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Navigationsgerätehersteller Garmin-CEO Cliff Pemple – „Ohne Ideen stirbt man einen schnellen Tod“

Cliff Pemple hat mit Garmin viele technologische Umbrüche überlebt – und neue Absatzwege gefunden. Der Chef des US-Konzerns sieht bei Wearables noch große Wachstumschancen.
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Das frühere GPS- und Navigationsunternehmen hat sich zum Technologieunternehmen gewandelt. Quelle: Reuters
Garmin

Das frühere GPS- und Navigationsunternehmen hat sich zum Technologieunternehmen gewandelt.

(Foto: Reuters)

Berlin Einst begann Garmin als Spezialist für GPS-Geräte. Heute definiert Vorstandschef Cliff Pemble das US-Unternehmen als „Technologie-Unternehmen rund um die Oberthemen Gesundheit, Wellness, Lifestyle“. Und gerade da sieht er auch die aktuell größten Wachstumschancen: Der Fitnessboom werde weitergehen, glaubt Pemble – und ebenso „die Revolution der Wearables“.

Seit sein Unternehmen den Markt im Jahr 2003 betreten hat, „wächst unser Geschäft. Die Leute leben immer bewusster und sehen, wie sie vom regelmäßigen Sport auch gesundheitlich profitieren“, sagte er am Rande der Internationalen Funkausstellung in Berlin, wo Garmin neue Smartwatches vorstellt, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Skeptischer blickt der Garmin-CEO dagegen auf das vermeintliche Milliardengeschäft rund ums autonome Fahren: „Wir sehen uns da als unabhängigen Technologie-Anbieter einzelner Komponenten. Und natürlich wollen wir als Garmin keine selbstfahrenden Autos anbieten“, so Pemble. „In dem Feld sind momentan nicht nur sehr viele Spieler unterwegs. Es liegt auch sehr viel Geld auf dem Tisch, vielleicht zu viel. Da rechne ich durchaus noch mit Marktbereinigungen.“

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Mister Pemble, Garmin ist ein Konzern, der dieses Jahr mit rund 15.000 Beschäftigten an 60 Standorten weltweit rund 3,6 Milliarden Dollar umsetzen dürfte. Stimmt die Story, dass Sie neben den Gründern Gary Burnell und Min Kao, aus deren Vornamen sich der Firmenname zusammensetzt, Angestellter Nummer sechs waren?
Absolut. Ich lag schon im Bett, als ich 1989 spätabends einen Anruf von Gary bekam. Das war so seine Art, Personal anzuwerben. Wir kannten uns von der gemeinsamen Arbeit bei einem Luftfahrtzulieferer. Am nächsten Tag spendierte er mir bei McDonald’s ein Essen und zeigte mir danach ein Grundstück, wo er die GPS-Produktion fürs Konsumentengeschäft aufziehen wollte. So begann das.

Der Garmin-Chef setzt auf die Luftfahrt- und Fitnessbranche. Quelle: garmin.com
Clifton Pemble

Der Garmin-Chef setzt auf die Luftfahrt- und Fitnessbranche.

(Foto: garmin.com)

Wie viele Revolutionen haben das Unternehmen und Sie überlebt, seit man damals gestartet ist?
Viele! Wir haben ja als GPS- und Navigationsexperte angefangen, und von Beginn an gab es natürlich jede Menge Konkurrenten, speziell auf dem japanischen, aber auch generell asiatischen Markt. Casio kam sehr früh an den Start, Sony ebenso. Rund um die Jahrtausendwende hatten wir – wie andere natürlich auch – dann mit globalen Wirtschaftskrisen zu kämpfen. 2008 kam die Weltfinanzkrise dazu, davor der Terrorismus. Das alles fand statt auf einer Bühne stetiger technologischer Umwälzungen. Langweilig wurde uns jedenfalls nie.

Wie oft musste sich Garmin in diesen 30 Jahren seines Bestehens neu erfinden?
Oh Mann, wir haben wirklich eine Menge Transformationen hinter uns, wenn man bedenkt, dass wir mit GPS-Technologien starteten und uns über die Autoindustrie ja in eine völlig neue Konsumentenmarke verwandeln mussten, als das Geschäft mit Navigationsgeräten einbrach. Das bedeutete, dass wir uns ganz anders definieren mussten.

Was ist Garmin heute?
Ein Technologie-Unternehmen rund um die Oberthemen Gesundheit, Wellness, Lifestyle. Das war ein weiter Weg, der uns aber auch immer neue Chancen und Möglichkeiten brachte.

