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Logistik Wie Drohnen zum Lebensretter werden

Nach Ruanda und Ghana startet nun auch Indien die medizinische Versorgung mit einem Drohnengeschwader. Zwei US-Firmen liefern Technik und Logistik.
02.01.2020 - 12:58 Uhr Kommentieren
Die Logistik stellte das Team vor ungeahnte Herausforderungen. Quelle: AFP/Getty Images
Versand von Blutkonserven in Ruanda

Die Logistik stellte das Team vor ungeahnte Herausforderungen.

(Foto: AFP/Getty Images)

Bonn Ab 1,75 Kilogramm Gepäck ist für die batteriegetriebenen Mini-Flugzeuge Schluss – das reicht gerade, um drei Blutkonserven per GPS ins unwegsame Umland zu befördern. Einen Landeanflug sparen sich die unbemannten Flugobjekte, wenn sie nach bis zu 80 Kilometern Luftstrecke den Einsatzort erreichen. Stattdessen werfen sie ihre wertvolle Fracht kurzerhand aus einer Ladeluke, wonach sich ein Papierfallschirm über den roten Beuteln öffnet.

„Medicine from the Sky“ – Medizin vom Himmel – hat das Weltwirtschaftsforum (WEF) das Projekt getauft. Laut einer kürzlich unterzeichneten Vereinbarung soll es ab 2020 im indischen Bundesstaat Telangana starten. In der 35 Millionen Einwohner zählenden Region um Hyderabad will die Genfer Stiftung damit Leben retten.

Erfunden haben die Schweizer das System nicht. Für das Indien-Projekt setzen sie auf US-Unternehmen, die seit drei Jahren in Afrika beweisen, dass es funktioniert: den Drohnenhersteller Zipline aus der Nähe von San Francisco und den Logistikexperten Llamasoft, eine 1998 gegründete Planungssoftwarefirma aus Michigan.

Schon im Oktober 2016 starteten sie gemeinsam eine Notfall-Versorgung aus der Luft für den ostafrikanischen Kleinstaat Ruanda. Das Land zeigt nach einem verheerenden Bürgerkrieg derzeit ein hohes Entwicklungstempo, ein ausreichendes Straßennetz für die elf Millionen Einwohner fehlt aber.

„Während E-Commerce-Anbieter wie Amazon oder JD.com immer noch mit ihren Drohnen experimentieren“, sagt Llamasoft-Chef Razat Gaurav, „sind die Fluggeräte in der medizinischen Versorgung ländlicher Gegenden längst erfolgreich im Einsatz.“

Und ihre Einsatzgebiet wächst. Nachdem Zipline-Gründer Keenan Wyrobek im April täglich 60 Flüge mit 16 Drohnen in Ruanda meldete, starteten die Partner ein noch größeres Projekt in Ghana. Für den westafrikanischen Staat mit seinen 29 Millionen Einwohnern stationierten sie bis heute 120 unbemannte Mini-Flugzeuge, die von vier Distributionszentren starten.

Deutsche Post stellt Pilotprojekt ein

Inzwischen habe das von der Weltbank, WHO, Unicef und der Gates-Stiftung geförderte Projekt in Afrika 24.700 Flüge absolviert, heißt es bei Zipline – und das ohne einen Unfall. Im Durchschnitt fliege man 500 Mal am Tag – und befördere damit alle 24 Stunden fast eine Tonne an Blut und Medikamenten.

Ursprünglich hatte sich auch die Deutsche Post DHL mit ihren Drohnen um die medizinische Versorgung in Afrika bemüht. Mit ihrem Vier-Propeller-Fluggerät des deutschen Herstellers Wingcopter lieferten die Bonner, unterstützt von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Medikamente am Victoriasee in Tansania aus. Nach sechs Monaten aber stellte DHL den Dienst im Herbst 2018 ein. Es habe sich nur um ein Pilotprojekt gehandelt, sagt ein Sprecher.

Jenseits solch PR-trächtiger Aktionen gilt die medizinische Versorgung aus der Luft als Erfolgsgeschichte. „Die Projekte haben Tausende Leben gerettet“, berichtet Timothy Reuter, Leiter Aerospace and Drones beim Weltwirtschaftsforum. Zu ihnen zählten vor allem Mütter, die kurz nach der Geburt unter schweren Nachblutungen litten – ein Vorfall, der für ein Viertel aller Todesfälle im Kindsbett steht. Ebenfalls ganz oben auf der Liste: Transfusionen, die nach Malaria-Infektionen lebenswichtig sein können.

