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Eric Xu

„Wir dürfen uns nicht an die Illusion klammern, dass der Konflikt in den nächsten Wochen oder Monaten beigelegt wird.“

(Foto: Frank Beer für Handelsblatt)

Interview Huawei-Chairman wirbt für europäisches Ökosystem als Konkurrenz zu Google und Apple

Eric Xu fordert Europa auf, sich von US-Firmen unabhängig zu machen. Er sieht sich zu Unrecht unter Spionageverdacht – und spricht über die Chancen von 5G.
1 Kommentar

Düsseldorf Der chinesische Technologiekonzern Huawei bereitet sich auf einen langen Konflikt mit der US-Administration vor. „Wir dürfen uns nicht an die Illusion klammern, dass der Konflikt in den nächsten Wochen oder Monaten beigelegt wird“, sagte Huawei-Chairman Eric Xu im Interview mit dem Handelsblatt. „Wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass wir noch lange mit dem US-Druck leben müssen.“

US-Präsident Donald Trump hatte im Mai den nationalen Notstand in der Telekommunikation ausgerufen und US-Firmen nach einer Übergangszeit die Zusammenarbeit mit Huawei verboten. Xu sagte, sein Unternehmen habe deshalb seine Lieferketten umgestellt. „Wir können in der Produktion vollständig ohne Komponenten von US-Unternehmen auskommen“, sagte Xu. „Wir sind heute schon autark genug. Wenn es anders wäre, wären wir schon bankrottgegangen.“

Als Alternative zu US-Plattformen von Apple oder Google empfahl Xu eine europäische Lösung. „Wenn Europa sein eigenes Ökosystem für smarte Endgeräte hätte, würde Huawei es benutzen“, sagte Xu. Die Pläne diskutiere Huawei mit europäischen Firmen. „Ich gehe davon aus, dass wir die Details bis zum Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres geklärt haben werden“, sagte Xu.

Nachfragen zu den seit Wochen stattfinden Protesten in Hongkong, nur wenige Kilometer von der Huawei-Zentrale entfernt, lehnte Xu ab.

In zwei Wochen wird Huawei sein nächstes Spitzen-Smartphone Mate 30 vorstellen. Aufgrund der Blockade der USA dürfte das Gerät vermutlich ohne vorinstallierte Google-Apps erscheinen, was die Verkaufschancen einschränken würde.

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Eric Xu:

Herr Xu, US-Präsident Donald Trump bezeichnet Huawei als Gefahr für die US-Sicherheit. Kein Unternehmen der Welt wird von Trump so unter Druck gesetzt wie Ihres. Haben Sie Angst?
Nein, kein bisschen.

Wie können Sie so entspannt sein?
Weil wir schon immer wussten, dass es früher oder später zu einem Schlagabtausch mit den USA kommen würde. Wir sind vorbereitet. Die USA haben uns auf eine schwarze Liste gesetzt und wollen unseren US-Partnern verbieten, mit uns zusammenzuarbeiten. Das ist nicht fair, aber wir können das aushalten. 

Wann wird es eine Lösung für den Konflikt geben?
Das weiß niemand. Wir dürfen uns nicht an die Illusion klammern, dass der Konflikt in den nächsten Wochen oder Monaten beigelegt wird. Damit würden wir das Überleben von Huawei aufs Spiel setzen. Wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass wir noch lange mit dem US-Druck leben müssen. Wir werden nicht nur lange unter diesem Druck überleben, sondern uns auch gut weiterentwickeln können.

Die USA haben eine Übergangsfrist bis Dezember eingeräumt. Ab dann sollen keine US-Firmen mehr mit Huawei kooperieren dürfen. Was passiert dann?
Nichts. Wir sind nicht von den Übergangsfristen der US-Regierung abhängig. Wir sind heute schon autark genug. Wenn es anders wäre, wären wir schon bankrottgegangen.

Sie sind also nicht mehr auf externe Zulieferer aus Amerika angewiesen?
So ist es. Wir können in der Produktion vollständig ohne Komponenten von US-Unternehmen auskommen. Wir verwenden stattdessen Bauteile von Firmen aus anderen Teilen der Welt.

