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Halbleiterbranche Chips statt Bier – Warum der Standort Warstein für Infineon so wichtig ist

Für Infineon läuft es momentan nicht rund. Das Werk in Warstein aber bleibt von Sparmaßnahmen verschont. Warum der Dax-Konzern dort investiert.
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Infineon: Warum Warstein den Chip-Hersteller so wichtig ist Quelle: Infineon
Infineon-Werk in Warstein

1850 Angestellte arbeiten im Infineon-Werk in Warstein – doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.

(Foto: Infineon)

WarsteinDas Dröhnen der Presslufthämmer ist der Chip-Produktion nicht gerade zuträglich. Die kleinen elektronischen Bauelemente sind hochempfindlich. Es geht aber nicht anders. „Wir kämpfen mit Engpässen“, klagt Arne Kohring.

Daher hat der Chef des Infineon-Werks in Warstein die Bauarbeiter anrücken lassen, um Platz für zusätzliche Fertigungsflächen zu schaffen. Denn die Mitarbeiter wissen gar nicht, wo sie all die neuen Maschinen hinstellen sollen, um die vielen Aufträge abzuarbeiten.

„Es wird weiter investiert, es wird nichts angehalten“, betont Kohring. Das ist nicht selbstverständlich. Denn es läuft momentan nicht richtig rund bei Deutschlands größtem Halbleiterhersteller. In den vergangenen Monaten hat Vorstandschef Reinhard Ploss zweimal die Prognose zurückgeschraubt.

Statt neun Prozent Umsatzplus erwartet der Manager jetzt nur noch fünf Prozent. Zudem hat der Konzernlenker angekündigt, bis zu 200 Millionen Euro weniger für neues Equipment auszugeben als im Herbst angekündigt.

Warstein jedoch kommt weitgehend ungeschoren davon. An dem Standort entwickelt, bearbeitet und verpackt Infineon sogenannte Leistungshalbleiter, wie sie für die Stromversorgung von Elektro- und Hybridautos eingesetzt werden, aber auch für Zugmotoren, Windräder und Medizintechnik.

Der Standort profitiert von boomenden Absatzmärkten. Quelle: Infineon
Chipproduktion

Der Standort profitiert von boomenden Absatzmärkten.

(Foto: Infineon)

Das sind alles boomende Absatzmärkte, in denen der Konzern nach wie vor kräftig wächst. Dass es im Rest des Konzerns etwas langsamer bergauf geht als geplant, liegt vor allem am schwachen Autogeschäft in China und stagnierenden Smartphone-Verkaufszahlen.

Warstein ist bekannt für sein Bier, das die Brauerfamilie Cramer seit mehr als 260 Jahren unter dem Namen der Stadt verkauft. Weniger geläufig ist, dass die Gemeinde als Keimzelle der europäischen Elektronikindustrie gilt.

Bereits 1945 begann AEG damit, am Nordrand des Sauerlands Gleichrichter zu produzieren. Das Werk ging später in Siemens auf. 1999 trennte sich der Elektrokonzern von der Halbleitersparte, so kam die Fabrik zu Infineon.

Die Zahl der Mitarbeiter hat sich verdoppelt

Der Konzern beschäftigt in Warstein rund 1850 Mitarbeiter, doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. In der Stadt steht eine sogenannte Backend-Fertigung. Das heißt: Hier werden die Halbleiter aus Frontend-Fabriken wie Dresden, Regensburg oder Villach weiter verarbeitet und in Gehäuse verpackt; ein hochkomplexer Vorgang mit Dutzenden Arbeitsschritten.

„Das ist eine wichtige Hürde für Wettbewerber“, sagte Jochen Hanebeck, Produktionsvorstand von Infineon. „Es würde Jahre dauern, diese Kompetenz neu aufzubauen.“ Ein paar Meter neben den Reinräumen entwickeln darüber hinaus 500 Ingenieure Leistungshalbleiter. Damit nicht genug: In Warstein stellt der Konzern in Kleinserien auch Muster für Kunden her. So können die Abnehmer testen, ob die Infineon-Chips das halten, was der Konzern verspricht.

