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Neue Initiative Google macht Deutschland zum „Drehkreuz für Datenschutz“

Wenn es hier funktioniert, dann funktioniert es überall: Google lässt 200 Entwickler in einem neuen Zentrum in München am Datenschutz arbeiten.
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Mit der Eröffnung des neuen Zentrums und dem Förderfonds zeigt der Konzern, dass es ihm ernst ist mit der Ankündigung, den Nutzern mehr Datenschutz zu bieten. Quelle: dpa
Google-Entwicklungszentrum in München

Mit der Eröffnung des neuen Zentrums und dem Förderfonds zeigt der Konzern, dass es ihm ernst ist mit der Ankündigung, den Nutzern mehr Datenschutz zu bieten.

(Foto: dpa)

München, DüsseldorfNach einem emotional-fröhlichen Einspieler und blumigen Phrasen, wie Google die „Erfahrung“ von Nutzern stetig verbessere und sicherer mache, kommt Kent Walker zum Grund, weshalb Google etwa 200 deutsche und internationale Journalisten an den Standort nach München geladen hat. Es sei „schwierig, Vertrauen aufzubauen“ und schnell sei es verloren, sagt der Chefjustiziar. Und „Google ist auf Vertrauen aufgebaut“.

Deshalb hat Walker in Namen des US-amerikanischen Tech-Konzerns in der bayerischen Landeshauptstadt am Dienstag ein neues globales Zentrum eröffnet, das Google Safety Engineering Center (GSEC).

Bis Ende 2019 will Google das dort bereits ansässige Team für Privatsphäre und Datenschutz auf mehr als 200 Spezialisten verdoppeln. Der Standort wächst bis Ende des Jahres sogar auf mehr als 1000 Mitarbeiter.

In einer Videobotschaft gab Google-CEO Sundar Pichai außerdem bekannt, einen Förderfonds über zehn Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, um gemeinnützige Organisationen, Universitäten, akademische Forschungseinrichtungen, Sozialunternehmen und Expertenorganisationen in ganz Europa zu unterstützen, die sich mit Sicherheitsthemen befassen.

Mit der Eröffnung des neuen Zentrums und dem Förderfonds zeigt der Konzern, dass es ihm ernst ist mit der Ankündigung, den Nutzern mehr mehr Datenschutz zu bieten – so wie in der vergangenen Woche auf der Entwicklerkonferenz I/O angekündigt. Das Büro in München spielt eine wichtige Rolle, die neue Maßgabe aus Mountain View sichtbar zu machen, und auf Forderungen aus Politik und Gesellschaft einzugehen.

Die Wahl des Standorts ist kein Zufall. „Deutschland steht für Qualität im Ingenieurswesen, ob in der Automobil-, der Solarindustrie oder in anderen Bereichen“, sagte Google-Manager Stephan Micklitz, Direktor für „Engineering Privacy“ am Datenschutzcenter. Dazu gebe es ein zweites, typisch deutsches Merkmal: die Sensibilität für Privatsphäre und Datensicherheit.

Angelehnt an den Entertainer Frank Sinatra sagte Micklitz, der ganz ungooglehaft im grauen Anzug über die Bühne schritt: „If you can make privacy work here, you can make it anywhere.“

Das Kalkül: Gelingt es Google, den Ruf als Datenvampir in und von Deutschland aus zu korrigieren – dem Land also, das wie kein zweites für Datenschutz steht – dann sollte das auch die Widerstände anderswo wegfegen. Deutschland wird zur Blaupause dafür, wie Europäer Google in Sachen Online-Sicherheit, Datenschutz und Privatsphäre wahrnehmen.

50 Millionen Euro Strafe

Was Europa dazu konkret im Sinn hat, musste Google in diesem Jahr bereits sehr schmerzlich erfahren. Wegen mehrerer Verstöße gegen die die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) muss der Konzern 50 Millionen Euro zahlen, wie die französische Datenschutzbehörde CNIL bereits im Januar verkündete.

Darauf angesprochen, reagieren die Google-Manager in München schmallippig. Gegen die Millionenstrafe hat Google nach eigenen Angaben Berufung eingelegt, man befinde sich in einer „offenen Diskussion“ mit der französischen Datenschutzbehörde.

Das neue Zentrum in München und der Millionen-Fonds hätten „nichts“ mit den Regulierern zu tun, man habe schon vor vielen Jahren begonnen, „Geld, Zeit und andere Ressourcen“ in den Schutz der Nutzer zu investieren, sagte Walker. Google-Produkte müssten hilfreich und zugleich sicher für Nutzer sein, sonst liefen die irgendwann weg.

Eine Sprecherin führt nach der Pressekonferenz durch das bunte Google-Büro, in dem Menschen aus 60 Ländern arbeiten. Vorbei an einem Buffet mit Dattelbällchen, Obst und Minzwasser. An Toiletten mit Regenwasserspülung, Sofas, Korbstühlen, die von der Decke hängen, an einem Minigolfplatz und Räumen, von deren Decken grüne Farne nach unten wachsen. Die Büros heißen „Isarvalley“, „Bayerischer Wald“ oder „Giasing“, so heißt das Münchener Viertel „Giesing“ auf Bayerisch.

