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Fabrik der Zukunft

KI soll die Prozesse automatisieren und ständig verbessern.

(Foto: Siemens)

Künstliche Intelligenz Deutschland fällt im KI-Check durch

Ein Expertengremium sollte Deutschland auf den Einsatz Künstlicher Intelligenz vorbereiten. Der Abschlussbericht steht noch aus. Doch schon jetzt gibt es Kritik an den Ergebnissen.
08.09.2020 - 16:01 Uhr Kommentieren

Düsseldorf, München, Berlin Sie soll Maschinen steuern, Autos lenken und neue Medikamente entwickeln: Künstliche Intelligenz (KI) ist für die Bundesregierung eine der wichtigsten Schlüsseltechnologien. Das Ziel: Deutschland müsse bei Forschung und Anwendung von Künstlicher Intelligenz führend werden. Deshalb hat der Bund eine nationale KI-Strategie auf den Weg gebracht, und bereits seit Herbst 2018 arbeitet eine Enquetekommission des Deutschen Bundestags zum Thema KI.

Intensiv haben Bundestagsabgeordnete und Sachverständige beraten, wie sich Wirtschaft und Gesellschaft auf das Zeitalter selbstlernender Maschinen einstellen sollten. Fast 1000 Seiten soll der für Ende Oktober geplante Abschlussbericht des Expertengremiums füllen. Doch mit dem Erkenntnisgewinn des Berichts sind selbst viele Mitglieder der Kommission unzufrieden.

„Wir haben viel zu wenig kontinuierlich und fundiert diskutiert“, kritisiert die Grünen-Abgeordnete Tabea Rößner. Das Resultat sei oftmals „ein Minimalkonsens, der uns nicht viel weiterbringt“. Statt eines richtungsweisenden Berichts ist laut FDP-Obmann Mario Brandenburg so etwas herausgekommen wie die „Grundrente der Innovation“. In manchen Berichtsteilen habe man „den Kern des Themas KI aus den Augen verloren“, bedauert die Sachverständige Tina Klüwer, die das Berliner Unternehmen Parlamind führt.

Das Ergebnis der Kommission steht symptomatisch für die vielen Hindernisse, die den KI-Fortschritt in Deutschland bremsen: Politiker schauen vor allem auf die theoretischen Risiken statt auf die praktischen Chancen der neuen Technologie. Bereits bewilligtes KI-Forschungsgeld fließt nicht ab, Wissenschaft und Wirtschaft kommunizieren zu wenig. Und Unternehmen behalten ihre Daten am liebsten für sich, statt sie im Sinne des KI-Fortschritts zu teilen.

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    Während US-amerikanische und chinesische Anbieter rasant sensible Anwendungen wie automatisierte Gesichtserkennung weiterentwickeln, diskutiert sich die deutsche Politik müde – und verunsichert gar die Unternehmer. Vom IT-Branchenverband Bitkom über den Bundesverband Deutsche Start-ups bis zum Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnen Verbände und Experten vor Überregulierung.

    So auch Marco Junk, Geschäftsführer beim Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW): „Als Land der Maschinenbauer müssen wir uns klarmachen, dass die Wertschöpfung künftig nicht mehr nur allein in den Maschinen liegt, sondern in den KI-basierten Services an und mit unseren Maschinen.“ Jetzt werde sich entscheiden, „ob wir künftig mit unseren Maschinen nur noch Zulieferer sind für die Anbieter von KI-Dienstleistungen oder ob wir diese Dienste selbst integrieren“.

    Das IW und der BVDW legen am Dienstag erstmals ein Gutachten zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft vor. Der „KI-Monitor“ soll nun jährlich die Entwicklung und Rahmenbedingungen prüfen und liegt dem Handelsblatt bereits vor.

    „Das Ergebnis ist alarmierend“, sagt BVDW-Präsident Matthias Wahl. Zwar würden Unternehmen den Einsatz von lernenden Systemen nachweislich vorantreiben. Aber: „Die politischen Rahmenbedingungen für die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts haben sich im Vergleich zu 2019 verschlechtert.“

    Ethik-Standards könnten helfen

    Ausschlaggebend für den negativen Trend im KI-Monitor ist ein Rückgang bei der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Unternehmen. Obwohl es immer mehr Informatikstudenten und wissenschaftliche Publikationen etwa zu neuronalen Netzen und Deep Learning gibt, finden die Erkenntnisse seltener direkt Anwendung.

