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Innovation Wie Finnland zum Hotspot der europäischen Start-up-Szene geworden ist

Finnland hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der heißesten Start-up-Länder in Europa entwickelt. Das gelang vor allem aus zwei Gründen.
21.12.2019 - 10:25 Uhr Kommentieren
Neben dem Papier- und Forstkonzern Stora Enso ist kürzlich der französische Luxuskonzern Chanel beim finnischen Start-up Sulapac eingestiegen. Quelle: Sulapac
Produktpalette von Sulapac

Neben dem Papier- und Forstkonzern Stora Enso ist kürzlich der französische Luxuskonzern Chanel beim finnischen Start-up Sulapac eingestiegen.

Helsinki Vor den Messehallen von Helsinki drängen sich an diesem Donnerstagmorgen mehrere hundert Menschen. Die meisten in der Schlange vor den Eingangstoren schützen sich mit Schals und Mützen gegen den kalten Wind. Es ist „Slush-Time“. Slush – zu Deutsch Matsch – ist eines der weltweit größten Start-up-Events, das seit 2008 stets Ende November in der finnischen Hauptstadt stattfindet.

Der Name ist mit Bedacht gewählt. „Es ist kalt, es ist dunkel, Matsch liegt auf der Straße“. So wenig einladend beschreibt Peter Vesterbacka einen typischen Novembertag in der finnischen Hauptstadt. Slush wurde von Vesterbacka, einem der Gründer des finnischen Angry-Birds-Unternehmens Rovio, mit initiiert.

Und Vesterbacka, obwohl seit einiger Zeit bei Rovio ausgestiegen, ist weiterhin mit von der Partie und hat über sein riesiges Netzwerk das Interesse von immer mehr Start-up-Unternehmen und Investoren an Slush geweckt. Und das ist mittlerweile groß: Auf der diesjährigen Slush präsentierten sich 3500 Start-ups aus aller Welt, rund 2000 Investoren suchten nach dem nächsten Angry Birds oder Spotify.

Um der ungemütlichen Jahreszeit im hohen Norden Europas gerecht zu werden, ist drinnen in der riesigen Halle alles in ein Dunkel getaucht. Schwarze Dekorationen, spärliches Licht, dazu Nebelwerfer, um die Laserstrahlen besser sichtbar zu machen. Und dann hämmern die Bässe aus den voluminösen Boxen auf der großen Bühne los und die Start-up-Show ist eröffnet.

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    Finnland hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der heißesten Start-up-Länder in Europa, vielleicht sogar in der Welt entwickelt. Kamen zur ersten Slush 2008 gerade einmal einige hundert Tech-Nerds, drängten sich in diesem Jahr rund 25.000 Besucher durch die Messehallen.

    Der Erfolg und das große Interesse an der Slush kommt nicht von ungefähr. Nach dem Niedergang des einstigen Handy-Weltmarktführers Nokia waren plötzlich hunderte von IT-Spezialisten arbeitslos. Doch Nokia half den Mitarbeitern bei der Suche nach einem neuen Job und griff über das sogenannte Bridge-Programm den Gründern auch finanziell unter die Arme.

    Noch wichtiger: Da Nokia für Finnland eine enorm große Bedeutung hatte – der Konzern stand zu seinen besten Zeiten für rund vier Prozent des Bruttoinlandprodukts – entschied sich die Regierung in Helsinki zu einem umfassenden Infrastrukturprogramm. Zunächst wurden die Technische Universität, die Handelshochschule und die Hochschule für Design und Kunst zur Aalto-Universität zusammengelegt. Die neugeschaffene Uni in Espoo, unweit von Helsinki entfernt, sollte zur Brutstätte neuer Start-up-Unternehmen werden. Der Plan ist aufgegangen.

    Auf dem Campus im Stadtteil Otaniemi ist der neue Geist nicht zu übersehen: Studenten mit hochroten Köpfen schwirren umher, diskutieren, verhandeln, einige schwitzen über Berechnungen auf ihrem Laptop. „Jedes Jahr werden hier rund 80 Start-ups gegründet“, berichtet stolz Sini Pirinen, Direktorin der Start-up-Sauna.

    Entstanden ist dieses Projekt durch die Initiative von Studenten aller drei fusionierten Hochschulen. Sie wollten einen Ort schaffen, an dem sich Kommilitonen treffen konnten, die ein eigenes Unternehmen gründen wollten. In einem alten Lagerhaus fanden sie die geeigneten Räume, die Uni half bei der Suche.

    Mittlerweile würden sich hier jedes Jahr 20 Gruppen treffen, die während eines fünfwöchigen Aufenthalts in der Start-up-Sauna ihre Ideen mit Hilfe bereits erfolgreicher Unternehmer weiter entwickeln und verfeinern, erklärt Pirinen. Auch ausländische Studenten sind sehr willkommen, sie erhalten sogar ein sogenanntes Start-up-Visum, wenn sie ihr eigenes Unternehmen in Finnland niederlassen.

