Internet Blut, Schweiß und Videos

Videos sind die neue Hoffnung im Internet, Marktforscher sagen ein atemberaubendes Wachstum voraus. Medien wie Werbeindustrie wollen vom Trend profitieren - doch nicht jedes Video ist im Netz erfolgreich.

DÜSSELDORF. „Ich hab ja schon einigermaßen Fantasie – aber dat geht mir nich in den Sinn“, sagt der graumelierte Herr mit der großformatigen Brille im kantigen Akzent des Ruhrgebiets und schüttelt den Kopf. Vor ihm liegt ein Pappschild mit dem neuen Ruhrgebiets-Werbeslogan „Ruhr n“, wobei dieses n mathematisch hochgestellt ist. „Und dat soll toll sein, oder wat?“, pflichtet ihm eine Dame bei.

Straßenumfrage – TV-Journalisten-Alltag. Nur dass hier kein Team des WDR durch die Fußgängerzone zieht, sondern eines von „Der Westen“, dem Internet-Angebot der WAZ-Gruppe. Schon jetzt sind dort reichlich Filmchen – im TV-Jargon steif „Bewegtbilder“ genannt – zu finden: mal ein Interview mit dem Trainer des MSV Duisburg, dann ein Portrait eines sauerländischen Malers und leidlich lustige Comedy, sogar Motorrad-Reparatur-Tipps gibt es.

Ein Erfolg? „Wir machen die gleiche Erfahrung wie auch andere Regionalverlage“, sagt Katharina Borchert, Chefredakteurin des „Westens“: „Die Abrufzahlen sind gut, aber nicht so gut, wie wir uns das wünschen.“ Details gibt es nicht. Aber wohl bald eine prominentere Platzierung: „Wir müssen die Leute mehr auf unsere Videos aufmerksam machen.“

Demnächst werden auf der Webseite auch Beiträge aus dem Reiche des WDR auftauchen. Allerdings technisch anders aufbereitet: „Es wird ein Fenster aufgehen“, umschreibt WDR-Intendantin Monika Piel das, was andere einen externen Player nennen. So will der Sender verhindern, dass neben seinen Filmchen Werbung platziert wird und der Verdacht aufkommt, gebührenfinanzierter Journalismus eines öffentlich-rechtlichen Senders werde von der WAZ zu Geld gemacht.

Videos – sie sind die neue Hoffnung im Internet. Die Marktforscher sagen ihnen atemberaubendes Wachstum voraus: Über die Hälfte der US-Bevölkerung soll in diesem Jahr Web-Filme gucken, behauptet der Branchendienst E-Marketer. Und der Umsatz mit Online-Werbung in den USA soll von derzeit 775 Mill. Dollar bis 2011 auf 4,3 Mrd. Dollar steigen.

Der deutsche Markt ist deutlich kleiner – wächst aber schneller. Vom ersten zum zweiten Halbjahr 2007 verdreifachte sich der Umsatz mit Videowerbung auf 3,9 Mill. Euro. Was die Werber euphorisiert: Während die klassischen Banner nur noch von 0,1 bis 0,2 Prozent der Nutzer überhaupt angeklickt werden, kommt Werbung in Videos auf 0,4 bis 0,74 Prozent, sagt der Werbevermarkter Doubleclick.

Doch die Produktion solcher Beiträge ist ein hartes Geschäft. Zwar sieht es einfach aus, mit einer kleinen Kamera bewaffnet loszuziehen. „Der Aufwand ist deutlich geringer als bei einem TV-Beitrag“, sagt Daniel Fiene, einer der Macher des Podcasts „Was mit Medien“: „Aber für unsere fünfminütigen Tageszusammenfassungen vom Medienforum NRW haben sechs Leute zwölf Stunden gearbeitet.“

Ähnliche Erfahrungen macht Mario Sixtus. Der freie Journalist produziert für das Handelsblatt die Grimme-Preis-gekrönte Video-Reihe „Der elektrische Reporter“: „Der Aufwand ist größer, als man denkt.“ Vor allem die Untertitelung englischsprachiger Interviews koste Zeit. „Für ein Video gehen mehrere Tage drauf“, sagt der Düsseldorfer.

Auf der anderen Seite sollte die werbetreibende Industrie den möglichen Erfolg von Internet-Videos nicht überschätzen. Die Abrufzahlen sind weitaus geringer als die Einschaltquoten des klassischen Fernsehens. Der Branchendienst „Viral Manager“ ermittelte kürzlich, dass nur drei Prozent aller Videos auf Youtube mehr als 25 000 Zugriffe haben. 70 Prozent aller Filme werden nur magere 20 Mal angeschaut – oder noch seltener. Im Gegenzug aber sind die Zuschauer der Web-Videos tatsächlich an den Filmen interessiert, während TV-Zuschauer ihren Bildschirm häufig nur als Hintergrundberieselung einsetzen.

Und es zeigt sich: Große Namen zählen im Netz nicht viel. So sind die Youtube-Unterseiten großer Medienmarken wie „Stern“ oder „Brigitte“ nur von begrenztem Erfolg gekennzeichnet: Kaum ein Video erreicht eine fünfstellige Zuschauerzahl. Zum Vergleich: Der 18-jährige Hobbymusiker Nico aus Pforzheim filmte sich am Klavier, während er sein selbst geschriebenes Lied „Nimm dir Zeit“ sang. Abrufzahl: 180 000.

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