Was ist das Erfolgsgeheimnis, in solchen Zeiten zwar Krisen zu erleben, aber wie Garmin doch immer wieder zurückzukommen?
Qualität und gute Produkte sind natürlich das A und O. Aber die müssen Ihr Leben auch wirklich bereichern. Die Kunden müssen das Gefühl haben: Das brauch ich, das bekomme ich so nirgendwo anders, dieser Firma kann ich vertrauen.

Hatten Sie jemals Angst um Garmin – oder gar um den eigenen Job?
Das haben wir doch alle schon mal erlebt, denke ich, solche Zeiten der Unsicherheiten und Ungewissheiten. Und man muss sich ja auch jeden Tag wieder fragen: Haben wir die richtigen Entscheidungen getroffen, sind unsere Strategien noch zielführend? Man muss wachsam bleiben.

Was würden Sie anderen Firmen raten, die mit den aktuellen Transformationen größere Probleme haben?
Das wichtigste, was wir selbst in all den Jahren gelernt haben: Es braucht Ideen. Ohne Ideen stirbt man einen schnellen Tod heute. Man braucht also viel Kreativität, Forschung und Entwicklung. Das wiederum kann nur ein Team schaffen, das an sich und die Firma glaubt. Dazu braucht’s auch die Erkenntnis, dass zu große Egos nichts bringen, sondern nur die Mannschaft Erfolg haben kann. Das alles zusammen erst schafft eine ganz besondere Energie. Und nur mit der können Sie heute überleben, denke ich.

Wie bewahrt man dieses jugendliche „Mindset“, wie das neudeutsch heißt?
Wir achten sehr darauf, wie wir die Leute einbinden. Die Mission heißt zwar: aufregende Produkte zu schaffen. Aber das können nur Menschen, die sich auf dem Terrain, auf dem sie arbeiten, auch selbst zu Hause fühlen. Wir haben da echte Experten am Start, die im Prinzip Produkte bauen, die sie selbst wollen. Das ist umso spannender, als wir ja in gleich fünf ziemlich verschiedenen Feldern unterwegs sind…

… mit höchst unterschiedlichen Kunden.
Genau. Unsere Divisionen sind Fitness, Outdoor, Auto, Luftfahrt und Marine. Da findet wirklich jeder unserer Mitarbeiter einen zu ihm passenden Aufgabenbereich. Und erst wenn unsere Leute begeistert sind, können sie auch ihre Kunden mitreißen. Aber die Entwicklung so einer Firmenkultur braucht Zeit. Dazu benötigen Sie Jahrzehnte.

Welche Ihrer fünf Divisionen wächst am stärksten?
Interessanterweise derzeit das Luftfahrtgeschäft – was den Anteil am Gesamtgeschäft und die Umsätze angeht. Das hat auch damit zu tun, dass da gerade eine neue Welle technologischer Weiterentwicklungen anrollt. Flugzeuge sind nun mal eine teure Anschaffung, sie können lang fliegen. Entsprechend muss man gelegentlich die Ausrüstung modernisieren. Insofern verändert sich in den Cockpits gerade sehr viel. Aber auch unser Outdoor-Geschäft wächst kräftig.

In einem Interview sagten Sie mal, dass Garmin jeden Markt, den es neu erobern möchte, ganz vorsichtig betritt, quasi auf Zehenspitzen. Wie hat man sich das vorzustellen?
Schön ist natürlich, wenn man sich einen Markt selbst schafft. Aber meist existiert da ja schon etwas, und da kommen wir natürlich immer als Neuling und Underdog. Insofern muss man erst mal den Kunden zuhören und die Lage verstehen.

Mit den hochpreisigen Smartwatches der MARQ-Kollektion versuchen Sie derzeit, auch in die Juweliergeschäfte zu kommen. Auf der IFA haben Sie zudem mehrere neue Uhren-Reihen vorgestellt. Wie läuft’s bislang?
Sehr gut. Nun haben wir neue Uhren wie die Fenix-6- und die Venu-Serie am Start mit sehr langen Laufzeiten und neuen Amoled-Displays. Was ich an denen besonders mag: Sie zeigen Ihnen Ihr Stresslevel an, kontrollieren den Stand Ihrer „Body Battery“ und sagen Ihnen, wann Sie mal eine Pause nötig haben.

Was sagt Ihr persönliches Stress-Level jetzt gerade?
Da sollte ich vielleicht gar nicht draufschauen, was meinen Sie? Ist ja auch gefährlich. Aber okay: Auf einer Skala von null bis hundert liege ich gerade bei … ah … hier: 25.

Klingt ziemlich entspannt.
Damit kann ich zufrieden sein, ja. Wenn ich gerade ein Nickerchen machen würde, hätte ich auch noch zehn.

