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Mobilfunk Netzbetreiber trennen sich von Funktürmen: Das bringt Milliarden ein – birgt aber Risiken

Mit dem Börsengang seiner Funktürme dürfte Vodafone Milliarden Euro einsammeln. Andere Mobilfunker haben ähnliche Pläne. Experten sehen darin einen strategischen Fehler.
11.02.2021 - 12:05 Uhr Kommentieren
Die Deutsche Telekom und andere Netzbetreiber spalten ihr Geschäft mit Funktürmen ab und hoffen auf höhere Renditen. Quelle: dpa
Funktürme

Die Deutsche Telekom und andere Netzbetreiber spalten ihr Geschäft mit Funktürmen ab und hoffen auf höhere Renditen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Ohne sie wären kein Homeoffice und kein Unterricht auf Distanz möglich: Seit Beginn der Corona-Pandemie in Europa stellen die Telekommunikationsunternehmen digitale Lebensadern der Wirtschaft und Gesellschaft bereit. An den Börsen schlägt sich das jedoch nicht nieder. Der Branchenindex Stoxx Europe 600 Telecommunications, der 21 Netzbetreiber aus Europa abbildet, liegt auf Jahresfrist mehr als elf Prozent im Minus.

Um sich für Anleger attraktiver zu machen, haben die Netzbetreiber nun ein neues Milliardengeschäft identifiziert: Börsengänge ihrer Funkturmgesellschaften. Einen wichtigen Aufschlag hat Vodafone-Chef Nick Read angekündigt, der bald die Funkturmtochter Vantage Towers in Frankfurt an die Börse bringen will.

Das britische Unternehmen will mit dem Schritt rund vier Milliarden Euro erlösen; Vantage Towers wird auf eine Marktkapitalisierung von 20 Milliarden Euro geschätzt. In Branchenkreisen wird das Aktiendebüt für März erwartet. Dieses wird ein Grandmesser für die Branche sein.

„Das Funkturmgeschäft war über lange Zeit im Dornröschenschlaf“, sagte Vivek Badrinath, Vorstandschef von Vantage Towers, dem Handelsblatt. Als Teil von Vodafone habe es wenig im Fokus gestanden. „Als eigene Gesellschaft wird es stärker wertgeschätzt.“

Mit den Abspaltungen winken den Konzernen kurzfristig hohe Einnahmen. Experten warnen jedoch vor einer strategischen Fehlentscheidung. Denn das Abstoßen von Funktürmen könnte einen wichtigen Bereich der Geschäftsmodelle beschädigen.

Über zwei Jahrzehnte versuchten die Netzbetreiber, sich vor allem mit der Qualität ihrer Netze von Konkurrenten zu unterscheiden. Dabei kam der Zahl und den Orten ihrer Mobilfunkstandorte eine überragende Bedeutung zu.

„Unternehmen wie Deutsche Telekom und Vodafone werben mit hoher Netzqualität“, sagt Bernd Sörries vom Wissenschaftlichen Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK). „Dieses Verkaufsargument könnten sie verlieren, wenn sie die Kontrolle über die Funktürme abgeben.“

„Wir werden die Zahl der Mieter auf unseren Funktürmen erhöhen.“ Quelle: Pressebild, honorarfrei, geladen bei vantegetowers.com
Vivek Badrinath, Chef von Vantage Towers

„Wir werden die Zahl der Mieter auf unseren Funktürmen erhöhen.“

(Foto: Pressebild, honorarfrei, geladen bei vantegetowers.com)

Bei der Vodafone-Abspaltung Vantage Towers tritt Firmenchef Badrinath mit einem klaren Ziel an: Er will das Geschäft seiner 82.000 Türme und Dachstationen in Europa lukrativer machen. Dazu will er den Fokus ändern. Derzeit nutzen im Schnitt rund 1,38 Mieter einen Standort – also meist vor allem der Hauptkunde Vodafone. Als mittelfristiges Ziel hat Badrinath 1,5 Mieter pro Standort ausgegeben.

„Wir werden die Zahl der Mieter auf unseren Funktürmen erhöhen. Deshalb suchen wir gerade nach Partnern über unseren Großkunden Vodafone hinaus“, sagte Badrinath. Am 15. Februar wird Vantage Towers erstmals Quartalszahlen veröffentlichen und einen genaueren Einblick in das Geschäft geben.

