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Jonathan Anguelov Wie die Gründer von Aircall die Telefonie revolutionieren wollen

Skype und WhatsApp haben die Telefonie in den Hintergrund gedrängt. Das Start-up Aircall will sie dennoch weiterentwickeln – unterstützt von der Deutschen Telekom.
26.05.2020 - 21:48 Uhr Kommentieren
Der Gründer hat sich die Weiterentwicklung der Telefonie vorgenommen. Quelle: Getty Images
Jonathan Anguelov

Der Gründer hat sich die Weiterentwicklung der Telefonie vorgenommen.

(Foto: Getty Images)

Paris, Düsseldorf Smartphones sind technische Wunderwerke, die wir für alle denkbaren Zwecke in Arbeit und Freizeit nutzen. Nur offenbar kaum noch zum Telefonieren. Anders ist es nicht zu verstehen, dass die Sprachqualität immer noch grottenschlecht ist. Es rauscht und knistert im Ohr wie vor 30 Jahren. Aber wer braucht schon Sprache, wenn er per Videokonferenz, Skype, Telegram oder WhatsApp, Slack, Mail und SMS kommunizieren kann?

Unternehmen brauchen Sprache. Ihre Kundenbeziehungen kommen zustande und werden gepflegt über das Gespräch. Je besser dessen Qualität, umso größer der Erfolg. Diesen einfachen Zusammenhang hat Aircall früh erkannt.

Das 2014 gegründete französische Start-up rüstet Unternehmen mit Telefonanlagen aus. Jedenfalls hätte man das Produkt früher so genannt, als noch Apparate mit diversen Knöpfen auf den Bürotischen standen. Aircall hat die Telefonanlage durch ein Programm ersetzt, das in der Cloud liegt, also nicht auf dem Computer oder Smartphone jedes Mitarbeiters installiert wird.

„Der große Unterschied zwischen uns und unseren Wettbewerbern ist, dass wir keine Hardware benötigen, und die Qualität der Stimme ist High Definition“, sagt Jonathan Anguelov, einer der vier Gründer des französischen Start-ups, selbstbewusst.

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    Das überzeugt auch Investoren: An einer neuen Finanzierungsrunde über 65 Millionen Dollar (59,8 Millionen Euro) beteiligt sich jetzt die Deutsche Telekom Capital Partners (DTCP), der Risikokapitalgeber der Deutschen Telekom, Hauptinvestor der jüngsten Runde. „Wir halten das Produkt für überzeugend“, sagt DTCP-Partner Thomas Preuß über den Deal. Das war längst nicht immer so. „Am Anfang wurden wir für verrückt erklärt, niemand wollte uns finanzieren“, erinnert sich der 36-jährige Anguelov.

    Die vier Franzosen Olivier Pailhes, Xavier Durand, Pierre-Baptiste Béchu und Anguelov kannten sich nicht, bevor sie versuchten, gemeinsam „die Telefonie zu revolutionieren“, wie die Gründer es ausdrücken. E-Founders, ein französischer Risikokapitalgeber, brachte die vier zusammen. Aircall war anfangs nicht viel mehr als eine Idee im Kopf von Pailhes. Der 46-Jährige und Anguelov kommen von der Business-Seite her, Durand und Béchu sind die Techniker.

    Die Produktidee verdanken die Gründer dem Inhaber eines E-Commerce-Unternehmens. Der habe sich beklagt, wie kompliziert es sei, das richtige Telefonsystem für seinen Kundendienst zu erhalten. Nach einer ausführlichen Recherche hätten sie festgestellt, dass tatsächlich kein einfach zu bedienendes und schnell zu installierendes System existierte, sagen Pailhes und Anguelov.

    Heute sind Cloud-basierte Systeme dabei, der Standard zu werden. Doch sogar in Großunternehmen sind Anrufe beim Kundendienst meist eine Qual: Man muss mehrfach seinen Namen und seine Telefonnummer angeben, sich durch endlose Frage-Antwort-Menüs quälen. Kommt man zu einem kompetenten Mitarbeiter, hat der oft nicht die Vorgeschichte des Problems parat, das man gern gelöst hätte.