    Staatliche Unterstützung und Technologie-Offenheit

    Bei Business Finland, der staatlichen finnischen Wirtschaftsförderung, können Unternehmensgründer eine Starthilfe von 50.000 Euro beantragen. „Etwa 400 Unternehmen erhalten pro Jahr diese Unterstützung“, sagt Business-Finland-Chefin Marja Ilmari. Das Geld sei äußerst gut investiert, da die meisten jungen Unternehmen bereits nach kurzer Zeit mehr Steuern als die Starthilfe zahlen, freut sie sich.

    Die großzügige Unterstützung von Firmengründern hat Früchte getragen. Im Raum Helsinki/Espoo haben sich mehr als 1000 High-Tech-Unternehmen niedergelassen, mehr als irgendwo anders in Europa, wie Janne Laine von der Aalto-Universität betont. „Unser Start-up-Zentrum zählt zu den Top 5 auf der Welt“, erklärt der für Innovationen zuständige Direktor der Aalto-Uni.

    Zu den erfolgreichsten Start-up-Unternehmen zählt Sulapac. Das von Suvi Haimi mitgegründete Unternehmen forscht seit Längerem nach Alternativen zu Plastik. „Wir haben jetzt ein absolut mikroplastik-freies Material entwickelt“, erklärt die Biochemikerin.

    Offenbar hat das kleine Unternehmen mit 30 Mitarbeitern einen Nerv getroffen. Denn neben dem finnischen Papier- und Forstkonzern Stora Enso ist kürzlich der französische Luxuskonzern Chanel bei Sulapac eingestiegen. Das finnische Start-up wird für den Kosmetikbereich von Chanel vermutlich schon bald die Verpackung für Cremes entwickeln.

    Dass ein Luxushersteller mit Sulapac zusammenarbeiten will, ist nicht weiter verwunderlich: Die kleinen in Finnland entwickelten Gefäße fühlen sich wie Porzellan oder Glas an und machen einen deutlich wertigeren Eindruck als ein Kunststoffbehälter. Woraus das Material besteht, will Sulapac-Chefin Haimi nicht verraten. Nur soviel: Es ist ein Material aus Holz und natürlichem Klebstoff aus Blättern, das sich binnen dreieinhalb Monaten vollständig auflöst.

    Als erstes völlig mikroplastik-freies Produkt kommt in diesen Wochen ein Strohhalm auf dem Markt. Ein großer Kunde in Deutschland hat das Produkt bereits geordert. Wer es ist, will Haimi noch nicht verraten. Nicht nur sie ist vom Erfolg ihres Unternehmens überzeugt. Auch die EU hat das Unternehmen gefördert.

    „Produzieren wollen wir nicht selber“, betont Firmengründerin Haimi. Vielmehr wolle man Lizenzen an Verpackungshersteller vergeben. Und für die dürfte das interessant sein. Denn die Strohhalme können auf den gleichen Maschinen produziert werden wie die bislang herkömmlichen und demnächst verbotenen Kunststoffhalme.

    Sulapac ist nur eines von vielen Beispielen, das zeigt, wie Start-ups erfolgreich gefördert werden können. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch VTT, ein Forschungsinstitut, das unter der Aufsicht des Wirtschaftsministeriums steht und Wissenschaft und Wirtschaft zusammenbringen soll.

    Ein weiterer wichtiger Baustein ist Tesi, die staatliche Investmentgesellschaft. „Wir investieren immer zusammen mit privaten Venture-Capital-Gesellschaften“, erklärt Jan Sasse, Chef der bereits 1995 gegründeten Gesellschaft. Dabei bleibt Tesi zumeist im Hintergrund. „Wir agieren nie als Hauptinvestor“, sagt Sasse. Tesi, das auch in Sulapac investiert hat, investierte im vergangenen Jahr 121 Millionen Euro in verschiedene Start-ups, insgesamt betrugen die Investitionen Ende 2018 1,2 Milliarden Euro.

    Mit einem Geflecht aus staatlicher Unterstützung, einer neuen Technologien gegenüber offenen Gesellschaft und einer Bündelung und Vernetzung der akademischen mit der wirtschaftlichen Welt ist es Finnland gelungen, zu einem der erfolgreichsten Start-up-Standorte in Europa zu werden. Damit das so bleibt, präsentierte sich mit dealflow.fi auf der Slush eine Plattform, die Investoren und Start-ups zusammenbringt. Mit Künstlicher Intelligenz, versteht sich.

    Mehr: Die neue Führung des Start-up-Verbands hat das Potenzial, Deutschland zu einer Gründerrepublik zu machen. Die Prominenz in der Spitze gibt der Lobbyarbeit ein großes Gewicht. Larissa Holzki kommentiert.

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