KI-Experte Chris Boos „Rationales Denken ist derzeit nicht hip“

Der KI-Experte über die Angst vor alles beherrschenden Superhirnen, Ethik für Programmierer und wann Arbeit die Menschen wirklich glücklich machen würde.
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Der Arago-Chef gilt mittlerweile als einer der wichtigsten Experten für Künstliche Intelligenz hierzulande. Quelle: Lêmrich für Handelsblatt
Chris Boos

Der Arago-Chef gilt mittlerweile als einer der wichtigsten Experten für Künstliche Intelligenz hierzulande.

(Foto: Lêmrich für Handelsblatt)

Schon im Foyer seiner Frankfurter Firma Arago wird klar, dass Chris Boos kein normaler Unternehmer ist: „We’re building an asshole-free company“, steht dort plakatgroß an der Wand. Na ja, das beschreibe zumindest das Ideal, schmunzelt er dann auf dem Weg zum Konferenzraum. Und natürlich ist auch der nach einer besonderen Ikone benannt: Douglas Adams, Autor der Science-Fiction-Reihe „Per Anhalter durch die Galaxis“, die einst ebenso fröhlich wie tiefschürfend die ganz großen Fragen stellte. Das passt gut zu Boos, der mittlerweile als einer der wichtigsten Experten für künstliche Intelligenz hierzulande gilt.

Herr Boos, in Kino und Literatur endet unsere Zukunft meist in düstersten Katastrophen. Verantwortlich ist oft die Erschaffung maschineller Intelligenz. Sind Künstler einfach zu kritisch?
In den Achtzigern waren alle Roboter plötzlich Terminatoren. Interessanterweise ändert sich das neuerdings. Künstliche Intelligenz wird plötzlich mit anderen Werten aufgeladen. In „Ex Machina“ fängt die Maschine an, sich gegen ihre Gefangenschaft zu wehren. Und man versteht das auch als Mensch. Die Kunst entwickelt sich also allmählich weg von den Dystopien früherer Zeiten ...

... was Ihnen als KI-Experten sicher gelegen kommt.
Die Künstler haben recht mit ihrer Kritik. Die größte Gefahr ist nicht die Technik, sondern der Mensch, der sie für seine Zwecke nutzt. Immer schon. Und wie mit jeder Technik kann man auch mit KI gute und schlimme Dinge tun.

Was ist überhaupt KI?
Dazu gibt es natürlich einen KI-Witz: KI heißen nur Dinge, die nicht funktionieren. Sobald was klappt, kriegt es einen richtigen Namen … Gesichtserkennung etwa. Der ganze Mythos von alles beherrschenden Superhirnen ist halt nur völliger Quatsch …

… aber doch beunruhigend ...
Beunruhigend, aber in einem positiven Sinne, sind nur die Zeiten, in denen wir gerade leben. Denn erstmals seit Langem treffen sich angesichts solcher Debatten ja Naturwissenschaften und Philosophie wieder. Das kann nur helfen.

Was ist KI denn nun und was nicht?
Ich versuch‘s mal ganz deutsch und erkläre Ihnen erst mal, was sie NICHT ist. KI versteht nichts, auch wenn immer mehr Marketingprofis das gern behaupten. Maschinen verstehen nichts. Korrelation und Kausalität sind nicht das Gleiche.

Bitte?
Aus einzeln validen Statistiken könnte man den Schluss ziehen, dass Menschen, die Skier kaufen, an ihren Bettlaken ersticken. Das hat aber miteinander nichts zu tun. Und darum dürfen wir Maschinen nicht auf Korrelationen arbeiten lassen. Und Kausalitäten können eben bisher nur wir Menschen rational argumentieren. Aus solchen Missverständnissen heraus werden bisweilen wirtschaftlich katastrophale Entscheidungen.

Ein Beispiel!
Einer Maschine, die gut Schach spielen kann, wird unterstellt, sie sei auch gut in analytischem Denken. Das ist aber totaler Quatsch. Sie wird nie etwas anderes können als Schachspielen. Es werden aber leider auch schon Maschinen angeboten, die sich die Gespräche in Meetings anhören und dann angeblich erklären können, was wirklich los war, und darauf basierend Entscheidungen treffen. Leider ist aktuell unglaublich viel solcher Werbe-Bullshit zu beobachten.

