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Online-Autohandel Auto1 kündigt milliardenschweren Börsengang an

Der Online-Autohändler ist eines der wertvollsten deutschen Start-ups – und strebt nun an die Wertpapierbörse in Frankfurt. Insidern zufolge könnte die Bewertung fünf Milliarden Euro erreichen.
13.01.2021 Update: 13.01.2021 - 19:16 Uhr 3 Kommentare
Die beiden haben das Start-up 2012 gegründet. Koc hat sich mittlerweile aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und ist in den Aufsichtsrat gewechselt. Inzwischen ist das Unternehmen in über 30 Ländern aktiv. Quelle: Dominik Butzmann für Handelsblatt
Christian Bertermann (links) und Hakan Koc

Die beiden haben das Start-up 2012 gegründet. Koc hat sich mittlerweile aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und ist in den Aufsichtsrat gewechselt. Inzwischen ist das Unternehmen in über 30 Ländern aktiv.

(Foto: Dominik Butzmann für Handelsblatt)

Düsseldorf, München, Frankfurt Mit dem Online-Autohändler Auto1 Group strebt eines von Deutschlands wertvollsten Start-ups an die Börse. Die Gruppe, zu der unter anderem das Portal wirkaufendeinauto.de gehört, plant noch im ersten Quartal die Notierung an der Frankfurter Wertpapierbörse. „Mit der heutigen Ankündigung schlagen wir ein neues Kapitel in der Geschichte der Auto1 Group auf“, sagte Geschäftsführer und Mitgründer Christian Bertermann am Mittwoch. Rund eine Milliarde Euro will Auto1 mit dem IPO erlösen und damit vor allem das weitere Wachstum finanzieren.

Laut Finanzkreisen liegt der Wert der Auto1-Gruppe derzeit bei sechs bis acht Milliarden Euro – deutlich mehr als bei der letzten öffentlichen Bewertung, die 2018 auf 2,9 Milliarden Euro kam. Ein Grund für den Anstieg des Firmenwerts ist die insgesamt bessere Bewertung von Technologiefirmen.

Zudem ist Auto1 über die Jahre massiv gewachsen. Mit einem Volumen von rund 90 Milliarden Euro ist der Markt für Gebrauchtwagen in Deutschland fast so groß wie der für Neuwagen. Neben dem bisherigen Kerngeschäft, dem Aufkauf und der Vermittlung gebrauchter Fahrzeuge an Autohändler, baut Auto1 den Vertrieb von Gebrauchtwagen direkt an Privatpersonen aus. Das sei die Wachstumsvision, die mit dem Geld aus dem Börsengang realisiert werden solle, sagte Finanzvorstand Markus Boser.

Der Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups, Christian Miele, sieht in der IPO-Ankündigung von Auto1 „ein wichtiges und starkes Signal für Deutschland“. Die hiesige Start-up-Szene könne auch Börsenkandidaten hervorbringen – und zwar nicht nur aus dem Umfeld von Rocket Internet. „Auto 1 ist erst der Anfang“, sagte Miele. Mit seinem Geschäftsmodell zielt das Unternehmen auf die Digitalisierung des Autohandels, den die großen Autokonzerne bislang nur zögerlich angehen.

Ausbau der Plattformen

Auto 1 will den Erlös aus einem angestrebten Börsengang für die weitere Markttransformation nutzen und „die beste Plattform schaffen, um Autos online zu kaufen und zu verkaufen“, sagte CEO Christian Bertermann am Mittwoch. Den dominieren bislang zu 90 Prozent die Onlineplattformen Mobile.de und Autoscout 24. Volkswagen versucht mit Heycar seit einigen Jahren dieses Duopol zu knacken, um die eigenen Händler zu schützen und die Preisgestaltung im Gebrauchtwagenmarkt zu kontrollieren.

Auto 1 ist anders als Autoscout und Mobile.de in erster Linie ein Autohändler. Über „wirkaufendeinauto.de“ sammelt Auto 1 Gebrauchtwagen von Privatpersonen; kleiner ist bislang die Vermittlung von Gebrauchtwagen über Händler an Privatpersonen. Zunehmend wollen die Berliner über die Plattform „Autohero“ Fahrzeuge an Privatkunden weitervertreiben.

