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Infektionsausbreitung in Deutschland Welche Rolle die Corona-App im Pandemie-Winter spielt – und spielen kann

Die Infektionszahlen steigen und könnten Richtung Weihnachten noch stärker zunehmen. Die Corona-Warn-App hilft trotz geplanter Updates nur bedingt.
23.11.2020 - 10:05 Uhr Kommentieren
Nutzer werden mit einer roten Warnmeldung über eine mögliche Infektion informiert. Quelle: dpa
Corona-Warn-App

Nutzer werden mit einer roten Warnmeldung über eine mögliche Infektion informiert.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Deutschland bereitet sich auf einen langen Pandemie-Winter vor. Erst am Freitag meldete das Robert Koch-Institut mit 23.648 Corona-Infektionen einen neuen Höchstwert. Genau dafür hat die Bundesregierung von der Deutsche Telekom und SAP die Corona-Warn-App entwickeln lassen. Sie soll helfen, Infektionsketten zu durchbrechen. Noch hat die App jedoch mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Auch angekündigte Verbesserungen dürften die kaum lösen. Das zeigt das Beispiel Düsseldorf.

Düsseldorf registriert seit Wochen hohe Infektionszahlen. Und auch die App springt an. Eine Sprecherin der Stadt sagte: „Mit steigenden Zahlen melden sich vermehrt auch Menschen aufgrund einer Warnung der Corona-Warn-App beim Gesundheitsamt.“ Oftmals erinnerten sich Infizierte nicht an jeden Kontakt. Genau an dieser Stelle helfe die App, um schnell zu warnen.

Allein in den ersten zwölf Tagen des Novembers meldeten sich rund 470 Personen mit einer Warnung in der App beim Düsseldorfer Gesundheitsamt. Dann folgt ein Termin in einem der Testzentren.

Hier kommt es jedoch zu einem entscheidenden Problem. Eigentlich ist das System der Corona-Warn-App so ausgelegt, dass jede Person bei einem Test einen QR-Code gezeigt bekommt, den sie mit der App scannen kann. Das Ergebnis kann dann direkt synchronisiert werden. Das soll langsame Wege per Anruf oder sogar per Post ersetzen – bei der Verfolgung von Infektionsketten zählt die Geschwindigkeit.

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    Fehlende QR-Codes bremsen App aus

    Aus Entwicklerkreisen hieß es, das zuständige Labor sei zwar an die digitale Übertragung angeschlossen. „Wenn dann aber den Patienten nicht automatisch die QR-Codes übergeben werden, können wir nicht viel machen“, sagte ein mit der App betrauter Experte.

    Eine Sprecherin der Stadt bestätigte: „Negativ Getestete erhalten die Information per SMS, und positiv Getestete werden telefonisch und schriftlich informiert.“ Getestete erhielten keine QR-Codes. Damit geht der Geschwindigkeitsvorteil bei der Warnung potenziell Infizierter – Kernaufgabe der App – teilweise verloren.

    Fehlt der QR-Code, steigt zudem das Risiko, dass Getestete das Ergebnis der Untersuchung erst gar nicht eintragen. Ohne Code müssen Getestete eine Hotline anrufen, um das Untersuchungsergebnis mit ihrer App zu synchronisieren. Betroffene berichteten in der Ermittlung von größeren Problemen.

    Dieses Problem ist nicht Düsseldorf exklusiv. Zwar sind so gut wie alle deutschen meldepflichtigen Labore in der Lage, Testergebnisse digital an die Corona-Warn-App zu übermitteln. Es sei ihm kein Labor bekannt, das nicht an die App melde, sagt Christian Scholz, IT-Vorstand des Verbands der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM).

    Doch es gebe ein bürokratisches Problem. Macht ein Verdachtsfall bei einem Arzt oder einer Station einen Coronatest, wird gleichzeitig eine Überweisung erstellt. Diese enthält die Kontaktdaten des Getesteten und wird zusammen mit dem Test an das Labor übergeben.

