofirmen Zeit, die erwartete Rendite zu erwirtschaften.
Wer geduldiger ist, sei jedoch unabhängiger von Marktschwankungen, betont Headline-Investor Leybold. Fonds, die ihr gesamtes Kapital in den vergangenen 18 Monaten verteilt hätten, seien nun stärker vom Abrutschen der Bewertungen betroffen als solche Investoren, die kontinuierlicher vorgingen.
Investoren setzen auf sparsame Gründer
Bei der Suche nach neuen Technologien und digitalen Geschäftsmodellen wollen die Investoren künftig wieder mehr darauf achten, dass Firmen auch mit weniger Geld wirtschaften können. „Vor kapitalintensiven Firmen oder Geschäftsmodellen mit dünner Marge würden wir jetzt sicher noch mehr zurückschrecken als im vergangenen Jahr“, sagt Earlybird-Partner Brandis.
So hat seine Firma in das Raketen-Start-up Isar Aerospace investiert, das viele Millionen Euro brauchen wird, ehe erste Umsätze möglich werden. Darüber, berichtet Brandis, würde er jetzt mit seinen Kollegen sicher länger diskutieren müssen.
Vor kapitalintensiven Firmen schrecken Investoren derzeit zurück.
Foto: Isar Aerospace„In Krisenzeiten sind Firmen erfolgreich, die sich zunächst auf die Produktentwicklung fokussieren“, sagt Christian Leybold. Wer nachweisen könne, dass sein Produkt nachgefragt wird und sein Geschäftsmodell wirtschaftlich ist, der bekomme anschließend auch Geld für die Expansion. In den vergangenen Monaten hingegen hatten Firmen so viel Kapital, dass sie beides gleichzeitig versuchen konnten.
Headline hat das Geld für den Europa-Fonds fast vollständig in diesem Jahr eingesammelt. Das Fundraising für den US-Fonds fand von April bis Juni, also bereits im Krisenmodus, statt.
Leybold hat auf seiner aktuellen Investorensuche zwei Gruppen von Anlegern ausgemacht. Diejenigen, die ein bestimmtes Verhältnis zwischen Anlagen am Aktienmarkt und bei Start-ups halten wollen, müssten nach dem Kursverfall an den Börsen nun auch ihre Wagniskapitalinvestments zurückfahren. Andere indes seien jetzt besonders interessiert an Start-ups, sagt Leybold: „Wer an Technologie als Wertschöpfungstreiber glaubt, aber die Preise zuletzt für verrückt hielt, der sagt: ,Jetzt erst recht.'“