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KI als Jobkiller?Warum Manager Innovationen gern als Ausrede missbrauchen

Viele Chefs wollen heute KI-Experten sein. Schließlich eignet sich der Begriff vortrefflich, um Fehler zu kaschieren und sich als Innovator zu verkaufen.Philipp Alvares de Souza Soares, Felix Holtermann 27.06.2023 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Bis 2030 sollen mehr als 55.000 Jobs wegfallen. Viele davon werden angeblich wegen der KI-Revolution nicht mehr benötigt.

Foto: AP

Hamburg, New York. Mathias Döpfner gilt als großer Fan der Künstlichen Intelligenz (KI). Sie werde den Journalismus revolutionieren und Reporter von lästigen Aufgaben befreien, ist sich der Chef des Medienkonzerns Axel Springer sicher. Ähnlich hoffnungsfroh argumentierte jüngst auch Philip Jansen, CEO von British Telecom (BT). Sein Unternehmen werde ein „massiver Profiteur“ der KI sein, so Jansen.

Döpfner und Jansen präsentierten auch gleich ein paar Ideen, wie sie sich den „Impact“ der neuen Technologie vorstellen. So würden KI-Tools künftig ganze Zeitungen gestalten oder Anrufe der Service-Hotline beantworten. Konkret ist beides in gebotener Qualität ohne menschliches Zutun indes noch gar nicht möglich.

Die Folgen für die Mitarbeiter bezifferten die beiden Manager jedoch schon sehr genau: Jansen will bei BT bis 2030 über 55.000 Menschen entlassen, satte 43 Prozent der Belegschaft. Angeblich werde ein großer Teil davon dank der KI-Revolution nicht mehr benötigt.

Döpfner streicht allein bei der „Bild“-Zeitung mehr als 200 Stellen. Intern verpackte die Springer-Führung die Sparmaßnahme wohlklingend als „KI-Offensive“.

Das hat System: Sparmaßnahmen, die nicht selten auf strategische Fehlentscheidungen der Vergangenheit zurückgehen, lassen sich derzeit mit nur zwei Buchstaben als fortschrittlich verkaufen. KI sei Dank. Selbst ein Technologiekonzern wie IBM, der 7800 Menschen entlassen will, macht sich den kommunikativen Windschatten des Booms zunutze. 

Verklärung von KI-Technologie: Exzesse wie bei Metaverse und Kryptowährungen

Die Auswirkungen von KI-Technologien auf die meisten Branchen werden in der Tat immens sein. Aufgaben ändern sich und viele werden wegfallen. Die konkreten Effekte sind oftmals aber noch längst nicht so klar abzusehen, wie es Konzernlenker wie Jansen glauben machen wollen. Indem sie einen Stellenabbau mit KI entschuldigen, verstärken Vorstandschefs die oft irrationalen Technologieängste in der Bevölkerung.

Fatal ist, dass der Kapitalmarkt solch ein Verhalten auch noch mit Kurssteigerungen belohnt. An der Börse werden Technologietrends wie KI intellektuell gerne entkernt und auf ihr Hypepotenzial reduziert. Das führt mitunter zu Übertreibungen. Gute Manager sollten sich davon nicht mitreißen lassen. 

Eine KI soll künftig die Bild-Zeitung layouten.

Foto: dpa

Im Buzzword-Schweinezyklus geht die Verklärung der KI-Technologie bereits ihrem Höhepunkt entgegen. In ihrer Größe übertrifft die rhetorische Blase in vielen Unternehmen bereits jüngere Exzesse um die Verworthülsung von Metaversum, Augmented Reality und Kryptowährungen.

In der Tiefe ist in vielen Firmen in Sachen KI bislang indes wenig passiert. Das ist die zweite Gefahr, die mit dem kommunikativen Missbrauch von Technologierevolutionen einhergeht. Besonders Konzerne neigen dann dazu, externe Innovationsschocks einfach durchzuleiten, anstatt sie zu verarbeiten.

