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Investor im Interview René Obermann: „Die Grundidee einer europäischen Cloud-Initiative wird konterkariert“

Der Ex-Telekom-Chef kritisiert die Öffnung des Cloud-Projekts Gaia X für US-Konzerne. Als Partner und Investor bei Warburg Pincus interessieren ihn aktuell Software- und Online-Firmen, die schnell skalieren. 
22.02.2021 - 12:07 Uhr Kommentieren
Der 57-Jährige ist Co-Europachef von Warburg Pincus und leitet den Verwaltungsrat von Airbus. Quelle: Bloomberg via Getty Images
René Obermann

Der 57-Jährige ist Co-Europachef von Warburg Pincus und leitet den Verwaltungsrat von Airbus.

(Foto: Bloomberg via Getty Images)

Berlin In den allgemeinen Jubel über die Digitalisierungsfortschritte durch die Coronakrise stimmt René Obermann nicht ein. Zwar habe die Nutzung digitaler Technologien zugenommen, sagt der ehemalige Vorstandschef der Deutschen Telekom im Handelsblatt-Interview. Aber weil in den USA und Asien immer noch deutlich mehr in Schlüsseltechnologien investiert werde, wachse der Rückstand Europas auf diese Regionen, erklärt Obermann.

Damit Europa aufholen könne, seien digitale Infrastrukturen zentral. „Wir brauchen zum Beispiel dringend weitere Verbesserungen bei den Datennetzen, wir müssen bei Quantencomputing oder Cybersecurity zulegen und vor allem sehr schnell bei der europäischen Cloud“, sagt Obermann, der seit vergangenem Jahr den Verwaltungsrat von Airbus leitet.

Ärgerlich macht ihn, dass das Projekt Gaia X früh etwa für US-Konzerne geöffnet wurde: „Die Grundidee einer europäischen Cloud-Initiative wird damit konterkariert.“ Die Initiative werde durch eine große Teilnehmerzahl und komplexe Governance verlangsamt.

Die Telekommunikationsbranche beobachtet Obermann weiterhin – inzwischen mit besonderem Interesse an Abspaltungen, die für das Private-Equity-Unternehmen Warburg Pincus interessant sind. Dort ist er seit 2015 Co-Europachef.

2021 könnte ein Jahr mit vielen teuren Deals werden. Der Anlagedruck insgesamt sei groß, sagt Obermann. Es sei viel Kapital übrig, „das eigentlich schon 2020 investiert werden sollte“.

Lesen Sie hier das komplette Interview

Herr Obermann, vor ziemlich genau einem Jahr haben Sie vor einer Verzwergung Europas im digitalen Bereich gewarnt. Nach Ansicht vieler Fachleute hat Corona der Digitalisierung seither hierzulande eine gewisse neue Schubkraft und zumindest etwas mehr Geschwindigkeit verliehen. Wie sehen Sie das?
Ob wir entscheidend vorangekommen sind, wird sich noch zeigen. Die Nutzung digitaler Kommunikation hat jedenfalls zugenommen und die virtuelle Zusammenarbeit ist mithilfe neuer Technologien intensiver geworden. Hat Europa deshalb gegenüber USA und China aufgeholt? Dazu bräuchten wir in der Breite bessere digitale Infrastrukturen.

Haben Sie entsprechende Hoffnung?
Es gibt bei neuen Anwendungen und deren Nutzung den gerade beschriebenen Schub. Bei digitalen Infrastrukturen liegen wir in Europa weiter deutlich zurück. Immerhin hat die Pandemie wie unter einem Brennglas die Bedeutung nochmals hervorgehoben. Wir brauchen zum Beispiel dringend weitere Verbesserungen bei den Datennetzen, wir müssen bei Quantencomputing oder Cybersecurity zulegen und vor allem sehr schnell bei der europäischen Cloud. Nur mithilfe solcher Technologien „made in EU“ können wir ein Abhängen Europas verhindern.

Sie betonen die Cloud besonders?
Das Beispiel Amazon Web Services zeigt, dass diese digitalen Riesen Gravitationseffekte erzielen. So denken Gründer kaum über europäische Alternativen für ihre Cloud-basierten Entwicklungs- und Betriebsplattformen nach. Ein Großteil der digitalen Entwicklung findet in der Cloud dieses US-Konzerns statt.

Wie beurteilen Sie die europäische Initiative Gaia X?
Dieses Projekt muss zügig in die Umsetzung kommen. Die Initiative scheint mir allerdings mit Blick auf die Teilnehmerzahl und die Governance sehr komplex und damit womöglich zu langsam.

