Handelsblatt live Aufbruch in die neue Medienwelt

Allen Prophezeiungen zum Trotz: Die Zeitung stirbt nicht, sie schafft sich digitale Freiräume. Eine Antwort auf die Frage, wie Journalismus für eine neue Generation aussieht, will die neue App "Handelsblatt Live" geben. 
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Der große Bill Gates machte es sich einfach, und so lag er am Ende einfach daneben. Die Zeitung sei im Jahr 2000 tot, sagte der Microsoft-Mitbegründer 1998, damals im Rausch der New Economy. Gemessen an solchen Prophezeiungen geht es der Presse derzeit sogar ausgesprochen gut.

Sicher, es gibt Ausfallerscheinungen. Aber es gibt auch gedruckte Publikationen wie „Wall Street Journal“, „Handelsblatt“, „Zeit“ oder „Landlust“, die sich eines wachsenden Kundenstamms erfreuen.

"Zeitung tot? Tod sieht anders aus." Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt

"Zeitung tot? Tod sieht anders aus."

Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs.

(Foto: Frank Beer für Handelsblatt)

Und es gibt viele neue Ansätze in dieser andauernden Kulturrevolution, die als „digitaler Wandel“ beschrieben wird und für viele Branchen ein „digitaler Sturm“ ist. Joseph Schumpeter würde heute auf seinem iPad einige Gedanken zur „schöpferischen Zerstörung“ festhalten. Zeitung tot? Tod sieht anders aus.

In ihren goldenen Jahren haben Zeitungen davon gelebt, die Schnellsten zu sein. Rund um 1850 ersetzte die Telegrafie die schnellen Boten der Reiterstaffeln, und Pressetitel hatten Konjunktur. Namen wie „Daily Telegraph“ erinnern an diese Ära. Es kamen mit den Jahrzehnten Radio, Fernsehen, Internet. Und immer wurde es noch schneller, noch hektischer, noch direkter.

Heute ist ein globales TV-Netzwerk wie CNN, das 1995 als Herold der Globalisierung gefeiert wurde, schon wieder eine fürchterlich altmodische Erscheinung. Onkel-Fernsehen. Das Internet hat die Medienwelt nachhaltig verändert. Nichts ist nun mal schneller als ein Tweet oder ein Facebook-Eintrag, wie banal er auch sei.

So lebt in ganz modernen Zeiten die Mediengesellschaft im Zustand der unaufhörlichen Anlieferung von Nachrichten, Halbnachrichten und Pseudo-Nachrichten, über die sich ein Sechs-Tage-Erregungsthema als Leitmotiv legt. Das kann ein Lebensmittelskandal, die Fettnäpfchen von „Problem-Peer“ oder der alltägliche Sexismus in einer deutschen Bar um Mitternacht sein. Bisweilen geistert eine Verschwörungstheorie durch die Schlagzeilen.

In einer solchen Lage zählt nicht Tempo, Tempo. In einer solchen Lage sind andere Qualitäten wichtig: Präzision, Richtigkeit, Relevanz, Einordnung, Analyse. Es sind die klassischen Tugenden einer Zeitung. Das „Irgendwie“ des Internet-Stroms verwandelt sie in das „Wie“.

Man macht deshalb einen Fehler, Zeitung nur mit dem Papier zu assoziieren. Papier ist gut, weil man tatsächlich keinen Strom zum Lesen braucht und weil sich mit wenigen Blicken viele Botschaften erfassen lassen. Aber die elektronische Welt bietet demgegenüber die Möglichkeit, öfter am Start zu sein, unabhängig von den Zyklen einer Druckmaschine.

Früher haben die Verlage darum konkurriert, wann die „frische“ Zeitung zum Leser kommt: morgens oder mittags oder abends. Die „B.Z. Am Mittag“ beispielsweise hat in der Weimarer Republik das Alltagsleben verändert. Tablets erlauben es heute, eine Zeitung mit ihrem klassischen Raster in allen drei Zeiträumen erscheinen zulassen: morgens und mittags und abends. Das genau ist das Historische am Start der neuen App Handelsblatt Live, die an diesem Montag erstmals erscheint.

Zeitungen sind keine Sklaven einer Suchmaschine
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19 Kommentare zu "Handelsblatt live: Aufbruch in die neue Medienwelt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Sehr geehrte/r K.S.,

    herzlichen Dank für Ihre Kritik. Ich finde es gut, wenn sich Leser an uns wenden – das zeigt: Wir sind ihnen nicht egal und etwas Besseres kann uns schließlich nicht passieren.

    Ihre Anmerkung kann ich gut nachvollziehen. Ich möchte Ihnen jedoch versichern, dass wir unser Anzeigengeschäft strikt von der Redaktion trennen. Das ist zwar im Alltagsgeschäft manchmal ein hitziger Prozess, den Grundsatz aber weichen wir beim Handelsblatt sicher nicht auf. Wir müssen es auch nicht: denn am Ende begreifen auch unsere Anzeigenkunden, dass sie nur in einem glaubwürdigen medium erfolgreich inserieren können.

    Ich hoffe dies dient zur Klärung. Bleiben Sie uns gewogen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Oliver Stock
    Chefredakteur
    Handelsblatt Online

  • Ich find 40€ im monat einfach zu teuer. Die App is gut gemacht, aber die themen sind keine anderen, als bei welt &Co...

