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Chinesische Touristin auf der Athener Akropolis

Das Reich der Mitte entdeckt in Europa ein neues Investitionsparadies.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Milliardenschwere Zukäufe Europas Tourismusbranche: Chinesische Investoren entdecken neue Übernahmeziele

Unternehmen aus dem Reich der Mitte kaufen europäische Hotels, Fluglinien und Reiseportale. Der Tourismus boomt trotz Wirtschaftsflaute.
20.01.2020 - 19:46 Uhr Kommentieren

Düsseldorf Der Rückblick zum Jahreswechsel bringt es ans Licht: Für keinen deutschen Gesamtkonzern zahlten ausländische Wettbewerber 2019 mehr als für die Steigenberger-Gruppe. Mit der Offerte über 700 Millionen Euro markierte der chinesische Hotelbetreiber Huazhu den Spitzenwert – auch weil der tschechische Angriff auf Metro scheiterte und die Milliardenverkäufe von Osram und Uniper erst in diesem Jahr ihren Abschluss finden.

Auch in Deutschlands Nachbarländern schlugen die Chinesen 2019 mit spektakulären Zukäufen im Reisemarkt zu. So baute die börsennotierte Fosun Tourism zunächst im März ihre Beteiligung an dem angeschlagenen Reiseveranstalter Thomas Cook aus. Für die Aktienkäufe, die den Konzern des Milliardärs Guo Guangchang zum größten Anteilseigner des britischen Touristikers machten, flossen dreistellige Millionensummen.

Dass die Megapleite dem Angreifer aus Schanghai Ende September statt der erhofften Übernahme hohe Abschreibungen aufbürdete, bremste die Fosun-Manager nur kurz. Für einen ungenannten Betrag sicherten sie sich beim Insolvenzverwalter die internationalen Namensrechte an Thomas Cook – wohl auch, um unter der Marke eine eigene Reisebürokette im Reich der Mitte auszubauen.

Andere Touristikengagements des kommunistischen Landes fielen 2019 weniger spektakulär, aber ähnlich kostspielig aus. Anfang Dezember verkaufte Accor, größter Hotelbetreiber auf dem Kontinent mit Sitz in Paris, fünf Prozent seiner Anteile an die Huazhu Group, die sich nur wenige Tage zuvor schon Steigenberger einverleibt hatte. Die Franzosen erlösten damit 451 Millionen US-Dollar, werden ihrerseits zudem einen Anteil von rund fünf Prozent an Huazhu halten, was die seit fünf Jahren bestehende Allianz der beiden Hotelriesen verstärken soll.

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    Es ist ein Bündnis, das bereits jetzt Früchte trägt. Dank der Kooperation gelang es Huazhu, in China bis heute 200 Budget- und Mittelklassehotels unter den Accor-Marken „Ibis“, „Novotel“ und „Mercure“ zu eröffnen. Weitere 250 Objekte sollen in den nächsten drei Jahren folgen.

    Der chinesische Hotelkonzern Jin Jiang ging gleich den direkten Weg. Anfang 2019 übernahm er in einem Schlag die Radisson Hotel Group – und mit ihr mehr als 1400 Gästehäuser weltweit.

    Investitionen gegen den Trend

    Mit ihrem Griff nach europäischen Reise- und Übernachtungsanbietern marschieren Chinas Touristiker eindeutig gegen den Trend. In nahezu allen anderen Branchen nämlich hat sich Chinas Drang nach Auslandsübernahmen in den vergangenen zwei Jahren sichtlich abgekühlt.

    Im ersten Halbjahr 2019, ermittelte die Beratungsfirma EY, sank der Wert chinesischer Übernahmen in Europa um 84 Prozent auf 2,4 Milliarden Dollar. In den ersten sechs Monaten sollen chinesische Investoren deutschlandweit nur noch elfmal zugeschlagen haben. Zum Vergleich: Im Gesamtjahr 2016 hatte EY noch 68 Transaktionen chinesischer Käufer in Deutschland gezählt.

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    „Die konjunkturelle Lage in China ist schwierig, die Unsicherheit groß“, berichtet EY-Übernahmeexpertin Yi Sun. Zudem seien manche chinesische Unternehmen, die in der Vergangenheit auf dem europäischen M&A-Markt aktiv waren, derzeit entweder mit der Integration der erworbenen Unternehmen beschäftigt – oder mit dem Weiterverkauf.

    Vor allem an industrienahen Übernahmen verlor China das Interesse, wie eine Studie der Beratungsfirma PwC belegt. War das Reich der Mitte beispielsweise im Vorjahr noch an 36 Prozent aller Deals in der Transport- und Logistikbranche beteiligt, fiel der Anteil 2019 auf 23 Prozent.

    Schuld an dem Rückgang seien vor allem der Handelsstreit mit den USA und das gebremste Wirtschaftswachstum in China, meint PwC-Experte Ingo Bauer. Für 2019 berichtete Peking lediglich einen Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt von 6,1 Prozent – der schlechteste Wert seit 1990.

    Doch in der Touristik machen Investoren aus dem Reich der Mitte eine andere Logik aus. Hier ist es der ungebrochene Reiseboom der eigenen Landsleute, der ihre Ausgaben lenkt.

    „Ein Großteil der chinesischen Auslandsreisenden ist heute jünger als 30 Jahre“, sagt Fosun-Tourism-CEO Jim Qian. „Ihnen müssen wir zunehmend individualisierte Reisemöglichkeiten bieten – vor allem in der wichtigen Destination Europa.“ Eines aber will der 57-Jährige, der in Essen studierte und bei der Düsseldorfer Metro arbeitete, dabei verhindern: dass die Erlöse am Ende mehrheitlich bei der europäischen Konkurrenz landen.

