Künstliche Intelligenz: SAP verliert KI-Chefin – Feiyu Xu gründet Start-up
Die Wissenschaftlerin gründet mit weiteren prominenten Köpfen der KI-Szene ein Start-up.
Foto: putilov_denis - stock.adobe.com/ PR (M)Düsseldorf. Noch vor einigen Tagen stand Feiyu Xu für SAP bei der Kundenkonferenz Sapphire auf der Bühne, um über den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) beim Softwarehersteller zu sprechen. Doch schon bald wird die Wissenschaftlerin, die den Bereich aktuell leitet, den Dax-Konzern verlassen: Sie gründet mit mehreren bekannten Akteuren aus der Tech-Szene das Start-up Nyonic.
Das Unternehmen will ein Grundlagenmodell für KI entwickeln, das sich für Spezialanwendungen in der Wirtschaft eignet und mehrere europäische Sprachen unterstützt, wie es diese Woche ankündigte. Bereits Anfang nächsten Jahres soll eine erste Version des Systems bereitstehen und dann mit den Produkten führender Anbieter wie OpenAI konkurrieren.
Damit arbeitet in Deutschland neben Aleph Alpha ein weiteres Start-up an der Entwicklung generativer KI, um die ein regelrechter Hype entstanden ist. Die Systeme sind in der Lage, Sprache automatisiert zu verarbeiten und Inhalte zu erzeugen. Bislang werden sie vor allem in den USA entwickelt – etwa von OpenAI, Microsoft und Google.
Feiyu Xu treibt das Thema um. Sie könne „seit Monaten kaum mehr richtig schlafen“ und denke ständig über das Potenzial dieser Technik nach, sagte die Computerlinguistin Mitte März in einem Gespräch mit der „Zeit“: „Die KI wird viele Abläufe in Unternehmen verändern und nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche beeinflussen.“
Nyonic will die Grundlagentechnologie dafür entwickeln. Zum Gründungsteam zählen weitere Experten, die in der KI-Szene bekannt sind. Die Geschäftsführung teilen sich Vanessa Cann, derzeit Chefin des KI-Bundesverbands, und der Serienunternehmer Han Dong, zu dessen früheren Stationen die Start-up-Schmiede Rocket Internet zählt.
Weitere Mitgründer sind der Physiker Johannes Otterbach, der fast drei Jahre bei OpenAI gearbeitet hat, sowie der Computerlinguist Hans Uszkoreit, der bis vor Kurzem am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in leitender Funktion tätig war – und mit Feiyu Xu verheiratet ist.
Künstliche Intelligenz für die Fabrik
Die Möglichkeiten, die KI bietet, hat zu Jahresbeginn ChatGPT weithin bekannt gemacht. Das Programm kann Texte verschiedenster Art schreiben und Fragen beantworten, übersetzen und programmieren. Zahlreiche Unternehmen arbeiten daran, die Technologie in ihre Anwendungen einzubauen.
Auch in der Industrie dürfte es viele Einsatzmöglichkeiten geben – etwa durch gezielte Antworten aus Handbüchern und Dokumentationen von Maschinen oder bei der Bedienung einer Anlage per gesprochener Sprache. Dort setzt Nyonic an, das sich auf die Anforderungen von Unternehmen in verschiedenen Branchen fokussieren will.
„KI-Sprachmodelle bieten eine solche Vielfalt an Möglichkeiten, dass sie nicht von ein oder zwei Unternehmen abgedeckt werden können“, sagte Mitgründerin Vanessa Cann dem Handelsblatt. Unterschiede gebe es sowohl bei den technischen Ansätzen als auch bei den verwendeten Daten. Ziel Nyonics sei es, zunächst die umsatzstärksten Unternehmen in Europa zu adressieren, etwa die Dax-Konzerne.
