Kurznachrichtendienst: Elon Musks Milliardenangebot für Twitter stößt bei Anlegern auf Skepsis
Der Tesla-Chef will den Kurznachrichtendienst übernehmen.
Foto: dpaDüsseldorf. Tech-Milliardär Elon Musk will Twitter kaufen. In einer Mitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC gab der Tesla-Chef am Donnerstag sein Angebot bekannt: Der 50-Jährige bietet den Twitter-Aktionären 54,20 Dollar je Aktie – was auf eine Gesamtbewertung von 43 Milliarden Dollar hinausläuft.
Die Twitter-Konzernspitze bestätigte, ein unaufgefordertes und nicht verpflichtendes Angebot erhalten zu haben. Man werde die Offerte sorgfältig prüfen.
„Ich habe in Twitter investiert, weil ich an sein Potenzial glaube, die Plattform für freie Meinungsäußerung auf der ganzen Welt zu sein“, schrieb Musk in einem Brief an Twitter-Chairman Bret Taylor. Inzwischen sei ihm aber klar, dass das Unternehmen in seiner jetzigen Form weder gedeihen noch diese gesellschaftliche Aufgabe erfüllen werde.
Twitter müsse von der Börse genommen werden, erklärte der Milliardär. „Twitter hat ein außerordentliches Potenzial. Ich werde es freisetzen.“
Die Twitter-Aktie schnellte im vorbörslichen Handel zunächst nach oben. Nach Eröffnung der Wall Street notierte sie aber nur noch knapp im Plus bei 47 Dollar – deutlich unter Musks Gebot.
In der Differenz zum Übernahmepreis spiegelt sich die Skepsis der Anleger wider, ob der Deal wirklich durchgeht. Auch ist kein Übernahmegefecht mit anderen Bietern zu erwarten, das den Preis noch treiben könnte. „Meine Offerte ist das beste und finale Angebot“, sagte Musk in der Mitteilung.
Musk besitzt bereits fast zehn Prozent der Twitter-Aktien
Dem Tesla-Chef und SpaceX-Gründer gehören bereits 9,2 Prozent von Twitter. Die Aktien erwarb er über Monate, wie er erst in der vergangenen Woche offengelegt hatte. Wenn Twitter das Angebot ablehnt, dann „müsste ich meine Position als Aktionär überdenken“, schrieb Musk.
Analysten reagierten unterschiedlich auf das Angebot. Dan Ives von Wedbush Securities erklärte, der Verwaltungsrat von Twitter müsse das Angebot annehmen. Der Preis liege 38 Prozent höher als zu dem Zeitpunkt, als bekannt wurde, dass Musk Aktien kaufte. „Twitter steht mit dem Rücken zur Wand“, sagte Ives. Analyst Mark Shmulik von der Analysefirma Bernstein meinte ebenfalls: „Wir finden, Musks' Angebot enthält einen fairen Aufschlag auf den Kurs.“
Ganz anders sieht Adam Crisafulli, Gründer der Researchfirma Vital Knowledge Media, die Sache. Das Angebot von Musk sei „zu tief“, die Aktie habe noch vor weniger als einem Jahr bei 70 Dollar notiert.
Auch Analyst Ali Mogharabi vom US-Finanzhaus Morningstar hielt den Preis für zu niedrig. „Der Verwaltungsrat wird das Angebot des Tesla-CEOs in Erwägung ziehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Twitter auch annimmt, liegt aber bei unter 50 Prozent“, schrieb Mogharabi.
Twitter hat Mittel, sich gegen eine Übernahme zur Wehr zu setzen
Aber auch wenn Musk bei Twitter theoretisch allein schon mit der Aktienmehrheit ans Ziel kommen könnte – der Dienst hat viele Wege, sich zu verteidigen. Zu den sogenannten „Giftpillen“, mit denen Unternehmen sich gegen feindliche Übernahmen zur Wehr setzen, gehört zum Beispiel die Ausgabe neuer günstigerer Aktien an andere Aktionäre. Das verwässert den Anteil eines Angreifers wie Musk.
Dass Musk eine Übernahmeattacke starten könnte, wurde von Beobachtern bereits vermutet, nachdem er am Wochenende einen Sitz im Verwaltungsrat des Unternehmens ausgeschlagen hatte. Damit hätte er sich verpflichtet, seinen Anteil nicht über 14,9 Prozent zu erhöhen. Der Verzicht auf die Mitgliedschaft in dem Aufsichtsgremium machte Musk den Weg frei, mehr Anteile zu kaufen.
Wie genau Musk Twitter verändern will, bleibt weitgehend offen. Er sei bei dem Dienst eingestiegen, weil er an das Potenzial „als Plattform für freie Rede rund um die Welt“ glaube – und das sei entscheidend für eine funktionierende Demokratie, schrieb er am Donnerstag. Inzwischen sei er aber zu der Einsicht gekommen, dass die Firma in ihrer heutigen Form weder dieser Rolle gerecht werden noch finanziell prosperieren könne.