    Kein Wunder, denn das Wachstumspotenzial ist gewaltig: Obwohl die Zahl der Auslandsreisen in den vergangenen Jahren dramatisch anstieg, besitzen erst zehn Prozent der 1,4 Milliarden Chinesen einen Reisepass. Benutzten ihn 2010 gerade einmal 57 Millionen von ihnen, gab es 2018 bereits 149 Millionen chinesische Auslandsreisen. Bis 2030, erwartet die Marktforschungsfirma Euromonitor, könnte ihre Zahl noch einmal um 40 Prozent zulegen.

    „Allein im vergangenen Jahr ging die Zahl chinesischer Auslandsreisenden um neun Prozent nach oben“, bestätigt Martin Buck, Leiter der Internationalen Tourismusmesse ITB in Berlin, das sprunghafte Wachstum. „Das Land liegt sogar drei Prozentpunkte über dem Anstieg in Gesamtasien und ist ein absoluter Wachstumstreiber für die globale Reisewirtschaft.“ Die aktuelle Konjunkturabschwächung in China habe daran sichtbar nichts geändert.

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    Hinzu kommt ein verändertes Reiseverhalten. Kamen chinesische Touristen vor zehn Jahren fast ausschließlich in Gruppen nach Europa, ist heute fast jeder zweite ein Individualreisender. „Die Besucher werden zudem immer jünger“, konstatiert Buck. Nach Angaben der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) waren 2018 unter den chinesischen Deutschlandurlaubern 57 Prozent nicht älter als 40 Jahre, 23 Prozent sogar jünger als 30.

    Die Auswahl der Reiseziele hat das vehement verändert. Ganz oben auf der Liste stehen inzwischen europäische Drehorte populärer TV-Serien, aber auch Empfehlungen chinesischer Blogger und Influencer. Selbst der Urlaub am Strand gewinnt an Bedeutung.
    Ein Grund auch, weshalb sich Fosun im Frühjahr 2015 den traditionsreichen Urlaubsanbieter Club Med nach langer Bieterschlacht einverleibte – und dafür stattliche 939 Millionen Euro auf den Tisch legte.

    Die Übernahme der französischen Urlaubsikone steht beispielhaft für Chinas Strategie: Gleich nach dem Zukauf setzten die neuen Eigentümer alles daran, verstärkt Touristen aus dem eigenen Land in die Resorts zu lotsen. Und das mit einigem Erfolg. Buchten vor zehn Jahren gerade einmal 20.000 Urlauber aus dem Reich der Mitte, verzehnfachte sich deren Zahl bis 2018.

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    Damit Chinesen dem Charme der westlichen Urlaubsmarke erliegen, eröffneten nach der Übernahme mehrere Club-Med-Resorts im eigenen Land. Seither kommt dem „Sanya“ auf der Urlaubsinsel Hainan oder dem Ski-Resort „Club Med Beidahu“ die Aufgabe zu, bei Chinesen Vertrauen für Urlaubsanlagen auch in Übersee zu schaffen.

    Ähnliches hat Zukäufer Huazhu nun offenbar mit der Marke Steigenberger vor, die im Reich der Mitte mit nur zwei Hotels unterrepräsentiert ist. „Noch haben wir keine Hotelneubauten in China beschlossen“, sagte Steigenberger-Chef Thomas Willms kurz nach dem Deal dem Handelsblatt. „Allerdings hoffen wir, dass wir mit Huazhu unsere Expansionspläne im asiatischen Markt realisieren können.“

    Um die zugekauften Kapazitäten im europäischen Übernachtungsgewerbe zu füllen, bemüht sich China gleichzeitig um Zukäufe im Vertrieb. So baute Fosun bis zur Pleite von Thomas Cook im Joint Venture mit den Briten eine Reisebürokette im eigenen Land auf. Allein 2018 verachtfachten sich die Buchungszahlen gegenüber dem Vorjahr, wie das Unternehmen damals mitteilte.

    Ebenso griff der Mischkonzern CEFC aus Schanghai im März 2016 zu, als es um die pleitebedingte Verwertung der deutschen Unister-Portale „Ab-in-den-Urlaub.de“ und „Fluege.de“ ging. Den damals größten deutschen Onlinevermarkter für Urlaubsreisen sicherte man sich im Verbund mit dem tschechischen Finanzinvestor Rockaway, der über seine Prager Internetfirma Invia gleichzeitig Reiseportale in Polen, Ungarn, der Slowakei und Tschechien betreibt.

    Zugriff aufs Airlinegeschäft

    Selbst bei der bis 2014 verlustreichen tschechischen Staatsairline CSA stieg CEFC im März 2015 ein. Über eine Zwischengesellschaft hält Chinas siebtgrößter Privatkonzern heute 49,9 Prozent an der Prager Fluggesellschaft, die neben Air France-KLM, Delta oder Korean Air Mitglied der Skyteam-Allianz ist.

    Fast sämtliche Zukäufe aber kennzeichnet eine auffallende Gemeinsamkeit: „Als Investoren in der Reisebranche waren die Chinesen zuletzt häufig getrieben durch Gelegenheiten“, meint ITB-Chef Buck. Abgesehen von nur wenigen Ausnahmen gab es die Kaufobjekte dank ihrer Marktschwäche billig zu haben – eine Strategie nicht ohne Risiko. „Nun muss sich zeigen“, warnt der Tourismusexperte, „ob die Übernahmen die Gewinnerwartungen erfüllen können.“

    Mehr: Durch Milliardeninvestitionen chinesischer Investoren entsteht in aller Stille eine zweite Seidenstraße. Firmen drohen dadurch ihrer Zukunftschancen beraubt zu werden, meint Handelsblatt-Reporter Christoph Schlautmann.

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