    Auf der Überweisung findet sich auch ein Feld, ob der Getestete einer Übertragung seines Ergebnisses in die Corona-Warn-App zugestimmt hat. Doch das sei oftmals nicht ausgefüllt, weil die Getesteten nicht aufgeklärt oder nicht darauf hingewiesen würden, sagt Scholz: „Daher dürfen aus Gründen des Datenschutzes hier keine Meldungen erfolgen.“

    In Düsseldorf ist gleichzeitig der Faktor Zeit ein großes Problem. Innerhalb von 24 Stunden versucht die Stadt, Personen mit einer Warnung einen Testtermin zu beschaffen. Dann dauert es jedoch mitunter zwei bis fünf Tage, bis das Ergebnis vorliegt.

    Im schlechtesten Fall ist dann rund eine Woche vergangen, bis ein Patient erfährt, dass er sich angesteckt hat. Erst dann kann er auch das Testergebnis per App teilen und warnen. Nur: Viele Corona-Positive sind gerade zu Beginn der Infektion ansteckend.

    Streit um Datenschutz

    Gleichzeitig ist eine Debatte um die Rolle des Datenschutzes entbrannt. Das System ist so ausgelegt, dass keine personenbezogenen Daten gespeichert werden. Die Gesundheitsämter wissen nicht, wie viele Menschen in ihrer Stadt eine App-Warnung erhalten haben. Sie erfahren es nur von Bürgern, die sich bei den Behörden melden.

    Dabei wäre das laut Stefan Groß-Selbeck, Geschäftsführer der Start-up-Schmiede Boston Consulting Group Digital Ventures, grundsätzlich möglich gewesen. Doch im Frühjahr hatte sich die Bundesregierung dazu entschlossen, auf dezentrale Datenverarbeitung zu setzen. „Während der Entscheidungsfindung für die Softwarearchitektur der App wurde nicht ausreichend über die Möglichkeiten diskutiert, die eine zentrale Lösung für die Pandemiebekämpfung hätte“, sagt der Ex-Ebay-Deutschlandchef und -Xing-CEO. Groß-Selbeck hatte als Projektkoordinator an der Einführung der App mitgearbeitet.

    Grafik

    Bei einem zentralen Ansatz hätten die Smartphones ihre Kontaktdaten auf einen gemeinsamen Server übertragen, auf dem abgeglichen worden wäre, ob Nutzer mit einem Infizierten Kontakt hatten. Bei der letztlich gewählten Lösung bekommt die App bislang einmal am Tag eine Liste mit fremden Daten. Der Abgleich wird auf dem jeweiligen Smartphone durchgeführt.

    „Mit einem zentralen App-Ansatz hätte man Gesundheitsämter bei der Verfolgung von Infektionsketten deutlich entlasten können – mit dem dezentralen Ansatz ist das praktisch nicht möglich“, kritisiert Groß-Selbeck. Genauso wenig lassen sich durch eine zentrale Datenauswertung Hotspots identifizieren.

    „Aus Sicht des Datenschutzes ist der dezentrale Ansatz sicherlich die beste Lösung“, erklärt Groß-Selbeck auch in Hinblick auf die Verteilung der Daten auf etliche Millionen Smartphones, was einen großen Hack der Informationen ausschließt. „Aber man hätte auch eine sichere zentrale Datenverarbeitung entwickeln können“

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    Ein weiteres Problem ist, dass Nutzer die Warnmeldung nicht richtig einschätzen können. Die App ist nach Empfehlungen des RKI so ausgelegt, dass sie eine Warnung produzieren soll, wenn ein Smartphone mindestens 15 Minuten in einer Entfernung von maximal 1,5 Metern zu dem Smartphone eines Infizierten gelegen hat.

    Telekom will App weiterentwickeln

    Erhält ein Nutzer später einen roten Warnhinweis in seiner App, weiß er jedoch nicht, wann der Risikokontakt stattgefunden hat. War es vielleicht draußen bei starkem Wind, sodass eine Ansteckung sehr unwahrscheinlich ist? Oder war es im intensiven Gespräch in einem geschlossenen Raum, sodass es ein hohes Risiko für eine Ansteckung gab? Um keine Rückschlüsse auf Infizierte zuzulassen, gibt die App keinen Zeitpunkt für den Risikokontakt an.