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Das ist auch beim KI-Effekt so: Unternehmensberatungen werden beauftragt, Sonderbeauftragte ernannt, Strategiepapiere geschrieben und am Ende selbst das Reinigungsteam um Input für die Taskforce gebeten. Mit so einem Vorgehen kann man sich im Analystencall oder beim Konferenzsmalltalk schnell als Early-Adopter hinstellen. Aktuell idealerweise garniert mit einer skurrilen Antwort, die ein ChatGPT jüngst kredenzt hat, denn damit hakt man dann gleich zwei Boxen ab: Technologiekompetenz plus Reflexionsfähigkeit. 

Diese Choreografie wurde in vielen Führungszirkeln spätestens mit der Smartphone-Revolution erschreckend gut eingeübt. Durch die immer kürzeren Innovationszyklen steigt offenbar das Bedürfnis, technologische Durchbrüche ritualisiert wegzuarbeiten. Derzeit nehmen auch die Pilgerreisen ins Silicon Valley wieder zu. Vorstände der Deutschen Telekom berichteten im Frühjahr etwa stolz, dort kurz OpenAI-Chef Sam Altman gegrüßt zu haben.

Thema KI: Heiße Luft und Geldverschwendung

So wird beim Thema KI neben Angstschweiß wieder viel heiße Luft emittiert. Das liegt auch an der zynischen Kostenlogik, die in vielen Vorstände regiert. Unternehmen, die in Sachen Kundendienst etwa bereits unter einem schlechtem Ruf leiden, sollten bei der vorschnellen Lobpreisung von ChatGPT-getriebenen Servicebots besser vorsichtig sein. Auf einer maroden und zersplitterten IT-Infrastruktur wie bei der Lufthansa kann selbst KI keine Wunder wirken. Erst hohe Investitionen würden vielerorts Einsparungen durch KI überhaupt erst möglich machen.

Mitunter wird in solchen Phasen auch einfach Geld verschwendet. Oder erinnern Sie sich noch an den Metaverse-Auftritt der Dekabank im „Decentraland“?

Dieser Text ist Teil des großen Handelsblatt-Spezials zur Künstlichen Intelligenz. Sie interessieren sich für dieses Thema? Alle Texte, die im Rahmen unserer Themenwoche schon erschienen sind, finden Sie hier. Foto: Handelsblatt

Selbst echte KI-Profis können sich der kommunikativen Versuchung offenbar nicht entziehen. So sehen Konzerninsider bei IBM die Ankündigung des KI-bedingten Stellenabbaus eher als Zeichen einer großangelegten PR-Strategie, um wieder als innovativ wahrgenommen zu werden. Wohl nicht umsonst platzierte Vorstandschef Arvind Krishna seine Warnung genau acht Tage vor der wichtigsten Produktvorstellung des Jahres: Watsonx, der überarbeiteten KI-Plattform von IBM.

Mit dieser versucht das Tech-Urgestein endlich in die Offensive zu kommen. Schließlich hatte IBM den KI-Hype einst mit losgetreten: 2011 gewann die IBM-Eigenentwicklung Watson die beliebteste Quizshow des Landes, „Jeopardy“, gegen einen Menschen. Für einen kurzen Moment schien es, als wäre der Konzern gar KI-Weltmarktführer.

In den Folgejahren traf das Management jedoch eine Fehlentscheidung nach der anderen, unter anderem durch die Vermarktung von Watson Health für den Gesundheitssektor – ein Produkt, das durch gefährliche bis falsche Behandlungsempfehlungen von sich reden machte.

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Mit Watsonx soll nun alles besser werden, versprach Krishna. „Mit IBM Watsonx können Kunden schnell individuelle KI-Funktionen für ihr gesamtes Unternehmen trainieren“, verkündete er.
Ein laute Diskussion um die Folgen von KI für den Arbeitsmarkt, heißt es in Konzernkreisen, könne beim Vermarktungserfolg sicher nicht schaden.

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