Für Endgeräte gibt es vor allem Systeme von zwei US-Firmen: Google und Apple. Anbieter wie Nokia, Microsoft oder Samsung sind mit ihren Versuchen gescheitert, eigene Systeme aufzubauen. Bislang setzt Huawei auf Google, hat aber das eigene System Harmony OS angekündigt. Was macht Sie sicher, dass Ihr System erfolgreich sein wird?
Zur Unternehmenskultur von Huawei zählt, dass wir uns immer ambitionierte Ziele setzen und mit Optimismus in die Zukunft blicken. 

Das macht doch jedes Unternehmen.
Zudem haben wir einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil, den weder Nokia, Microsoft noch Samsung hatten: In China haben wir ein Smarte-Endgeräte-Geschäft mit einem Volumen von 60 Milliarden US-Dollar. Und dort haben wir bereits erfolgreich unser eigenes Ökosystem aufgebaut. Nun müssen wir ein Ökosystem im Ausland aufbauen.

Aber genau dieser nächste Schritt könnte schwer werden. Wenn die USA ihre Drohung wahrmachen, dürften keine beliebten US-Programme wie Whatsapp, Facebook oder Youtube auf Geräten mit dem Huawei-System installiert werden. Wäre das nicht das Ende für die globale Expansion?
Niemand sagt, dass ein Ökosystem für Endkunden in Europa zwangsläufig nur von Huawei kommen muss. Die EU-Staaten sprechen seit Jahren von digitaler Souveränität. Warum bauen sie dann nicht ein eigenes Ökosystem für smarte Endgeräte auf? Wenn Europa sein eigenes Ökosystem für smarte Endgeräte hätte, würde Huawei es benutzen. Das Ökosystem sollte auch für US-Applikationen offen sein. Die Open-Source-Systeme Android OS und Harmony OS wären auch Teil des Ökosystems. Damit wäre das Problem der europäischen digitalen Souveränität gelöst.

Sie wollen den Aufbau eines europäischen Ökosystems für smarte Endgeräte fördern?
Das von Europa aufgebaute Ökosystem könnte auch US-Anwendungen einbeziehen und weltweit eine Rolle spielen. Es könnte Android OS und Harmony OS benutzen, die beide Open-Source sind.

Mit welchen Firmen in Europa haben Sie schon über diesen Plan diskutiert?
Mit einigen. Aber deren Namen kann ich leider nicht verraten.

Wie weit sind Sie mit den Plänen für ein europäisches Ökosystem für Endgeräte?
Auch dazu kann ich noch nicht viel sagen. Für uns hat es eine hohe Priorität, europäische Firmen beim Aufbau eines eigenen Ökosystems zu unterstützen. Wir sind bereit, langfristig zu investieren.

Wann soll das europäische Ökosystem starten?
Ich gehe davon aus, dass wir die Details bis zum Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres geklärt haben werden.

Ist der Streit um Huawei ein Symbol für ein technologisches Wettrennen zwischen den USA und China?
Ich kenne mich mit Politik nicht gut aus. Alle großen Firmen der Welt unterstützen globale Kooperationen. Huawei wollte niemals in einen politischen Konflikt reingezogen werden. Aber das ist uns nicht gelungen. Wir stehen im Zentrum des Konfliktes zwischen den USA und China.

Was heißt das konkret?
Wir haben die chinesische Seite aufgefordert, dass der Streit um Huawei nicht Teil der Verhandlungen um ein Handelsabkommen mit den USA werden soll. Wir möchten nicht, dass unser Unternehmen Bestandteil von einem Handelsabkommen wird. Wir sind nicht von dem US-Markt abhängig. Wenn wir ausgeschlossen werden, gefährdet das nicht die Zukunft von Huawei.