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Demnach beurteilen Sie die politisch heiß diskutierte Öffnung für nichteuropäische Firmen als Fehler?
Die Grundidee einer europäischen Cloud-Initiative wird damit konterkariert. Ich hätte zunächst mit den europäischen Partnern die ethischen und technischen Grundsätze definiert und gegebenenfalls später dann Firmen außerhalb Europas zur Teilnahme eingeladen. Wir sollten uns erstmal auf unsere Standards einigen und die dann selbstbewusst vertreten, um alte Fehler zu kompensieren.

Alte Fehler?
Ich möchte an die Fragmentierung des digitalen Binnenmarktes erinnern oder die langjährigen regulatorischen Fehlanreize beim Aufbau digitaler Netzinfrastrukturen. Dazu kommt die mangelnde Innovationskultur im öffentlichen Sektor – und das alles begleitet von „German Angst“, zum Beispiel vor Cloud oder neuen Funknetzen, der Digitalisierung des Gesundheitswesens, dem Einsatz der Gentechnologie oder vor Künstlicher Intelligenz. Das Feld ist breit, und wir machen in Europa auch Fortschritte. Aber wir müssen an vielen Stellen deutlich schneller und pragmatischer werden.

„Ein Großteil der digitalen Entwicklung findet in der Cloud von Amazon statt.“ Quelle: dapd
Serverraum

„Ein Großteil der digitalen Entwicklung findet in der Cloud von Amazon statt.“

(Foto: dapd)

Ihre Analyse klingt ernüchternd. Was spricht denn überhaupt für Europa?
Wir haben eine ganze Menge Vorzüge: tolle Vielfalt, Freiheit, gute Lebensbedingungen und mehr Menschen, die in der Informations- und Kommunikationstechnologie arbeiten, als in den USA. Was uns lange gefehlt hat, sind das entschlossene Zupacken und der gesellschaftliche Stellenwert des Unternehmertums. Das ändert sich aber jetzt.

Immerhin haben die Investitionen in die von Ihnen genannten Technologien europaweit zuletzt stark zugenommen.
Das stimmt. Wahr ist aber auch: In Nordamerika und in Asien wurde noch mehr investiert, zum Beispiel in Künstliche Intelligenz. Und das bedeutet: Das Niveau in Europa ist besser geworden, aber der Rückstand auf die angesprochenen Regionen wird gleichwohl noch nicht kleiner. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang vor allem, wo die zukünftige Wertschöpfung liegt und ob wir dabei sind.

Und?
Wir müssen in Europa die Innovationswelle noch deutlich verstärken. Mit mutigen Investitionen, mit Highspeed-Netzen, leistungsstarken Cloud-Kapazitäten, mit der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung, des Bildungs- oder des Gesundheitssektors. Schauen Sie auf Celonis, N26, Biontech und Curevac, Firmen aus Deutschland, die zeigen, was hierzulande möglich ist.

Die Impfstoffe der beiden Unternehmen, auf die Sie anspielen, werden vielen Menschen sicher helfen. Aber die steigende Wahrnehmung von Künstlicher Intelligenz und Automatisierung erzeugt bei vielen Menschen auch Angst vor Job- oder Bedeutungsverlust. Was ist dagegen zu tun?
Da gibt es nur ein Rezept: Fortbildung bis ins Alter. Wir brauchen einen neuen Pakt zwischen Politik, Unternehmen und Gesellschaft. Die Politik muss den Rahmen setzen, damit niemand alleingelassen wird und jeder Mensch am digitalen Leben und Arbeiten teilnehmen kann. Fortbildung von Mitarbeitenden ist die dringend notwendige Investition in die Zukunft der Unternehmen.

„Firmen aus Deutschland, die zeigen, was hierzulande möglich ist.“ Quelle: dpa
Impfstoff-Forschung bei Biontech

„Firmen aus Deutschland, die zeigen, was hierzulande möglich ist.“

(Foto: dpa)

Das klingt für einen renditeorientierten Finanzinvestor fast schon ein wenig sozialromantisch. Es gab Zeiten, da wurden Private-Equity-Gesellschaften als Heuschrecken beschimpft. Konnten Sie das – damals noch als Außenstehender - nachvollziehen?
Das hat, wie ich erfahren habe, die Firma damals sehr berührt, obwohl die Warburg Pincus Funds gar nicht gemeint waren.

Berührt Sie das heute noch? Und wie lautet Ihre Argumentationslinie gegenüber entsprechenden Kritikern?
Ethisches Verhalten ist bei Warburg Pincus keine bloße Parole. Unser Prinzip ist, dass wir jede Firma, an der sich Warburg Pincus Funds beteiligen, besser machen wollen. Und dazu gehört auch, sie nicht über ein für Wachstumsfirmen vertretbares Maß hinaus zu verschulden. Im Übrigen: Warburg Pincus ist auf Wachstum konzentriert und kein Restrukturierungsspezialist.