Ein Konkurrenzgeschäft zu den Händlern auf der Plattform sieht die Firma darin nicht. „Der Standard, den wir für Autohero definiert haben, sind Autos im Wert von 12.000 bis 13.000 Euro, maximal fünf bis sechs Jahre alt“, sagt Bertermann. Die über Autohero vertriebenen Fahrzeuge sollen nicht mehr als 100.000 Kilometer auf dem Tacho haben. Laut der Firma ist die Ware der Partnerhändler meist 6000 bis 8000 Euro wert und älter.

Der Markt für gebrauchte Autos ist gewaltig. Gemessen an den Absatzzahlen ist er in Deutschland mit sieben Millionen Fahrzeugen pro Jahr doppelt so groß wie der Markt für Neuwagen. Im Jahr 2019 lag der Umsatz allein in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts bei knapp 90 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Mit Neuwagen setzt die Branche 121 Milliarden Euro um.

In der Pandemie 2020 erlebte der Gebrauchtwagenmarkt ein besonderes Momentum: Zwar lag der Absatz laut Deutscher Automobil Treuhand um 2,4 Prozent unter Vorjahr. Doch zum Vergleich: Der Neuwagenumsatz brach um mehr als 16 Prozent ein. Einerseits schaffen sich viele Menschen aus Angst vor Coronavirus-Infektionen in Bus und Bahn wieder ein Auto an. Andererseits verzichteten sie wegen der unsicheren Zeiten auf teure Neuwagen.

Unternehmen sitzt auf großem Datenschatz

Das Segment ist allerdings zerfasert. Der Handel mit neuen Fahrzeugen verteilt sich vor allem auf die Niederlassungen der Autohersteller und große Händlerketten. Die übernehmen in der Regel auch die Vermarktung von „jungen Gebrauchten“, die als Jahreswagen und Leasingrückläufer an Privatkunden weiterverkauft werden.

Daneben gibt es eine Unzahl von kleinen und mittelständischen Händlern, die ältere Autos mit höherer Laufleistung verkaufen. Keiner kommt dabei auf einen Marktanteil von über einem Prozent, wie es in der Branche heißt. Für Auto 1 und andere Plattformen ist das Segment also attraktiv, lässt sich der Markt doch neu sortieren.

Der Schlüssel für das bisherige Wachstum von Auto 1 sei es gewesen, mehr Gebrauchtfahrzeuge als jeder andere in Europa zusammenzubringen. „Wir haben gezeigt, dass wir unser Geschäft mit starken Partnerschaften zu Kunden und professionellen Händlern skalieren können“ sagt Christian Bertermann.

Das Resultat sei ein großer Datenschatz. „Der adressierbare Markt für Gebrauchtwagen in Europa ist 600 Milliarden Euro groß“, schwärmt der Auto-1-Chef. Vorbild ist unter anderem der börsennotierte US-Gebrauchtwagenhändler Carvana. Das Unternehmen wächst kräftig, ein Markenzeichen ist das Zelebrieren von Autoauslieferungen beispielsweise in gläsernen Trucks.

Auto 1 wurde im Jahr 2012 von Christian Bertermann und Hakan Koc gegründet, der sich Ende des vergangenen Jahres aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat und in den Aufsichtsrat gewechselt ist. Laut der Start-up-Datenbank Crunchbase wurden insgesamt bis dato 1,15 Milliarden Euro in die Berliner Firma investiert. Inzwischen ist das Unternehmen in über 30 Ländern aktiv.

Mit dem Ankauf und Verkauf von Gebrauchtwagen hat Auto1 eine Milliardenbewertung erreicht. Quelle: dpa
Gebrauchtwagen

Mit dem Ankauf und Verkauf von Gebrauchtwagen hat Auto1 eine Milliardenbewertung erreicht.

(Foto: dpa)

Allein im Jahr 2019 hat Auto 1 mehr als 615.000 Gebrauchtwagen verkauft. Nach eigenen Angaben verkauft Auto 1 rund doppelt so viele Gebrauchtwagen innerhalb der Europäischen Union wie der nächstgrößere Wettbewerber. Zum Abschluss des dritten Quartals des vergangenen Jahres hatte Finanzchef Markus Boser, neben Bertermann Mitglied des zweiköpfigen Vorstands, einige Geschäftszahlen vorgelegt.

Demnach hat der Onlineautohändler von Anfang Juli bis Ende September 2020 knapp 120.000 Autos verkauft, 769 Millionen Euro Umsatz gemacht und dabei einen operativen Gewinn von 16 Millionen Euro erzielt. Bei der Vorlage dieser Zahlen ging es dem Unternehmen wohl nur um den Beweis, dass das Geschäftsmodell profitabel sein kann – bevor nun wieder kräftig investiert wird.

