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Kinos unter Druck Die Gefahr lauert im Wohnzimmer

Erst gab es zu wenige Blockbuster, dann zu viele Multiplexe. Anlass zur Sorge hatten die Kinobesitzer in Deutschland auch bisher schon genug. Doch jetzt, kaum dass nach der Konsolidierung wieder einigermaßen Ruhe eingekehrt ist, bricht einen neue Welle über den Kinos zusammen: Die der Bits und Bytes.
  • Sonja Kolonko (Handelsblatt.com)
Digitales Equipment macht das Wohnzimmer immer mehr zum konkurrenzfähigen Heimkino. Foto: dpa

Digitales Equipment macht das Wohnzimmer immer mehr zum konkurrenzfähigen Heimkino. Foto: dpa

HB DÜSSELDORF/BERLIN. Dank digitaler Technik verwandeln sich immer mehr Wohnzimmer in komfortable Heimkinos. Die Technik der Kinos erweist sich als vergleichsweise altmodisch. Bleiben die Deutschen in Zukunft abends auf dem Sofa? "Daheim bin ich König!" heißt es in einem deutschen Sprichwort. Die Regentschaft über Fernbedienung, Chipstüte und Biervorräte im Kühlschrank gilt allgemein als so angenehm wie ein beliebtes Amt. Wen treibt es da künftig noch ins Kino?

Zwar war das vergangene Jahr mit einem Besucherplus von 5,3 Prozent mit rund 157 Millionen Zuschauern das dritterfolgreichste Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung, aber der langfristige Trend zeigt in eine andere Richtung: Immer mehr Leute entscheiden sich für die Couch und gegen den Kinosessel. Und das aus guten Grund: Nie zuvor war es so bequem, qualitativ hochwertigen Filmgenuss zu Hause zu erleben: Der Home Entertainment-Markt boomt. DVDs bieten eine viel bessere Qualität als die alte VHS-Kassette und wer Pay-TV oder Video-on-Demand-Kunde ist, muss sich für den Wunschfilm nicht einmal mehr in die Videothek bemühen. Selbst das Fernsehen wird dank digitaler Videorecorder mit integrierter Festplatte wieder attraktiver.

Mithilfe von so genannten DVR?s (Digital Video Recorder), wie dem in den USA schon weit verbreiteten TiVo, lässt sich der Tatort von Freitagabend auch Sonntag zum Frühstück anschauen. Natürlich ohne lästige Marmeladenwerbung vor der entscheidenden Frage, wer der Mörder ist.

Macht Platz in den Regalen!

Auch der alte Fernseher hat bei zahlreichen Konsumenten ausgedient. An seiner Stelle steht der 16:9-Plasma- oder LCD-Großbildschirm mit Dolby-Surround-Soundsystem. So wird das Wohnzimmer zum Heimkino mit Heimvorteilen: Keine Parkgebühren, kein Babysitter, kein Schlange-stehen.

Nur die Kinobesitzer gucken in die Röhre. Umso mehr, als sie neben der digitalen auch noch die demographische Entwicklung fürchten müssen: Während die traditionell eher zu den Stubenhockern zählende Generation 40 Plus wächst, wird ausgerechnet die Hauptzielgruppe der 20 bis 40-jährigen bis zum Jahr 2010 einen prozentual immer geringeren Anteil der Bevölkerung ausmachen.

DVD statt Popcorn-Atmosphäre? Foto: dpa

DVD statt Popcorn-Atmosphäre? Foto: dpa

Ist das Geschäftsmodell Kino noch zukunftsfähig?

Stehen also die Kinos auf der Verliererseite der digitalen Revolution, oder gibt es auch für sie neue Geschäftsstrategien? Bei einem Expertentreffen, das mit "Hollywood Lectures" betitelt war und jüngst im Rahmen der Berlinale stattfand, ging die Filmindustrie dieser Frage nach. Wolfram Winter, von Universal Studios Networks, rief die Kinobranche überraschend zum Umdenken auf: Die Angst vor Pay-TV, VoD und Co. sei zwar verständlich, doch unberechtigt.

Eine vom Grimme-Institut durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass deutsche Pay-TV-Abonnenten überdurchschnittlich oft ins Kino gehen. Es sei daher grundlegend falsch zu denken, dass die Filmzuschauer sich nur für eine Art des Filmkonsums entscheiden: Ein wahrer "Herr der Ringe"-Fan werde sich den Film im Kino und auf Pay-TV anschauen und sich darüber hinaus noch die DVD mit dem Bonusmaterial kaufen.

Winter, der mit seiner Firma selbst drei Pay-TV-Sendermarken führt, plädierte für mehr Zusammenarbeit statt Konkurrenzkampf. In den USA beispielsweise begriffen sich Kino und Pay-TV als gegenseitiges Promotiontool, die Synergien nützten um neue Zuschauer zu gewinnen. Anlaufversuche in diese Richtung fanden immerhin auch in Deutschland schon statt: In UCI Kinos wurde unlängst für neue Premiere-Abonnenten geworben. Premiere machte im Gegenzug Werbung für UCI-Filmstarts.

Hollywood goes digital

Eine weitere Überlebensstrategie der Kinos liegt schließlich in der digitalen Technik selbst. Denn die macht nicht vor den Kinosälen halt. Über kurz oder lang werden die Kinos auf digitale Projektoren umsatteln müssen, was zwar einerseits mit Investitionen für die Kinobesitzer verbunden ist - in den USA sind das derzeit rund 100 000 Dollar pro Leinwand - andererseits auch mittelfristig zu geringeren Kosten führt.

Per digitalem "Play-Out-Center" lassen sich die Filme direkt zu den jeweiligen Kinos übertragen, das Geld für teure Filmkopien, Werbekopien und Distribution kann in Programm investiert werden. Wie schnell diese Umstellung auf digital in den Kinos von statten gehen wird, konnte Thomas Negele, Präsident des Hauptverbandes der deutschen Filmtheater (HdF) nicht prognostizieren. Eins sei jedoch klar: Sobald Hollywood anfange, Blockbuster nicht mehr auf der Filmrolle, sondern in Bits und Bytes zu liefern, müsse auch Deutschland in Sachen "D-Cinema" schnell nachziehen.

Die sieben größten Major Studios haben bereits Ende 2004 mit ihrem Konsortium Digital Cinema Initiative (DCI) die Standards für das digitale Kino erarbeitet. Was jetzt folgt, ist der Digital-Roll-Out, die schrittweise Umrüstung der Kinos auf digitale Übertragungs- und Projektionstechniken. Das Ergebnis soll ein Kinoerlebnis sein, dass das Heimkino wieder auf den zweiten Platz zurückdrängt.

Neben dem herkömmlichen Filmprogramm könnten dann auch Live-Events wie Fußballspiele, Konzerte und andere Großveranstaltungen übertragen werden. Die Endausscheidung von "Deutschland sucht den Superstar" findet 2020 dann vielleicht in Deutschlands größten Kinosäälen statt. Das hoffen zumindest die Kinobetreiber.

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