Backend-Fertigungen sind sehr arbeitsintensiv und lange nicht so automatisiert wie die Frontend-Fabriken. Die Verfahren, die sich in Warstein bewähren, setzt Infineon deshalb in großem Stil in Werken in Ländern mit niedrigeren Löhnen ein: im ungarischen Cegléd und im chinesischen Wuxi.

Die Fabrik in der Volksrepublik ist neu. Infineon will von dort aus den chinesischen Markt bedienen, wo der Konzern ein Viertel seines Umsatzes erzielt. Auf dem Gelände in Wuxi betreibt der Halbleiterproduzent auch ein Joint Venture mit dem chinesischen Autohersteller SAIC, in dem Module für Elektrofahrzeuge entstehen – gemäß den Vorgaben aus Warstein.

Manager Kohring führt nicht nur den Standort Warstein, er ist auch verantwortlich für die besonders starken Leistungshalbleiter von Infineon. „Dieses Geschäft ist sehr stark gewachsen in den vergangenen 20 Jahren, und es wird weiter kräftig zulegen“, prognostiziert Kohring. In acht der zehn weltweit meistverkauften Hybrid- und Elektroautos stecken heute die Chips von Infineon.

Chips stecken in vielen Hybriden und Elektroautos

Die Münchener haben sich dieses Feld nicht zufällig ausgesucht. So erwartet der Branchenverband ZVEI für die gesamte Chipbranche in den nächsten fünf Jahren ein durchschnittliches jährliches Umsatzplus von lediglich 2,7 Prozent. Das für Infineon wichtige Geschäft mit Kraftfahrzeughalbleitern wird demzufolge dagegen um 5,6 Prozent zulegen.

Analysten sehen den Dax-Konzern genau deshalb positiv. Infineon profitiere vom Trend zu Elektrofahrzeugen und zum autonomen Fahren, meint Alexander Duval von Goldman Sachs. Er beurteile den längerfristigen Wachstumspfad des Chipherstellers daher weiter positiv.

Infineon braucht solche Wachstumsfelder, denn der Konzern hat sich selbst unter Druck gesetzt. Vorstandschef Reinhard Ploss hat den Anlegern ein strammes Plus versprochen. Über einen Branchenzyklus hinweg soll der Umsatz im Schnitt jedes Jahr um neun Prozent zulegen, also mehr als dreimal so stark wie die Branche insgesamt. Die Produkte aus Warstein spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Momentan baut Infineon die Fertigung aus. Das sei langfristig aber nicht der Fokus, meint Vorstand Hanebeck: „Warstein wird insbesondere als Innovationsstandort noch wichtiger werden.“ Das heißt: Es braucht mehr hochqualifizierte Entwickler. Trotz der langen Elektroniktradition in der nordrhein-westfälischen Stadt: Personal anzulocken ist für Standortleiter Kohring eine der herausforderndsten Aufgaben.

Er konnte zwar bislang stets alle freien Positionen besetzen. Aber: „Wir müssen den Leuten schon sagen, was attraktiv an Warstein ist“, meint der Manager, der sich auch als Vizepräsident der IHK Arnsberg engagiert. Die großen Chipzentren in Deutschland sind Dresden sowie Bayern und Baden-Württemberg. Um Mitarbeiter aus der Region zu gewinnen, geht der ehemalige Bosch-Manager einen für die Chipbranche durchaus ungewöhnlichen Weg: Er schaltet Spots im Lokalradio.

Andererseits: Auch einige Konkurrenten in diesem Geschäft sitzen abseits der Kraftzentren der globalen IT-Industrie. Danfoss Semiconductor ist in Flensburg beheimatet, Semikron stammt aus Nürnberg. Vielleicht sorgt der gute Name der Warsteiner-Brauerei ja dafür, dass sich der eine oder andere Bewerber für Infineon entscheidet.

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