Twitter spielt in Politik, Unterhaltung und Medien eine herausgehobene Rolle, kann daraus jedoch nur begrenzt Profit schlagen. Mit rund 270 Millionen täglichen Nutzern und einem Umsatz von 5,1 Milliarden Dollar im vergangenen Geschäftsjahr ist der Onlinedienst im Vergleich zu Facebook und Youtube klein. Selbst Snapchat hat eine größere Reichweite.
Twitter gilt bereits länger als Übernahmeziel
Die Folge: An der Börse zählt Twitter nicht zu „Big Tech“. Das lässt sich an der Bewertung festmachen: Facebook erreicht trotz eines deutlichen Kursrückgangs seit Jahresbeginn rund 580 Milliarden Dollar, Snapchat wird mit 56 Milliarden Dollar bewertet. Twitter war mit einer Bewertung von zuletzt 37 Milliarden Dollar ein potenzielles Übernahmeziel.
So zeigte sich Facebook in der Vergangenheit sehr interessiert, auch Salesforce-Gründer Marc Benioff plante zwischenzeitlich einen Kauf. Zuletzt nutzte der aktivistische Investor Elliott Management 2020 den niedrigen Kurs für einen Einstieg.
Erst im November hatte sich Twitter-Gründer Jack Dorsey von der Konzernspitze zurückgezogen und den Staffelstab an Parag Agrawal übergeben. Musk ist selbst ein eifriger Twitterer mit mehr als 81 Millionen Followern. Diese rief er jüngst dazu auf, über eine sogenannte Editier-Möglichkeit abzustimmen, die Twitter bisher ablehnt. In weniger als drei Stunden nahmen mehr als 1,2 Millionen Nutzer an der Umfrage teil. Rund drei Viertel sprachen sich dafür aus, dass Twitter im Nachgang die Korrektur von Tweets ermöglicht.
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Seitdem legte der Tesla-Chef mit einer neuen Umfrage auf Twitter nach. Er fragte die Nutzer, ob der Twitter-Hauptsitz in San Francisco in ein Obdachlosenheim umgewandelt werden sollte, ein Plan, den Amazon-Gründer Jeff Bezos unterstützt. Zuletzt schlug der Milliardär Änderungen am Premium-Abonnementdienst Twitter Blue vor, darunter die Senkung des Preises, das Verbot von Werbung und die Möglichkeit, mit der Kryptowährung Dogecoin zu bezahlen.
Fraglich ist bisher auch noch, wie der Tesla-Chef die Übernahme finanzieren will. Zwar ist Musk laut Bloomberg mit 260 Milliarden Dollar der reichste Mensch der Welt. Aber die große Mehrheit seines Vermögens steckt in seinen Anteilen an dem Elektroautohersteller Tesla und dem Raumfahrtunternehmen SpaceX.
Offerte ist keine gute Nachricht für Tesla
Vor wenigen Wochen verkaufte Musk erstmals im großen Stil Tesla-Aktien im Wert von insgesamt 16 Milliarden Dollar. Davon muss er aber Steuern in Milliardenhöhe auf Optionen und Kursgewinne bezahlen. Musk hat im Grunde genommen zwei Optionen: mehr Tesla-Aktien verkaufen oder seine Beteiligungen als Sicherheit für Bankkredite zu verwenden.
Für Tesla ist die Übernahmeofferte keine gute Nachricht. Es bestehen so gut wie keine Synergien zwischen Twitter und dem Elektroautohersteller. Dagegen wird die mögliche Übernahme viel Zeit von Musk in Anspruch nehmen, Zeit, die von seiner Arbeit bei Tesla abgeht. Entsprechend reagierte die Aktie, die am Donnerstag um mehr als zwei Prozent fiel.
Musk spielt eine zentrale Rolle bei Tesla. Das Unternehmen eröffnete gerade in Grünheide und Austin zwei wichtige Fabriken, die in diesem Jahr hochgefahren werden müssen. Dazu stehen entscheidende neue Modelle an. So will Tesla 2023 das bereits mehrfach verschobene Pick-up Cybertruck endlich auf den Markt bringen.
Wer sich übrigens über den ungewöhnlich „krummen“ Übernahmepreis von 54,20 Dollar je Twitter-Aktie wundert: Dahinter steckt eher ein skurriler Scherz von Musk als strategisches Kalkül. Unter Insidern gilt die Zahl 420 als Code für Marihuana. 2018 wollte Musk Tesla von der Börse nehmen – und nannte einen möglichen Aktienpreis von 420 Dollar.
Mit Agenturmaterial
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