Dazu wird das Start-up laut Cann sein Sprachmodell etwa mit Patentdaten, Prozesshandbüchern und juristischen Dokumenten trainieren. „Wir haben schnell festgestellt, dass Konzerne ihre eigene Sprache haben.“ Ein Beispiel: „Das Wort ‚Halt‘ heißt im Kontext der Deutschen Bahn ‚Haltestelle‘, allgemein wird es eher als Synonym für ‚Stopp!‘ verwendet.“
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Cann sieht für sich und ihre Mitstreiter auch deshalb eine Chance auf dem Markt für große Sprachmodelle, weil viele Konzerne und Mittelständler davor zurückschreckten, Firmendaten beispielsweise mit Microsoft zu teilen: „Viele Unternehmen dürfen US-Sprachmodelle nach ihren eigenen Regeln gar nicht nutzen.“
Zudem weist die Gründerin darauf hin, dass sich deutsche Unternehmen nicht darauf verlassen können, dass ihnen Dienste eines US-Unternehmens wie OpenAI überhaupt dauerhaft zur Verfügung stehen werden. „OpenAI-Chef Sam Altman hat selbst gesagt, dass sich sein Unternehmen aus Europa zurückzieht, wenn der AI Act zu große Einschränkungen mit sich bringt“, sagt sie mit Verweis auf das in Brüssel geplante Regulierungsvorhaben für KI.
Konkurrenten mit Milliardenfinanzierung
In der Branche herrscht die Erwartung, dass neben großen Anbietern wie Microsoft und Google zahlreiche weitere Unternehmen Modelle entwickeln können – auch dank Open-Source-Technologie, die jeder für seine Zwecke nutzen kann. Start-ups wie Anthropic, Jasper und Cohere entwickeln ebenfalls Grundlagentechnologie.
Das Nyonic-Team lässt sich auf einen Wettbewerb mit Firmen ein, die Millionen und teilweise sogar Milliarden an Finanzierung bekommen haben und seit vielen Jahre Sprachmodelle entwickeln. Aleph Alpha etwa hat bereits 28 Millionen Euro erhalten. Nyonic dürfte einen ähnlich hohen Kapitalbedarf haben, sobald es darum geht, eigene Modelle zu trainieren. Aktuell bemüht sich das Start-up um Geldgeber.
Allerdings sind Größe und Finanzierungsvolumen vielleicht nicht die allein entscheidenden Kategorien. Kristian Kersting lehrt und forscht an der Technischen Universität Darmstadt zu Künstlicher Intelligenz und hat sich selbst am Start-up Aleph Alpha beteiligt. Er sagt: „Wir sehen fast täglich neue Modelle auf den Markt kommen – auch kleinere und spezialisierte.“
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Es sei eine offene Frage, ob man mit kleineren Modellen weiterkomme als mit allumfassenden Modellen. Spezialisierung wird seiner Ansicht nach auch im Hinblick auf europäische Werte wichtig.
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Kersting begrüßt, dass es einen weiteren ambitionierten Wettbewerber in Deutschland geben wird. „Aus meiner akademischen Sicht brauchen wir mehrere Spieler auf dem Feld, mit einer Monopolstellung geht es nicht voran.“
Er verweist auch auf die hitzigen Debatten, in denen allen voran US-Unternehmer derzeit einerseits Forschungsstopps fordern, andererseits vor Überregulierung warnen und mit ihrem möglichen Rückzug aus Europa drohen: „Was wir gerade sehen, ist ein Handelskrieg, der mit KI geführt wird, und wir sollten tunlichst daran arbeiten, dass wir viele, viele Firmen in diesem Gebiet haben.“
Weitere Zusammenarbeit mit SAP
Für SAP ist der Abgang von Feiyu Xu ein Verlust. Die Wissenschaftlerin, die viele Jahre am DFKI tätig war, übernahm 2020 die Verantwortung für KI. Sie habe mit den Entwicklungsteams „sowohl technische als auch ethische Grundlagen geschaffen, um Künstliche Intelligenz auf breiter Basis in unsere Lösungen und Geschäftsprozesse einzubetten“, erklärte der Konzern.
Bis Ende September bleibt Feiyu Xu noch. In dieser Zeit werde man einen Kandidaten für die Rolle suchen, der „die außergewöhnlichen Standards“ der Wissenschaftlerin erreiche, hieß es in einer internen E-Mail.
Mit SAP dürfte Feiyu Xu indes weiterhin zu tun haben. Der Softwarehersteller integriert die KI-Modelle verschiedener Anbieter in seine Produkte. Je mehr Auswahl, desto besser. Man freue sich auf eine gute Zusammenarbeit, erklärte der Konzern, „denn auch in ihrer neuen Rolle wird Feiyu der SAP weiterhin verbunden bleiben“.
Erstpublikation: 01.06.2023, 10:28 Uhr.