Die muss es doch aber auch geben?
Absolut, deshalb ist das bitte auch nicht als Verurteilung oder moralische Wertung zu verstehen. Es muss im Sinne der wettbewerblichen Existenzfähigkeit natürlich Restrukturierungen geben.

„Abspaltungen sind eine Konsequenz der Innovationsgeschwindigkeit“

Analysten und Investoren haben 2021 vielstimmig zum Jahr der Megadeals ausgerufen. Wie sehen Sie die Marktlage für Finanzinvestoren?
Die bisher veröffentlichten Investitionssummen für 2020 in Europa durch Private Equity und Venture Funds sind um 16 Prozent zurückgegangen, dagegen ist das verfügbare Investitionskapital in den letzten Jahren auf mehrere Hundert Milliarden Euro angestiegen. Gleichzeitig haben die Bewertungs-Multiples der börsennotierten Firmen im breiten S&P BMI Index in Europa um circa ein Viertel zugenommen.

Das heißt: Es ist einerseits viel Kapital übrig, das eigentlich schon 2020 investiert werden sollte. Andererseits sind die Unternehmensbewertungen zum Teil sehr hoch – beide Entwicklungen sind eine Folge des billigen Kapitals. Im Ergebnis wird es 2021 wahrscheinlich mehr Deals geben als im vergangenen Jahr, weil der Anlagedruck groß ist.

Was halten Sie als ehemaliger Konzernchef vom Trend zur Konzentration auf das Kerngeschäft? Es gibt Börsengänge wie Siemens Energy und mögliche Buy-outs wie Siemens Intelligent Traffic Solutions.
Die technologische Innovationsdynamik ist mittlerweile derart hoch, dass sehr breit aufgestellte Konzerne häufig nicht mithalten können, wenn sie zentral und integriert geführt werden. Spezialisierungen, Auf- und Abspaltungen sind eine Konsequenz dieser Innovationsgeschwindigkeit.

Gegen die Abspaltungen spricht die alte Management-Lehre von der Diversifizierung und Risikostreuung: Geht es einer Sparte schlecht, kann das womöglich in einem anderen Bereich ausgeglichen werden. Ist das nicht gerade in der Krise wichtig?
Die Logik, auf mehr Beinen sicherer zu stehen, funktioniert leider häufig nicht. In welchen Teilen sind denn Konzerne mit einem breiten Portfolio wirklich erfolgreich? Als Grundsatz gilt für mich, dass man in jedem Bereich des Portfolios messbar der richtige Eigentümer sein muss.

Woran erkennt man, dass das nicht mehr der Fall ist?
Letztlich doch am Markterfolg und an risikoadäquaten Renditen. Die Frage ist, ob man die richtige Kapitalstruktur, das erforderliche Fachwissen und Führungskompetenz für jedes Geschäftsfeld hat. Meine Hauptkritik an zu breiten Konzernstrukturen ist, dass das Niveau, die Qualität der Diskussion zu konkreten unternehmerischen Fragen, zum Beispiel auf Aufsichtsratsebene, mitunter abenteuerlich abstrakt sein kann.

Wenn Firmenteile abgespalten werden, ist oft auch Warburg Pincus ein potenzieller Käufer. Welche Firmen interessieren Sie besonders?
Warburg Pincus hat viel Erfahrung bei der Unterstützung von Firmenabspaltungen, sogenannten Carve-outs. Erfolgreiche Beispiele in Deutschland sind der in Europa führende Webhosting-Anbieter Ionos oder der Zahlungsdienstleister Easycash. International gibt es zahlreiche gelungene Partnerschaften mit Unternehmen wie Citigroup, Santander oder Emirates Airlines. Interessant sind für uns Carve-outs, die durch Fokussierung und erhöhte Investitionen mehr Wachstum versprechen.

Welche Chancen sehen Sie für Warburg Pincus in den kommenden Monaten?
Wir sehen uns aktuell unter anderem nach Software- und Online-Firmen um, die große Marktpotenziale adressieren und schnell skalieren wie zum Beispiel Infoniqa im Bereich Personal-Management oder McMakler mit einem innovativen digitalen Geschäftsmodell für die Immobilienvermittlung.

Wir interessieren uns auch für kleinere, technologiestarke Firmeneinheiten, die in großen Konzernstrukturen eher vernachlässigt werden. Im Bereich Telekommunikation hat Warburg Pincus in den letzten Jahren viele große Investments getätigt, zum Beispiel im Bereich Glasfaser oder Satellitenkommunikation. Hier sehen wir noch erhebliche Chancen.
Herr Obermann, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Deals in Amerika: US-Unternehmen stehen im Fokus deutscher Vorstände.

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