Zuletzt hatte das Unternehmen im Sommer 2020 über ein Wandeldarlehen Geld eingesammelt, um das Wachstum von Autohero zu beschleunigen. Der Börsengang soll nun zusätzliches Kapital für die Expansion bringen. „Wir glauben, dass dies eine große Chance für uns ist, die wir mit unserer bestehenden Plattform nutzen können“, sagte Finanzchef Boser.

Konkret sieht der Fahrplan für den Börsengang an der Frankfurter Börse so aus: Die Aktien sollen am regulierten Markt (Prime Standard) notieren. Das Angebot werde voraussichtlich neu geschaffene Aktien aus einer Kapitalerhöhung und bestehende Aktien umfassen sowie Aktien in Verbindung mit einer möglichen Mehrzuteilung, die durch eine Aufstockungsoption von bestimmten veräußernden Aktionären gedeckt ist. Die Roadshow von Auto 1 wird als Online-Event geplant.

Lange Liste von Investoren

Profitieren dürfte von dem Börsengang unter anderem der Softbank Vision Fund - nach defizitären Investments unter anderem in WeWork. Die Japaner waren vor zwei Jahren bei Auto 1 mit knapp einer halben Milliarde Euro eingestiegen. Heute ist Softbank mit rund 20 Prozent zweitgrößter Aktionär nach den Gründern. Die Beteiligung hat heute einen Wert zwischen 1,2 und 1,6 Milliarden Euro.

Zu den ersten Geldgebern der Firma gehörte der Berliner Seed-Investor Cherry Ventures um den Zalando-Mitgründer Filip Dames. Zur langen Liste der Investoren zählen die Berliner Venture-Capital-Firma (VC) Target Global, der Technologie-Investor DST Global aus Hongkong sowie die Londoner VCs DN Global und Piton Capital.

Offen ist die Frage, ob sich der allgemeine Trend zum Onlinehandel auch über die Corona-Zeit hinaus auf den Automarkt übertragen lässt. Der Verkauf von Autos läuft in Deutschland nach wie vor weitgehend analog ab. Branchenschätzungen zufolge wurden bis vor der Coronakrise nicht einmal drei Prozent aller Neuwagen pro Jahr in der Bundesrepublik online geordert.

Bei Gebrauchten dürfte der Online-Vertriebsanteil zwar mindestens doppelt so hoch liegen, im Vergleich zu anderen Branchen ist das aber immer noch sehr wenig. So wird etwa bereits jede vierte Reise hierzulande übers Internet gebucht.

Die Pandemie hat allerdings selbst die größten Onlineskeptiker in der Autoindustrie wachgerüttelt. Wer digital nicht präsent war, generierte infolge von Lockdowns wochenlang kaum Umsatz. Von den rund 36.000 deutschen klassischen Kfz-Betrieben kämpfen viele ums Überleben. Das Geschäft von digitalen Leasinganbietern und Vermittlern boomt dagegen.

Mobile.de und Autoscout 24 treten den Wettbewerb um den Autokäufer im Netz mit anderen Geschäftsmodellen an als Auto 1, ihr Ansatz ist der des traditionellen Anzeigenmarkts.

Für die Autohersteller sind diese Marktplätze ebenso wie Auto 1 eine große Gefahr, weil sie ihre Rolle als Anlaufstelle für den Autokäufer verlieren. Mit dem Start-up HeyCar versuchen Volkswagen, Daimler und das Kfz-Gewerbe, diesem Risiko aber seit einigen Jahren entgegenzutreten. Auch der Münchener BMW-Konzern arbeitet an einer neuen Vertriebsstrategie, die deutlich mehr auf digitale Kontakte setzt. Mit dem Börsengang von Auto 1 dürfte sich die Dringlichkeit solcher Projekte deutlich erhöhen.

Mehr: „Unser Geschäftsmodell funktioniert“: Mit diesen Zahlen will der Auto1-Finanzchef die Skeptiker überzeugen.

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3 Kommentare zu "Online-Autohandel: Auto1 kündigt milliardenschweren Börsengang an"

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  • Großartige Unternehmer, innovatives Konzept. Bin dabei!

  • Zahlendreher in der Bildunterschrift "Die beiden haben das Start-up 2021 gegründet" laut Wikipedia 2012

  • Cool 5 Milliarden - da sind ja die DAX Aktien dann alle ein Schnäppchen!

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