    Die Autoren um IW-Volkswirtin Vera Demary stellen drei zentrale Hemmnisse fest: offene Rechtsfragen zu Haftung, geistigem Eigentum und ethischen Standards. Damit verbunden beobachten sie Verunsicherung. „Viele kleine und mittlere Unternehmen wissen nicht, wem die Daten in ihrem Unternehmen gehören und was sie damit tun dürfen“, sagt Demary.

    Sie nennt Beispiele: Ob beim selbstfahrenden Auto der Fahrzeughersteller, der Softwareanbieter oder der Sensorlieferant hafte, sei bisher nicht geregelt. Und: „Wenn mit Künstlicher Intelligenz Kunst generiert wird wie etwa Bilder oder Musikstücke, müssen die Betroffenen bisher selbst vertraglich regeln, wer wie viel vom Erlös bekommt.“

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    Auch Ethik-Standards könnten helfen, weil auch „in der Gesellschaft noch große Skepsis herrscht“, sagt Demary. Andererseits warnt sie: „Wir müssen jetzt aufpassen, dass es keine Überregulierung gibt.“

    Die Enquetekommission versucht durchaus, diese Balance zu finden. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe Wirtschaft empfehlen zum einen freiwillige Gütesiegel für die Hersteller, wie sie der KI-Bundesverband vorgestellt hatte. Zum anderen fordern sie Transparenz von den Entwicklern, welche Zielvorgaben sie ihren Algorithmen geben – ohne diese gleich zur Offenlegung ihrer Quellcodes verpflichten zu wollen.

    Der SPD-Abgeordnete Falko Mohrs verweist auch auf die Vorschläge, Experimentierräume für neue Anwendungen zu schaffen, um Entwickler nicht gleich durch strikte Regeln auszubremsen. Auch habe man sich darauf geeinigt, sogenannte Moonshot-Projekte mit neuartigen Technologien zu fördern.

    Dennoch dominieren oftmals die Risiken den Blick der Kommission auf die Technologie, etwa die Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen durch die Algorithmen. „Die inhaltliche Diskussion hätte ich mir chancenorientierter gewünscht“, sagt CDU-Obfrau Ronja Kemmer.

    Das Teilen von Daten ist Grundlage für KI

    In der Industrie wird daher befürchtet, dass neue gesetzliche Vorgaben zu eng ausfallen werden, wenn sich der skeptische Tenor der Enquetekommission zum Maßstab für neue Regeln wird. Beispiel Siemens: Das aktuelle Weißbuch der EU-Kommission vermittle teilweise den Eindruck, „dass Vertrauen in KI nur durch eine Regulierung und Zertifizierung erreicht werden kann“, heißt es von dem Konzern. Es fokussiere sich zu sehr auf Verordnungen.

    Siemens empfiehlt der Politik, sich auf heutige KI-Anwendungen zu konzentrieren, statt über künftige zu spekulieren. Ähnlich sieht es Experte Andre Retterath vom Start-up-Investor Earlybird. In der KI-Ethikdebatte würde versucht, „alle hypothetischen Fälle abzufangen, unabhängig davon, mit welcher Wahrscheinlichkeit diese eintreten“. Das verlangsame und erschwere die Innovation, sagt er.

    Wie groß die Vorbehalte auch in der Wirtschaft selbst noch sind, zeigen Gespräche mit Start-up-Unternehmern. Laut aktueller Erhebung des Start-up-Bundesverbands und des Tech-Inkubators der Deutschen Telekom, Hubraum, fokussieren sich fast zwei Drittel der deutschen KI-Start-ups auf Geschäftskunden. Die sind wichtige KI-Treiber: Damit eine KI-Software eigenständig lernen kann, ist sie auf einen möglichst großen Pool an Anwendungsdaten angewiesen. Doch zu viele Unternehmen sperren sich gegen die Freigabe solcher Daten. „In den Köpfen hat sich festgesetzt, dass Daten zu teilen grundsätzlich gefährlich ist“, sagt Ronnie Vuine, Chef des Berliner Roboter-Anbieters Micropsi Industries. „Mit dieser Grundhaltung erschwert man datengetriebene Geschäftsmodelle, die Innovationstreiber sein sollten.“

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    Vuines Roboter werden in Fabriken eingesetzt. Dort sollen sie vor allem Schrauben erkennen und speichern Informationen darüber. „Wir brauchen die Daten, um unser Produkt besser zu machen“, sagt er. Für Unternehmen wie seines sei Datenerzeugung die Geschäftsgrundlage. „Wenn jeder sein eigenes Datensilo baut, weil er glaubt, dass sonst ein anderer die Vorteile zieht, bleiben Innovationen aus“, warnt er.