Welchem Geschäft trauen Sie aktuell mehr zu – dem Markt der Wearables oder dem für smarte Uhren?
Das aktuell noch größere Marktpotenzial hat meiner Ansicht nach das Geschäft mit Wearables.

Angesichts der rasanten technologischen Entwicklungen: Wann werden wir mit GPS-Implantat im Kopf joggen?
Ganz ehrlich: Ich hoffe nie. Es ist schon wichtig, dass wir Menschen auch menschlich bleiben.

Wie sieht Ihre Prognose aus, was technologische Umbrüche in den nächsten fünf oder zehn Jahren angeht?
Als Firma machen wir gerade die nächste Transformation durch, die wieder zu völlig neuen Produkten und Märkten führen wird. Unser Autogeschäft war ja bislang sehr auf den Konsumenten fokussiert. Da sprechen wir aktuell mit allen großen Autoproduzenten, um neue Hard- und Softwarelösungen anzubieten. Das wird das Gesicht von Garmin erneut verändern.

Apropos: Wie wichtig wird das Geschäft rund ums autonome Fahren für Garmin?
Wir sehen uns da als unabhängigen Technologie-Anbieter einzelner Komponenten. Und natürlich wollen wir als Garmin keine selbstfahrenden Autos anbieten. In dem Feld sind momentan nicht nur sehr viele Spieler unterwegs. Es liegt auch sehr viel Geld auf dem Tisch, vielleicht zu viel. Da rechne ich durchaus noch mit Marktbereinigungen.

Was wird die Zukunft Garmin sonst noch bringen?
Die Revolution der „Wearables“ wird weitergehen, auch wenn da schon jede Menge Produkte und Konkurrenten auf dem Markt sind. Umso wichtiger wird es, etwas Besonderes anzubieten.

Wer sind da Ihre härtesten Konkurrenten?
Bei den „Wearables“ sind es wohl Apple und Samsung. Aber da wir in fünf völlig unterschiedlichen Industrien zu Hause sind, haben wir überall mit anderen starken Mitbewerbern zu tun.

Sind die Kunden einer Marke im Bereich der elektronischen Alltagshelfer heute eigentlich noch treu?
Oh ja, das beobachten wir auf jeden Fall. Wir sehen das ja auch am starken Verkehr auf unserer Online-Plattform, wo man seine eigenen sportlichen Messdaten dann wiederum vergleichen und sich weiter optimieren kann.

Sie sehen also kein Ende des allgemeinen Fitness-Booms?
Im Gegenteil. Seit wir den Markt im Jahr 2003 betreten haben, wächst unser Geschäft. Die Leute leben immer bewusster und sehen, wie sie vom regelmäßigen Sport auch gesundheitlich profitieren.

Wie wichtig ist Deutschland auf der Garmin-Weltkarte?
Sehr wichtig! Bei den Kunden hier ist vor allem unsere Wearable-Technologie sehr beliebt. Sport und Fitness haben in Deutschland einen hohen Stellenwert. Und natürlich ist es immer noch das Land der Autobauer.

Die globalen Handelskriege machen Ihnen keine Sorgen?
Wir haben viele Produktionsstandorte: nicht nur bei uns zu Hause in den USA, wo das Luftfahrtgeschäft gesteuert wird, sondern auch in Taiwan, China und neuerdings in den Niederlanden, wo wir rund ums Thema Fahrrad neue Produkte produzieren. In unseren Lieferketten steckt jede Menge Flexibilität, so dass wir gut aufgestellt sind und bislang nicht betroffen sind. Aber wer will angesichts der aktuellen Umstände schon eine Prognose wagen, wie es auf der weltpolitischen Bühne weitergeht?

Sie selbst sind studierter Mathematiker und IT-Profi und haben quasi die Software-Fundamente von Garmin mit entwickelt. Das sind eigentlich die Typen, die eher bleich im Büro sitzen und selten rauskommen, oder?
Dort haben Sie mich auch viele Jahre am ehesten angetroffen.

Wie müssen wir uns Ihre Sportbegeisterung vorstellen?
Ich bin sicher kein Top-Athlet, bemühe mich aber. Hier in Berlin sind wir heute Morgen mit einer kleinen Gruppe laufen gewesen. Sechs Kilometer. Reichstag, Brandenburger Tor – eine echte Sightseeing Tour. Da ich ja schon zu den Senioren gehöre, laufe ich lieber langsamer und dafür länger. Man sieht einfach mehr.

Mister Pemble, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Der Elektronik-Konzern schlägt neue Wege ein und macht sich mit Sportuhren bei Juwelieren breit. Der Konzern sucht Auswege aus dem einbrechenden Navi-Geschäft.

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