Populismus, Strafzölle und ein globaler Handelsstreit: Steht die Zukunft der Globalisierung auf dem Spiel?
Ja, das kann man sagen. Wir erleben derzeit Widerstände gegen global vernetzte Märkte. Wir haben eine lange Phase einer stärkeren globalen Integration erlebt. Jetzt gibt es mit Populismus und Nationalismus gegenläufige Trends. Sobald wir diese Herausforderungen überwunden haben, werden wir eine neue Phase verstärkter Globalisierung erleben.

Huawei versucht sich von US-Firmen unabhängig zu machen, andere chinesische Firmen folgen. Die Gefahr ist groß, dass sich die Digitalwirtschaft in zwei große Lager aufspaltet. Teilen Sie die Sorge? 
Es wird Technologien geben, bei denen wir eine Zweiteilung erleben. Aber diese Entflechtung wollen wir nicht sehen. Ganz im Gegenteil möchten wir das Aufkommen von Lagern verhindern. Bei der dritten Mobilfunkgeneration 3G hatten wir drei unterschiedliche Standards: einen in den USA, einen in Europa und einen in China. Das hat die Einführung der Technik behindert. Das sollten wir künftig vermeiden.

Huawei gilt als Technologieführer beim Echtzeitmobilfunk 5G. Viele deutsche Firmen wollen die Technik einsetzen, haben aber Sorgen vor Spionage und Sabotage. Können Sie garantieren, dass Huawei-Technik sicher ist?
Das hängt davon ab, wie Sie auf das Thema schauen. Sie müssen sich über eine Tatsache klar sein: Europäische Netzbetreiber bauen, betreiben und steuern ihre 5G-Netze selbst. Sobald das Netz steht, liegt die Verantwortung für die Sicherheit bei den Betreibern und nicht bei uns als dem Ausrüster. Lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen: Sind Autos sicher? Die Verantwortung dafür liegt nicht nur bei den Herstellern. Fahrer, Straßen, die Umwelt und die Verkehrsaufsicht haben auch einen Einfluss. Das ist bei der Sicherheit von 5G genauso.

Eine Sorge bezieht sich konkret auf chinesische Ausrüster. Gibt es Hintertüren in den Geräten von Huawei?
Unser Gründer hat mehrfach betont, dass es keine Hintertüren in unserer Ausrüstung gibt. In Großbritannien wird seit vielen Jahren der Quellcode unserer Produkte untersucht und niemals wurden irgendwelche Belege für Hintertüren gefunden. In Deutschland prüft das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik unsere Geräte. Rund 96.000 Mitarbeiter von Huawei halten Anteile am Unternehmen. Wir würden niemals etwas unternehmen, was den Wohlstand unserer Angestellten in Gefahr bringt.

Huawei ist eine chinesische Firma und Peking räumt Sicherheitsbehörden weitreichende Rechte ein. Könnte sich Huawei notfalls gegen den chinesischen Staat stellen?
Diese Frage habe wir hunderte Male beantwortet.

Dennoch sind die Sorgen geblieben – auch in Deutschland. Wie lautet Ihre Antwort?
Ich habe diese Frage sehr oft beantwortet. Ich sehe keine Notwendigkeit, mich zu wiederholen. Könnten chinesische Journalisten auch Volkswagen, Mercedes-Benz oder BMW ähnlich kritische Fragen stellen, wie westliche Journalisten uns beim Thema 5G? Chinesische Journalisten könnten auch fragen, ob die deutsche Regierung oder die EU die Autobauer zwingt, Hintertüren einzubauen.

Natürlich dürften chinesische Journalisten diese Frage stellen. Das ist Meinungsfreiheit. Für Huawei gäbe es eine Lösung. Sie könnten ihre Firmenzentrale nach Europa verlagern.
Sicherheitsbeamte sind grundsätzlich misstrauisch, selbst wenn unsere Firmenzentrale in Europa wäre. Das liegt daran, dass wir Chinesen sind. Wenn ein Umzug unsere Probleme lösen würde, wäre es einfach für uns. Unsere Entwickler arbeiten in China. Die Sicherheitsbehörden müssen von Amts wegen misstrauisch sein, egal wie hart wir daran arbeiten, sie zu überzeugen.