Das könnte den Wettbewerb unter den Mobilfunkunternehmen radikal verändern. Spezialisierte Anbieter wie der US-Konzern American Tower oder künftig Vantage können zahlreichen Netzbetreibern die Nutzung von Funkmasten anbieten und so leichter Gewinne damit erzielen

Immer mehr Konzerne trennen sich vom Funkturmgeschäft

Vodafone hat bei Badrinaths Strategie zwar ein Vetorecht. Das ist jedoch sehr begrenzt. „Vodafone kann einen kleinen Prozentsatz unserer Standorte als strategisch wichtig definieren. Hier ist Vodafones Zustimmung erforderlich, um weitere Mieter aufzunehmen“, sagte Badrinath.

Der Chef von Vantage Towers macht keinen Hehl daraus, dass er einen grundsätzlich neuen Fokus bei den Mobilfunkern sieht: „Netzbetreiber werden sich künftig weniger durch die Zahl und die Orte ihre Mobilfunkantennen unterscheiden, sondern mehr durch ihr Angebot, ihr Spektrum oder andere technische Features.“

Vodafone ist bei Weitem nicht der einzige Netzbetreiber, der sich von seinen Funktürmen trennt. Telefónica aus Spanien hatte zunächst rund 31.000 Funktürme in die Tochtergesellschaft Telxius ausgelagert. Dazu zählten auch Standorte in Deutschland. Mitte Januar gab der Konzern bekannt, die Funktürme an den US-Anbieter American Tower für 7,7 Milliarden Euro zu verkaufen. 

Mit der Transaktion bauen die Spanier einen Teil ihres Schuldenbergs von 37 Milliarden Euro ab. Für Telefónica ist der Verkauf der größte in der Unternehmensgeschichte. American Tower ist mit mehr als 183.000 Sendemasten einer der größten Telekominfrastruktur-Anbieter weltweit.

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Der Dax-Konzern Deutsche Telekom spaltete Ende Januar ebenfalls die ersten Funktürme ab. In den Niederlanden wurden die Standorte in eine Gemeinschaftsfirma mit der spanischen Infrastrukturgesellschaft Cellnex ausgelagert. Die Telekom hat bislang 3150 Mobilfunkstandorte im Land, Cellnex 984.

Cellnex gehört zu den auf Funktürme spezialisierten Anbietern. Aufgrund zahlreicher Zukäufe ist die Zahl der Standorte des Unternehmens auf mehr als 100.000 angewachsen. Cellnex ist in rund einem Dutzend europäischen Ländern aktiv.

Kurzfristiger Nutzen, langfristiges Risiko

Der Telekommunikationsberater John Strand sieht große Risiken in den Plänen der Netzbetreiber. „Das Vorgehen ist kurzfristig gedacht“, warnt Strand. Firmen wie Vodafone könnten mit dem Börsengang der Funktürme zwar schnell Einnahmen erzielen, machten sich aber langfristig abhängig.

„Die Funkturmgesellschaften haben natürlich ein Interesse daran, langfristig steigende Einnahmen zu generieren“, sagte Strand. Vodafone habe zwar umfassende Verträge mit Vantage Towers geschlossen. Eine langfristige Perspektive sei aber schwer absehbar.

„Das Risiko ist hoch, dass ein Netzbetreiber zwar kurzfristig Geld mit dem Verkauf seiner Funktürme macht, aber langfristig deutlich höhere Kosten hat“, warnt Strand. Auch wenn es mehrere konkurrierende Anbieter von Funktürmen gebe, entstehe auf dem Markt kein richtiger Wettbewerb.

Auch Experte Sörries betont, für die Netzqualität seien die Mobilfunkstandorte von sehr hoher Bedeutung. Ein Verlust der direkten Kontrolle über die Standorte – besonders in Ballungsräumen – drohe den Netzbetreiber langfristig strategisch zu schädigen.

Für die Mobilfunkanbieter sei eine flächendeckende Versorgung ihrer Kunden wichtig. In bestimmten Fällen könnten sich die Netzbetreiber sogar erpressbar machen. „Es liegt im Interesse von Funkturmgesellschaften, besonders wichtige Bereiche zu kontrollieren – dann können sie theoretisch jeden Preis verlangen“, sagt Berater Strand. Gerade in Großstädten sind lukrative Dachstandorte heiß umkämpft.

Mehr: Telefónica verkauft Funkmasten an American Tower

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