  • Chef-Redakteure sind i.d.R. diejenigen, mit dem geringsten fachlichen Durchblick. Leider traut sich das meistens keiner zu sagen.

  • Das ist jetzt schon der zweite Chef-Redakteur-Rechtfertigungsversuch für das "Leistungs"-Eintreibegesetz (blablabla), der an der Bloßstellung der Scheinheiligkeit der Verlage durch die Kommentatoren gescheitert ist. Anstatt Google für die Zubringerdienste zu bezahlen, wollen sie auch noch Geld (und tun trotzdem alles, um diese Zubringdienste zu nutzen).

    Also, als nächstes dürfen wir uns jetzt wohl auf einen Artikel vom Chef vom Chef vom Chef, nämlich von Gabor Steingart freuen (das ist der mit den Griechen-Anleihen). Wetzt schon mal die digitalen Messer!

  • Eine gute Betrachtung zur Rolle der Zeitung im digitalen Zeitalter. Nur leider fällt ihre Analyse im letzten Drittel qualitativ sehr stark ab. Ihre Schlussfolgerung in Bezug auf Google ist schlichtweg falsch oder schlecht recherchiert. Inwiefern "kassiert" Google für von Ihnen erstellt Inhalte? Können sie dieses bitte erklären? Ihnen ist zudem offenbar nicht die Möglichkeit bekannt, Google die Darstellung ihrer Artikel in sogenannten Snippets zu untersagen. Diese Möglichkeit besteht schon immer und dazu Bedarf es keiner gesetzlichen Veränderungen. Ebenso ist es verwunderlich, dass ihre Journalisten die Online-Texte Google optimiert schreiben. Warum tun sie dies. Sie fördern damit die von Ihnen beklagte "Sklaverei". Und drittens: warum machen sie ihre Online-Angebote nicht einfach kostenpflichtig?

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Warum wieder nur für iOS ?
    Auch als langjähriger Handelsblatt-Leser verliere ich so langsam die Lust!
    Dass es noch immer keine Apps für Blackberry / Android gibt ist die eine Sache. Wäre die Website ordentlich für mobile Geräte optimiert, wäre das halb so schlimm - das ist sie aber nicht! Alles in ein typisches Handydesign zu quetschen macht aus einer Website noch lange keine gute mobile Website!
    Jetzt lesen zu müssen, dass es eine "neue Generation von Zeitung" gib - nur für iOS - das ärgert mich schon gewaltig!

    Auch wenn die Wahl des Geschäfts-Handys frei steht, so setzen doch die wenigsten meiner Kollegen auf iPhones und das aus recht bedeutenden Gründen nicht.

    In den Genuss der neuesten Handelsblatt-Apps zu kommen führt nun keineswegs dazu, sich das nächste Mal ein iPhone zuzulegen, sondern viel eher dazu, das Handelsblatt fortan in Sachen Online-Medien zu übergehen!

  • Richtig angesetzte Betrachtung, nur leider falsche Schlussfolgerung. Wie schin an anderer Stelle gesagt: "Wenn ich an der Pommesbude jeden Tag die Rot/weiss umsonst bekommen, warum soll ich irgendwann bezahlen?"
    Das Problem der Verlage ist hausgemacht und nicht von Google gebacken. Wer sein produkt nicht weiterentwickelt und neuen Bedürfnissen anpasst, ist irgendwann übrig. Und genau dies passiert einigen Verlagen. Wenn die Wertigkeit nur für den Transport von einem Medium geschaffen wird, kann es ein das der Transportweg irgendwann der Falsche ist und der eigentliche Inhalt/Produkt den markt nicht mehr erreicht.Ich finde es armselig, das die Verlage ihre hausgemachte Krise zur Internetkrise machen. Die Verantwortung für das eigene Nicht-Handeln zu delegieren, die Schuld bei anderen suchen ist einfach.
    Ein Verleger hat einmal in einer Redaktionskonferenz etwas entscheidendes gesagt: "Wir schreiben für den Leser - wenn wir den Leser nicht erreichen haben wir unseren Job nicht verstanden" Schade, dass Verleger verlernt haben, dem Leser zu erreichen.

  • Lieber Herr Chefredakteur,

    Wo ist das Problem? Wenn sie sich darüber ärgern, dass die Artikel des Handelblatts online kostenlos zu lesen sind, dann verlangen sie doch Geld dafür. Es hindert sie ja niemand daran, ihr Angebot kostenpflichtig zu machen. Schon gar nicht Google.

  • Als Abonnent einerseits und Android-Nutzer andererseits fühle ich mich allmählich vom Handelsblatt/Holtzbrinck verschaukelt. Es kann ja sein, dass der Verlag im ersten Überschwang der Gefühle seinerzeit mit Apple irgendwelche Verträge eingegangen ist - aber sind die nicht bereits gerichtlich gestoppt worden, auf EU-Ebene? Sie wollen im Netz mehr Geld verrdienen und dann legen sie pfeilgerade in der falschen Richtung los. "Wirtschaftskompetenz" sieht anders aus, in my humble opinion

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