Gern wird auch behauptet, dass Maschinen dem menschlichen Gehirn nachempfunden würden.
Und wer so was sagt, sollte zur Strafe seiner alten Bio-Lehrerin beweisen, dass die Amöbe dem menschlichen Körper nachempfunden ist. Große neuronale Netzwerke haben heute vielleicht eine Million Knoten und brauchen ein halbes Atomkraftwerk. Ein durchschnittliches menschliches Gehirn hat 84 Milliarden Neuronen und kommt mit einem Butterbrot aus.

Wenn Moores Gesetz, wonach sich die Rechenleistung alle 18 Monate verdoppelt, weiterhin gilt ...
... dann könnten wir 2029 das elektrische System des Gehirns nachbauen. Ja, ja. Aber eben auch nur das. Da würden noch die gesamte Chemie und die Quantenmechanik fehlen. Mit drei Bier ist auch Ihr Gehirn schon wieder ein ganz anderes.

Sie plädieren für Pragmatismus in der KI-Debatte?
Ich plädiere dafür, nicht in Angststarre zu verfallen vor Maschinen, die uns morgen wie Ameisen zertreten werden. Am Steuer wird immer der Mensch sitzen. Und er wäre sehr dumm, wenn er sich diese Kontrolle aus der Hand nehmen ließe. Wenn wir überhaupt vor irgendetwas Angst haben sollten, dann davor, dass die anderen gerade die Zukunft entwickeln, während wir uns wegducken und keine haben wollen. Dann nämlich könnte Deutschland ganz schnell vom größten Industrie- zum größten Entwicklungsland werden.

Wer ist in Forschung und Entwicklung derzeit am weitesten, China?
In der Forschung sind wir in Europa und gerade in Deutschland wirklich gut. Plattform-Ökonomien gibt es aktuell aber nur in den USA und in China. In Europa ist bislang nicht viel. Gerade in der Volksrepublik ist das Mindset ein ganz anderes: Die machen einfach. Und da das Zeitfenster viel kleiner ist, als hierzulande noch viele denken, ist China momentan schon sehr erfolgreich …

… aber nicht, weil die IT-Unternehmen dort besonders schlau sind, sondern weil die Politik in Peking den unbedingten Willen hat, bis zum Jahr 2025 die Führungsposition einzunehmen. Die deutsche Regierung werkelt noch an einer KI-Strategie.
Politik läuft der Realität zwangsläufig immer hinterher. Dafür sollte man sie nicht schelten. Das Dümmste ist doch, Probleme regulieren zu wollen, die wir noch gar nicht haben. Auch da sind die Chinesen viel nüchterner. Schauen Sie sich nur den Markt für Leihfahrräder an! Peking wurde erst zugepflastert mit Rädern, dann hat man eben wieder aufgeräumt. Das eine wie das andere ging sehr schnell. Es ist nur alles eine Frage der Geschwindigkeit, des Mindsets, und das wiederum ist eine gesellschaftliche Frage.

China ist jedenfalls noch nicht führend in der KI-Forschung …
… gibt das auch zu, will es immerhin werden und ist bereit, dafür enorm viel Geld auszugeben. Was Start-up-Finanzierung angeht, sind wir in Europa mittlerweile ganz gut aufgestellt. Aber in der zweiten Runde, wenn deutlich größere Summen aufgerufen werden, ist China immer vorne mit dabei.

Es sollte also in Deutschland mehr über Geld als über Regulierung gesprochen werden?
Auf jeden Fall. Ich werde immer noch für einen Fantasten gehalten, wenn ich über Milliarden-Bewertungen noch junger Unternehmen spreche. Dann sage ich: Hier geht’s nicht um Geld, sondern um die Erschaffung einer neuen Währung, mit der sich solche Technologien zusammenziehen lassen.

Ist es da nur romantisches Beiwerk oder wichtiges Asset, wenn die Bertelsmann Stiftung jüngst forderte, die Entwickler von Algorithmen bräuchten dringender denn je einen eigenen berufsethischen Kodex?
Braucht den nicht jeder Mensch? Wir können nicht so tun, als wäre es möglich, dieses eminent wichtige Thema an ein paar Programmierer abzudrücken, die das natürlich auch angeht. Zum Beispiel sollten möglichst wenige KI-Profis sich am Bau von Waffensystemen beteiligen, weil das böse ist. Übrigens wollen Militärs gar nicht, dass Maschinen die Entscheidungshoheit darüber bekommen, wann getötet wird. Und das ist auch richtig so.