    „Die Nennung des Datenschutzes als Hindernis für eine schlagkräftige Infektionsbekämpfung ist eine zu einfache Argumentation und greift zu kurz“, sagt dagegen der Hamburger Datenschützer Johannes Caspar. „Am Ende ist die App abhängig von der sozialen Verantwortung jedes Einzelnen.“ Statt dies zu ändern, solle man besser einmal mehr an die Menschen appellieren.

    Für den Chef der Deutschen Telekom, Timotheus Höttges, ist die Corona-Warn-App ein Symbol für die Stärke seines Unternehmens. Seit Monaten betont er wieder und wieder, wie gut die Leistung seines Hauses sei. „Als die erste Corona-App in die Grütze gefahren wurde, da war die Telekom in der Lage, in kürzester Zeit so ein Thema zu übernehmen“, sagte er kürzlich vor Journalisten.

    „Wir haben in 50 Tagen diese App gebaut“, sagte der Telekom-Vorstandsvorsitzende, „sie ist die erfolgreichste weltweite App.“ Keine App sei so oft genutzt. Dass es vor allem die Entwickler des Softwarehauses SAP waren, die die eigentliche App gebaut hatten, erwähnt derweil Höttges nicht.

    Die App soll bald deutlich mehr können als heute. „Wir entwickeln die Corona-Warn-App weiter. Wir werden jetzt ganz Europa anschließen“, kündigte Höttges an. Das sei aber nur ein Schritt. Es gehe weiter. Mit der Bundesregierung sei der Dax-Konzern im Austausch über neue Funktionen.

    Die geplanten Nachbesserungen im Detail

    Eine Verbesserung liegt auch im Interesse der Regierung in Berlin. Dazu hat sie bis Ende des Jahres drei Überarbeitungen der Anwendung geplant, die Telekom und SAP umsetzen sollen. Erstens soll der Warnprozess vereinfacht werden. Konkret soll die App künftig automatische Erinnerungen an einen Anwender nach dessen Positivtestung schicken können, sofern dieser die eigenen Kontaktpersonen noch nicht gewarnt hat.

    Außerdem sollen die Intervalle für die Benachrichtigung über eine Warnung erheblich reduziert werden. Damit wäre jedoch das Problem mit fehlenden QR-Codes in Städten wie Düsseldorf nicht behoben.

    Zweitens soll die App künftig ein Mini-Dashboard mit Corona-Informationen mit Zahlen und Statistiken zum Infektionsgeschehen erhalten. Drittens will die Bundesregierung die Messgenauigkeit der App verbessern lassen, um die Risikoermittlung deutlich zu erhöhen. Auch dort hat die App noch erhebliche Probleme.

    Forscher des Trinity College in Dublin hatten für eine Studie die Messung per Bluetooth genauer untersucht, auf der die App aufbaut. Sie kommt in vielen Ländern zum Einsatz. Die Gerätehersteller Apple und Google steuern die Schnittstelle.

    Nach der Untersuchung des Trinity College ist die Messung jedoch ungenau (Studie im PDF-Format). In Straßen- und U-Bahnen werde das Signal teilweise reflektiert. Eine zuverlässige Abstandsmessung sei kaum möglich, resümierten die Forscher. Gerade in öffentlichen Verkehrsmitteln sollte die App jedoch ihre Stärke ausspielen, da dort Kontakte besonders schwer nachverfolgt werden können.

    Auch an diesem Schwachpunkt will die Bundesregierung nachbessern lassen. Allerdings ist völlig unklar, wie das funktionieren soll. Apple und Google sind global aufgestellte Großkonzerne. Die Bundesregierung hatte schon vor Monaten bemängelt, es würde die Möglichkeit fehlen, mit den einflussreichen Technologiekonzernen auf Augenhöhe zu verhandeln.

    Mehr: Spahn plant drei weitere Updates für die Corona-Warn-App.

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