    „Dabei hängt die Existenz vieler Unternehmen davon ab, dass ihr Vertrieb und Kundendienst als kompetent, schnell und freundlich wahrgenommen werden“, wundert sich Anguelov, der Chief Operating Officer. Mit Aircall funktioniere es besser, weil sich die Software sofort mit den meisten gängigen Programmen für Kundenbeziehungen (CRM) verknüpfe. Anrufe würden aufgezeichnet und transkribiert, der Kunde werde seinen Bedürfnissen entsprechend angesprochen.

    Aircall wirbt damit, dass schon wenige Minuten nach der Installation Telefonnummern in 40 Ländern verfügbar seien. Kein Soft- oder Hardwaretechniker müsse vor Ort arbeiten, um den Dienst in Gang zu setzen. Der Corona-Lockdown habe Aircall weiter vorangebracht: „Die Leute brauchten sofort zu Hause eine gute Telefonverbindung, die liefern wir ihnen“, so Anguelov. Videodienste sollen bald dazukommen. 5000 Kunden habe man inzwischen, darunter ganz große wie Uber, die Bank of Scotland oder den Fußballklub Olympique Lyon.

    2018 nannte Aircall einen Umsatz von zehn Millionen Euro und ein monatliches Wachstum von acht bis zehn Prozent. Heute wird keine Zahl mehr preisgegeben. „Es handelt sich um mehrere Dutzend Millionen Euro“, deutet Anguelov an. Davon entfielen 30 Prozent auf die USA, den wichtigsten Markt, wo auch die größten Wettbewerber herkommen. Deutschland sei mit rund 15 Prozent vertreten, mehr als Frankreich.

    Die vier Gründer haben die Mehrheit der Anteile an die Finanziers abgegeben, doch sie halten noch stets die Mehrheit der Stimmrechte. Rentabel seien sie noch nicht, räumt Anguelov ein. „Wir könnten es sein, aber noch ist es uns wichtiger, so schnell wie möglich zu wachsen, viel zu rekrutieren und den technologischen Abstand zu unseren Wettbewerbern zu vergrößern.“

    Allianz mit den Multis der Telekommunikation

    Warum bieten die großen Telekommunikationsfirmen nicht selbst einen Service wie den von Aircall an? „Weil sie keine Software-Unternehmen sind, sie haben das einfach nicht in ihrer DNA“, vermutet der Franzose. Er hat offenbar den Entrepreneur in der DNA, denn in den Schoß gefallen ist ihm die Unternehmerkarriere nicht. Das unterscheidet ihn und seine drei Kollegen von anderen französischen Gründern, bei denen die Eltern, deren Bankkonto und Adressbuch die ersten Schritte erleichtert haben.

    Anguelov ist bei der alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die als Bulgarin kaum Französisch sprach. Doch mit 14 Jahren kam er in eine Pflegefamilie. Das Studium hat ihm niemand finanziert. „Ich habe ein kleines Immobilienunternehmen gegründet, kleine Apartments vermietet, Wohnungen ge- und verkauft und so das nötige Geld verdient“, erinnert er sich.

    „Natürlich hätte es mir besser gefallen, wenn das Geld von meinen Eltern gekommen wäre“, sagt er. „Zum Glück leben wir in einer Gesellschaft, in der man durch harte Arbeit nach oben kommen kann“, resümiert er die eigene Erfahrung.

    Nach seinem Studium ging er für ein Praktikum zu einer Bank in London, doch glücklich wurde er dort nicht. Deshalb kam er nach Paris zurück mit dem Wunsch, ein eigenes Unternehmen auf die Beine zu stellen. Das ist ihm und seinen Partnern gelungen. Wie soll es weitergehen? Den nächsten Wachstumsschub soll eine Allianz mit den Multis der Telekommunikation bringen.

    „Wir möchten erreichen, dass sie unseren Dienst übernehmen und als weiße Marke ihren Kunden anbieten“, vertraut er dem Handelsblatt an. Der Einstieg von DTCP ist da vielleicht hilfreich, selbst wenn das Engagement der Telekom-Tochter zumindest zunächst ein reines Investment ist, das auf Rendite zielt. 

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