Nicht selten zählt dabei jede Minute, was den Drohneneinsatz in Afrika alternativlos erscheinen lässt. Die Lieferzeit von üblicherweise vier bis sechs Stunden habe man mancherorts auf 30 Minuten verringern können, berichtet Zipline.

Doch mehr noch als die Entwicklung der Hochgeschwindigkeits-Drohne stellte die Logistik das Team vor ungeahnte Herausforderungen. Welchen Vorrat an Blutkonserven benötigt das Versorgungsnetz? Wo müssen die Flugstationen aufgebaut werden, um eine flächendeckende Verteilung sicherzustellen? Und wie steht es um die Flugerlaubnis?

Für die amerikanische Softwarefirma, die üblicherweise Kunden wie Unilever, Adidas oder Bayer mit Beschaffungs- und Absatzplanungen versorgt, eine Routineaufgabe – mit allerdings einem gewaltigen Handicap. „Es war ungleich schwerer“, berichtet Gaurav, „an belastbare Daten zu gelangen.“

Am Ende ließ er in Ruanda sieben Stationen aufbauen, von wo aus die Drohnen mehrere hundert Hospitäler anfliegen. Doch was den Logistiker vor weitere Schwierigkeiten stellte: „Wir müssen für die Notfälle sämtliche Blutgruppen auf Vorrat halten“ – eine Ware, die schwer zu bekommen, dafür aber leicht verderblich ist.

Hinzu kam die Frage: Wie integriert man autonom fliegende Minijets in ein bestehendes Flugnetz? Gaurav berichte in diesem Zusammenhang von einem ganzen Netz lokaler Behörden, der Flugaufsicht und den Interessen der Gesundheitsministerien. „Man braucht einen mächtigen Sponsor“, hat der Llamasoft-Vorstandschef inzwischen erkannt. In Indien fand man ihn am Ende in der Person des Ministerpräsidenten des Bundesstaats Telangana.

Doch eine Furcht blieb: die vor der Korruption. „Als US-Konzern drohen uns laut Gesetz hohe Strafen, falls es zu solchen Vorfällen kommt“, sagt Gaurav. Die Verhandlungen mit den Regierungsbeamten führte Llamasoft daher nicht selbst, sondern verließ sich auf die Emissäre der Weltbank.

Leben positiv beeinflussen

Ein lohnendes Geschäft ist das „Medicine from the Sky“-Projekt für Llamasoft bislang nicht. „Wir erhalten zwar Zuschüsse vom WEF und der Weltbank“, berichtet der Firmenchef. „Sie reichen aber gerade aus, um die Reisekosten unserer Mitarbeiter zu finanzieren.“

Dass der Software-Logistikdienstleister, der zuletzt rund 80 Millionen Dollar umsetzte, dem Projekt dennoch einen hohen Stellenwert einräumt, hat einen anderen Grund: Sinnstiftung – oder wie es seit kurzem die Beratersprache nennt: „Purpose“.

„Wir haben uns in unserem Fünfjahresplan zum Ziel gesetzt, das Leben von mindestens einer Million Menschen positiv zu beeinflussen“, sagt der Llamasoft-Chef, Neben den Kunden, den Mitarbeitern und den Anteilseignern – unter ihnen der Venture-Kapitalgeber TPG und Singapurs Staatsfonds Temasek – zähle man auch die „breite Gesellschaft“ zu den Stakeholdern des Unternehmens. Zudem eröffne der Einsatz in Regionen wie Afrika den eigenen Mitarbeitern – meist Datenanalysten und Mathematiker – buchstäblich eine neue Welt.

Künftig könnte es aber auch eine ganz vertraute sein. Ähnliche Projekte seien ebenso in ländlichen Gebieten der USA denkbar, heißt es bei Zipline. Mit der US-Luftfahrtbehörde FAA bastelt der Drohnenhersteller seit Sommer deshalb an einem medizinischen Versorgungsnetz für den Bundesstaat North Carolina.

Anders als in Afrika aber ist dort der Pionier-Titel längst vergeben. Wettbewerber Matternet flog in dem ländlichen US-Bundesstaat seit Anfang 2019 bereits mehr als 1000 Einsätze – unter Führung des DHL-Wettbewerbers UPS.

Mehr: Das deutsche Start-up Volocopter wirbt mit einem bemannten Testflug in Singapur. Experten sind skeptisch, ob Passagierdrohnen je massentauglich werden.

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