5G bietet für viele Industriefirmen in Deutschland Chancen auf neue Geschäftsmodelle. Mit Nokia und Ericsson gibt es zwei EU-Firmen, die 5G anbieten. Die Firmen sagen, sie seien verlässlicher als Huawei, etwa weil ihre Hauptquartiere gerade nicht in China liegen und sie nicht zu Spionage durch Peking gezwungen werden können. Was sagen Sie dazu?
Ich halte dieses Lobbying für unangemessen. Es ist klar, dass einzelne Vertriebsmitarbeiter von Ericsson und Nokia solche Argumente als Teil ihrer Marketing-Taktik anführen. Aber es hat wenig Gewicht. Lassen Sie mich Ihnen eine Zahl geben: Ericsson und Nokia haben in China dreimal so viele 4G-Basisstationen ausgerüstet wie Huawei in Europa.

Chinesische Wettbewerbsbehörden haben in diesem Jahr ein Verfahren gegen Ericsson eingeleitet. Ist der Markt wirklich offen?
Ich habe noch nie von dem Verfahren gehört. China hat schon immer Ericsson und Nokia willkommen geheißen. Ericsson hat kürzlich erst einen Kernnetz-Auftrag des Netzbetreibers China Mobile gewonnen. Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass nicht einzelne Huawei-Vertriebsmitarbeiter unseren Kunden in China sagen, sie sollten mehr von uns kaufen, weil wir ein heimisches Unternehmen sind. Aber als Manager glaube ich daran, dass faire Bedingungen für alle und wettbewerbsfähige Produkte die Schlüssel zum Erfolg sind.

In einem Interview mit dem Handelsblatt hatte Huawei-Gründer Ren Zhengfei Deutschland ein No-Spy-Abkommen angeboten. Wie waren die Reaktionen aus Berlin?
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat einen weisen Ansatz gewählt. Sie hat angewiesen, dass es hohe Sicherheitsstandards für alle Netzwerkausrüster geben soll. Alle Firmen sollen verpflichtet werden, Sicherheitsgarantien abzugeben. Die Details des Sicherheitskataloges werden derzeit ausgearbeitet. Huawei wird sich natürlich daran halten. Mit Sicherheitsstandards lassen sich vorhandene Risiken rational kontrollieren und minimieren. Sonst wäre es für Deutschland auch schwer geworden, uns später zurückzuholen, wenn sie uns einmal ausgeschlossen hätten.

Seit den Vorwürfen durch US-Präsident Donald Trump ist Huawei eines der bekanntesten Unternehmen der Welt. Ist das gut oder schlecht?
Natürlich gibt es Vorteile. Wir müssen weniger für Werbung ausgeben, damit alle potenziellen Kunden unseren Namen kennen. Aber gleichzeitig sind wir heute auf der Agenda von vielen Regierungen auf der Welt. Diese Aufmerksamkeit ist nicht gut.

Merken Sie, dass sich das Wirtschaftswachstum in Europa verlangsamt?
Ja, das merken wir.

In Deutschland könnte es eine Rezession geben. Sind Sie um Ihre Investitionen besorgt?
Nein. Der IKT-Industrie geht es gut.

Herr Xu, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr: 5G ist die Zukunft des Mobilfunks, auch in Deutschland. Die nötigen Smartphones dafür könnten vor allem von chinesischen Tech-Konzernen kommen.

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1 Kommentar zu "Interview: Huawei-Chairman wirbt für europäisches Ökosystem als Konkurrenz zu Google und Apple"

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  • Wir sollten uns von der USA & China unabhängig machen und ein echtes Ökosystem aufbauen. Auf die Leimspur aus China sollten wir nicht hereinfallen.

    Es ist auch fast Alles vorhanden. Nicht der HW Liefernat ist entscheidend sondern wo die HW steht wer darauf Zugriff hat. Europäische Daten bleiben in Europa muss dieForderung sein und wer sich beteiligen will muss EU Recht zu 100% erfüllen.

    Das können werder Chinesische noch US Dienstleister weil sie ihrem jeweiligen Recht unterliegen und zu weltweiter Kooperation mit ihren Diensten verpflichtet sind.

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