Schon Algorithmen, die Vorurteile reproduzieren, sind ein Problem.
Klar sind KIs voreingenommen. Aber warum? Weil unsere Gesellschaft voreingenommen ist. Da können wir noch so politisch korrekt reden, wir handeln oft anders. Und das ändert sich nur langsam. Dass Männer und Frauen noch immer vielerorts unterschiedlich bezahlt werden, hat ja nicht damit zu tun, dass Frauen schlechtere Menschen sind. Aber solches Verhalten zu verändern dauert lange. Algorithmen bilden ab, was wir in der Gesellschaft haben. Letztlich sind sie ein ziemlich fieser Blick in den Spiegel.

Sie sagen selbst, dass künftig 80 Prozent der Arbeit von Maschinen übernommen wird. Auch das macht den Menschen Angst.
Warum eigentlich? Wir haben schon immer unsere eigene Arbeit abgeschafft. Früher hat uns das sogar Spaß gemacht, weil wir zum Beispiel erkannten, dass es nicht allzu erstrebenswert ist, Felsblöcke für eine Pyramide durch die Gegend zu schleppen.

Wir fürchten uns eben davor, dass die Maschinen uns überflügeln.
Aber dafür bauen wir sie doch! Oder will einer von uns Kran werden? Oder Flugzeug? Oder Blutdruckmessgerät? Damit geht noch eine andere Frage einher: Sind wir überhaupt glücklich mit dem, was wir tun? Da werden Sie in Deutschland nicht allzu viel Zustimmung finden. Andererseits leben in manchen Teilen Afrikas Menschen in bitterster Armut – und dennoch können sie von Herzen lachen.

Wie erklären Sie sich das?
Je höher entwickelt eine Gesellschaft ist, umso unglücklicher wird sie. Weil die zugrunde liegende Industrialisierung von Skaleneffekten lebt, die uns Menschen wiederum dazu zwingt, wie gut geölte Maschinen zu funktionieren. Die Chance der Digitalisierung ist nun, dass wir Menschen wieder Dinge tun, für die wir besonders geeignet sind mit all unseren Talenten, die Maschinen nie erreichen werden und die uns deshalb auch Freude machen.

Eine Gesellschaft von Lyrikern und Mandala-Malern?
Nein. Wir sind doch besonders davon angespornt, etwas Neues zu tun oder der Erste zu sein. Auch etwas für andere zu tun macht uns Spaß. Schon rein evolutionstheoretisch waren wir immer gut, wenn wir in großen Gemeinschaften kooperierten. Und wenn die Maschinen uns endgültig von der Fron stupider Arbeiten befreien, könnte das geradezu eine Explosion neuer Ideen provozieren.

Die Menschen haben zunächst mal Angst um ihre Jobs …
… die ich verstehe, aber nicht teile. Arbeitslos wären wir doch nur dann, wenn es nichts mehr zu tun gäbe. Den Eindruck habe ich bislang nicht. Die Frage ist eher: Wie lange dauert die Periode des Übergangs?

Genau der ist ja schmerzhaft, wie frühere industrielle Revolutionen zeigten.
Absolut. Aber aus zwei Gründen glaube ich, dass wir diese Phase bewältigen, ohne größeren Schaden zu nehmen: Erstens sind wir im Vergleich zum Rest der Welt so unglaublich reich, dass wir uns den Umbau – noch – leisten können. Und zweitens steht unsere Wirtschaft schon jetzt derart stark unter dem Druck von nur noch rund zehn globalen Plattform-Konglomeraten wie Amazon oder Alibaba, dass uns gar nichts anderes übrigbleibt als Wandel. Airbnb hat die gesamte Hotelbranche durcheinandergewirbelt...

und Wirecard ist plötzlich an der Börse mehr wert als die Deutsche Bank.
In solchen Zeiten kann die Effizienzsteigerung durch mehr Technik helfen, den Druck zu lockern. Wenn wir stattdessen nur damit beschäftigt sind, in unseren heutigen Jobs den Status quo aufrechtzuerhalten, werden wir irgendwann aufgefressen.

Was also tun?
Wir müssen begreifen: Alles, was Menschen leichtfällt, fällt Maschinen schwer und umgekehrt. Das ist eine Riesenchance!

Warum wollen wir den Maschinen dann überhaupt das Laufen oder Weißbier-Einschenken beibringen?
Mit KI kann man fast alles automatisieren. Dazu braucht sie aber auch Zugriff auf unsere physische Welt. Wir können ja heute schon perfekte Lager organisieren, brauchen aber Menschen, um die Kartons zu packen, weil die Roboter alles zu zerquetschen drohen.