    Für einen Lerneffekt könnte ein Projekt sorgen, das die Bundesregierung am Dienstag beim Autogipfel im Kanzleramt mit der Mobilitätsbranche besprechen will: Autowirtschaft, Bahn, Nahverkehrsbetriebe und Mobilitätsanbieter sollen ihre Daten in einen gemeinsamen Datenraum einspeisen, um Innovation zu ermöglichen und Vormacht zu erhalten. Doch auch dort gibt es im Vorfeld viel Skepsis.

    Vera Demary kennt das schon: „Unternehmen beschreiben in unseren Befragungen KI für die deutsche Volkwirtschaft eher als Chance. Wenn es um ihr eigenes Unternehmen geht, sehen sie darin eher Risiken“ – etwa dass ein Konkurrent mithilfe von KI Effizienzvorteile erreicht.

    Marktführer müssten mutiger sein

    Das Münchener Start-up Celonis sieht besonders die deutschen Großunternehmen in der Pflicht. Das Unternehmen ist eine deutsche Erfolgsgeschichte für KI-Anwendungen in der Industrie, es hilft Kunden wie Siemens, Lufthansa und Novartis, Reibungsverluste in ihren Prozessen zu erkennen und automatisiert zu verhindern.

    Aufträge von solchen marktführenden Unternehmen seien für den Erfolg junger Firmen ganz entscheidend, sagt Co-CEO Bastian Nominacher. „Ohne diese Kunden, die früh das Potenzial unserer Technologie verstanden und auf unsere Software gesetzt haben, wären wir heute sicherlich nicht da, wo wir sind.“ Für den KI-Standort sei es sehr wichtig, dass deutsche Unternehmen sich trauen, Innovationen auszuprobieren. „Wir sehen aber, dass diese Bereitschaft in den USA viel größer ist.“

    Dafür aber bräuchten die Unternehmen auch einen klaren Rahmen. Kanzlerin Angela Merkel und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sehen zwar, dass auch traditionelle Industriebetriebe zu Digitalfirmen werden müssen, um zukunftsfähig zu bleiben. Der Grünen-Wirtschaftspolitiker Dieter Janecek erkennt in den deutschen KI-Bestrebungen aber „viele lose Enden, die nicht zusammengeführt werden“.

    Das Konjunkturpaket, mit dem die Regierung die Coronakrise überwinden und zugleich den Hightech-Standort Deutschland stärken will, erhöht zwar die Fördermittel für Künstliche Intelligenz von drei auf fünf Milliarden Euro. Aber eine Anfrage der Grünen-Fraktion enthüllte kürzlich, dass bisher gerade einmal 60 Millionen Euro abgeflossen sind. Auch von den 100 KI-Professuren, die die Bundesregierung schaffen wollte, wurde bisher nur ein Bruchteil besetzt.

    Die Enquetekommission verlor sich wiederum zu oft im Ungefähren. „Allgemeine Aussagen über eine solch grundlegende Technologie zu treffen ist schwierig“, sagt der Sachverständige Aljoscha Burchardt vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Man spreche schließlich auch nicht davon, dass Elektrizität „gemeinwohlorientiert“ sein solle.

    CDU-Obfrau Ronja Kemmer verteidigt: Die Corona-Pandemie und die stark modernisierungsbedürftigen Abläufe des Bundestags etwa für die gemeinsame Bearbeitung von Dokumenten hätten die Arbeit stark erschwert. Angesichts dessen sei man „hervorragend durchgekommen und auch voll im Zeitplan geblieben“, sagt die Vorsitzende der Enquetekommission, Daniela Kolbe (SPD).

    Es gibt auch optimistische Stimmen nach dem teils zähen Ringen um Kompromisse: Mit dem Bericht sei „ein Referenzpunkt für das zukünftige parlamentarische Handeln geschaffen, hinter den keine Fraktion mehr zurückkann“, sagt FDP-Vertreter Mario Brandenburg.

    Mehr: Dieses KI-Sprachprogramm verblüfft Experten – und birgt Potenzial für die Wirtschaft.

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