Das Bild, das Google von München in die Welt senden will: Man ist modern, vital, weltoffen und nun auch: ganz besonders sicher.

Viele Datenschutzprodukte wurden in München entwickelt, darunter auch „Google-Konto“ – eine zentrale Übersicht, in der Nutzer ihre Privatsphäre-Einstellungen überprüfen und verwalten können.

Nur wenige Stunden, nachdem Micklitz und sein Team 2009 das Google Konto eingeführt hatten, ging die Seite schon wieder offline, so viele Nutzer besuchten die Seite gleichzeitig, erzählt Micklitz mit Münchener Zungenschlag. Mehr als 20 Millionen Menschen nutzen laut Google mittlerweile diese Funktion täglich, an der das Team „kontinuierlich“ weiterarbeitet.

Die Datenschutzerklärung haben sie angepasst, ihren Inhalt gestrafft und „einfacher“ gemacht. „Mehr als fünf Bildschirmseiten funktionieren nicht“, das lese keiner, so der studierte Informatiker.

Zusätzlich sollen im Laufe des Jahres weitere Funktionen hinzukommen. So sollen Nutzer künftig nicht mehr lange suchen, sondern mit nur einem Klick ihre Datenschutzeinstellungen erreichen können und mit einem zweiten Klick zu den Kontrolleinstellungen gelangen.

Den Inkognito-Modus, der es Nutzern bislang erlaubte, auf dem Google-Browser „Chrome“ zu surfen, ohne dass Daten aufgezeichnet werden, will Google auch auf seine Dienste Youtube, Maps und die Suche ausweiten.

Das Aktivitätsprotokoll, das Nutzern zeigt, welche Seiten sie besucht haben, bietet bald die Möglichkeit, Suchvorgänge ab einem bestimmten Zeitraum zu löschen. So haben Nutzer die Möglichkeit, etwa nur noch die letzten drei Monate vorzuhalten und den Rest aus dem Netz zu tilgen.

Bemerkenswerte Ankündigungen

Diese Ankündigungen machte Google in der vergangenen Woche auf der Entwicklerkonferenz I/O. Es war eine bemerkenswerte Aussage: Der Internetriese hat ein höchst einträgliches Werbegeschäft aufgebaut.

Im vergangenen Jahr trug es 85 Prozent zu den 137 Milliarden Dollar Umsatz des Mutterkonzerns Alphabet bei – es ist somit die Grundlage für eine Börsenbewertung von knapp 800 Milliarden Dollar ebenso wie für Investitionen in Zukunftsprojekte wie autonomes Fahren und Biotechnologie. Mit einem Marktanteil von 31 Prozent ist Google die Nummer 1 bei Online-Werbung.

Vermarkter können die Dienste des Unternehmens nutzen, um Anzeigen an bestimmte Zielgruppen auszuspielen. Dabei fließen Faktoren wie das Alter, der Aufenthaltsort, aber auch persönliche Interessen ein. Mit diesem Konzept ist der Konzern ein Vorbild für das Internet in seiner heutigen Ausprägung: Zahlreiche Unternehmen bieten ihre Dienste und Inhalte kostenlos an, schalten aber Werbung.

In den vergangenen Jahren ist die Kritik an diesem Modell jedoch immer lauter und häufiger geworden, erst in Europa, später auch in den USA. Und mit dem Skandal um die Firma Cambridge Analytica, die Informationen von Millionen Facebook-Nutzern unrechtmäßig ausgewertet hatte, gelangte das Thema Datenschutz auch auf die politische Agenda. Der US-Kongress lud auch Google-Chef Pichai zu einer Anhörung.

Die Mischung aus öffentlichem Druck, politischen Drohungen und der Entwicklung des Zeitgeists zeigt Wirkung. So verspricht Facebook-Chef Mark Zuckerberg, das Unternehmen künftig auf private und vertrauliche Kommunikation auszurichten, freilich ohne den Newsfeed mit dem lukrativen Anzeigengeschäft aufzugeben.

Und Google-Chef Pichai bezeichnet den Datenschutz mittlerweile als eines der wichtigsten Themen dieser Zeit – er dürfe daher kein Luxusgut sein. Ein Seitenhieb auf den Konkurrenten Apple, der das iPhone unter anderem mit dem Schutz der Privatsphäre bewirbt, aber eben auch zu Premiumpreisen verkauft.

Was bedeutet es also für das Geschäftsmodell, wenn Google seinen Zugriff auf Daten tatsächlich beschränkt? Kent Walker wiegelte bei seinem Besuch in München ab. Geld verdiene das Unternehmen zu „90 Prozent“ mit Werbung, die nur anhand von Suchbegriffen ausgespielt wird, nicht durch persönliche Nutzer-Informationen. Damit gebe es keinen Widerspruch, Google-Produkte besser und zugleich sicherer zu machen.

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