Was auffällt: Sie selbst haben sich noch 18 Jahre Zeit für die Grundlagenforschung genommen.
Wir waren lange zweigeteilt, es gab ein Projektgeschäft und Forschung. So konnten wir Geld verdienen und gleichzeitig neue Technologie aus dem Labor in der Realität testen. Deswegen sind wir auch schwer einzuholen.

Wer ist denn Ihre Konkurrenz?
Wir messen uns intellektuell mit Firmen wie Deep Mind …

… der Firma, die Google für geschätzt 500 Millionen Dollar gekauft hat.
Unsere Entwicklung zeigt aber ein Problem gesellschaftlicher Natur: Forschung braucht einen langen Vorlauf. Als wir 1995 angefangen haben, sagten viele: „Du bist ja verrückt, dich mit KI zu beschäftigen.“ Aber es ist eben auch ein tolles und wichtiges Thema für die Gesellschaft, das letztlich auch kommerzialisiert werden muss.

Seit wann sind Sie profitabel?
In der gesamten Forschungszeit waren wir profitabel, momentan sind wir es nicht, weil wir auf Expansionskurs sind. Wir sind dabei, eine Plattform zu werden. Geschwindigkeit ist jetzt das Entscheidende: Wie viel Marktabdeckung erreichen wir in kurzer Zeit? Es gibt ein Fünf-Jahres-Fenster. Wenn wir in dieser Zeit keine stabile KI-Plattform aufbauen, die einen gewissen Marktanteil hat, sieht es für uns und den Rest Europas nicht so gut aus.

Andererseits monieren Sie, dass junge Entwickler sich heute kaum noch eine halbe Stunde konzentrieren können. Zerschreddern Smartphones, Algorithmen, dauernde Erreichbarkeit unsere Gehirne? Oder anders: Verblöden wir, indem wir der Technik immer mehr überlassen?
Bei vielen Leuten ist der Fokus auf das Wesentliche tatsächlich ein echtes Thema geworden. Das Problem ist, dass rationales Denken nicht hip ist. Die omnipräsente Werbung spricht das Instinktsystem an. Wer Werbung macht, will den Kunden nicht das Produkt rational erklären, sondern zeigt ihnen ein Kätzchenbild, damit sie es lieben. Ein instinktuelles System trifft die Entscheidung sofort, ohne Zukunftspläne zu kennen. Das Tolle am rationalen Denken ist, dass man sich die Zukunft ausmalen kann, wenn man eine Entscheidung trifft. Einer meiner Lieblings-T-Shirt-Aufdrucke ist: „Denken ist wie Google, nur krasser.“ Wir haben uns das leider abgewöhnt. Auch bei Diskussionen: Es gibt nicht mehr zwei Leute, die unterschiedlicher Meinung sind und das ausdiskutieren. Die hassen sich gleich. Auch das hat mit Fokus zu tun.

Wie lässt sich das wieder ändern?
Die Frage ist immer: Kontrollieren wir die Technik – oder umgekehrt? Man kann Facebook vorwerfen, diese Mechanismen zu nutzen. Aber wir sind doch freie Menschen! Auch wenn es anstrengender ist, selbst zu denken, als den „Gefällt mir“-Button zu klicken. Einstein war zu seinen Lebzeiten ein Rockstar, das wäre er heute leider wohl nicht mehr.

Weil seine Theorien so komplex sind?
Weil man durchaus denken musste, um ihn zu verstehen. Da reichte kein Tweet.

Sie setzen sich für klassische Bildung ein. Heißt das: Keine iPads im Klassenzimmer?
Garantiert nicht. Es ist völlig egal, über welche Medien die Inhalte transportiert werden. Kritisch finde ich eher die Forderung, dass wir alle Programmieren lernen müssen.

Das überrascht uns.
Ich verstehe diesen Hype gar nicht. Jeder kann eine Sprache, die meisten zwei, die Regeln dazu füllen dicke Bücher. Die Grammatik einer Programmiersprache ist nur drei Seiten lang. Das kann jeder lernen. Was wir viel mehr brauchen, ist Respekt, Breite und Neugier. Wenn man mit vielen Dingen in Berührung kommt und sieht, dass es Leute gibt, die etwas besser können als ich, trägt das zum Respekt bei. Und wenn es Aufgabe der Menschen wird, mehr Innovationen zu entwickeln und Dienste an anderen Menschen zu erbringen, geht das nur durch Breite.

Herr Boos, vielen Dank für das Interview.

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